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Aus dem Homeoffice eines Unbrauchbaren XII
Warum ich mit Preisvergaben immer schon unzufrieden war


Ich muss zugeben, daß ich, als ich einwilligte, einen Haufen jüngster Lyrik auseinanderzuklauben, ziemlich leichtfertig handelte. Bertolt Brecht, 1927

Ich bin Verleger und Lyriker und war Mitherausgeber der Reihe Lyrik der Gegenwart und ich gestehe, dass ich mich, wie Brecht, eigentlich, wenn ich von meiner eigenen Produktion absehe, niemals besonders für Lyrik interessiert habe. (Brecht 1927)

Nein, das muss ich widerrufen, das stimmt nur in Bezug auf die Bewertung von Lyrik. Ich bin der Meinung, dass der Stellenwert von Lyrik, als ungesungener, nicht popularisierter Text, weit unterschätzt wird. Ich kenne Lyriker und Lyrikerinnen, die ich für außergewöhnlich halte, deren Texte mich in Mark und Bein erschüttern, die mich in einer Form zu berühren in der Lage sind, wie es kein Prosatext je schaffen könnte.

Was nützt es, mehrere Generationen schädlicher älterer totzuschlagen oder, was besser ist, totzuwünschen, wenn die jüngere Generation nichts ist als harmlos. Bertolt Brecht, 1927

Doch sobald es um die Bewertung, Beurteilung und Aburteilung von lyrischen Produktionen geht, bin ich vollkommen ungeeignet, mich an derartigen Prozessen zu beteiligen, denn sie sind von Willkür, Klugscheißerei und Scheingefechten geprägt. Ich war einmal in einer Jury und ich würde an einer solchen nur noch teilnehmen, in der bereits am Beginn des Ausschreibungsprozesses, die Beurteilungskriterien der Jurymitglieder offengelegt werden, damit man Gedichte einreichen kann, die dem Geschmack und der Kategorisierung der Jury genehm sind. Alles andere wäre so, als würde mein Gedicht an einer Lotterie teilnehmen und pure Zeitverschwendung und Ressourcenvergeudung.

Damit will ich nicht sagen, dass Jurys keine Existenzberechtigung oder Nutzen hätten, ganz im Gegenteil, Preisvergaben haben für Autor:innen einen hohen Nutzen, weil Lyrik ja an sich keinen Marktwert besitzt, wie das Ingeborg Bachmann in ihren Frankfurter Vorlesungen so wunderbar auf den Punkt gebracht hat.

Aber Gedichte sind obendrein nicht markttüchtig. Ingeborg Bachmann, 1957

Der Nutzen von Preisvergaben ist ein dreifacher. Erstens, und das scheint mir entscheidend zu sein, wird im besten Falle Geld in Umlauf gebracht, das Autor:innen dabei hilft, ein weiteres Monat oder auf Grund der exzeptionellen Höhe einmal ein weiteres Jahr zu überleben und ihrer künstlerischen Arbeit nachzugehen.

Zweitens – und das ist von nicht weniger monetärer Bedeutung, vor allem in Österreich, in dem Stipendien- und Preiswesen in der Überlebensstrategie von Künstler:innen eine besondere Bedeutung zukommt – erhöhen Siege bei Wettbewerben die Chance auf gut dotierte österreichische Förderpreise von Bund und Ländern.

Drittens, und das ist für Autor:innen wohl auch nicht unwesentlich, ist der Preis eine Anerkennung der eigenen Arbeit. Keinen Preis zu erhalten, bedeutet im Umkehrschluss allerdings nicht, dass die eigene literarische Produktion unbedeutend oder künstlerisch weniger beachtenswert sei.

Ich persönlich habe einmal an einer Jurytätigkeit beim Feldkircher Lyrikpreis teilgenommen. Ich kann mich an eine Unmenge von Einsendungen erinnern. Fünf Gedichte pro Person.

