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Einander Zwei
Erzählung



Kapitel Eins

Karla war erstaunt, wie ruhig der Anflug auf Usuhaia vor sich ging. Sie spürte den Schwenk, den die Piloten der Aerolineas Argentinas von Norden kommend nach Westen vollzogen, um die Maschine in eine günstige Position zur Landebahn zu bringen. Das Wetter war gut. Der Wind blies moderat.

"Normalerweise tobt hier ein gewaltiger Sturm und beutelt die Maschine ordentlich durch. Heute kann uns nur die Landung gefährlich werden", sagte ein Passagier.

"Die Landung?", fragte Karla.

"Usuhaia ist für jeden Piloten eine Herausforderung. Nur die Pisten von Kathmandu und Hongkong haben einen höheren Schwierigkeitsgrad."

Davon hatte Karla schon gehört, denn noch bevor sie Berlin verlassen hatte, hatte sie sich über die Wetterverhältnisse informiert, die Geographie Feuerlands studiert, die Sprache der Bewohner gelernt, historische Eckdaten recherchiert und diverse Reiseführer durchforstet. Karla plante all ihre Reisen mit akribischer Gründlichkeit und niemand hätte erwartet, daß trotz dieser Planung, trotz der vielen Phantasien über diverse Reiseziele, die sich in ihrem Kopf angesammelt hatten, noch so etwas wie Überraschung möglich gewesen wäre. Doch als die Maschine durch die Wolken stieß, wurde Karla vom Anblick der schneebedeckten Berge überwältigt. Es war nicht der Blick selbst, sondern die polare Krümmungslinie, die ein nahes Bild der verzerrten, auseinandergerückten Distanzen ergab, als wolle die Erde sich dem Flugzeug entgegenwölben. Noch einmal öffnete sich der Horizont, bevor die Maschine der Fremdheit dieses Nordens, der so weit südlich lag, entgegenfiel.

Karla spürte wie das Flugzeug durchsackte. Wenig später setzte die Schubumkehr ein und drückte Karla gegen die Sicherheitsgurte, dann ein kleiner Ruck beim Aufsetzen der Maschine und schließlich das der kurzen Landebahn angemessene, durchschlagende Bremsmanöver.

Karla fiel erleichtert in den Applaus der Fluggäste ein. Kaum war die Maschine am Flugfeld ausgerollt, sprang sie auf und riß ihr Handgepäck aus dem Sicherungsdepo. Sie folgte dem Reflex, der bedingt durch die herrschende Hektik eine Entspannungsreaktion auf den Akt der Landung darstellte, dem sie sich nicht entziehen konnte. Sie konnte sich einfach nicht gegen den kollektiven Impuls wehren, der sie mitriß und zwang, das Flugzeug auf dem schnellsten Weg zu verlassen. Sie drängte sich durch den mit Menschen gefüllten Korridor, verabschiedete sich mit einem flüchtigen Gruß von der Stewardeß und folgte den anderen Passagieren Richtung Flughafengebäude.

Karla war über das hohe Maß an Improvisation in der Ankunftshalle erstaunt. Die Halle war klein, karg und spartanisch möbliert. Auf dem Boden keine Spannteppiche, die jedes Geräusch schluckten, keine Marmorplatten, in denen sich das grelle Licht von Hallogenscheinwerfern spiegelte, schmerzlich in den Augen brannte, sondern einfache, glatt geschliffene Steingutplatten. Auch keine Schalensitze, keine Leuchtreklamen, kein gut gekleidetes Bodenpersonal, kein aufgesetztes Lächeln, nichts als ein Aufenthaltsraum für die wenigen Minuten vor und nach dem Flug. Es gab keine technisierte Gepäckverteilung, keine Fließbänder, sondern nur zwei Beamte, die Koffer und Rucksäcke nebeneinander und übereinander stapelten, die sie gegen Vorweis des Gepäckscheines aushändigten. Zum ersten Mal seit sie argentinischen Boden betreten hatte, fühlte sich Karla fremd, so wie sie es auf Grund der Informationen, die sie über dieses Land gesammelt hatte, eigentlich erwarten durfte. Buenos Aires war ihr nicht fremd gewesen, dort hatte sie sich zurechtgefunden, wie sie sich wohl auch in Italien, Spanien oder Frankreich orientieren hätte können. Doch hier, auf diesem Flughafen, fehlten die europäischen Bezugspunkte. Sie war gezwungen, sich selbst und ihren Blick auf die Welt neu zu ordnen.

Für die ankommenden und abreisenden Passagiere gab es nichts zu essen, nichts zu trinken, keine Zeitschriften zu kaufen. Der Imbisstand war geschlossen, ebenso die Wechselstube und das Tabakgeschäft. Keiner der europäischen Standards wurde erfüllt. Vielleicht war ja gerade das der Grund, warum sie alle gekommen waren, die Franzosen, die Deutschen, die Österreicher, die Schweizer, die Amerikaner. Und sie selbst, war sie nicht auch deswegen hierher gekommen?

