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Aus dem Homeoffice eines Unbrauchbaren III
An einem Ferientag


Als einer, der für die Gesellschaft nur mehr in wenigen Belangen wir klich von [Bedeutung] ist, hat man viel Zeit zum Nachdenken. Einer wie ich geht, wenn er Ferien hat, seiner Wege, genießt die Stille der Wälder und flüchtet vor den Unruhen, die sich in den Zentren der Welt breit machen. Ferien sind eine tolle Sache, nicht nur für Schüler, sondern auch für Lehrer. Nun, ich schweife wieder einmal ab. So ist das eben, wenn einer Zeit hat, und sich auf seinen Wegen verliert.

Ich will ein paar Anmerkungen zu uns Babyboomern machen, zu dieser Generation, über die im Augenblick viel gesprochen wird, über die angry and white old man, die wir angeblich sind. Über die soviel gesprochen wird und kaum etwas geschrieben, geschweige denn reflektiert wird. Wir sind Zielscheibe von Hohn und Spott und werden abfällig von den Jungen als Boomer bezeichnet. Nun den Spott haben wir verdient, weil wir doch eine Generation der Gescheiterten sind. Doch ich will ein wenig darüber schreiben, warum dieses Scheitern unausweichlich war.

Doch zuerst: Wer sind denn diese Boomer. Im weitesten Sinne sind damit die geburtenstarken Jahrgänge 1956 bis 1969 gemeint. Allerdings bin ich der Meinung, dass die Babyboomer enger gefasst werden müssten, um sie einer Generation zuordnen zu können, denn die Boomer sind die Übergangsgeneration und entscheidend für diese Bewertung ist die Phase, wann eine Generation in ihre politische Partizipationsfähigkeit eintritt und diese auch wahrnimmt. In meiner Zeit, als ich jung war, konnte man davon ausgehen, dass man mit 18 Jahren soweit war, sich in die gesellschaftliche Mitte zu begeben und im Zentrum seinen Platz zu suchen oder sich an der Peripherie einzunisten. Den Ölpreisschock haben die Boomer nur am Rande wahrgenommen (1973/74), manche von uns waren in die Arenabewegung (1976) eingebunden, die erste große Machtprobe mit dem Staat nach dem Krieg, die anschließend in die Antiatombewegung um Zwentendorf (1978), die Friedenbewegung (1981/82), Hainburg (1984) und schließlich Waldheim und Tschernobyl (1986) mündete.

Welcher Generation man angehört, hängt maßgeblich damit zusammen, welches Alter man zu diesen Markierungspunkten österreichischer Innepolitik einnimmt und wie man darauf reagiert. Nicht unwesentlich ist dabei die Tatsache, dass der österreichische Staat und seine politischen Amtsträger Anfang der neunziger Jahre damit begannen, sich politisch in sich selbst zurückzuziehen und politische Partizipation nach Möglichkeit nur noch in Parteien und Gremien stattzufinden hatte.

Nehmen wir an, einer wäre 1956 geboren, am Beginn der steigenden Gbeurtenzahlen. Wäre er mit seinem politischen Engagement früh dran gewesen, hätte er sich zwischen seinem 15.(1971) und 25.(1981) Lebensjahr jenen internationalen Solidaritäts- und Befreiungsbewegungen anschließen können, die sich vor allem in Afrika und Südamerika zeigten. Dies gilt auch für die Geburtenjahrgänge 1957(15/1972-25/1982), 1958(15/1973-25/1983). Nehmen wir nun weiters an, jemand wäre am Ende der Geburtenstarkenjahrgänge geboren, im Jahr 1969(15/1984-25/1994) oder 1968(15/1983-25/1993). Er wäre zu jung für Hainburg gewesen und zu alt für das Lichetrmeer. Seine Erfahrungshorizont wäre Tschernobyl.

Ich denke, dass man die Babyboomer als Generation einschränken sollte auf die Jahrgänge 1959-1964. Sechs Jahre, die darüber entscheiden, ob man zu den Gewinnern oder zu den Verlierern zählt. Ob man siegen kann oder scheitern muss oder einem selbst das Scheitern verwehrt bleibt. Was sich hier schon abzeichnet, das Problem einer generationellen Zuordnung einer Kohorte, denn schließlich sind ja nicht nur kollektive Erfahrungen prägend, sondern auch die individuellen Erfahrungen die man im Elternhaus, Freundeskreis, durch Vorbilder sammelt. Deshalb ist es ja auch beinahe unmöglich, von einer Generation zu sprechen. Dass ich es dennoch versuche, hat damit zu tun, dass es soetwas wie kollektive Erfahrungen in der historischen Einordnung durchaus gibt.