Es sind über ein halbes Tausend Gedichte eingelaufen, und ich will gleich sagen, daß ich nichts davon wirklich gut gefunden habe. Bertolt Brecht, 1927

Persönlich eine Auswahl zu treffen, erscheint mir ja recht einfach. Da gibt es einen Haufen für die, die einem aus formalen oder inhaltlichen Gründen nichtssagend erscheinen. Einen Haufen für die, die in die engere Auswahl kommen. Dieser Haufen wird dann zerkleinert und zerhackt und immer wieder mit meiner zentralen Frage, die ich an Texte habe, konfrontiert: Was will mir der Text sagen. Am Ende bleibt die Summe von zehn Autor:innen übrig, mit je fünf Gedichten, also fünfzig an der Zahl, und mit denen geht man anschließen in eine Jurysitzung, die am wunderbaren Wolfgangsee stattfindet, in der idyllischen Umgebung eines kleinbürgerlichen Milieus, das ein Spiegelbild der meisten Texte darstellt, die eingereicht werden. Und dann beginnt das, was ich als unheilvolles Feilschen, Schachern, fragwürdiges Positionieren eigener Eitelkeiten und Besserwisserei bezeichnen möchte. Es wird verhandelt, wer denn würdig sei, eine monetäre Unterstützung zu erhalten und wer nicht.

Da fahren wir alle Geschütze auf, die uns zur Verfügung stehen, um unsere Textauswahl, die wir vorgelegt haben, zu verteidigen, argumentieren mit Inhalt und Form und keiner wagt den Schritt und sagt: Es ist doch alles nur ein Scheingefecht. In jedem Urteil über einen Text liegt zugleich eine Verurteilung des Textes, wenn er aus dem Ranking fällt. Nicht gewählt zu werden bedeutet ja, sobald eine Jury entschieden hat, dass der Text den Ansprüchen der Jury nicht Genüge getan hat.

Nun, was will ich damit sagen: Es gibt keine qualitativen Beurteilungskriterien und wenn, dann sind das nur Annäherungswerte an eine objektive Beurteilung, denn eine Jury ist immer eine Zusammensetzung aus einer bestimmten Anzahl von Individuen, die jedes für sich genommen eigene Kategorien entwickelt haben, und am Ende ist es immer ein Schachern, eine Frage der Mehrheitsverhältnisse.

Und die unerfreulichste Vermutung mancher Leute geht dahin, daß kein Gedichtband bei uns eine Wirkung hätte, ausgenommen die, daß er wieder zwanzig junge Leute ermutige, auch Gedichte zu schreiben. Ingeborg Bachmann, 1957

Ich habe mich diesen Sommer der Mühe unterzogen und mir die Gewinner und Gewinner:innen des Preises seit seiner Entstehung angesehen, und man kann, wenn man gutwillig ist, sagen, es gab eine Vielfalt und Breite, die dadurch zustande kam, dass es eine wechselnde Jury gab. Allerdings haben sich im Feldkircher Lyrikpreis mehrere Problemfelder entwickelt, die vor allem aus der Organisationsweise der Jury entstanden sind. Zwei Personen stellten von Anfang an eine Kontinuität dar, die Organisatorin (unerlässlich, denn sie garantiert das Gelingen der Preisvergabe über zwei Jahrzehnte hinweg) und die Vorsitzende (sie sollte, soweit ich richtig informiert bin, für Kontinuität und Ordnung im Juryprozess sorgen). Zu diesen zwei Personen, beides im Übrigen Frauen, kam als dritte Person die/der jeweilige Sieger:in des Vorjahres hinzu, was die formale Kontinuität und die inhaltliche verstärkte. Nur die vierte Person war jeweils neu, kam allerdings auch aus dem literarischen und persönlichen Bekanntenkreis der Organisatorin.

Gerade Kontinuitäten führen aber dazu, dass sich über die Jahrzehnte hindurch Auswahlverfahren einschleichen, die zu einer Vergabepraxis des Preises führen können, die formale und inhaltliche Lyrikformen präferieren. Was ich damit sagen will, ist, um eine profunde Analyse zum Feldkircher Lyrikpreis abzugeben, wäre es notwendig, eine umfassende Analyse auf drei Ebenen durchzuführen.

Erstens: Wir müssten uns ansehen, inwieweit die oben angesprochenen Kontinuitäten aus der Bestellung der Jurymitglieder durch die Organisatorin hergestellt werden und auf die inhaltliche und formale Gestaltung der ausgewählten Preisgedichte durchschlagen. Gibt es sozusagen einen Zusammenhang zwischen den gewählten Gedichten und den Jurymitgliedern, die sich aus einem bestimmten Pool rekrutieren.

Zweitens: Es wäre eine umfassende Analyse der inhaltlichen Positionierung der Gedichte, die gewählt wurden, erforderlich und ob sich darin ein Trend abzeichnet. Es wäre durchaus lohnend, sich bei einem Preis, der seit zwanzig Jahren existiert und seit zwanzig Jahren kontinuierlich in einem Verlag dokumentiert wurde, anzusehen, welcher Zeitgeist sich in ihm spiegelt.