Der einzige Fremdkörper in diesem Raum war das Personal, das sich hinter die Absperrung zurückgezogen hatte, rauchend und redend beisammen stand und kaum Notiz nahm von dem Getümmel der Menschen, das sich jenseits des einfachen, aus drei Rohren zusammengesetzten, mit Querbalken verstärkten und weiß gestrichenen Geländers abspielte. Die Männer kümmerten sich nicht um die freudigen Begrüßungsszenen und die ungeduldigen und zugleich sehnsüchtigen Blicke, die immer wieder auf ihnen ruhten, als könnten die Reisenden damit den Vorgang der Gepäckentladung beschleunigen. Aufgeregt und bunt durcheinandergewürfelt standen sie dicht aneinander gedrängt, die einen souverän, die anderen unsicher, einzeln, in Gruppen, nach Familienzugehörigkeit und Nationalität getrennt oder vereint.

Mit einem Mal kam sich Karla deplaziert vor. Sie versuchte sich abzulenken, sich die Zeit bis zur Gepäckausgabe zu vertreiben, in dem sie die Passagiere beobachtete. Einige nutzten die Möglichkeiten, die ihnen ein gemauerter Informationsstand am Rand der Halle bot. Ein junger Mann lümmelte an ein Pult gelehnt und verteilte bei Bedarf Hotelprospekte, Stadtpläne und ähnliche Utensilien. Für ihn war dieser täglich stattfindende Rummel Arbeit, dachte Karla, nichts weiter, keine Exotik, keine Aufregung, keine Sensation, kein Ende der Welt, nur Arbeit.

Karla fühlte sich unwillkürlich an Skiurlaube in den österreichischen Alpen erinnert, an die Abfahrtsstation einer zum Gipfel strebenden Seilbahn, und es hätte sie nicht gewundert, wenn jeden Augenblick die Türen der Halle von der Wucht eines Schneesturms aufgerissen worden wären. Was fehlte, war das kratzende Geräusch von Skiern, die über den Betonboden geschleift wurden. Karla war froh, als ihr endlich ein Beamter gegen Vorweis des Gepäckscheines ihren Rucksack aushändigte und sie auf die Straße treten konnte.

Vor dem Flughafengebäude hatten sich Keiler diverser Hotels und Privatpensionen angesammelt. Sie lehnten an ihren Autos und ihre Blicke suchten nach möglichen Übernachtungsgästen. Einer der Männer eilte auf Karla zu. Er trug eine gelbe Arbeitshose, auf dem Kopf eine blaue Kappe mit roter Aufschrift und in der Hand hielt er einen Packen Visitenkarten.

"Señora, brauchen Sie ein Quartier?", fragte der Mann.

"Möglich", antwortete Karla.

"Ich heiße Juan", sagte der Mann. "Ich arbeite hier, am Flughafen, und meine Frau führt ein Haus im Zentrum der Stadt. Meine Frau heißt Hilda. Sie ist immer zu Hause. Das Quartier ist gemütlich und billig. Es sind vor allem junge Leute dort. Nehmen Sie eine Karte, señora! Neun Dollar geheizt, sieben Dollar ungeheizt. Bett, Dusche und Kochgelegenheit. Ansehen kostet nichts. Links von der Hauptstraße. Hilda ist nett, wirklich. Sie paßt auf das Haus und die jungen Leute auf. Es wird Ihnen gefallen."

"Danke", sagte Karla.

Sie warf einen flüchtigen Blick auf die Visitenkarte, die Juan ihr in die Hand gedrückt hatte:

Juan und Hilda Sanchez. Casa de familia. Deloquoi 395.

Als sie die kleine Brücke überquerte, die die Flughafenhalbinsel mit dem Ort verband, rekapitulierte sie noch einmal den Weg, den ihr Juan beschrieben hatte. Dabei wurde sie jäh unterbrochen, als eine Boeing 727 über ihren Kopf hinwegdonnerte und zur Landung ansetzte. Im Augenblick als die Maschine auf der Piste aufsetzte, der Bremsschub das Wasser der Bucht aufpeitschte und es gegen den hauchdünnen Uferstreifen trieb, der die Landebahn vom Meer trennte, wurde Karla klar, daß sie Ushuhaia nicht mit dem Flugzeug verlassen würde. Die Präzision, die beim Landen und Starten von den Piloten erwartet wurde, erhöhte mit jedem Ab- und Anflug das Risiko eines Absturzes. Einmal war dieses Risiko vertretbar, es ein zweites Mal einzugehen, wäre fahrlässig gewesen.

Juan hatte keinen Blick mehr für Karla, denn schon wandte er sich einem Mann zu, der sich ihm vom Gebäude her näherte.

"Señor, suchen Sie ein Quartier?", fragte Juan.

"Nein, danke", entgegnete Paul.

"Es ist billig. Sehr gemütlich."

"Ich habe bereits ein Zimmer", sagte Paul.

Ja, Paul hatte bereits ein Quartier. Die Adresse hatte er von Anne erhalten, einer jungen, ausnehmend hübschen Französin, mit der er in Montevideo eine kurze und sehr heftige Liebesbeziehung erlebt hatte. Paul holte einen Zettel aus der Jackentasche, auf dem mit winzig kleiner Schrift und dicht aneinandergedrängter Buchstabenfolge ein Name und eine Anschrift notiert waren. Auch ein sorgfältig gezeichneter Plan war beigefügt, mit dem es Paul ein leichtes sein würde, den Weg durch die Stadt zur angegebenen Adresse zu finden. Beim Anblick der Zeichnung und Beschreibung spürte Paul mit einem Mal eine melancholische Stimmung in sich aufsteigen. Er dachte an Anne und an ihre gemeinsamen Tage in Montevideo, die warmen Vormittage in der Altstadt, die langen Spaziergänge am Hafen, die Nachmittage in Cafés und die mondhellen Abende in der Freiluftdiscothek. Und dann am Montagmorgen stieg Anne in den Bus nach Asunción. Es war die Erinnerung an die notwendige Trennung, diesen süßen Schmerz, die Paul veranlaßte seinen Jackenkragen aufzustellen, um sich gegen den einsetzenden Nieselregen zu schützen.

