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Vorschlag aus dem Homeoffice eines Unbrauchbaren II
Es wäre alles viel einfacher


In den letzten Wochen dieses epidemischen Jahres wurde nach Lösungen für die auf die Gesundheitskrise folgende ökonomische und soziale Krise gesucht. Da haben sich die Wirtschaftsliberalen und die von ihnen finanzierten Parteiorganisationen gewunden, um nur ja nicht die Büchse der Pandora zu öffnen: das bedingunslose Grundeinkommen. Ich bin ein Verfechter dieser bestechend einfachen Lösung der sozialen und ökonomischen Krise.

Was hat unsere Regierung nicht für Milliardengeschenke verteilt, an diejenigen, die es brauchen, an diejenigen, die es vielleicht brauchen, an diejenigen, die möglicherweise nicht brauchen, aber gut gebrauchen können. Und dann dieses Gejammer, wer soll denn das alle bezahlen. Oh, ich weiß schon, wer es bezahlen wird, nicht die wenigen, die viel Vermögen besitzen, sondern die Vielen, die ihr Auskommen haben und nur kleine Sprünge wagen können und deshalb immer gefährdet sind, bei ihrem Sprung in den schier endlos scheinenden Abgrund zwischen Soll und Haben zu stürzen und als Kollateralschaden im kapitalistischen Hades zu verschwinden.

Dabei wäre die Lösung doch so naheliegend, wenn man die Ideologie außen vor ließe und den Reichen ihre Grenzen setzte und die Armut in den Blick nähme und nicht das Wachstum, das sich immer nur im Haben ausbreitet, niemals dort, wo das Soll zu Hause ist.

Ausnahmsweise will ich mich einmal weit aus dem Fenster lehnen und mich ausliefern denen, die immer alles besser wissen, alles im Blick haben, den ökonomischen Überblick, den politischen Sachverstand und eine Milchmädchenrechnung anstellen. Eine, die den intellektuellen Maßstäben unserer Regierung und unserem Land angemessen ist. Eine, die zum Denken anregen könnte, wenn man bereit wäre, das Vermögen, das im Land wie Milch und Honig fließt, nicht nach Geburtsrecht oder Fleiß oder Herrschaftsansprüchen verteilen würde, sondern nach folgendem Prinzip: Wer im Soll lebt, soll ins Haben kommen und wer im Haben lebt, soll bleiben, wo er ist. Niemand muss sich dafür in die Welt des anderen einmischen, sich mit seinen Ansichten paaren, sich verdrehen oder verbiegen, die Reichen können unter sich bleiben und ihrem Luxus frönen, die unendlich Dummen können weiter an den Stammtischen der Nation dummes Zeug schwätzen und die Prediger, ob politisch oder religiös können die moralischen Keulen weiterschwingen, aber eines wäre allerdings Vorraussetzung, jeder müsste über seine Grenzen gehen.

Nun die Milchmädchenrechnung sieht ganz einfach aus, wie es sich für eine solche geziemt. Jeder Mensch, der in diesem Land lebt und atmet, erhält einen Betrag, der sich wie folgt errechnet: Beträgt das Nettoeinkommen eines Erwachsene weniger als 1.500,00 € netto Monat, erhält er die Differenz vom Finanzamt überwiesen. Dieser Betrag kann natürlich von Monat zu Monat variieren. Das würde jedem Menschen in dieser Pandemie zumindest Nahrung, Wohnraum und Heizkosten sichern und das denke ich, war doch das erklärte Ziel der Regierung, als sie davon schwadronierte, keiner werde zurückgelassen. Für jedes Kind, für das ein Erwachsener ökonomisch verantwortlich ist, gilt ein Betrag von € 750,00.

Um diese einfache Lösung anschaulich zu machen, möchte ich folgendes Beispiel geben: Ich nehme einfachheitshalber eine Familie mit zwei Kindern, die noch kein eigenes Einkommen erwirtschaften und unter fünfzehn Jahren sind und im gemeinsamen Haushalt mit den Eltern leben. Also eine Familie, die man so langläufig eine Durchschnittsfamilie nennt. Der Mann hat seinen Job durch die Krise verloren und erhält ungefähr 900,00 € Arbeitslosengeld (Verdienstentgang zum vorherigen Nettoeinkommen: 1.400,00 €). Die Frau, die ja mindestens um 25% weniger verdient als der Mann, hat ebenfalls den Job verloren und erhält 675,00 €. Kinderbeihilfe erhalten die Eltern pro Kind 141,00 €, weil sie bereits über zehn Jahre alt sind. Ergibt ein Nettoeinkommen von 1.875,00 €, macht 464,25 € pro Frau und Nase im Monat.

Oh, da hör ich sie jetzt schon rufen meine Lieblingstheoretiker, die rechten Wirtschaftswissenschafter: Damit kann die Milchmädchenfamilie, wenn sie sich ein wenig einschränkt, ein gutes Auskommen finden. Ach, liebe Leute, da kann ich euch als Echo nur zurückwerfen: Versucht es einmal. Ich wünsche euch viel Vergnügen bei der Prekariatserfahrung und beim Auschluss aus allen Vergnügungen, bei denen man heute Eintritt bezahlen muss. Na klar kann man sagen, sollen sie doch wandern gehen, Netflix und Internet und Telefonieren werden ohnehin überschätzt, wozu gibt es Büchereien und Kinderspielplätze. Und wer wenig Einkommen hat, soll doch mit Tram und Bus fahren und vielleicht die Heizung ein wenig zurückdrehen, müssen ja nicht immer tropische Temperaturen herrschen in den Wohnungen und ein wenig Alkohol vetreibt die bösen Geister und die Zukunftsängste aus den Nächten, und der ist für wenig Geld an allen Ecken und Enden zu erwerben, wenn es sein muss, stellen wir ihn gratis zur Verfügung, das hält innerlich warm.

