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Einander Zwei
Erzählung



Kapitel Drei

Paul trat über die Bordsteinkante auf die Uferstraße. Doch noch bevor der Fuß auf dem Asphalt aufsetzen konnte, zog er ihn zurück, um den Lastwagen, der viel zu schnell und allzu knapp an ihm vorbeifuhr, passieren zu lassen.

Paul war unaufmerksam. Er spürte, daß sich etwas veränderte, daß seine Reise nach der gestrigen Wanderung mit Karla und dem gemeinsamen Abendspaziergang eine andere Richtung bekommen hatte. Paul wußte nichts mehr mit sich anzufangen, jetzt da Karla beschlossen hatte, den Vormittag alleine zu verbringen, zu telefonieren und Briefe zu schreiben. Seine gewohnte Reaktion auf dieses Verlorensein war Aufbruch und Weiterreise. Aber obwohl Usuhaia keinen Reiz mehr für ihn hatte, verharrte er an diesem Ort. Irgend etwas fehlte noch, dachte er, als er den modernisierten Vorplatz der Hafenmole betrat. Er stand im krassen Gegensatz zu jenen Häusern und Straßen, die er am Stadtrand gesehen hatte, zu den morastigen Straßen, den windschiefen Zäunen. Die Stadtverwaltung wußte ihre Prioritäten zu setzen. Den Autos war die Zufahrt durch eine schwere Eisenkette verwehrt. Der Platz selbst war mit roten und weißen Pflastersteinen ausgelegt. Die Anlage konnte noch nicht lange in dieser Form existieren, denn die zwei Bäume in der Mitte des Platzes waren frisch gepflanzt und die vier an den äußeren Rändern des Halbkreises aufgestellten Bänke waren von der rauhen Witterung noch unversehrt. Das Ausflugsboot schaukelte am Anlegesteg auf und ab. Nur vereinzelt standen Touristen auf dem ins offene Meer hinausragenden Steg und warteten auf die Abfahrt. Paul trat an das Molengeländer heran, das unvorsichtige Menschen vor einem Absturz in das Hafenbecken schützen sollte. Er blickte auf das vom Wind aufgepeitschte Meer hinaus. Eine Erinnerung blitzte auf. Später hätte er nicht mehr genau sagen können, was in ihm die Erinnerung an seine Heimatstadt wachrief, die er vor knapp einem Jahr fluchtartig verlassen hatte. Vielleicht war es der Blick über das Meer, auf die dahinterliegenden Hügel gewesen, der ihn an Wien erinnerte. Vielleicht war es der für einen Bruchteil von Sekunden aus den Wolken hervorbrechende Sonnenstrahl, der ihn zurückversetzte in diesen Septembertag, diesen milden Spätherbsttag, der zwar warm aber nicht mehr brütend heiß war. Er war hinausgefahren auf die Donauinsel, hatte sich in die Pizzeria am Ufer gesetzt, unter einen mit türkisen Fransen geschmückten Sonnenschirm und eine Coca-Cola mit Eis getrunken. Damit hatte er immer schon Meer, Sonne, Strand, Ferienstimmung und die freie Verfügung über sich selbst verbunden. Sein Blick war über die Donau zum Kahlenberg gewandert, hinter dem sich hohe Gewittertürme aufbauten. Und mit einem Mal hatte er gewußte, daß er aufstehen und weggehen würde. Es war ganz leicht gewesen, die Schwere, die er immer bei solchen Gedanken empfunden hatte, zu überwinden. Es war ganz leicht gewesen, aufzustehen, nach Hause zu fahren, den Job zu kündigen, alles Ersparte zusammenzukratzen, jemand für die Wohnung zu finden, der sie in seiner Abwesenheit bewohnen würde, um dann ein Flugzeug zu besteigen und schließlich ein Schiff nach der Ost-West Passage zu nehmen. Und als er damals das Segelschiff betrat, sich an die Reeling lehnte und aufs Meer hinausblickte, war Wien nicht einmal mehr eine Erinnerung gewesen.