Erst jetzt auf dem Weg in die Stadt wurde Paul klar, daß er sich wieder einmal in der Provinz befand. Die Straße zum Flughafen war nicht asphaltiert. Die kleinen Hügel, die an das Flughafengelände angrenzten, waren kahl und ähnelten mehr einer Müllhalde als einer Naturlandschaft. Die vorbeifahrenden Autos wirbelten Staubfontänen auf.

Jenseits einer kleinen Brücke lag Usuhaia, ein abweisendes, an einen Hügel gekralltes Drecknest. Paul dachte, wenn diesen Ort eines Tages die Kräfte verlassen sollten, würde er einfach ins Meer stürzen. Häuserzeilen dehnten sich gegen den Berghang. Die Häuserreihen bestanden aus einfachen, unverzierten, sehr funktionell errichteten Häusern. Paul vermutete, daß das extreme Klima die Menschen dazu veranlaßte, sich mehr um das Innere ihrer Häuser zu kümmern als um die Gestaltung von Plätzen und Straßen. Die leeren und tristen Räume zwischen den Häuserzeilen schienen nur Mittel zum Zweck, um von einem Gebäude zum nächsten zu gelangen.


***

Etwa zwanzig Minuten hatte Karla gebraucht, bis sie das von Juan bezeichnete Haus gefunden hatte. Anfänglich dachte sie, daß sie in einer falschen Straße, bei einer falschen Adresse gelandet wäre, doch ein Blick auf das kleine Keramikschild neben der Eingangstür belehrte sie eines besseren. Dennoch konnte sie nicht glauben, daß diese einem Abbruchhaus ähnelnde Behausung tatsächlich ident war mit jenem gemütlichen Quartier, das ihr Juan geschildert und ans Herz gelegt hatte. Der frisch aufgebrachte Asphalt, der intakte Gehsteig mit Bordsteinkante, die Auffahrthilfen für Garageneinfahrten standen im krassen Gegensatz zu den unverputzten Ziegelwänden des Hauses und dem gegenüberliegenden verwilderten Grundstück. Ein paar Meter weiter stand ein verbeulter, roter Chevrolet mit Ladepritsche, vollgepackt mit Gerümpel, alten Sesseln, Schutt und einem Kühlschrank, dessen Lack arg zerkratzt war. Die Straße vor dem Haus Deloquoi 395 war menschenleer. Aus dem häßlichen Rohbau der casa de famalia ragten blanke Kabel, die für eine etwaige Außenbeleuchtung vorgesehen waren. Notdürftig verputzte Fugen und ein provisorisch eingebautes Fenster im ersten Stock ließen auf Zugluft schließen. Ein paar zusammengenagelte Holzbretter dienten als Eingangstür. Sie stand offen. Im Inneren des Hauses zeichneten sich betonierte, geländerlose Stiegen ab.

Der Anblick des Hauses flößte Karla keinerlei Vertrauen ein und sie beschloß, die Touristeninformation aufzusuchen, die sie auf ihrem Weg durch die Stadt entdeckt hatte. Dort würde sie sicher die Adresse eines für ihre Bedürfnisse besser geeigneten Quartiers erhalten. Karla trat einen Schritt zurück, drehte sich um und wäre beinahe gegen einen Mann geprallt, der gerade wie sie selbst mit der Begutachtung des Hauses beschäftigt war.

"Entschuldigung", sagte Karla.

"Nichts passiert", antwortete Paul. "Sie wollen gehen?"

"Sie wollen bleiben?"

"Sicher. Die Fassade täuscht. Es ist ein gutes Quartier, glauben Sie mir."

Karla musterte den Mann. Er war nicht besonders groß, kurze dunkle Haare, das Gesicht braungebrannt. Die Stimme des Mannes klang angenehm und sanft.

"Ein gutes Quartier?", fragte Karla.

"Eine Freundin hat es mir empfohlen. Hilda, die Vermieterin, soll sehr freundlich sein, meinte Anne."

Während Paul sprach, betrachtete er die Frau. Ihre Ohren waren von einem lila Stirnband verhüllt. Sie trug eine dicke, schwarze Jacke, darunter einen Pulli, der ihren Hals bis zum Kinn verdeckte. Die Hände steckten in ledernen Fäustlingen. Jeans und Turnschuhe ergänzten ihre Reisekleidung. Paul spürte, daß die Frau unsicher war, daß sie nach einer Ausrede suchte, um aus dieser Situation herauszukommen, wegzukommen von diesem Haus.

"Wer ist Anne?", fragte Karla.

"Eine Freundin", antwortete Paul.

"Ach, eine Freundin", sagte Karla.