Nun ja, mit derlei Zurufen will ich mich hier nicht aufhalten. Lasst uns weitermachen mit der Milchmädchenrechnung. Vom Staat würde diese Bispielfamilie nun für das Einkommen des Mannes 600,00 € zuschießen, für die Frau 825,00 € und für die beiden Kinder 718,00 €. Das macht dann insgesamt 2.143,00 € pro Monat, das entspricht 20% des Nettoeinkommens unseres Bundeskanzlers und pro Familienmitglied einer Summe von 535,75 €. Das macht bei drei Millionen Anspruchsberechtigten etwa 1,6 Milliarden Euro im Monat und aufs gesamte Jahr gerechnet etwa zwanzig Milliarden, wenn ich jetzt richtig gerechnet habe, aber wie gesagt, ich bin ja ein blutiger Laie, ich bitte also um Zahlenkontrolle und Nachricht, wenn ein Feher vorliegen sollte. Das hat die Regierung schon in den ersten drei Monaten für Wirtschaftshilfe verpulvert. Insgesamt würde das dazu führen, dass meine Beispielfamilie 4.500,00 € für das Überleben und den Konsum zur Verfügung hätte. Wunderbar, der Konsumkapitalismus wäre gerettet, denn über den Konsum und die Mehrwertssteuer und die Steuerleistung, die die Unternehmer durch den Verkauf ihrer Prdukte abführen, fließt das Geld im Grunde ohnehin wieder zum Teil an den Staat zurück.

Oh, da höre ich schon die ersten Einwände von den Kanzeln und Kathedern und Parlamentsbänken, das unterläuft doch jeden Leistungsgedanken, da geht doch niemand mehr arbeiten. Ach, liebe Leute und Sozialdarwinisten, der Mensch arbeitet doch liebend gern, niemand bleibt freiwillig zu Hause, wenn er sich in der Gesellschaft nützlich machen kann. Seid doch mal fair und steigt von euren hohen moralischen Rössern herunter. Der Mensch ist ein Arbeitstier, aber kein lohnarbeitendes. Er will tun, wonach ihm der Sinn trachtet und damit sein Auskommen für sich und die Seinen finden. Und schon brandet der nächste Einwand heran: Wenn jeder nur noch der Arbeit nachgeht, die ihm Freude bereitet, dann bricht doch das Gemeinwesen zusammen. Liebe Leute, von mehr Unsinn hat dieses Land noch nie gehört. Das Gemeinwesen hat sich immer mit Arbeit erhalten, nur die Profiteure müssen sich dann neue Sklaven suchen, die für ihre Profite schuften, für kargen Lohn und und eine Menge an Demütigung, die sie ertragen müssen. Nicht das Gemeinwesen würde leiden, sondern der Kapitalismus in seinen Grundfesten würde erschüttert, denn die Losung wäre ja nicht mehr ein Wirtschaften nach Angebot und Nachfrage, sondern nach Möglichkeiten und Bedürfnissen.

So, nun bevor mir das Thema entgleitet, noch zum letzten Einwand, dass derartige Forderungen nur von linken Idealisten vertreten werden, von Träumern und Spinnern, dazu kann ich nur sagen, dass dieser Einwand nicht nur falsch ist, sondern auch als Beleidigung ins Leere geht, denn bevor ich mit den roten und grünen Sozialreformern ins Bett lege, bleibe ich doch lieber am runden Tisch mit Marx, Lenin und Gessel, Schumpeter und Gramsci sitzen und diskutiere mit ihnen nächteweise neue Formen ökonomischen und politischen Handelns.

Und die, die mir vorjammern, dass wieder ein Gespenst in Europa umginge und zur Kommunistenhatz aufrufen und die Sozialismuskeule schwingen, denen sei gesagt: Es ist kein Zufall, dass die linken und rechten Gespenster des neunzehnten Jahrhunderts wieder auferstehen, niemand soll sich wundern, denn das soziale, ökonomische und politische Gleichgewicht, das mit viel Mühe von den sozialdemokratischen Regierungen der siebziger Jahre ausbalanciert wurde, ist ins Wanken geraten, das Kapital wütet in den Gedärmen unserer Demokratien, als wär unser Land eine Goldmine, in der ihre Eigentümer nach Lust und Laune Erze fördern dürfen und wir Untertanenen schuften als billige Lohnsklaven als wären wir Besitzlose in einem absolutistischen Feudalstaat.

Und der letzte Einwand, der zu entkräften ist: Wer soll denn das alles bezahlen? Oh, da habe ich meine präzisen Vorstellungen. Zuvor aber noch: Wer bezahlt es denn jetzt? Nicht die Wenigen, die viel besitzen, sondern die Vielen, die Wenig ihr eigen nennen. Meine Milchmädchenrechnung hingegen werden die Wenigen begleichen, die im lichtdurchfluteten Land des Habens leben und sie werden es abtreten an diejenigen, die im Schatten des Solls ihr Leben fristen.

Und das alles nicht im Namen einer Diktatur des Proletariats oder durch die Zerstörung der Grundwerte unserer liberalen Demokratie, sondern im Namen einer Wirtschaftsform, deren Namen wir noch erfinden müssen, die aber dafür sorgt, dass das Elend aus der Welt verschwindet, in dem wir die besten Seiten des Kapitalismus sichtbar machen, nämlich die Möglichkeit den gemeinschaftlich erwirtschafteten Mehrwert unter allen Bürger*innen sozial gerecht aufzuteilen.

verfasst: 4.12.2020 | eingestellt: 5.12.2020
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