Paul stieß sich vom Molengeländer ab, als er das Läuten der Glocke vom Anlegesteg vernahm. Er ging langsam auf das Boot zu, so als müsse er seine Fassung wieder gewinnen. Und als er über die Gangway schritt, dachte er zum erstenmal ans Heimkehren, an die Rückkehr in die Stadt, die er seine Stadt genannt hatte, bis er selbst sie nicht mehr ertragen konnte und aufbrach, um alles zu vergessen.

Er verließ das Deck, um sich im Inneren des Schiffes ein wenig aufzuwärmen. Er öffnete die schwere Eisentür und trat in den Kabinenraum. Die Luft war verraucht und dementsprechend stickig. An der Vorderseite befand sich eine kleine Bar, an der es diverse Getränke und Snacks zu kaufen gab. Doch im Moment schien niemand daran Interesse zu haben. Alle Blicke auf die Inseln im Strom gerichtet.

"Ein paar dreckige, kleine Inseln", sagte ein Mann.
"Ein wenig südöstlich von hier hätten sie beinahe einen Krieg wegen solcher Inseln vom Zaun gebrochen", stimmte ihm ein anderer zu.
"Kaum zu glauben, wo sie doch so aussehen, als wären sie von irgendjemand vergessen worden."
"Das gleiche sollten wir auch tun. Vergessen wir sie einfach."

Ja, dachte Paul, sie sind wirklich winzig, die Inseln. Dennoch war sie in ihrer Kleinheit ein Symbol für das Leben in dieser unwirtlichen Gegend. Die aufbrausende, vom Wind aufgebrachte Gischt leckte gleich Feuerzungen an den Felsen, zwang die Seehunde, sich auf der einen Seite der Insel und die Kormorane auf der anderen zusammenzudrängen. Dahinter ragten die Berge von Usuhaia auf und die an deren Abhängen gelegenen Häuser drängten sich wie die Tiere schutzsuchend aneinander. Die schneebedeckten, wolkenverhangenen Hügel standen im Gegensatz zu dem mit grünen, gelben und roten Flechten überwucherten grauen Felsen. Paul dachte an Karla und das Moor, wo es dieselben Farbtöne gab, die sich aber deutlicher abhoben gegen die schneeweißen Berge. Hier war alles nur ein wenig grauer, ein wenig schattierter, übergangsloser und undeutlicher. Mit einem Mal wurde Paul bewußt, daß sie nicht mehr nur zwei Menschen, mit zwei voneinander getrennten Geschichten waren, sondern eine dritte, gemeinsame hinzugefügt hatten. Und er konnte sich nicht gegen die Freude wehren, die dieser Gedanke in ihm auslöste.


Karla ging die Uferstraße entlang. Ein beißend kalter, frostiger Wind peitschte vom Meer kommend über Feuerland hinweg. Über Nacht war der Winter aus der Antarktis zurückgekehrt. Karla stellte den Jackenkragen hoch, rückte das Stirnband zurecht und kämpfte sich durch den Wind ans östliche Ende der Bucht, wo sich das museo territorial befand. Das Haus war klein und von einer Mauer umgeben, auf die ein Maschendrahtzaun aufgesetzt war. Es mußte erst vor kurzem renoviert worden sein, denn die Hauswände strahlten in herrlichem Weiß und waren im Gegensatz zu vielen anderen Häusern unbeschädigt. Durch ein Eisengittertor erreichte Karla den gemauerten Aufgang, der zur Eingangstür führte. Sie trat durch eine Glastür ins Museum ein, wo sie die Atmosphäre eines Wohnhauses empfing. Die Stille war für ein öffentliches Gebäude ungewöhnlich und erschwerte es Karla, in der Frau, die an einem kleinen Tisch neben der Tür saß, die Betreuerin des Museums zu sehen. Die Kassierin könnte ebenso gut die Eigentümerin des Hauses sein, der sie nur kurz einen Besuch abstattete, ihr nun Rucksack und Jacke aushändigte, um sich anschließend durch die Räumlichkeiten führen zu lassen. Karla konnte sich gut vorstellen, wie hier früher eine Familie lebte. Sie dachte, hinter all den Schaukästen würde es dieses Leben noch geben und wenn sie das Museum ausräumen würden, kämen diese Menschen wieder zum Vorschein. Dort, wo jetzt die Bibliothek war, könnte die Küche gewesen sein. Durch den Vorraum würde die Besucherin in den Wohnsalon weitergehen, wo sich jetzt die Vitrinen mit ausgestopften Vögeln und Artefakten der eingeborenen Bevölkerungen befanden. Dann weiter ins nächste Zimmer, möglicherweise das ehemalige Schlafzimmer, wo nun der erste Kolonialwarenladen Usuhaias orginalgetreu nachgebildet worden war. Akribisch hatten die Museumsausstatter Gegenstände zusammengetragen: eine Waage, eine Kasse, verschiedene Dosen, Gebrauchsgegenstände des Alltags, Werbetafeln. Karla war begeistert. Nichts deutete darauf hin, daß es sich um ein Museum handeln könnte, sogar das gedämpfte Licht entsprach den Verhältnissen der damaligen Zeit. Nur die sauberen Fußböden, die frisch gestrichenen Wände, das Gardinenweiß der Vorhänge waren der Beweis, daß es sich um ein Museum handelte.