Karla blickte dem Mann nach, der sich auf die Eingangstür zubewegte. Sie selbst blieb überrascht stehen. Der Mann forderte sie mit winkenden Händen auf, ihm zu folgen. Einen kurzen Augenblick schloß Karla die Augen, versuchte sich zu konzentrieren, so als könne sie den Mann wegdenken, sich ganz auf sich selbst zurückziehen. Doch als sie die Augen wieder öffnete, stand der Mann immer noch in der Haustür und sie mußte sich eingestehen, daß die Beunruhigung lediglich Produkt ihrer eigenen Unsicherheit war, daß dieses Haus nur ein Rohbau, mit einer häßlichen Fassade war - und nichts weiter - und daß dieser Mann ein Reisender war, der schon in wenigen Stunden weit weg sein würde.

"Kommen Sie, sehen wir es uns gemeinsam an! Gefällt es uns nicht, gehen wir wieder. Niemand zwingt uns zu bleiben."

Paul betrat das düstere Stiegenhaus und konnte kaum etwas erkennen. Er blieb stehen und wartete, bis sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten. Links führte eine betonierte Wendeltreppe in den ersten Stock, rechts in den Keller. Das Stiegenhaus war erfüllt von leiser Tangomusik, die aus dem oberen Stockwerk kam und im Keller zu verklingen schien. Eine tolle Akustik, dachte Paul und stieg die Treppe nach oben. Etwa auf der Hälfte des Weges nahm Paul Schritte hinter sich wahr, das schabende Geräusch von Schuhen, das Tasten von Händen entlang der Ziegelwände und ein heftiges Atmen. Er blickte sich kurz um und war ein wenig stolz auf sich, denn er hatte offensichtlich Eindruck gemacht. Sie war ihm gefolgt.

"Ziemlich dunkel", sagte Karla.

Sie stieg die Wendeltreppe hoch, folgte dem schweren Schritt des Mannes. Seine Hände tasteten sich Halt suchend an der Wand entlang. Dann blieb er unvermittelt vor der Tür zum oberen Stockwerk stehen. Sie war nur leicht angelehnt und ein Streifen Licht fiel auf sein Gesicht. Der Mann öffnete die Tür und eine Woge aus Licht und Musik flutete über Karla hinweg. Es dauerte einen Augenblick bis sie dem Mann folgen konnte, der vor ihr in eine Art Küche getreten war, die offensichtlich gleichzeitig als Empfangszimmer und Speiseraum diente. Auch im Inneren des Hauses fand Karla die selbe Rohbauatmosphäre vor. Der fehlende Verputz an den Wänden, die notdürftig verfugten Ziegelmauern trugen nicht zur Vertrauensbildung bei. An den Wänden hingen Regale und Küchenkästchen. Unter dem Fenster stand eine Abwasch und ein Herd verbunden mit einer Arbeitsplatte. An der gegenüberliegenden Wand ein Kühlschrank. Obenauf ein Ghettoblaster. In der Mitte des Raumes stand ein großer Tisch, flankiert von zwei langen Bänken. Von der Decke hing eine nackte Glühbirne, die in einer notdürftig an einem Kabel befestigten Fassung steckte und leicht im Luftzug hin und her schwang. Die an der Frontseite des Tisches sitzende, etwa fünfzigjährige Frau versöhnte Karla mit der kargen Umgebung.

"Willkommen", sagte die Frau.

"Guten Tag", antworteten Paul und Karla.

"Kommen Sie rein. Nur keine Scheu. Ich heiße Hilda Sanchez. Sie suchen ein Zimmer?"

"Ja", sagte Paul.

"Ich habe drei Betten frei, zwei in einem geheizten und eines in einem ungeheizten Zimmer, neun beziehungsweise sieben Dollar pro Nacht. Kochgelegenheit und Dusche inbegriffen."

"Betten?", fragte Karla.

Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte ein eigenes Zimmer erwartet - ein Hotelzimmer.

"Sehen wir sie uns an", antwortete Paul.

Hilda legte ihr Strickzeug beiseite, erhob sich aus dem Schaukelstuhl und verließ die Küche Richtung Hinterzimmer.

"Folgen Sie mir", sagte Hilda.

Der Raum, den Karla nun betrat, war bis auf ein paar Betten leer, dunkel und kalt. Sie fühlte sich an ein Massenquartier von Bauarbeitern erinnert. Wenn sie in diesem Zimmer übernachten würde, käme sie sich vor wie eine Montagesklavin, dachte sie. Natürlich konnte die abweisende Atmosphäre auch von der Dunkelheit herrühren, aber als auch das Einschalten der Deckenbeleuchtung keine Verbesserung brachte, war Karla sofort klar, daß dieser dunkle, ungeheizte Raum für sie nicht in Frage kam.

"Und das andere Zimmer?", fragte Paul.

"Gleich nebenan", sagte Hilda.

Karla folgte Hilda durch den schmalen Verbindungsgang, der ins Nebenzimmer führte. Im Zimmer war es warm und hell. Der Fensterblick reichte über den Hafen zum Flughafengelände. Jenseits des Beagle Kanals konnte sie die chilenischen Inseln sehen. Auf einer quer durch den Raum gespannten Wäscheleine hingen Socken, Handtücher, Hemden, Hosen und Unterwäsche zum Trocknen. Neben den Betten standen Rucksäcke, Schuhe, Flaschen und Plastiksäcke. Die Konsequenz der Vorläufigkeit hatte einen gewissen Reiz, dachte Karla.

