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meditation eins | zu günther anders


günther anders (geborener stern) ging als philosoph des atomaren zeitalters in die geschichte ein. bereits in den fünfziger jahren als er über die atomare bedrohung nachzudenken begann und darüber schrieb sprach er nicht nur von einem begrenzten konflikt sondern von einer bedrohung die alle betrifft. von einer kultur der gemeinschaftlichen auslöschung. er spricht von einer globalen bedrohung. technologisch wurde diese globalisierung mit der vernetzung der computersysteme in den siebziger jahren und der entwicklung der militärischen netze (dem heutigen world wide web) zur sicherung von daten vorangetrieben. günther anders theorem ist zwar in sozialwissenschaftlicher hinsicht nicht neu knüpft er damit doch nur an thesen von marx und engels an die bereits 1848 von der einen globalen welt sprachen. von einem prozess den wir heute globalisierung nennen und damals kapitalismus genannt wurde.

das bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren absatz für ihre produkte jagt die bourgeoisie über die ganze erdkugel. überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall verbindungen herstellen.
karl marx / friedrich engels. das kommunistische manifest [1847]. stuttgart: reclam 2009. s.23.

günther anders geht aber über die ökonomische fragestellung der marxisten hinaus und fragt nach der technisierung der globalisierung. globalisierung ist nicht nur das ergebnis einer expandierenden wirtschaftsform sondern auch der vernetzung sozialer und wirtschaftlicher und letztlich technologischer systeme. aus einer theorie die besagt dass die vom menschen hergestellten produkte ihm überlegen seien entwickelt der mensch die prometheische scham. hinzu kommt seine these dass wir uns das was wir herstellen nicht mehr vorstellen können – angereichert durch die imagination der apokalypse – sich schließlich zur these einer welt ohne mensch auswächst.

meine texte haben ihren ausgangspunkt bei diesen drei einfachen theoremen von günther anders. seinen essays und in seiner gedankenwelt. seine vorstellungen von einer welt – in der die maschinen zum zentrum unseren handelns wurden – in der wir nur noch mit der hilfe von maschinen überhaupt noch in die lage versetzt werden neue generationen von maschinen zu erzeugen – hat mich hellhörig gemacht. wenn günther anders thesen von einer dritten industriellen revolution zutreffen können wir unser denken nicht mehr in den alten analysekategorien vollziehen. dann brauchen wir ein neues instrumentarium und einen neuen wortschatz um den sich günther anders als übersetzer sein leben lang bemüht hat.

nach zehn jahren intensiven studiums der schriften von günther anders verwandelte sich die ökonomische und soziale welt die von humanisten in den letzten zwei jahrhunderten immer wieder beschworen wurde vor meinen augen in eine mechanische und schließlich in eine technologisch geformte welt. und diese technologische welt entstand nicht zufällig. sie wurde vom menschen in einer beinahe tausendfünfhundertjährigen geschichte hervorgerufen. günther anders spricht nicht direkt davon. doch eine solch historische zugangsweise schimmert in seinen texten durch. günther anders war ein philosoph der gegenwart. ein analytiker künftiger vernichtungspotentiale. er war immer am jetzt orientiert. er war nicht daran interessiert seine thesen an der geschichte zu erproben. er war zu sehr damit beschäftigt die atomare apokalypse zu verhindern. da blieb wenig zeit sich hinzusetzen und mehr als eine übersetzung zu leisten. es bleibt uns vorbehalten zu zeigen wo die wurzeln der euroameriknaischen vernichtungsmaschine liegen und warum wir psychologisch und physiologisch so sehr daran interessiert sind uns selbst zu vernichten.

günther anders theorie gibt uns den schlüssel in die hand um den größenwahn der euroamerikanischen kultur zu verstehen und damit den wunsch göttliche essenz durch unsterblichkeit zu erlangen. dazu ist es aber notwendig ihn nicht als apokalyptiker zu betrachten sondern als einen philosophen. ihn als kulturtheoretiker zu lesen. eine apokalyptische sicht auf die technologische gesellschaft verhindert allzu oft dass wir die historischen wurzeln der globalisierung auch als technologisches vernichtungsprinzip erkennen können. erst wenn wir günther anders als produzent einer theorie begreifen die den übergang von einer mechanischen zu einer technologischen welt beschreibt wird er für unser denken maßgeblich werden.

mechanisch meint hier eine welt von maschinen die von menschen selbst geplant und hergestellt wurden. technologisch meint hier eine welt in der neue maschinen ohne zu hilfenahme von anderen maschinen keine neuen produkte (oder neue maschinen) mehr hergestellt werden können. am einen ende eines solchen produktionsprozesses steht der mensch als produzent und entwickler und am anderen ende ist er nur mehr logistiker und konsument. die herstellung und umsetzung der waren und der warenproduktion wird zunehmend den maschinen überlassen. bis vielleicht eines tages selbst am beginn der kette ebenfalls eine maschine steht. das technologische netz – das wir menschen mit hilfe der maschinen über die welt gezogen haben wird immer engmaschiger und eines tages wird es kein entkommen mehr geben und die rettung durch commanda data in star trek wird uns dann wie ein märchen aus besseren zeiten vorkommen als die maschinen noch unseren willen vollzogen um uns vor der biotechnologischen zivilisation der borg zu retten.