Schlagartig machte sich ihre altbekannte Museumsmüdigkeit bemerkbar. Das langsame Gehen, das Herumstehen, die Stille und hier vielleicht auch die unglaublich britische Atmosphäre ermüdeten Augen, Beine und Rückgrat. Karla kehrte in die neben dem Vorraum befindliche Bibliothek zurück, wo Bücher über Feuerland, Stadtpläne des Ortes und Naturmagazine über die Geschichte Usuhaias Auskunft gaben. Karla setzte sich, blätterte in einigen Zeitschriften. Sie konnte sich aber nicht wirklich auf die Artikel, die Bilder oder Graphiken konzentrieren. Seit Paul sie verlassen hatte, nach diesem wunderbaren Frühstück, um eine Rundfahrt auf dem Beagle Kanal zu machen, fühlte sie sich von innerer Unruhe getrieben.

Sie stand auf, ging zum Fenster und blickte übers Meer. Und da war sie wieder, diese Erinnerung, die sie so lange Zeit in einer abgelegenen Zone ihres Gedächtnisses vor sich selbst verborgen gehalten hatte. Dieser Blick über das Meer und der kurze Moment, als ein Stück Sonne durch die Wolken brach, erinerte sie an Griechenland und ihren Mann. Ihr Mann, wie sich das anhörte, nach lebenslänglicher Bindung, ein herzerreißend wunderbarer Gedanke und doch beängstigend zugleich. Der Blick über die weiße Mauer hinaus aufs Meer, er neben ihr, wie selbstverständlich, ohne Gegenwehr gegen das gemeinsame Altwerden, beinahe ein Inventarstück. Zufrieden in sich selbst ruhend und ausgeglichen. Er ließ ihr keine Wahl, als wegzugehen. Eine mußte ja Widerstand leisten gegen dieses Glück, das hinter jeder Geste, hinter jeder Tat, hinter jedem sexuellen Akt auf sie wartete, unausweichlich, schon im Beginn bekannt und im Ende erwartet. Sie hatte ihn verlassen. Und sie war erstaunt gewesen über die Leichtigkeit, mit der sie diese Trennung vollzogen hatte. Ihre Reise nach Feuerland war der Versuch, Distanz zwischen ihn und sich selbst zu legen, so als würde durch die Entfernung der Schmerz erträglich über den Verlust des anderen. Sie vermißte ihn, aber sie war sich auch gleichzeitig sicher, daß es die richtige Entscheidung war.

"Suchen sie etwas Bestimmtes?" fragte die Museumsaufseherin.
"Nein, nein, ich habe nur die Aussicht genossen", antwortete Karla.

Sie fühlte sich ertappt und hatte es plötzlich sehr eilig, aus dem Museum wegzukommen, den Ort zu wechseln. Sie folgte der Frau in den Vorraum, nahm Jacke und Rucksack an sich, die ihr von der Frau am Eingang überreicht wurden, dann schlüpfte sie verstohlen durch die Tür. Karla schlich sich davon, so als könnte sie damit die wiederaufgetauchte Erinnerung aus ihrem Gedächtnis löschen.