"Ich nehme ein Bett in diesem Zimmer. Und wo ist die Dusche?", fragte Paul

Er bewunderte Hildas Verkaufsstrategie. Zuerst bot sie ihnen das ungeheizte, dunkle Zimmer an, um sie danach mit der Helligkeit, Wärme und dem Ausblick auf die Bucht zu besänftigen. Paul fühlte sich wohl in diesem Chaos aus menschlichen Hinterlassenschaften, aber gleichzeitig registrierte er den skeptischen Blick der Frau. Er spürte ihren Widerstand, ihre Ambivalenz. Paul stellte seinen Rucksack ab und trat durch die von Hilda geöffnete Tür in einen großen Nebenraum. In der linken Ecke eine Duschtasse mit Vorhang, ganz in weiß. An den Wänden und am Fußboden weinrote Fliesen. Rechts die Klomuschel und neben der Tür Waschbecken und Spiegel. Es war sauber und es gab Klopapier. Paul wußte, daß das keine Selbstverständlichkeit war.

"Es ist in Ordnung", stellte Paul fest. "Welche Betten sind noch frei?"

"Dieses hier, gleich vor dem Fenster und jenes da drüben, in der Ecke", antwortete Hilda.

Karla konnte sich nicht entscheiden. Die Atmosphäre eines Massenquartiers, die Unordnung, das chaotische Durcheinander von Habseligkeiten abwesender Menschen, die Unmöglichkeit sich von den später Zurückkehrenden abzugrenzen, all das trug nicht zur Beseitigung ihrer Unsicherheit bei.

"Ich nehme das Bett in der Ecke", sagte Paul.

Aber noch war da der Mann, der sich wie selbstverständlich in diesem Raum niederließ, als wäre er gerade nach Hause gekommen. Der Mann entschied sich, ohne zu zögern. Er hielt sich den Rücken frei. Seine Entschlußkraft sicherte ihm einen entscheidenden Vorteil, dachte Karla.

"Eine gute Wahl, señor. Und sie señora?", fragte Hilda.

"Ich weiß nicht recht."

"Das Quartier ist in Ordnung", sagte Paul. "Nett und sauber. Bleiben Sie hier."

"Wo sind all die anderen?", fragte Karla.

"Unterwegs. Ausflüge, Besichtigungstouren", antwortete Hilda.

"Gut, ich bleibe."

"Glauben Sie mir, señora, ihre Wahl war gut. Woanders finden Sie vielleicht mehr Ruhe, vielleicht sogar ein Einzelzimmer, aber nicht zu diesem Preis. Und dort werden Sie sicher nicht rund um die Uhr betreut. Bei mir können Sie sich Tee kochen und Ihr Gepäck ist unter Aufsicht. Ich lasse Sie jetzt alleine. Packen Sie erst einmal in Ruhe aus. Die Formalitäten erledigen wir später. Wenn Sie etwas brauchen, ich bin in der Küche."

Paul zog sich in seine Ecke zurück. Während er den Rucksack auspackte, beobachtete er die Frau bei derselben Tätigkeit. Sie geht sehr systematisch vor, dachte Paul. Sie stellte ihren Rucksack neben dem Bett ab, öffnete eine Tasche nach der anderen und erst dann zog sie Kleidungsstücke, Waschzeug und Schreibutensilien daraus hervor, die sie feinsäuberlich auf dem Bett zu kleinen geordneten Stapeln gruppierte. Neben das Waschzeug legte sie den Pullover, daneben Socken und Unterwäsche, rechts davon einen Kugelschreiber, eine Art Tagebuch und eine Landkarte. Ihre Bewegungen waren zielsicher und ruhig. Paul erschien sein eigenes Vorgehen plötzlich sehr chaotisch. Er wühlte in seinem Rucksack, heftig und rasch wollte er sich auf seinem Bett einrichten. Natürlich herrschte auch bei ihm Ordnung, denn Sorgfalt war auf einer Reise das halbe Überleben. Pauls Prinzipien folgten der Einfachheit, sein Regelwerk diente einzig dem Zweck der Reise, des Fortkommens und des Ankommens. Ankommen war ihm zum Alltag geworden.

"Alles okay?", fragte Paul.

"Ja, alles in Ordnung," erwiderte Karla.

"Sie werden sehen, es wird Ihnen gefallen."

"Sicher."

Karla packte entschlossen ihr Waschzeug und ging ins Badezimmer, wusch sich Gesicht und Hände. Nach einem langen Flug fühlten sich ihre Hände klebrig und ihr Gesicht fettig und schmierig an. Als sie ins Zimmer zurück kam, war der Mann verschwunden. Karla richtete sich auf ihrem Bett ein, nahm ihren Paß und ging in die Küche.
"Das ist Andre", sagte Paul. "Ein Freund. Ich traf ihn vor ein paar Wochen in Peru."

"Paul und ich haben ein paar schöne Tage verbracht", antwortete Andre.

"Ich heiße Karla."

"Setz dich doch zu uns", sagte Paul.

Wie selbstverständlich fand die Kontaktnahme statt, dachte Karla. Das Duwort war zum Code für Verständigung, für ein Aufeinanderzugehen geworden. Paul drängte sich nicht auf. Er sprach kein Wort zuviel und zeigte dennoch Interesse.

"Andre und ich wollen zum Glaciar Marcial. Kommen Sie mit, Karla?"

"Nein, Danke."

