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Mittwochs-Reflexion | Über den Sinn von Schule
2022|33


Seit meinem Eintritt als Lehrkraft in die Schule stellt sich mir die Frage, was ist Sinn und Bedeutung von Schule. Was haben wir in ihr gelernt und was lernen wir heute durch sie. Ich denke, trotz all des Wissens, das wir in der Schule vermitteln und als Schüler*innen einst vermittelt bekommen haben, ist sie doch eines über die Jahrzehnte hinweg geblieben: eine staatliche Institution, mehr noch vielleicht eine Anstalt, in der wir Schüler*innen Werte vermitteln, ihnen vorleben, was wir von ihnen später erwarten.

In der Volksschule lernt der Mensch neben Rechnen, Lesen und Schreiben und allerlei anderem sinnvollen Wissen manchmal eben auch unsinniges Zeug. Aber drei zentrale gesellschaftliche Verhaltensweisen muss jeder als Lektion erfahren: Reden, nur wenn man gefragt wird, über längere Zeit still sitzen und sich einer Autorität unterwerfen. Wir neigen dazu, diese drei Verhaltensweisen in unseren Institutionen als Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe zu bewerten und Abweichungen davon als Störung zu empfinden. Darüber hinaus neigen wir dazu, diese Verhaltensweisen mit positiver Begrifflichkeit zu besetzen, wir nutzen dafür die beschönigenden Worte: Es hilft den Schüler*innen bei der Stärkung ihrer Konzentrationsfähigkeit, eine kompetente Lernhaltung einzunehmen und ihre soziale Kompetenz zu entwickeln.

In der Hauptschule, heute nennen wir sie euphemistisch Mittelschule, als wären alle, die diese Schulform besuchen müssen, dafür bestimmt eine weiterführende Schule zu absolvieren. Der Begriff suggeriert ja schon, dass wer es nicht auf eine Oberstufe schafft, im Mittelmaß hängen bleibt. Hauptschule sagte immer, was es war, die wichtigste Schulstufe. Während Volksschule ein historischer Begriff ist, weil sie die Schule für alle ist, war Hauptschule immer schon ein politischer Begriff, wie eben auch Mittelschule. Nun ja, in der Hauptschule scheint es mir, geht es hauptsächlich darum, die aufkeimende, oft überschießende, jugendliche Energie zu kanalisieren, zu bändigen, für lernende Tätigkeiten nutzbar zu machen. Schüler*innen sollen geformt werden, ob sie das wollen oder nicht. Ein Entkommen ist unmöglich. Es ist ein wenig wie in Star Trek, als die Borg die Galaxis übernahmen, in dem sie sinngemäß sagte: Wir sind die Borg. Lassen sie die Schutzschirme fallen. Sie werden assimiliert. Widerstand ist zwecklos. Die Hauptschule dient dazu, die Jugendlichen zu assimilieren, sie auf die Eingliederung in die Arbeitswelt vorzubereiten, sie mit allerlei Wissen zu füttern, von dem wir denken, dass es auf dem künftigen Lebensweg nützlich sein könnte.

Das gelingt beim einen besser als bei der anderen. Jedenfalls landen manche Schüler*innen irgendwann in der Oberstufe, wie wir das gerne salopp formulieren. Falls der Assimilationsprozess abgeschlossen ist, haben wir es mit angepassten und braven Schüler*innen zu tun, wertvollem Schüler*innenmaterial sozusagen. Misslingt die Assimilation, haben wir es mit widerspenstigen, kritischen und oftmals schwer zu handhabendem Material zu tun, das wir gerne als schwierig, faul, unangepasst, widerspenstig titulieren und oftmals unbewusst ausgrenzen. Andere wiederum sind möglicherwiese in die innere Emigration gegangen, nach außen hin angepasst, aber letztlich für Lehrer*innen und Lernprozesse nur sehr schwer erreichbar.

Was ich damit sagen will. Die Schule zerstört nicht nur die Psyche von so mancher Lehrkraft, die manchmal vom Alkoholkonsum und/oder Medikamentenmissbrauch kaum noch aufrecht stehen kann, sondern macht aus unseren Kindern in zwölf oder dreizehn Schuljahren, die besonders hartnäckigen verbringen ja auch gern mal vierzehn oder fünfzehn Jahren in unseren Bildungsanstalten, angepasste Kleinbürger*innen, die gelernt haben, was es im Leben braucht, um erfolgreich zu sein, nämlich: 1. einen unbändigen Willen zum Erfolg, 2. angepasste Leistungsfähigkeit und 3. im richtigen Moment Maul halten, wenn die Autoritäten sprechen. Und wenn wir auch nur ein wenig ehrlich zu uns selbst sind, müssten wir persönlich und als Vertreter*innen unseres Berufsstandes versuchen herauszufinden, was wir dazu beitragen, dass Schüler*innenkohorte für Schüler*innenkohorte in die selbe bereitgestellte institutionelle Falle tappen und für ein Stück Käse am Ende ihre vielgestaltigen Träume verraten.

Wenn wir fragen, warum Schule ist, wie sie ist, dann müssen wir darüber nachdenken, wer wir als Lehrkräfte sind und was wir dazu beitragen, dass Schüler*innen sind, wie wir sie in unseren Schulen vorfinden. Unsere Unzufriedenheit mit dem Schüler*innenmaterial beweist letztlich nicht ein Versagen der Schüler*innen, sondern des Bildungssystems und nicht zuletzt von uns Lehrkräften.

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eingestellt am: 2.11.2022 | zuletzt aktualisiert: 2.11.2022
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