Paul stand an der Reeling, als sich das Boot dem Hafen näherte und einen Augenblick lang dachte er, er hätte auf der Straße eine Frau gesehen, die Karla ähnlich sähe. Sie trug eine schwarze Jacke, wie jene, die Karla schon am ersten Tag und dann gestern bei der Wanderung getragen hatte. Doch durch die Wendung des Schiffes beim Anlegemanöver verlor Paul die Frau aus den Augen. Er drängte sich durch die auf das Deck strömenden Menschen in den Innenraum des Schiffes, um auf die andere Seite zu gelangen, in der Hoffnung er würde dort vielleicht seine Wahrnehmung überprüfen können. Doch die Frau war nicht mehr zu sehen. Plötzlich hatte es Paul eilig, das Schiff zu verlassen. Die Aussicht Karla wiederzusehen, hatte ihn in Bewegung gesetzt. Das Herunterlassen des Landestegs, das Aussteigen der Touristen ging ihm viel zu langsam, nervös zappelte er mit den Händen und seine ganze Gelassenheit war verschwunden. Und als er endlich auf dem Vorplatz der Hafenanlage stand, sah er Karla auf den Steg zukommen. Sie schien ihn jedoch nicht zu bemerken. Karla steuerte direkt auf das Geländer zu, an dem er selbst noch vor etwa einer Stunde gelehnt hatte. Sie blieb am Geländer stehen, verharrte mit starrem Körper und blickte unverwandt aufs Meer hinaus. Paul folgte ihr und trat hinter sie.

"Es ist schön, dich zu sehen", sagte Paul.
"Ach du bist es, Paul. Du hast mich ganz schön erschreckt."
"Das tut mir leid. Wie war dein Vormittag?"
"Ich war im Museum. Nicht sehr aufregend. Und du?" fragte Karla.
"Eine Rundfahrt auf dem Beagle Kanal. Außer ein paar Inseln mit Seehunden und Vogelscheiße auch keine besondere Aufregung. Und was hast du jetzt vor?"
"Keine Ahnung. Ich weiß nur, daß ich Hunger habe."
"Gehen wir etwas Essen?" fragte Paul.


Es war keine dieser typisch mitteleuropäischen Pizzerias, wo alles auf eine penetrante Art und Weise an Italien erinnerte. Nichts von dem in Europa oft so lächerlich anmutenden Kitsch war zu sehen, diesem herbeigezwungenen Flair, dieser mit Bedacht hergestellten italienischen Gemütlichkeit, die ohnehin immer nur eine Kopie der Wirklichkeit darstellte, eine Kopie, die dem Betrachter keine andere Wahl ließ, als an das Italien der Werbeprospekte zu denken. Das Lokal war nur spärlich besetzt. Karla und Paul wählten einen Tisch am Fenster, während Karla immer noch an den Gemischtwarenladen dachte. Sie versuchte sich vorzustellen, wie die Leute wohl hier gelebt haben mögen, vor fünfzig, vor hundert, vor hundertfünfzig Jahren. Dabei tauchten vor allem Bilder aus dem Wilden Westen in ihrem Kopf auf: umzäunte Forts, kleine Häuser in abgelegenen Gebieten, der feindlichen Umwelt ausgeliefert. Menschen, gleich Eindringlingen in eine fremde Welt, die sie nicht willkommen hieß, und die sie sich doch aneignen wollten, weil sie aus einer noch fremderen Heimat kamen. Es gelang ihr nicht, sich ein authentisches Bild von dieser Gegend zu machen, vor der Zeit, als die Argentinier aufgetaucht waren. Eine Siedlergemeinde, die sich darin übte, Land urbar zu machen, einen Marinestützpunkt aufzubauen und Seuchen unter die Indianer zu bringen, die sich rascher ausbreiteten, als sie selbst dies je zustande gebracht hätten. Und dann die Strafkolonie, das große und vielleicht sicherste Gefängnis der Welt, um dann doch noch zurückzukehren zur eigentlichen Bestimmung: Handelszone am Ende der freien Welt. Natürlich hatte sie Bücher gelesen, hatte Bilder im Kopf, doch die standen im krassen Gegensatz zu dem, was sie den Tag über zu sehen bekommen hatte. Das alles waren Geschichten aus einer Zeit, als es noch keine asphaltierten Wege, keine Zentralheizungen und keine Elektronikfabriken gab. Es war schwer für Karla sich vorzustellen, wie die Leute wohl durch die schneereichen, kalten und windigen Winter gekommen waren, was sie getan haben in den langen Nächten und den kurzen Sommern: vielleicht nichts anderes als sie auch in Schottland oder Irland getan hätten. Sie nahm sich vor, bei ihrer Rückkehr nach Berlin mehr über dieses Land in Erfahrung zu bringen.