Eines beunruhigte Karla zusehends: die Geschwindigkeit, mit der sich Paul fortbewegte. Sie mußte Zeit gewinnen, um sich zurechtfinden, den Ort zu erkunden, seßhaft zu werden. Paul schien das alles nicht zu brauchen, dachte Karla.

"Bis später", sagte Paul.

Als die beiden verschwunden waren, legte Karla ihren Paß auf den Tisch und setzte sich zu Hilda, die ihr Strickzeug wieder aufgenommen hatte.


***

Paul ging neben Andre die Hauptstraße hinunter, vorbei an den Fluggesellschaften und der Touristeninformation.

"Wie kommen wir zum Glaciar Marcial?", fragte Paul.

"Laut Reiseführer mit dem Bus", antwortete Andre.

Bei der Busstation fand Paul eine unauffällige Haltestellentafel vor, die mit dem Hinweis versehen war, daß Karten und Auskünfte im Getränkeladen, neben der Haltestelle zu erhalten seien. Paul betrat, gefolgt von Andre, den Laden. Es dauerte ein wenig, bis er sich an das Zwielicht gewöhnt hatte. Hinter dem Ladentisch stand eine Frau und rauchte.

"Was kann ich für Sie tun?"

"Wir wollen zur Talstation des Sesselliftes", sagte Paul.

"Derzeit fährt kein Bus", sagte die Frau.

"Verdammt", sagte Andre. "Und was machen wir jetzt?"

"Ich kann meinen Schwager anrufen. Er bringt Sie mit dem Taxi hin."

"Was kostet uns das?", fragte Paul.

"Zwei Dollar fünfzig", antwortete die Frau.

"Für zwei?", fragte Andre.

"Wo denken Sie hin. Pro Person. Wir sind hier in Argentinien nicht in Bolivien."

"Gut, rufen Sie ihn an", sagte Paul.

Zehn Minuten mußte Paul mit Andre warten bis der Schwager der Ladenbesitzerin auftauchte. Er war Paul sofort sympathisch. Er redete viel und offensichtlich auch gerne. Als er den Platz hinter dem Steuer seines Kombiwagens einnahm, hatte Paul kurz das Gefühl, als würden sie von einem Bären kutschiert. Der untersetzte, bullige Mann hing mit seinem Körper über dem Lenkrad und steuerte den Wagen in rasanter Fahrt durch die Ortschaft. Mit seinem breiten Rücken blockierte er Paul die Aussicht nach vorne und so blieb ihm nur der Blick durchs Seitenfenster.

Was er sah, war eine typische argentinische Kleinstadt. Im Ortszentrum befanden sich hauptsächlich einstöckige Einfamilienhäuser, mit einem kleinen Laden im Erdgeschoß: Schmuckgeschäfte, Lebensmittel- und Elektronikhandlungen, Restaurants. Zur Peripherie hin uferte die Stadt schließlich in die Vorstadtslums aus. Selbst hier am Ende der Welt gab es die villas miserias, die sich rund um jede große lateinamerikanische Metropole bildeten. Aus Brettern zusammengezimmerte Hütten, mit Lehm verputzte Steinbauten, deren morastige Vorgärten von einem windschiefen Zaun umgeben waren. Auf den Straßen, auf dem vom Regen tief aufgeweichten Boden, spielten Kinder und Hunde. Auch in Usuhaia gab es die Trennlinie zwischen arm und reich, zwischen Zentrum und Peripherie. Hinter der letzten eingestürzten Hütte öffnete sich eine Serpentinenstraße, die in den Wald führte und erst bei der Talstation des Sesselliftes endete.

"Danke für die Fahrt", sagte Paul.

"Und die guten Tips", fügte Andre hinzu.

"Kommen Sie heil nach oben", sagte der Fahrer.

Der Weg war von Baumwurzeln übersät und mit tief in den Boden eingebetteten Felsen gespflastert. Er führte entlang des im November bereits stillgelegten Sesselliftes durch ein mit Bäumen dicht bewachsenes Waldstück den Berg hinauf. Nach einer Wegstrecke von etwa zwei Stunden öffnete sich der Wald in einen von einem schmalen Bach durchzogenen Bergeinschnitt. Am Ende klebte der Glaciar Marcial am Berghang. In den schattigen Mulden des Bachbettes lag auch jetzt im Hochsommer noch Schnee, der an den Rändern des Wasserlaufes zu Eiskristallen erstarrt war. Die an den Südhängen gelegenen, moosüberwucherten Felsen waren nicht leicht zu bezwingen, denn bei jedem Tritt, den Paul tat, quoll Feuchtigkeit an die Oberfläche der Moosteppiche und machte den Steig rutschig. Trotz der zurückgelegten Wegstrecke rückte der Gletscher nicht näher. Im Gegenteil, bei jedem Schritt schien er um ein Stück kleiner, grauer und unansehnlicher zu werden. Der Wunsch ihn zu erreichen, verlor für Paul an Bedeutung. Er blieb stehen, drehte sich um und blickte auf die Bucht von Usuhaia. Im Tal lag der Beagle-Kanal, dahinter die schneebedeckten Berge der chilenischen Inseln. Es war weniger der Blick, der Paul faszinierte, sondern mehr das Wissen, daß hinter diesem Kanal, hinter den Bergen die Antarktis lag, das verlorene, eisige Land. Noch weiter südlich hätte er nur mehr gut ausgerüstet und für viel Geld reisen können. Paul schlug eine Rast vor und Andre stimmte bereitwillig zu.

