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meditation zwei | zu günther anders


der text die weltfremdheit des menschen brachte seinen erfinder günther anders zwischen alle akademischen stühle. sein wohl berühmtester satz aus seinem im jahr 1928 vor der kantgesellschaft in berlin gehaltenen vortrag verbaute ihm zwar eine wissenschaftliche karriere im vorkriegsdeutschland verschaffte ihm aber einen neuen ansatz im denken auf dem er alle seine späteren philosophischen und literarischen konzepte aufbaute: künstlichkeit ist die natur des menschen und sein wesen ist unbeständigkeit. diesem satz folgte ein präzisierendes zitat:

die tatsache seiner unfestgestelltheit ist die bedingung sine qua non seiner freiheit zur geschichte: der unverbunden, hat er – im gegensatz zum tier – keine vorgeschriebene rolle zu übernehmen; immer anders, kann und muss er die verschiedensten ausdrucksweisen adaptieren; in der geschichte, und selbst seiend, wechselt er nicht nur die masken, sondern er verwandelt sich selbst.
günther anders: die weltfremdheit des menschen. versuch über die nicht-identifikation. manuskript 1929, [österreichisches literaturarchiv] zit. nach verweigerte versöhnung. zur philosophie von günther anders. wien. 1990. s.60.

welche bedeutung kommt dieser these aber nun im biographischen zusammanhang zu? vielleicht zur verbildlichung eine kleine episode aus der kindheit von günther stern in der sich erschließt wie er erkannte dass der mensch in der welt frend sei. eines tages erläuterte seine mutter mit einem grünen sonnenschirm auf das fenster zeigend die bewandtnis seiner geburt. hinter jenem fenster sagte sie, sei er zur welt hinzugekommen, und er habe in dem augenblick gedacht, dass ihm die welt zuvorgekommen sei, dass er zu ihr, die bereits vor ihm existiert hatte dazugekommen sei und dass er vorher weiß der himmel was wahrscheinlich 'tot' gewesen sei, 'noch tot' also, tot wahrscheinlich – es war nicht auszudenken – ewigkeiten lang.
günther anders: die schrift an der wand. tagebücher. 1941-1966. münchen: beck 1967. s.348-350.

in günther anders erinnerung und erleben kam der mensch also zur welt hinzu. die welt existierte also schon vor ihm. war schon bei seiner ankunft da. er war also nicht das zentrum der welt. auch wenn die familie ihm diesen eindruck vermittelte. er war nur peripherie und musste sich in ihr zentrum vorarbeiten. musste sie sich aneingnen. die welt – die er vorfand – war ihm fremd. er hatte keinen angeborenen mechanismus wie er sich darin zurechtfinden sollte. die erkenntnis daraus ist: der mensch spult nicht wie das tier ein fixes programm ab. im gegenteil. der mensch ist verurteilt seinen eigenen weg zu entwickeln. seinen eigenen lebensstil zu finden. er ist dazu verdammt sich selbst zu entwerfen (ein gedanke der später ins sartres büchern großen raum einnahm). gleichzeitig ist der hinzukommende mensch aber auch ein stück eigene welt das der welt der er hinzugefügt wird ebenso fremd ist. diese fremdheit müssen beide teile überwinden um zueinander gelangen zu können. da der mensch aber nicht nur fremd also künstlich sondern auch unbeständig also nicht auf ein bestimmtes dasein eine bestimmte verhaltensweise festgelegt ist mit der er auf diese reagieren muss ist er gezwungen sie sich selbst anzueignen. sie nach seinen eigenen regeln zu erkunden. sie auszutesten und so ganz persönliche individuelle erfahrungen zu sammeln. die erfahrung als instrument ist damit aber gleichzeitig voraussetzung und folge der existenz (apriori und posteriori wie günther anders formulierte). wir kommen als erfahrungsbegabte tiere – also frei – zur welt. wir können durch erfahrung die welt nachträglich als das erkennen was sie für uns und andere drastellt und so bearbeiten und gestalten. erst die erfahrung die der mensch in seiner fremdheit sammelt macht ihn zu dem was er später werden wird. erst diese erfahrungen legen ihn fest. insofern ist der mensch gleichzeitig frei und unfrei. er ist gar nicht in der lage nicht zu handeln. der freie wille ist zugleich auch ein gefängnis seiner existenz. selbst für die unterwerfung muss der mensch sich bereit erklären. er muss der diktatur zustimmen. der totalitarismus und die selbstvernichtung ist dem menschen ebenso nahegelegt und er kann sie annehmen oder zurückweisen wie die selbsterhaltung oder die demokratie.

die erfahrung ist also die fähigkeit mit der wir die fremdheit der welt überwinden können und damit auch gleichzeitig das instrument unserer freiheit weil wir eben nicht gezwungen sind bloß auf die welt zu reagieren. wir können sie uns aneignen und nach unseren eigenen bedürfnissen und möglichkeiten formen und im zweifelsfall eben auch auslöschen. mit unseren erfahrungen dringen wir in die welt vor. ein zweiter aspekt ist unsere künstlichkeit. wir sind nicht auf die natürlich vorhandenen ressourcen alleine angewiesen um uns die welt anzueignen. wir können produkte erfinden und herstellen und nutzen die vor unserem eintritt in die welt noch nicht vorhanden waren. aus der kombination dieser beiden elemente: künstlichkeit und unbeständigkeit – resultiert unsere fähigkeit uns selbst auszulöschen. durch einen krieg oder durch ein maschinensystem das einies tage unserer nicht mehr bedarf.


eingestellt am: 28.11.2018 | zuletzt aktualisiert: 28.11.2018
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