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Einander Zwei
Erzählung



Kapitel Zwei

Karlas Wecker schlug mit einem schrillen Piepsen an. Der durchdringende und unangenehme Ton versetzte die tief in ihre Decken und Schlafsäcke vergrabenen Menschen in Bewegung. Sie beruhigten sich erst wieder als Karla mit einem zielsicheren Handgriff den Wecker zum Schweigen brachte. Noch im Halbschlaf registrierte sie, daß sie nicht alleine war. Sie tauchte aus ihrem Nachttraum auf und langsam kehrten die Erinnerungen an den vergangenen Abend und ihr Versprechen zurück: Sie würde mit ihm eine Wanderung unternehmen - im parque nacional de Lapataia. Nachts war es gewesen und Paul hatte sie dieses Versprechen gegeben.

Karla richtete sich im Bett auf und warf einen Blick durchs Fenster. Die Sonne traf ihr Gesicht und sie schloß unwillkürlich die Augen, um sie sogleich wieder blinzelnd zu öffnen. Durch das grelle Licht hindurch sah sie eine kleine Propellermaschine auf die Landebahn des Flughafens zusteuern. Ihr Blick wanderte weiter zu Pauls Bett. Es war leer. Mit einem Satz sprang Karla von ihrer Matratze. Die digitale Anzeige ihrer Uhr wies die von ihr vorgesehene Aufstehzeit aus: Siebenuhrfünfzehn. Sie konnte also nicht zu spät dran sein. Aber wo war Paul? Sie schlüpfte in ihre Hose, folgte dem einzig wahrnehmbaren Geräusch und betrat die Küche.

"Bin ich zu spät?", fragte sie.

Sie sieht entzückend aus, dachte Paul. Die zerzausten Haare umrahmten ihren verschlafenen Blick. Ein gelbes T-shirt schlenkerte um ihre Knie. Es war gerade die Selbstverständlichkeit, mit der Karla sich ihm ohne Maske, ohne Zurückhaltung und ohne Scheu präsentierte, die bei Paul wieder jene Zuneigung weckte, die er beim Zubettgehen für sie empfunden hatte.

"Du kommst gerade recht", antwortete Paul.

Aus der Wasserdüse einer Kaffeemaschine zischte dampfendes Wasser in einen mit Kaffeepulver gefüllten Filter. Auf dem Tisch standen ein Glas Marmelade, ein Topf mit Honig, Zwei Kaffeeheferl, zwei Teller, daneben Messer und Kaffeelöffel. Auf einem Schneidebrett aus Holz lag frisch aufgeschnittenes Weißbrot.

"Hast du gut geschlafen?", fragte Paul.

"Ein wenig unruhig. Die Betten sind zu weich. Kann ich dir helfen?", fragte Karla.

"Nein, danke. Ich bin ohnehin gleich fertig. Zieh dich in Ruhe an. Nach dem Frühstück brechen wir auf."

Nur um für sie Frühstück zu machen, war Paul früher aufgestanden, dachte Karla auf dem Weg ins Badezimmer. Es gab nicht viele Männer, die das schon nach dem ersten gemeinsamen Abend für sie getan hätten. Wie selbstverständlich erwarteten die meisten Männer, daß sie ihnen das Frühstück ans Bett brachte. Karla trat vor den Badezimmerspiegel und erst in diesem Augenblick wurde ihr bewußt, in welch schrecklichem Zustand sich ihr Körper befand. Sie war in Unordnung. Ihr Haar war zerzaust und ungewaschen, ihre Augen verschwollen, die Wangen aufgedunsen, die Haut bleich und fahl. Plötzlich wurde ihr klar, daß Paul sie im Schlaf gesehen hatte. Sie sah ihn vor ihrem Bett stehen und die Traumzuckungen ihrer Augenlider beobachten. Er hatte sie beim Schlafen ertappt. Ihr Körper war ihm in all seinen intimen Details ausgeliefert gewesen. Karla stieg in die Duschtasse und erst als ihr das Wasser über die Haare rann, den Rücken entlang lief und über die Knie pritschelte, begann sich ihr Körper langsam zu entspannen. Sie wappnete sich für den Tag. Sie trug ein wenig Wimperntusche auf, einen dezenten Lippenstift und föhnte ihr Haar zurecht. Karla war mit dem Ergebnis ihrer Bemühungen zufrieden.