"Wie ist es dir in Lima ergangen?", fragte Paul.

"Sie haben mich ausgeraubt. Mein Paß wurde gestohlen. Es hat Wochen gedauert, bis ich von der Botschaft einen neuen erhielt. Du weißt ja, wie das mit den Behörden in Peru ist. Die Kommunikation mit Paris war miserabel. Schlechte Telefonverbindungen, miese Diplomatie und ein endlos langer Behördenweg. Drei lange Wochen saß ich in Peru fest. Lima war zu diesem Zeitpunkt nicht gerade ein angenehmer Ort für einen längeren Aufenthalt. Also entschloß ich mich, die Zeit zu nutzen und durchquerte das Land von Norden nach Süden, von Westen nach Osten. Und wie ist es bei dir gelaufen seit unserem Marsch entlang des Inkapfades?", fragte Andre.

Der Inkapfad, dachte Paul. Drei Tage Marsch durch den Urwald. Fünf Männer immer auf der Hut, denn Überfälle waren in manchen Gegenden Perus an der Tagesordnung. Oft wurden einfach die Rucksäcke aufgeschlitzt. Ein Mann zeichnete ein weißes Kreuz auf den Rucksack, ein zweiter schlitzte ihn entlang der weißen Kreuzlinien auf und zwei weitere stürzten danach herbei, um die auf den Boden fallenden Habseligkeiten zusammenzuraffen. Die ganze Aktion dauert nicht länger als zwei, drei Minuten. Oder die Zehn-Dollar-Morde. Ein bewaffneter Mann trat auf einen Reisenden zu und verlangte zehn Dollar. War der Tourist dumm genug, ohne Kleingeld unterwegs zu sein, konnte es schon passieren, daß er nur deshalb einen Messerstich oder eine Kugel abbekam, weil er es verabsäumt hatte, für die ihm entgegentretende Armut Sorge zu tragen. Und Paul hätte es verstehen können, wenn er getötet worden wäre, denn einen Rucksack von europäischer Machart und Qualität zu besitzen, bedeutete Reichtum. Und Reichtum bedeutete die Chance auf ein warmes Abendessen. Paul war reich und daher gefährdet. Bisher waren ihm jedoch derart drastische Begegnungen mit Armut erspart geblieben. Auf dem Inkapfad war er sich erstmalig der Gefahr bewußt geworden, die von dieser Armut ausging. Die Angst vor einem Überfall hielt eigentlich bis zum letzten Nachtlager an, das sie auf der Anhöhe über einem Talkessel einrichteten. Am nächsten Tag standen sie früh auf, denn sie wollten Machupichu noch vor den ersten Touristenmassen erreichen. Sie traten durch das Dickicht und da lagen die Tempelanlagen im Morgengrauen vor ihnen, menschenleer, moosüberwuchert und still.

Seit langem waren die Tage und Wochen eine lange Abfolge von Abenteuern, Begegnungen mit Orten, Menschen und Geschichten gewesen. Er war unterwegs, seit bald einem Jahr, von Norden nach Süden, und war nun doch wieder im südlichen Norden gelandet.


***

Karlas Weg durch die Stadt führte sie zur Touristeninformation, wo sie sich weitere Tips und Anregungen für Ausflüge holte. Das Büro befand sich in einem engen, überheizten und lärmigen Raum, in dem sich zahlreiche Touristen mit ihren Rucksäcken, Handtaschen und Photoapparaten drängten. Karla fiel es schwer, sich in dem Sprachengewirr zurechtzufinden, die richtige Sprache für ihre Fragen zu finden. Der Mann hinter der Theke drückte ihr ein paar Prospekte und Wanderkarten in die Hand und dann stand sie wieder auf der Straße, allein mit ihrem Reiseführer, der nur wenige Informationen über Usuhaia bot. Kurzbeschreibungen von Museum, Gefängnis, Beagle-Kanal, Glaciar Marcial und Parque Nacional. Jetzt machten sich Karlas gewissenhafte Reisevorbereitungen bezahlt. Nun war sie selbst an jenen Orten, wo sich die Geschichten über die Pioniere, die Indios und die Militärs zugetragen hatten, über die sie soviel gelesen hatte: Geschichten über Entdeckungen, Besiedlungen, Erforschungen, Ausrottungen, neue Besiedlungen, Militarisierung, Errichtung von Handelskolonien und Industriezonen.

Karla erreichte den Hafen. Dort, wo früher die Eroberer, Entdecker und Handelsleute vor Anker gingen, warteten nun die Rundfahrtboote auf Touristen. Sie lehnte sich an das Molengeländer und betrachtete die Stadt. Jetzt, da sie Usuhaia so kalt und abweisend vor sich liegen sah, mußte sie lange nach dem Grund suchen, warum sie gerade diesen Ort als Ausgangspunkt für ihre Urlaubsreise gewählt hatte. Natürlich erinnerte sie sich noch an Bruce Chatwins Buch über Patagonien. Seine Beschreibung der patagonisch-englisch-argentinischen Geschichte, seine Erzählungen über Magellan, Darwin, die ersten Pioniere, die Emigranten hatten sie beeindruckt und den Ausschlag zugunsten Argentiniens gegeben. Bruce Chatwin unterwegs. Es war wie in diesem Buch. Alles war in ihrem Kopf. Alles und noch mehr. Paul, der wie selbstverständlich auf sie zugegangen war. Er hatte einen Anfang gesetzt - ohne ihr Einverständnis abzuwarten, ohne daß sie zu einem Akt der Gegenwehr ansetzen hätte können.