Der schrille Pfiff eines Ausflugsbootes riß Karla aus ihren Gedanken. Erst jetzt realisierte sie, daß Pauls Spaghetti längst auf dem Tisch standen.
"Mahlzeit", sagte sie. "Iß, sonst werden sie kalt."
"Danke", antwortete Paul.

Karla beobachtete wie er die Nudeln sorgfältig am Tellerrand rollte, um sie dann solcher Art gezähmt, ohne Probleme zu sich zu nehmen. Er aß mit einer Systematik, die sie diesem Mann nicht zugetraut hätte. Für Karla wurde Paul in diesem Augenblick ein wenig menschlicher. Ja, Paul war ihr wie ein Fabelwesen vorgekommen, wie ein Mann aus einer anderen Welt, nicht wirklich real. Jetzt da er seine Spaghetti ordnete, sie mit dem Feuer einer Beamtenseele verzehrte, wurde er zu einem Mann mit Fehlern und Schwächen. Dabei war sie sich nicht sicher, ob ihr diese Erreichbarkeit, diese Nähe überhaupt recht wäre. Karla blickte auf die Straße, um für einen kurzen Augenblick Pauls Anwesenheit zu entkommen. Es nieselte leicht, die Straße war naß und es waren kaum Menschen zu sehen. Der spitzenbesetzte Vorhang bewegte sich leicht in der Zugluft, die durch das Eintreten eines älteren Paares ins Lokal verursacht wurde. Es war wie damals in Norwegen, dachte Karla. Ihr letzter gemeinsamer Urlaub mit Ulf, ihrem Traumehemann. Da saßen sie in Mo I Rana, auch am Ende der Welt angekommen, in diesem Taleinschnitt, und der regennasse Wald dampfte unter der plötzlich durch die Wolken gebrochenen Sonne. Ulf hatte mit dem Auto an der Raststätte gehalten und sie war ihm ins Lokal gefolgt. Dann hatte sie zwei Stunden am Fenster gesessen und auf den See hinausgestarrt und gewartet, daß irgendetwas passieren möge. Aber es ist alle beim Alten geblieben. Der Augenblick ging vorüber und da wußte sie, daß sie sich trennen würde. Vielleicht wollte sie hierherkommen, in ein Land am anderen Ende der Welt, um sich davon zu überzeugen, daß es einen Augenblick geben könnte, der das Versprechen halten würde, das aus ihm entstand. Und vielleicht war Paul der Mann, der diesen Augenblick für sie erzwingen würde - ohne sein Wissen. Vielleicht war es seine Unwissenheit, die sie immer wieder in seine Nähe trieb.

"Pizza am Ende der Welt. Die Italiener haben die Welt tatsächlich bevölkert. Überall haben sie ihre Tomaten- und Käsespuren hinterlassen", sagte Paul.
"In diesem Teil der Welt waren sie jedenfalls erfolgreich", antwortete Karla.