"Das duftet wunderbar", sagte Karla und trat an den Frühstückstisch.

Sie hat sich zurechtgerückt, dachte Paul, als Karla durch die Tür trat. Von ihrer süßen Verschlafenheit war nichts übriggeblieben. Trotz ihres freundlichen Gutenmorgengrußes spürte er ihre körperliche Distanz. Ihre stürmische Offenheit von vorhin war einer fröhlichen Zurückhaltung gewichen. Karlas Augen leuchteten, ihr Haar glänzte, ihre Lippen schienen weich und nachgiebig. Paul wurde sich mit einem Mal seiner eigene Verwahrlosung bewußt. Er strich sich mit der Hand über den langen, struppigen Bart und nahm sich vor, ein wenig Ordnung in diese Wildnis zu bringen.

"Wo soll ich mich hinsetzen?", fragte Karla.

"Wo immer du willst."

"Ich nehme die rechte Seite."

"Kaffee oder Tee?", fragte Paul. "Ich habe beides gemacht, da ich nicht wußte, was du bevorzugst."

"Ich trinke beides. Aber heute hätte ich Lust auf Kaffee."

"Und ein weiches Ei gibt es noch dazu", sagte Paul.

Karla goß Milch in ihren Kaffee. Sie nippte an der Tasse und blickte immer wieder zu Paul hinüber, der sich eben daran machte, sein Ei aufzuschlagen. Er benutzte dafür aber kein Messer, sondern einen Löffel und schälte dann mit den Fingern die spitze Seite des Eies. Paul war kein Eierköpfer, dachte Karla. Sie mochte Paul, das war sicher, aber gleichzeitig verunsicherte sie dieses Gefühl.

"Wann fährt der Bus?", fragte Paul.

"Der Bus zum Nationalpark verläßt Usuhaia um neun Uhr an der Ecke San Martín und Triunvirato. Von dort fahren alle Busse ab."

"Und wie spät ist es jetzt?"

"Achtuhrfünfzehn."

Paul wollte sich nicht aufdrängen. Karla sollte die Initiative übernehmen. Das war ihm wichtig. Allzuoft hatten sich Menschen auf seine Erfahrung als Reisender verlassen. Ihm war das immer unangenehm gewesen.

"Wir sollten langsam aufbrechen", sagte Karla.

"Ich räume nur rasch den Tisch ab", sagte Paul.

"Gut, ich hole meinen Rucksack."

"Kannst du mir meine Jacke mitbringen?", fragte Paul. "Sie liegt auf meinem Bett."


***

Karla und Paul traten auf die nach den letzten Regenschauern aufgetrocknete Straße. Die Sonne begann die Luft anzuwärmen. Die Stimmung war frühlingshaft. Ein idealer Tag für die geplante Wanderung. Die Stadt lag ruhig vor ihnen. Nur ab und zu begegneten ihnen auf dem Weg zur Busstation ein paar Menschen und erst an der Haltestelle wurde die Ruhe von aufgeregten Stimmen durchbrochen. Männer und Frauen warteten auf den Bus Richtung parque nacional. Sie standen allein, zu zweit, zu dritt beisammen, mit Rucksäcken oder Einkaufstaschen. Die Touristen befanden sich gegenüber den Einheimischen eindeutig in der Überzahl. Paul ging in den Laden neben der Station und kaufte für sich und Karla Fahrkarten, mit denen zugleich der Eintritt in den Nationalpark beglichen wurde. Als Paul aus dem Geschäft kam, überreichte er Karla eine der beiden Karten.

"Elf Dollar", sagte Paul und gab Karla ihre Karte. "Sechs Dollar für die Fahrt, fünf Dollar für den Eintritt in den Park. Eine unverschämte Summe. Manchmal denke ich, daß sie die Natur hier nur Nationalpark nennen, um dafür Eintritt kassieren zu können."

"Ist doch nicht so schlimm", sagte Karla. "Da hast du elf Dollar."

"Nicht so schlimm? Elf Dollar ist für manche Menschen ein halbes Vermögen."

"Kann schon sein", sagte Karla.