Drittens: Gleiches wäre zu fragen in Bezug auf die formale Gestalt der ausgewählten Gedichte. Was gilt denn als preiswürdig, zeichnet sich eine Tendenz ab oder ist die Auswahl derart disparat, dass sie von avantgardistisch und experimentell bis hin zu konservativ und traditionell reicht.

Was es dafür allerdings in jedem Fall bräuchte, einen wissenschaftlichen Apparat, Kriterien, unter denen man die Lyrik betrachtet und eine Fragestellung. Es ist wie bei den Beurteilungskriterien eines Lehrers (der ich ja nun auch bin), wenn ich im Vorfeld der Aufgabenstellung die Kriterien meiner Beurteilung nicht festlege und offenlege, wird die Beurteilung immer eine willkürliche sein. Ähnliches gilt für eine Jury. Legt die Jury am Beginn des Ausschreibungsprozesses ihre Auswahlkriterien nicht offen, können die Autor*innen mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass das Auswahlverfahren einem reinen Willkürakt unterworfen ist und immer im Dunkel bleibt, wie es zur Auswahl kam.

Eines kann ich mit Sicherheit sagen, und da halte ich es mit Brecht, ein Lyrikpreis spiegelt niemals die qualitative Breite einer Lyriker:innengeneration, sondern immer nur den Geschmack der Jurymitglieder. Jede Preisvergabe ist mit dem Makel der Willkür behaftet und jede Preisvergabe lässt die Verlierer mit der Frage zurück: Warum nicht ich? So sehr wir in den Laudationes die Sieger würdigen, so sehr werfen wir die Verlierer in ihre Echokammern zurück, aus denen sie im Bewerbungsprozess mit Müh und Not hervorgekrochen sind.

Da wäre es ehrlicher, wie Brecht 1927 schrieb, einfach selbst jemanden zu wählen und vorzuschlagen. Einen Preis zu vergeben und zu sagen, warum man ihn gewählt hat, diesen einen oder diese eine aus tausenden ausgewählt hat und nicht irgendwelche fadenscheinigen germanistischen, literarischen oder inhaltlichen Kriterien vorzuschieben, mit denen wir einen zutiefst undemokratischen, willkürlichen und ungerechten Prozess legitimieren und ihm einen Anstrich von Wichtigkeit und Bedeutung geben.

Wir sollten also eine Preisvergabe als das sehen, was sie ist: die Umverteilung von Mitteln, die von Spender:innen, Subventionsgeber:innen, Förder:innen zur Verfügung gestellt werden, um Autor:innen ein zusätzliches Einkommen und Sozialprestige für künftige Einkommensaquisitionen zu verschaffen.

Zum Schluss sei mir noch erlaubt, etwas Allgemeines zur lyrischen Produktion anzumerken. Wir sollten, wenn wir uns in eine Jury begeben, immer Brechts Aussage im Blick behalten, mit der er Lyrik 1927 beschrieb und uns Maßstäbe für einen Lyrikpreis vorgab: Es gibt darunter gewisse Glückstreffer, Dinge, die man weder singen noch jemand zur Stärkung überreichen kann und die doch etwas sind. Aber von einigen solcher Ausnahmen abgesehen, werden solche "rein" lyrischen Produkte überschätzt. Sie entfernen sich einfach zu weit von der ursprünglichen Geste und Mitteilung eines Gedankens oder auch für Fremde vorteilhaften Empfindung. Alle Gedichte haben den Wert von Dokumenten. In ihnen ist die Sprechweise des Verfassers enthalten, eines wichtigen Menschen. Bertolt Brecht, 1927

Haben wir den Mut unter all den vielen Dichtern und Dichterinnen in den deutschsprachigen Erblanden diejenigen zu suchen und zu finden, die eine Geste setzen oder Mitteilung machen, die eine vorteilhafte Empfindung in uns auslösen, einen Text produzieren, der als ein Dokument ihrer Zeit und ihrer Menschen gelten kann. Was wir dafür aber brauchen, sind Jurymitglieder, die über den formalen und inhaltlichen Tellerrand der Lyrik hinausblicken, sich hineinarbeiten in ihre eigene historisch-politische Zeit, von der nicht nur sie, sondern mit ihnen alle Menschen, betroffen sind.

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eingestellt: 9.8.2022 | zuletzt aktualisiert: 9.8.2022
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