Paul sog gerade die letzten beiden Nudel ein und tunkte anschließend mit dem noch im Korb verbliebenen Weißbrot die übriggebliebene Soße auf, als er endlich erkannte, was ihn, seit Karla ihre Pizza bekommen hatte, derart irritierte. Irgendetwas war anders als in den letzten beiden Tagen. Eine Art Geste oder Handlung hatte sein Bild von ihr durcheinandergebracht. Es war die Art, wie sie ihre Pizza aß. Sie ging die Sache nicht systematisch, akribisch und strukturiert an, im Gegenteil, sie schnitt wild darauf los, zerstückelte die runde Scheibe in einzelne Teile, gleich einem Skalpell führte sie das Messer, um jene Teile, die nicht ihren Gefallen fanden, auszusondern, auf dem Tellerrand zu lagern, aber nicht geordnet, sondern durcheinander, so daß am Ende nichts als ein Haufen Müll übrig blieb, den sie beinahe verschämt mit einer Serviette zu verdecken suchte. Diese beschwerte sie mit Messer und Gabel und hoffte so, daß der Kellner, der sich höflich danach erkundigt hatte, ob denn das Essen auch in Ordnung gewesen wäre, erst in der Küche bemerken würde, daß sie einen Verstoß gegen ihre eigenen Regeln verübt hatte. Paul wußte nicht, was er von dem Gefühl, das diese Gesten in ihm auslösten, halten sollte, aber plötzlich bekam Karla Konturen, die über eine unerreichbare Schwärmerei hinausgingen. Mit einem Mal wurde Karlas Nähe zu einer Realität und sie selbst zu einer Frau, die sich nicht nur durch die Möglichkeit eines Begehrens auszeichnete, sondern immer mehr zu einem Wunsch verdichtete, dieses Begehren auch zuzulassen.

"Wie hat dir die Pizza geschmeckt?" fragte Paul.
"Die beste, die ich seit langem gegessen habe, nur zuviel Speck", antwortete Karla und fügte hinzu: "Und was wirst du heute noch tun?"
"Die Frage ist, was gibt es in dieser Stadt noch zu sehen?" fragte Paul.
"Das Gefängnis von Ushuaia."
"Es gibt ein Gefängnis? Und wir können es besuchen?"
"Ja, warum nicht?"
"So wie ein Besucher Tiere im Zoo beobachten kann?"
"Natürlich gibt es keine Gefangenen mehr", antwortete Karla.
"Keine Gefangenen mehr? Schade."
"Und was meinst du zu dem Vorschlag?" fragte Karla.
"War das eine Aufforderung zur gemeinsamen Besichtigung?"
"Was sonst?"
"Laß uns gehen", sagte Paul.


Das Gefängnis sah von außen nicht besonders einladend aus, dachte Paul. Es erinnerte ihn in seiner gelben Schlichtheit an eine Kaserne oder aber auch an einen Gutshof. Dicht an die Hauptgebäude gebaut, lagen niedrige Nebengebäude, die Stallungen glichen. Nichts erinnerte mehr an die Zeit der Jahrhundertwende, als dieses Gefängnis vielleicht zu einem der sichersten der Welt zählte. Nicht nur deshalb, weil es von seiner Bauanlage her beinahe ausbruchsicher war, sondern weil es noch dazu auf einer Insel lag, von der es nur schwer ein Entkommen gab. Vor allem nachdem sich die Chilenen entschieden hatten, flüchtige Häftlinge an die argentinischen Behörden auszuliefern.

Durch ein großes Tor betraten Paul, Karla folgend, eine runde Vorhalle, über die sich ein Kuppelbau wölbte. Von dieser säkularen Kathedrale aus führten sternförmig Gänge in das Innere des Gebäudes. Das Prinzip der Beobachtung, der ständigen Überwachung schien oberste Priorität bei der Planung des Gebäudes gehabt zu haben. In den Gängen reihte sich eine Zelle an die andere und keine von ihnen war viel größer als das Liegewagenabteil eines europäischen Schnellzuges, mit derselben Bettenzahl, nämlich sechs, nur mit dem Unterschied, daß die Gefangenen in diesen Zellen oft jahrzehntelange Haftstrafen absitzen mußten und nur auf eine Amnestie hoffen konnten, um nicht in diesen Rattenlöchern zugrunde gehen zu müssen.

Paul konnte sich gut vorstellen, wie es den inhaftierten Sozialisten und Anarchisten ergangen sein muß. Selbst wenn es einer der Gefangenen geschafft hätte, durch Bestechung eines Wärters diesen Mauern zu entkommen, selbst wenn er sich in den Wäldern durchschlagen hätte können, wäre er dennoch immer auf die Hilfe Einheimischer angewiesen gewesen, um die stürmische See zu überwinden. Und dann noch dreitausend Kilometer mit dem Schiff oder auf dem Landweg bis Bueons Aires, unerkannt, heimlich - eine Unmöglichkeit. Wer hier gelandet war, der hatte sein Leben verwirkt. Und selbst mit einer Begnadigung hätte ihn die Haft bis zum Lebensende geprägt, hätte sie nur Verwirrung zurückgelassen, keine Kraft, um ein neues Leben zu beginnen. Wer diese Folter überlebte, wurde das Gefängnis im Kopf niemals wieder los.