Seine Belehrungen hatte sie nicht nötig, dachte Karla. Natürlich bedeuteten elf Dollar, für jemanden, der nichts besitzt, eine Menge Geld. Als ob sie das nicht selber wüßte. Wollte Paul ihr ein schlechtes Gewissen einreden, nur weil sie sich diesen Ausflug leistete? Er kam ja schließlich freiwillig mit. Sie war auf einer Urlaubsreise. Sie wollte dieses Land sehen, sich nicht beschränken müssen und dafür hatte sie ein ganzes Jahr gespart. Das hatte sie in ihrem Job aufrecht erhalten.

"Da kommt der Bus", sagte Karla.


***

Nach einer halbstündigen Fahrt erreichte der Bus eine Kontrollstation. Am rechten Straßenrand stand ein hölzernes, aufrecht in den Himmel ragendes, schmales Wärterhäuschen mit Schrankenanlage. Der Balken war hochgezogen. An der linken Seite befand sich ein Hinweisschild mit der Aufschrift: Bienvenido - parque nacional de Lapataia. Nach dem Kontrollpunkt ging die Schotterpiste in eine Sandpiste über und ein paar hundert Meter weiter endete die Fahrt vor einem flachen, langezogenen Holzhaus, das mit einer einfachen, kniehohen Steinmauer umgeben war. Der Bus hielt und die fünf noch verbliebenen Fahrgäste stiegen aus. Die Fenster und die Eingangstür des Hauses waren mit Holzläden verschlossen. Auf einem Schild stand mit weißen Buchstaben: Restaurante. Zwischen den hohen Bäumen, die längsseits der Straße wuchsen, waren Bänke und Tische von der Parkverwaltung für die Besucher bereitgestellt. Die Mülleimer am Wegrand waren leer, dagegen lagen auf dem Waldboden Papierreste, Aludosen, angebrannte Holzscheite und Essensreste. Ein reiches Mahl für die Krähen und Dohlen, die zwischen all dem Abfall herumsprangen, sich um die Leckerbissen rauften und sich schließlich mit der ergatterten Beute in die Baumwipfel zurückzogen.

"Am Wochenende wimmelt es hier sicher von Ausflüglern", sagte Paul.

"Ist ja auch eine tolle Gegend", sagte Karla.

"Das ist wahr. Doch bei den Argentiniern bin ich mir nie sicher, ob sie die Landschaft nicht nur als Kulisse benutzen."

"Eine Kulisse, wofür?"

"Na ja, sieh dir doch den ganzen Dreck hier an. Eine typisch argentinische Müllhalde. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie an Samstagen und Sonntagen über diesen Wald herfallen, mit ihren Autos angerast kommen, ihren Grill auspacken, das Radio laut aufdrehen, saftiges Rindfleisch auf den Tischen ausbreiten, um schließlich ihren asado unter freiem Himmel abzuhalten. Ganz wie die großen Pioniere."

"Asado?", fragte Karla.

"So nennen sie hier ihre Grillpartys. Eine Art Nationalsport. Sie sind stolz auf diese Tradition, auf das große Fressen, ihre Soßen, die sie wie Geheimnisse hüten und von Generation zu Generation weiterreichen. Ich war bei einem großen asado dabei. Ein unvergeßliches Erlebnis. Der Geruch, der Geschmack, das viele Gerede, der Alkohol, die Verbrüderungen. Eine wunderbare Sache."

"Wenn ich mir den Saustall ansehe, kann ich nicht an ein Wunder glauben", meinte Karla.

"Zu Hause, in ihren Gärten würden sie das nie zulassen. Es ist beinahe so, als ende für den Argentinier sein penibel sauber gehaltener Lebensraum vor seiner Haustür."

Karla und Paul machten sich auf den Weg. Die Sonne warf ein helles Licht auf die Landschaft, die sich hinter dem kleinen Wald auftat, der die Raststätte umgab. Sie folgten dem Wegweiser, der die Richtung zur Bucht von Lapataia wies. Eine Sandpiste führte an einem der wenigen Häuser vorbei. Vor dem Haus parkte ein Jeep. Auf dem Teich neben dem Haus kräuselte sich das Wasser unter den leichten Windstößen, die von der Meerseite über den Hügel wehten. Neben dem Haus stand ein Hackstock. Daneben lagen zersplitterte, geteilte Holzscheite.

"Als ob jemand plötzlich den Platz verlassen hätte", sagte Karla. "Ohne Ordnung zu schaffen."

"Ja, er hat alles zurückgelassen."