in diskussionen wird mir immer entgegengehalten maschinen seien nicht kreativ. dieser punkt würde sie von uns menschen unterscheiden. doch ich frage immer zurück: warum brauchen maschinen kreativität – also eine menschliche eigenschaft? abgesehen davon: beharre ich auf dem wort nicht mehr. auch hier folge ich günther anders. der im gegensatz zu den generationen der linken, die immer von einem noch nicht sprechen, spricht er von einem bevorstehenden nicht mehr. und vielleicht sollten wir wirklich diesen schritt wagen und behaupten wir haben den point auf no return längst überschritten und wir haben eine gesellschaft erreicht in der der spruch: wir sind alle schon tot, nur wir wissen es noch nicht längst wirklichkeit geworden ist. was für die ökologische entwicklung gilt könnte doch durchaus auch für die technologische gelten.

aus dem oben gesagten, ergeben sich nur noch wenige handlungsoptionen für den menschen. es gibt in dieser einen welt eigentlich nur noch geringe felder in denen dem mensch noch eingriffrechte zugesprochen werden können. in der entwicklung der maschinen stellt er blue prints für die von maschinen zu produzierenden waren und neuen maschinen her. das blue print nach günther anders ist die wichtigste voraussetzung zur formierung einer technologischen gesellschaft. er argumentiert es an hand der atombombe. selbst wenn wir alle bomben vernichten würden hätten wir immer noch den blue print – also die vorlage – wie wir sie bauen können in den händen. diese aussage ist auch auf alle anderen maschinen wie computer oder biotechnologische oder gentechnologisch veränderte lebensformen anwendbar. in der dienstleistungsgesellschaft hat der mensch noch einfluss drauf wie die maschine konstruiert sein soll damit das menschliche bedienungspersonal effizienten umgang mit ihr findet. hier tritt der mensch nur noch als bedienungspersonal jener maschinen auf die er als entwickler konzipiert und als produzent gebaut hat. bedient jene maschinen die die blue prints (originale) in zahllose waren (kopien) verwandeln. sie drehen an knöpfen und warten die teile und kontrollieren den reibungslosen ablauf der fließbänder. bereits in der fabrikhalle oder kurz danach beginnt das logistikpersonal seine arbeit aufzunehmen. sie verpacken, lagern und transportieren die waren am ende des produktionsprozesses. vor dem produktionsprozess sind sie in der beibringung von rohstoffen tätig. doch auch diese arbeitsfelder verschwinden zusehends aus unseren betrieben. am ende dieses systems aus entwicklung und bedienung und logistik stehen schließlich die konsumenten. jedes am produktionsprozess der maschinen beteiligte personal ist eben auch konsument. das einzige berufsbild das hier eine sonderstellung einnimmt ist der soldat der im feld steht. er zählt nicht zum entwicklungspersonal. bedienungspersonal ist er nur im falle er hochentwickelte maschinen bedient (abfangjäger | abhöranlagen | u-boote). logistiker kann er nur genannt werden wenn er für die verbringung von nachschub oder maschinenteilen verantwortlich ist. konsument ist er in keinem fall. außer er sitzt nach erfolgreichem kampf oder zwischen zwei fronteinsätzen in einem afghanischen oder vietnamesischen oder bosnischen cafe oder sucht einen supermarkt auf oder unterhält sich auf sonstige weise. denn der kriegsherr (der staat) versorgt ihn mit überlebensnotwendigen gütern. der soldat darf noch mit den händen kämpfen. er ist archetypisch. er ist der vormoderne und antimechanistische mensch. der soldat ist als einziger ein vormodernes wesen geblieben. er kann sich noch in nischen einnisten. dort wo die technologie das technologische weltbild keine gültigkeit besitzt. im kampf mann gegen mann. frau gegen frau. in der bedienung eines maschinengewehrs bedient er ein gerät. kämpft er vortechnologisch. mechanistisch. in der technologischen gesellschaft tötet er nur effizienter. aber er ist einem keuleschwingenden schimpansen näher als einem kernspaltenden atomwissenschafter. im grunde muss sich jeder und jede von uns für eines dieser berufsbilder entscheiden. dazwischen gibt es nicht mehr viel. außer ein paar überholte berufe die vom aussterben bedroht sind: bauern und handwerker und politiker und künstler. sie nehmen heute schon in den industriestaaten einen verschwindenen anteil an den berufstätigen ein.

was ich aus günther anders schriften herauslese ist: die welt ist zu einem perpetuum mobile von handlungsmechanismen geworden die einzig und alleinig dem zweck der erhaltung eines technologischen systems dienen das von den menschen hervorgebracht wurde und das sich nun anschickt den menschen aus einem produzenten über die zwischenstufe des maschinendieners in einen puren konsumenten zu verwandeln.


eingestellt am: 5.9.2018 | zuletzt aktualisiert: 5.9.2018
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