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im geworfensein entdecken wir uns selbst
meditation zwei | zu günther anders


jede und jeder von uns erlebt irgendwann einmal den geburtsschock des dazugekommenseins und des pränatalen todes oder eines niedagewesenseins das der postmortalen unendlichkeit vorausgeht und das leben als raum zwischen zwei unendlichkeiten kennzeichnet. und dieser ontologische schock der uns alle irgendwann einmal – sei es in der kindheit oder in der jugend oder in der midlife crisis oder im pensionsalter ereilt – ist die erste und letzte narzistische kränkung der wir uns als aufgeklärte und moderne menschen stellen müssen. gegen dieses in die welt geworfen sein können wir uns nicht zur wehr setzen. dagegen ist jede revolte sinnlos. auch der selbstmord als ultima ratio.

wir sind dem geworfensein durch den akt der zeugung ausgeliefert. ob diese nun im reagenzglas oder im uterus oder anderswo stattfindet. wir werden in die welt gezwungen. die freiheit beginnt immer erst danach: im geworfensein. der akt der zeugung ist ein akt der unfreiheit für den menschen. erst durch die geburt werden wir frei. erst dann wird revolte für den modernen menschen zum sinn und zur daseinsberechtigung und zur nagelprobe seiner freiheit die uns durch nietzsches satz: gott ist tot verliehen wurde. wir traten aus dem mythologischen urschlamm der gottgewollten ordnung hervor und wurden freie und bürgerliche individuen.

diese freien individuen sind seit mitte des 18. jahrhunderts zum angelpunkt aller gesellschaftlichen betrachtungen geworden. ob es sich nun um darwins evolutionstheorie oder nietzsches philosophie oder rousseaus pädagogik oder die kapitaltheorie von marx oder freuds psychoanalyse oder hegels geschichtstheorie oder hitlers rassentheorie handelt.

doch dieses bürgerliche individuum läuft spätestens seit ende des 19. jahrhunderts gefahr seinen spitzenplatz als zentrum des gesellschaftlichen handelns einzubüßen. dennoch blieb der mensch in der euroamerikanischen geschichtsschreibung – ob es sich nun um räumliche oder zeitliche analysen handelt – der nullpunkt allen seins. von der menschlichen existenz aus wird die vergangenheit erforscht. die gegenwart erfahren. die zukunft entworfen. der mensch als individuelles wesen gilt (seit seinem auftreten) als motor und endziel evolutionärer entwicklungsgeschichte.

ist mit den menschen aber das ziel der evolution erreicht? wird es nach den menschen noch eine besser entwickelte und an die natürlichen notwendigkeiten des universums angepasste spezies geben? und vor allem: gibt es sie schon? wir beantworten diese frage meist rasch und sehr selbstbewusst mit dem satz: der mensch ist die krönung der schöpfung und damit das ziel aller vorsehung. oder: der mensch ist zum aussterben verurteilt weil er zu langsam und zu unflexibel und zu immobil und zu sterblich ist. oder: der mensch ist was er ist ein noch nicht bestimmtes tier.

warum? weil unser geist, unser körper sich keine welt ohne uns vorstellen oder fühlen kann. eine lebendige und produzierende und sich entwickelnde welt mit einem historischen bewusstsein seiner selbst ohne mensch. wahrscheinlich ist das die ursache aller zukunftslosigkeit und phantasielosigkeit seit der humanismus mit der technisierung in die krise kam.

die ablöse des menschen als zentrum der geschichte wird nicht – wie beim aussterben der dinosaurier – in einem großen und alles entscheidenden naturereignis geschehen. der mensch wird langsam aus der welt verschwinden. er wird einem assimilationsprozess (der bereits in vollem gange ist) zum opfer fallen. wie sich aber zeigt ist gerade der humanismus – jenes ideologische konstrukt das dem menschen half den technischen logos hervorzubringen und sich ihm anzupassen – gleichzeitig ein schwerwiegendes hindernis für den menschen eben diese einsicht anzunehmen. der humanismus ist jene idealistische ideologie die dem menschen eine nüchterne betrachtung der technologie unmöglich macht. die humanisten setzen immer noch darauf dass der mensch in der lage sein wird die technik zu beherrschen. deswegen haben sie auch keine hemmungen jedes kleinkind mit dem computer in kontakt zu bringen – mit diesen wunderbar bunt blinkenden amüsiermaschinen.

die these wäre demnach: der mensch ist nicht das ziel der evolution gewesen (falls es überhaupt ein solches ziel gibt). er ist eines unter vielen parallelexperimenten im universum. aus den menschen werden neue formen des lebens hervorgehen. und diese neuen formen die den menschen überschreiten werden existieren bereits seit langer zeit. entwickelten sich neben uns. folgten einem logos der nicht dem menschlichen habitus entspricht sondern dem technischen. diese neuen spezies – die sich in vielfältiger form mit hilfe des menschen in unserer gesellschaftlichen mitte entwickelten – sind nun in ein stadium eingetreten in der sie sich anschicken die menschliche zivilisation fortzuführen. den menschen als evolutionäres produkt zu ersetzen. an den rand zu drängen. auf den müll der geschichte zu werfen. während die wissenschaften noch nach dem missing link zwischen affen und menschen suchen produziert eben diese von menschen erfundene wissenschaft bereits das künftige missing link zwischen menschen und den neuen technologischen arten.

um die historischen wurzeln und gesellschaftlichen voraussetzungen, die zur entwicklung dieser neuen technologischen arten notwendig waren soll unter anderem auch in diesem hyperbuch gehen. ich will damit keineswegs behaupten dass wir vor der entstehung des sogenannten neuen menschen (eine utopie des 18./19. jahrhunderts) oder gar der künstlichen intelligenz (eine utopie des 20./21. jahrhunderts) stehen sondern aufzeigen dass sich in der modernen von multimedialität und von informations- und kommunikations- und biotechnologie bestimmten euroamerikanischen welt eine lang erprobte form menschlichen handelns fortsetzt: das netzwerken. es ist eine – wenn schon nicht anthropologische – so doch eine konstante die die euroamerikanische gesellschaft ausgehend von den ersten klostergründungen bis zum heutigen world wide web hervorgebracht hat.

und die welt in die der euroamerikaner in seiner damaligen geburtsstunde geworfen wurde – und noch heute täglich und stündlich geworfen wird – ist die welt der euroamerikanischen menschen. in den klöstern und burgen des frühen mittelalters findet die welt der euroamerikanischen menschen ihren anfang und heute (so die these) sehen wir die vorboten ihres endes.


eingestellt am: 2.12.2018 | zuletzt aktualisiert: 2.12.2018
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