Karla mußte an ihre Reisen in Norddeutschland denken. Alles hier erinnerte sie an Heidelandschaften: die Hügel, die Wiesen, das viele Wasser, ein Mosaik aus Grüntönen, durchsetzt mit Schattierungen von Braun, weiße und gelbe Blumen als Elemente der Bewegung zwischen Wasserläufen und kleinen Teichen. Auf den umgebenden Bergen, die über die Hügel und bei manchem Ausblick zu sehen waren, lag noch Schnee. Von dort zog sich der Winter das ganze Jahr über nicht zurück. Karla hatte nicht das Gefühl am Ende der Welt zu sein. Diese Landschaft stand im Gegensatz zu Usuhaia. Hier, in dieser menschenleeren Gegend, in diesem von Hügeln und Wäldern umschlossenen Inselstück fühlte sie sich zu Hause.

Das laute Hupen eines Wagens riß sie aus ihren Gedanken. Er näherte sich mit hoher Geschwindigkeit ihrem Standort. Karla konnte gerade noch einen Schritt zur Seite treten, bevor der Wagen an ihr vorbeiraste.

"So eine Schweinerei!", schrie Paul.

"Vielleicht sollten wir einen Weg nehmen, der von der Straße wegführt. Die Autos, der Staub, das ist kaum auszuhalten", sagte Karla.

"Hast du den Plan von gestern abend dabei?"

"Ich habe ihn in meinen Rucksack gesteckt. Einen Moment, bitte."

Mit einem Handgriff zog Karla den Plan aus der Seitentasche.

"Laut dieser Karte zweigt ein schmaler Weg etwa zweihundert Meter von hier ab. Er führt durch diesen Wald da vorne, bis zu einem Sumpf hinter dem nächsten Hügel und endet direkt bei der Bucht. Er scheint zwar etwas länger zu sein, aber dafür holen wir uns dort auch keine Staublungen."

Paul und Karla gingen über die kleine Brücke, die vor ihnen lag und fanden schließlich die von ihnen gesuchte Abzweigung, die nach rechts in den Wald führte.

"Sieh nur, ein Biberhaufen", sagte Karla.

"Es ist unglaublich still hier", sagte Paul. "Nicht einmal eine Vogelstimme ist zu hören."

"Die englischen Siedler haben sie hier ausgesetzt", sagte Karla.

"Wen?" fragte Paul.

"Na, die Biber."

"Kannst du einen sehen?"

"Nein", antwortete Karla.

Paul folgte Karla auf dem sich zusehends verengenden Weg, der über einen steilen Hang weiter in den Wald hineinführte. Die Sonne fiel nur noch an manchen Stellen bis zum Waldboden. Der Regen hatte tiefe Spuren in den Boden gesetzt. Es roch nach frischer Erde, nach vermodertem Laub und es war kühl im Gegensatz zur Wärme auf der Biberstelle. Schließlich passierten die beiden den auf der Karte verzeichneten, ausgedehnten Sumpf, der an der Wegseite umzäunt war. Dahinter ragten in der Ferne schneebedeckte Berge auf. Über allem lag das Licht der Vormittagssonne, das die rotgelben Flechten, das verdorrte Gestrüpp und die weiß glänzenden, verrotteten in den Himmel ragenden Baumstämme leuchten ließ. Die Berggipfel waren in diesem Kontrast der Farben nur zu ahnen. Das letzte Stück Weg bis zur Bahia Lapataia war schwer zu begehen. Der Boden war tief und morastig. Dichtes Gestrüpp überwucherte den Weg. Doch dann traten sie aus dem Unterholz und vor ihnen öffnete sich eine große Bucht. Ein natürlicher Hafen, von Hügeln umschlossen, die am Ende eine Tor bildeten, das den Blick auf die südlichen, chilenischen Berge freigab. In der Mitte eine kleine Insel. Die Bucht war menschenleer. Etwas abseits des kleinen Hügels, auf dem sich Paul u nd Karla niederließen, marschierten Gänsepaare auf das Meer zu und verständigten sich mit quäkenden, aufgebrachten Lauten.

"Laß uns hier Rast machen", sagte Paul.

"Unser früher Aufbruch hat sich gelohnt", sagte Karla.

"Ja, es ist wunderbar."

"Das Ausflugsboot legt frühestens in einer Stunde an", sagte Karla.