Und eine Erfahrung, die die Babyboomer eint, ist ihr Scheitern, das so vollkommen anders war und ist, als das Scheitern der Generation davor und danach. Das Scheitern der Generation davor, hatte viel mit dem individuellen Zugang zur Gesellschaft zu tun, ob man sich einordnen wollte oder nicht. Den Babyboomern war diese individuelle Entscheidung abgenommen, denn so sehr man sich anstrengte, die Gesellschaft ließ einen Sieg durch Partizipation am System nicht mehr zu. Alle wichtigen Machtpositionen waren von der älteren Geschwistergeneration besetzt und diese Positionen haben sie erst vor wenigen Jahren durch Pensionierung geräumt oder sind von diesen nach wie vor besetzt. Um jede Position in diesem Staat mussten wir ringen, weil wir in permanenten Konkurrenz nicht nur mit der eigenen Kohorte standen, sondern auch in einer mit den früheren und den nachrückenden. Nicht umsonst habe ich, gemeinsam mit Armin Anders, in den Neunziger Jahren den Begriff des Generationenstaus entwickelt.

Wir waren einfach zu viele. Der Zugang zu den Machtpositionen war uns verwehrt, es gab für uns kaum Mentoren und wenn waren sie jenseits ihres sechzigsten Lebensjahres. Die Großeltern sozusagen, selbst kaum mit Macht ausgestattet, unterstützten uns von den Rändern her. Das Zentrum blieb uns verwehrt, trotz zahlreicher Versuche es zu erobern. Dazu kam, dass wir Babyboomer trotz der Masse, die wir darstellten, untereinander nicht kannten. Und als wir endlich alt genug waren, Ende der achtziger Jahre, und uns psychisch und ökonomisch stabilisiert hatten, um uns kennenzulernen, gemeinsam zu arbeiten, Netzwerke zu bilden, liefen wir ins offene Messer des Neoliberalismus der Neunziger. Die Geldflüsse, die für unsere älteren Brüder und Schwestern noch üppig flossen, versiegten über Nacht. Jeder Schilling musste gegen die etablierten Institutionen und die alteingesessenen Beamtenschaften erstritten und in den Jahren darauf behauptet werden. Den Babyboomern wurde nichts geschenkt. Bis heute nicht. Was vielleicht auch die Desillusionierung der heutigen Endfünfziger und Früsechziger erklärt.

Doch das ist noch nicht das Schlimmste. Viel schlimmer als der zähe Kampf um die immer geringer werdenden Staatsfinanzen, ist die Tatsache, dass wir nicht nur gezwungen waren, eine gescheiterte Generation zu werden, sondern auch eine, die man vergessen hat, die in vielerlei Hinsicht übersprungen wurde. Als Beispiel möchte ich nur sinngemäß einen Satz unseres heutigen Bundpräsidenten Van der Bellen zitieren, als er 1997 Parteichef der Grünen wurde. Damals hat er folgendes formuliert: Er suche ein Bündnis mit den damals Dreißgjährigen. Das bedeutet, dass ein 1944 Geborener das Bündnis mit seinen Enkelkindern sucht, um die eigenen Kinder, jene, die ihn befragen und hinterfragen könnten, auszugrenzen und an den Rand zu drängen. Ergebnis war, dass sein Nachfolgerin Eva Glawischning - Jahrgang 1969 - die Grünen in den Untergang geführt hat.

Ob Werner Kogler als Babyboomer - Jahrgang 1961 - das Ruder noch herumreißen kann, sei mal dahingestellt, denn er befindet sich in der Koalition mit einem Mann, der im Jahr von Tschernobyl zur Welt kam, Sebastian Kurz, ein Kind der Postapokalypse. Und wenn man sich Koglers oportunistischen Regierungsstil ansieht, dann geht es hier nicht darum, die Gesellschaft zu öffnen, sondern den status quo zu verwalten. Es ist der Versuch das System am Laufen zu halten, damit der Kollaps der Bürgerlichkeit nicht erkannt werden kann und wir uns alle in unseren Nistplätzen, einigermaßen passabel in die Pension retten kann.

Der Slogan und die Wertehaltung mancher Babyboomer scheint mit dem Spruch zusammenfassbar zu sein: Hinter mir die Sintflut.

eingestellt: 8.9.2021 | zuletzt aktualisiert: 8.9.2021
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