***

Bei seiner Rückkehr von der Gletscherwanderung beschäftigte Paul nur ein Gedanke: Karla. War sie geblieben, abgereist, hatte sie sich ein anderes Quartier gesucht? Tausend Gedanken gingen Paul durch den Kopf, als er durch die Tür trat. Hilda saß im Schaukelstuhl. Am Herd stand Sylvia, die bereits seit zwei Tagen hier war und von Chile nach Usuhaia gekommen war.

Paul war enttäuscht.

"Hast du Karla gesehen?" fragte Paul.

"Ja", sagte Sylvia.

"Und, wo ist sie?"

"Wein besorgen. Wir haben sie zum Essen eingeladen. Ich hoffe, du hast nichts dagegen."

"Keineswegs", sagte Paul.


***

Karla blieb unvermittelt stehen, als sie in die Küche trat und Paul mit einer Frau am Herd stehen sah. Die beiden waren mit dem Verkosten einer Soße beschäftigt. Paul schien Karla nicht zu bemerken.

"Hallo, Karla."

Paul hörte Andres Begrüßung und drehte sich augenblicklich zur Eingangstür um. Immer wieder hatte er während des Kochens zur Tür geblickt, um ja nicht Karlas Auftritt zu verpassen. Und als er sie jetzt so dastehen sah, erschrocken und enttäuscht, war seine gute Stimmung, seine Vorfreude verschwunden.

"Da bist du ja, Karla", sagte Paul.

"Setz dich zu mir", sagte Andre.

"Gerne, und nochmals danke für die Einladung", sagte Karla.

Sie war überrascht von der Geschäftigkeit, die sich im Laufe des Abends im Haus entwickelte. Unentwegt kamen und gingen Bewohner der casa de familia Sanchez. Erst jetzt fiel Karla auf, daß die Küche der zentrale Raum der Pension war. Alle mußten ihn durchqueren, die einen um ihr Abendessen einzunehmen, die anderen um zu ihren Betten zu gelangen. Manche bereiteten sich mit Fahrplänen und Landkarten auf ihre Abreise vor. Karla fühlte sich wohl und die Rohbauatmosphäre wich einer heimeligen Stimmung, die das Provisorische in etwas Heimisches verwandelte, in etwas Familiär-Vertrautes. Männer und Frauen setzten sich an den Tisch, nahmen am Gespräch teil und erzählten Geschichten.

"Wir müssen los", sagte Andre.

"Unser Bus fährt in einer halben Stunde", ergänzte Sylvia.

"Ich begleite euch noch zur Haustür", sagte Hilda.

"Wir sehen uns sicher bald wieder", sagte Andre.

"Vielleicht in Chile", sagte Paul.

"Bis bald", sagte Karla.

"Sehen Sie", sagte Hilda. "Wegen dieser Abende führe ich mein Haus. Jeden Tag kommen junge Leute in meine Küche und erzählen mir Geschichten von der Welt da draußen. Und wenn ich dann spät abends zu Juan hinübergehe, um für ihn Essen zu kochen, dann ist es, als würde ich von einer langen Reise heimkehren."

"Sie sind ein hübsches Paar", sagte Paul.

"Du meinst sie sind..."

"Ja, natürlich."

"Ach, so", murmelte Karla.

Erst jetzt, als alle das Haus verlassen hatten, fiel Karla auf, wie still es geworden war, wie sehr Hilda das Haus mit Leben erfüllte. Karla mochte Hilda. Ihre ruhige und gelassene Anwesenheit faszinierte sie. Für Karla war das Leben nie ein langer ruhiger Fluß gewesen, sondern immer eine Herausforderung, eine unkontrollierbare Strömung, von der sie sich nur dann nicht mitgerissen fühlte, wenn sie sich selbst unter Kontrolle hielt, die Strömungslinien, die Wasserwirbel und die ruhigeren Uferregionen im Auge behielt, sich an den ihr bekannten, unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten ihres Lebensflusses orientierte. Doch nach dem heutigen Tag war sie nicht mehr sicher, ob dies der einzige Weg war, ihren Lebensstrom zu beherrschen. Offensichtlich gab es hier am Ende der Welt Menschen, die sich einfach treiben ließen, jeden Tag mit Neugier begannen und am Abend in das seichte, stille Uferwasser zurückkehrten, ohne von Stromschnellen und Wasserfällen weggespült zu werden. Karla stand auf, trug die letzten paar Gläser zur Abwasch und blickte durch das Küchenfenster in den Garten hinter dem Haus, der im Licht der Straßenlaterne lag. Karla sah Pauls Bild im Fensterglas.

"Bleibst du Morgen?", fragte Paul.

Paul spürte Karla Atem holen.



Dieser Text ist das erste Kapitel der Erzählung Einander Zwei. Erschienen in der Edition Art Science 2009. Für alle die das Buch auch in Papierform lesen wollen, können es [hier] bestellen.

eingestellt am: 2.8.2020 | zuletzt aktualisiert am: 29.8.2020
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