Es ist alles so selbstverständlich, dachte sie. Hier zu sein, inmitten dieser Einsamkeit, dieser Abgeschiedenheit - mit Paul. Er war so anders als die Männer, die sie bisher kennengelernt hatte. Die Gespräche ergaben sich wie von selbst. Sie mußten nicht lange nach geeignetem Gesprächsstoff suchen, keine Ausreden finden, keine Verlegenheitssätze sprechen und selbst die Pausen zwischen den Worten waren keine Peinlichkeiten, sondern Ergänzungen, Kontrastierungen des zuvor Gesagten.

"So habe ich mir das Ende der Welt nicht vorgestellt", sagte Karla.

"Was hast du erwartet, vom Ende der Welt?", fragte Paul.

"Vielleicht mehr Kargheit, eine Art Wüste, eine erleichternde Leere."

"Für mich bedeutet das Ende vor allem Ankommen", sagte Paul. "Weißt du, ich habe mich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt. Ich bin wahrscheinlich schon zu lange unterwegs, um noch zu wissen, was es bedeutet, irgendwo wirklich anzukommen und nicht gleich wieder ans Fortgehen zu denken."

"Das kann ich gar nicht glauben. Du mußt doch irgendwo gewesen sein, von wo du nicht gleich wieder aufgebrochen bist."

"Nein. Eigentlich nicht. Meine Reise war die Aneinanderreihung von endlosen Wegstrecken, die von einem Ort zum nächsten führten, wie eine losgetretene Lawine, die erst im Tal, mit vernichtender Wucht zum Stillstand kommt."

Im Moment des Aussprechens wurde Paul bewußt, daß er eigentlich schon sehr lange Zeit auf den großen Knall gewartet hatte, darauf gewartet hatte, daß die von ihm losgetretene Lawine eines Tages über ihn hinwegrollen würde. Doch mit einem Mal, ohne großes Getöse, ohne Aufsehen und ohne Schrecken war die Lawine ausgerollt, fühlte sich Paul angekommen. Er setzte sich neben Karla auf einen Stein, der im dichten, saftigen Gras des Hügels lag und blickte auf die Bucht hinaus und dachte, hier könnte er bleiben, ein Haus bauen, mit Veranda und Schaukelstuhl. Er spürte die wohlige Wärme der Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht und mit einem Mal war jeder Impuls, aufzubrechen und weiterzureisen, verloren. Sein Blick richtete sich auf Karla, die neben ihm im Gras saß, auf ihre vom anstrengenden Marsch geröteten Wangen, auf den kräftigen Biß, den sie in den Apfel hieb. Und kurz verspürte Paul den Impuls, ihr alles zu erzählen, von seiner Abreise, seinem unvorbereiteten, fluchtartigen Aufbruch aus Wien. Er hatte den letztmöglichen Ausweg gewählt: ein Schiff nach Südamerika. Er hatte alles hinter sich zurückgelassen. Es war eine Art Panikreaktion gewesen, um dem vollständigen Zusammenbruch seines damaligen Lebens zuvorzukommen. Paul gab dem Impuls, seine Geschichte über Karla auszuschütten, nicht nach. Was sollte er ihr erzählen? Von seiner Scheidung? Von seinem beruflichen Absturz? Von seiner Orientierungslosigkeit? Es würde sich wie die Geschichte eines Mannes anhören, der in die Jahre gekommen war. Es wäre, als würde er Karla die Geschichte eines Fremden erzählen. Er war im letzten Jahr ein anderer geworden. Und diesen anderen Paul kannte er selbst noch nicht. Vielleicht gerade weil er nicht fähig gewesen war, seine Geschichte zu erzählen, als wäre sie ein abgeschlossener Abschnitt, eine notwendige Vergangenheit, die eine tragfähige Basis für eine Zukunft jenseits dieser Reise bieten könnte.

"Wie lange bist du schon unterwegs?", fragte Karla.

"Lange genug, um zu wissen, daß das Heimkehren von Tag zu Tag schwieriger wird", antwortete Paul.

"Hast du Angst vor dem Heimkehren?"

"Es ist mehr ein Unbehagen. Was wird mich zu Hause erwarten? Manchmal muß ich lange in meinem Kopf suchen, um Erinnerungsbilder an mein Leben vor der Abreise aufzufinden."

Karla verunsicherte Pauls suchender Blick auf ihrem Gesicht. Sie hoffte, daß er diesen stillen Augenblick nicht durch ein unvermutetes Gespräch über Vergangenheiten zerstören würde. Sie wollte keine Geschichten über gescheiterte Beziehungen, zerstörte Träume oder Endzeitvisionen hören. Davon spukten genug in ihrem eigenen Kopf herum. Sie wollte einfach nur neben ihm sitzen und den Fluß der Zeit vorüberziehn lassen, sich dem Genuß des Jetzt hingeben. Wenn er von sich erzählen würde, müßte sie mit ihrem eigenen Leben antworten und dann käme dieses für sie so unangenehme Hineingleiten in die Lebensgeschichte des anderen zustande.

"Manchmal ist es schwierig, weiterzureisen", sagte Paul. "Morgens aufzustehen, den Rucksack zu packen, neuerlich ein Zimmer hinter sich zu lassen, einen Ort, einen Menschen und sich allein der Notwendigkeit des Überlebens zu stellen. Manchmal ist es wirklich ein Überleben. Ich hätte nie gedacht, daß ich das eines Tages sagen würde, aber Reisen hat etwas von der Ewigkeit und in dieser Ewigkeit kann es manchmal ziemlich einsam sein."

"Das kann ich gut verstehen. Mir ist es im letzten Jahr auch oft so ergangen."

"Wo bist du gewesen?", fragte Paul.

"Zu Hause, in Berlin."

"Und was hast du getan?"

"Ich habe gearbeitet", antwortete Karla.

Von der offenen See her näherte sich ein Boot durch das Hügeltor am südlichen Ende der Bucht. Langsam tuckerte es zur Anlegestelle und im Näherkommen war deutlich zu erkennen, daß es sich dabei um eines dieser typischen Touristenboote handelte. Kleine Fähnchen am Bug wehten im Fahrtwind, auf der Heckplattform drängten sich fernstecherbewaffnete Menschen, die ihre Aufmerksamkeit den umliegenden Hügeln widmeten. Das Beidrehen des Bootes war auch für die übrigen, unter Bord befindlichen Passagiere, die aus den Bullaugen einen Blick auf das erwartete Zielgebiet erhaschen wollten, das Zeichen zum Aufbruch. Zwei Stewards ließen die Landungsbrücke auf den Holzsteg am Ufer herunter und unter dem lauten Tuten der Schiffspfeife gingen die Passagiere von Bord. Die bereits durch die Ankunft von Karla und Paul stark verunsicherten Gänse flogen auf und zogen in weitem Bogen über die Hügel hinweg.

"Ich glaube, es wird Zeit, weiterzuziehen", sagte Paul.

"Laut Karte ist der Weg hier zu Ende", entgegnete Karla.

"Dort drüben, hinter dem Holzgatter, führt ein Pfad den Hügel hinauf. Was hältst du davon, wenn wir ihm folgen?"

"Da werden wir wohl nicht weit kommen. Der Pfad endet am Berghang."

"Laß es uns einfach probieren. Es findet sich immer ein Weg, ein Steig oder nur ein Durchschlupf."

Während Karla und Paul ihre Rucksäcke packten, strömten die ersten Bootsmenschen auf den Landungssteg und plazierten sich rund um zwei Tischbänke, die erst jetzt, da sie bevölkert waren, in der Landschaft sichtbar wurden. Einige Touristen zückten ihre Fotoapparate und knipsten, was immer ihnen vor das Objektiv kam. Karla und Paul überquerten den Hügel und betraten den Weg, der die Bucht entlang führte. Kurz darauf waren sie im Dickicht der Uferböschung verschwunden. Der Weg war felsig und uneben. Ein Gespräch kam auf Grund der schwierigen Gehverhältnisse nun nicht mehr zustande. Sie mußten sich auf jeden Schritt konzentrieren, um nicht abzurutschen. Der Weg wurde zum Pfad, der Pfad zum Steig und schließlich war kaum noch ein Weiterkommen möglich. Unter ihnen das Meer, über ihnen der Steilhang.

"Ein äußerst unwegsames Gelände", sagte Karla.

Karla war gar nicht wohl bei dem Gedanken, immer weiter in das beinahe undurchdringliche Dickicht zu geraten. Es hatte schon von der Bucht aus bedrohlich auf sie gewirkt. Plötzlich war sogar der ausgetretene Steig verschwunden. Die Büsche standen immer dichter, die Zweige schnellten, von Paul losgelassen, gefährlich nahe an ihrem Körper vorbei.

"Laß uns umkehren", sagte Paul. "Es wird immer steiler und enger. Ein falscher Tritt und ... ."

Karla sah noch wie Paul haltsuchend nach einem der Äste griff, ihn verfehlte und auf dem sandigen Abhang nach unten rutschte. Instinktiv stürzte sie nach vorne und packte mit der linken Hand Pauls Handgelenk, mit dem rechten Fuß stützte sie sich an einem Baumstamm ab und hielt Paul fest. Sie konnte seine gespannte Sehne spüren, sah seine am Felsen festgekrallten Finger, seinen nach oben gerichteten Blick und suchte seine Augen.

"Halt dich fest!", rief Karla.

Paul spürte Karlas festen Griff. Er versuchte seinen rudernden Körper unter Kontrolle zu bringen, sich zu beruhigen, wandte sein Gesicht nach oben und fand Karlas Augen. Langsam glitt Paul, von Karlas Hand geführt, den Hang hinunter, bis er mit seinem rechten Fuß auf einem der im Meer liegenden Felsblöcke Halt finden konnte. Als er endlich auf festem Stein stand, hielt Karla seine Hand für den Bruchteil einer Sekunde länger fest, als notwendig gewesen wäre. Er ahnte, daß das Lockern des Griffes ihm unangenehm sein würde.

"Danke", sagte Paul.

Karla war von der Zärtlichkeit überrascht, die im Auseinandergleiten der beiden Hände lag.

"Das ist gerade noch einmal gut gegangen", sagte Karla.

"Ja, es war gut", meinte Paul.

Paul half Karla beim Abstieg. Entlang der Uferböschung sprangen sie von Stein zu Stein, stapften über einen Kiesstrand und erreichten schließlich wieder den Landungssteg. Das Boot hatte längst abgelegt und war auf dem Weg nach Usuhaia. Auf der kleinen Insel der Bucht hatte sich ein zurückgekehrtes Gänsepaar niedergelassen, das nun aufgeregt zu schnarren begann, als Paul und Karla sich dem Anlegesteg näherten. Paul lehnte sich gegen das Holzgeländer. Karla holte einen Fotoapparat aus ihrem Rucksack, drückte ihr Auge gegen den Sucher, bis sie Paul ins Bild bekam.

"Sieh mal her, Paul."

"Nein, kein Foto von mir", sagte Paul.

"Nur eines zur Erinnerung, bitte", bettelte Karla.

"Tu mir das nicht an."

"Bleib so stehen. Ja, genau so."


***

Nach einem dreistündigen Marsch erreichten Paul und Karla am späten Nachmittag das Restaurant bei der Busstation. Es hatte immer noch geschlossen. Aber dafür waren jetzt die Argentinier da. Mit ihren Grills, Liegestühlen und Radios lagerten sie auf der Wiese, die dem Richtung Westen liegenden See vorgelagert war. Da Paul und Karla noch eine Stunde bis zur Abfahrt des Busses Zeit blieb, folgten sie einer Abzweigung nach rechts und erreichten nach wenigen Minuten eine kleine Bucht. Sie machten es sich auf einem umgestürzten Baum bequem, dessen Äste weit ins Wasser hinausragten. Karla zog Schuhe und Socken aus, krempelte ihre Hose hoch und steckte den rechten Fuß in das kalte Wasser des Sees, während sie den linken massierte.

"Das tut gut", sagte Karla.

Paul blickte verstohlen auf Karlas Beine. Sie hatte kräftige, rasierte Unterschenkel. Der große Zeh war ein wenig nach innen gebogen. Er hätte am liebsten nach ihrem Fuß gegriffen und ihn an ihrer Stelle einer Massage unterzogen. Das mußte ein angenehmes Gefühl sein, dachte Paul und zog sich nun ebenfalls Schuhe und Socken aus, watete ein Stück in den See hinein, bückte sich und suchte nach ein paar flachen Steinen, die er über das Wasser schlenzen konnte.

"Der ist ideal", sagte Paul und zeigte Karla den runden flachen Stein, bevor er zum Wurf ansetzte.

Karla bewunderte Pauls kräftigen Wurf, wie er die Steine über das Wasser schleuderte, einmal, zweimal, dreimal schlugen sie auf und sprangen weiter. Immer wieder ließ er einen Stein über das Wasser hüpfen. Sie wußte nicht genau, woher es kam, aber mit einem Mal verspürte sie wieder dieses zärtliche Gefühl für Paul, diese Zuneigung, die sich schon am Morgen bemerkbar gemacht hatte. Vielleicht war es ja nur die Nachmittagsstimmung, die Erschöpfung durch den Fußmarsch, die sie derart anlehnungsbedürftig machte. Den ganzen Tag über war sie der Kraft der Novembersonne ausgesetzt gewesen, und das hatte sie müde gemacht, weich und nachgiebig. In solchen Momenten war sie anfällig für männliche Zärtlichkeiten, für die Lust einer innigen, körperlichen Umarmung.

"Acht mal aufspringen, nicht schlecht, was?", fragte Paul.

"Sehr gut", sagte Karla.

Als sich Paul Karla zuwandte, ein fröhliches, beinahe kindliches Lachen im Gesicht, wollte sie aufstehen, zu ihm gehen, ihn umarmen und küssen. Karla sprang von ihrem Ast, hob einen flachen Stein auf und ließ ihn gekonnt übers Wasser springen.

"Fünf mal!", rief Karla.

"Und das gleich beim ersten Mal", staunte Paul.

"Ich bin eben ein Naturtalent."

"Siehst du den Berg da drüben?", fragte Paul.

"Was ist damit?"

"Dort beginnt das chilenische Staatsgebiet. Wir bräuchten nur losmarschieren und könnten die Grenze überschreiten", sagte Paul.

"Das würde uns nicht viel nützen", antwortete Karla.

"Was heißt: Nichts nützen."

"Wir würden niemals über den Berg kommen, der sich hinter der Grünen Grenze befindet."

"Darum geht es doch nicht."

"Worum geht es dann?"

"Es geht darum, eine Grenze zu überschreiten."

Eine Grenze überschreiten, dachte Karla. Es war lange her, daß sie eine Grenze überschritten hatte. In den letzten Jahren war sie vorsichtig geworden. Keinen Schritt zuviel, keine Unachtsamkeit, denn das hatte ihr immer nur Schwierigkeiten eingebracht. Sie respektierte Grenzen jeder Art, denn das war es, was ihr optimalen Schutz bot. Schutz wovor, dachte Karla. Vielleicht, daß das Leben ein Stück vom Glück für sie bereithalten könnte, dem sie nicht gewachsen wäre.

"Wie spät ist es?", fragte Karla.

"Der Bus fährt in einer halben Stunde."

"Wir sollten langsam aufbrechen."


***

Seit zehn Minuten warteten sie nun auf den Bus, und mit jedem Menschen, der hinzukam, fühlte sich Karla ein wenig mehr beobachtet. Eine Frau, die auf der Steinbalustrade der Restaurantveranda saß, starrte zu ihr und Paul herüber und unvermittelt dachte Karla: Zwei. Wir sind zwei. Abgegrenzt von den anderen. Karla war nicht mehr eins, nicht mehr allein. Sie war in Beziehung zu jemandem geraten.

"Da kommt der Bus", sagte Paul.

"Endlich", murmelte Karla.

Der Bus bog mit hoher Geschwindigkeit um die Kurve und wirbelte den Staub der Piste auf. Dicht vor den Passagieren hielt der Fahrer mit beinahe blockierenden Reifen. Als Paul sich nach Karla umblickte, sah er sie zusammenzucken und konnte sich den Schrecken, der in ihrem Gesicht stand, nicht erklären. Paul griff nach Karlas Hand, er wollte sie halten, so wie sie ihn gehalten hatte. Doch Karla entzog sich ihm.

"Karla, was ist los mit dir?"

"Nichts, was soll sein?"

"Du wirkst so verstört."

"Der Bus hat mich erschreckt."

Karla schnappte ihren Rucksack, machte einen mächtigen Schritt auf den Vordereinstieg des Busses zu und erklomm die Stufen.

Paul folgte ihr.



Dieser Text ist das erste Kapitel der Erzählung Einander Zwei. Erschienen in der Edition Art Science 2009. Für alle die das Buch auch in Papierform lesen wollen, können es [hier] bestellen.

eingestellt am: 1.9.2020 | zuletzt aktualisiert am: 1.9.2020
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