Paul ging den Gang entlang, das schabende Geräusch seiner Schritte brach sich an den Wänden. Er konnte selbst nicht genau sagen, warum er so vorsichtig, beinahe behutsam von einer Zelle zur nächsten ging. Dieser geschlossene Raum schüchterte ihn ein. Vielleicht erwartete er, in einer der Zellen ein Skelett zu finden, daß ihm plötzlich ein Mensch entgegentreten, ihn ansehen und Fragen stellen könnte, auf die er keine Antworten finden würde. Es gab nur wenig Licht in diesem Gang und überall lag Schutt. Paul hatte den Eindruck, als wäre das Gefängnis erst vor kurzem aufgelassen worden. Von der Kasernenatmosphäre war kaum noch etwas zu spüren. Nur diese Beklemmung der Enge, der permanenten Beobachtung blieb. Im Geist sah er die Gefangenen auf ihren Pritschen sitzen, frierend, mit Blechbüchsen in den Händen, und zugleich wußte er, daß dies nur verrückte Bilder aus Filmen waren, die er über solche Gefängnisse gesehen hatte, die ihm dieses Trugbild vorgaukelten. Das Gefängnis war nicht real, es war ein in Stein gemauertes Haus, keine Gefangenen und keine Wärter, nichts als Geschichten, die mehr oder weniger wahr waren.


Karla fühlte sich von dem Moment an unwohl, als sie die Vorhalle, diesen Artefakt der Grausamkeit, betrat. Immer wieder blickte sie sich unsicher um, ob ihr auch niemand folgen würde. Sie hielt sich hinter Paul, der sich bereits in den weiter nach innen führenden Gang abgesetzt hatte. Vorsichtig stieg sie über den am Boden verstreuten Schutt, trat in den Zellengang und blieb vor einer windschief in den Angel hängenden Tür stehen. Sie getraute sich nicht ,in die Zelle einzutreten. Es schien ihr, als würde sie die Intimsphäre der ehemaligen Insassen verletzen. Es war eine absurde Vorstellung, daß sie in derselben Zelle stehen könnte, wie die politischen Häftlinge der Jahrhundertwende. Doch dann trat sie ein und war sofort gefangen von der Enge des Raumes. Sechs Männer, dachte sie, sechs Männer auf vielleicht drei Quadratmeter Fläche. Ein Fenster, das einer Schießscharte glich und zu hoch angebracht war, um jetzt einen Blick aufs Meer zu werfen, jetzt da keine Pritschen mehr da waren, auf die sie hätte klettern können. Karla fühlte sich allein. Sie wollte der Beklemmung entgehen, indem sie tief einatmete, doch für einen kurzen Augenblick bekam sie keine Luft. Sie tat zwei hastige Schritte und fand sich auf dem Gang vor der Tür wieder. Paul eilte an ihr vorbei. Karla wollte sich an ihm festhalten, aber Paul ließ es nicht zu, denn schnell und zügig schritt er an ihr vorüber.

Stille herrschte zwischen Paul und Karla, als sie sich in der Vorhalle wieder begegneten. Beide schienen sich in diesem kleinen Alcatraz verloren zu haben. Karla blickte zur Decke. Paul kickte eine leere Coladose über den Fußboden. Sie strebten aus dem Raum hinaus, aber gleichzeitig hielt sie etwas zurück. Ihre Körper entfernten sich voneinander und hielten sich auf Distanz. Der Eindruck des eben Gesehenen machte es schwierig, in jenen Tag zurückzukehren, den sie vor einer halben Stunde verlassen hatten. Schließlich setzten sich beide doch noch in Bewegung und gingen auf den Eingang zu. Als sie durch das Tor hinaustraten, schlug ihnen eine Windböe Sand entgegen und sie mußten sich noch einmal den schießschartenartigen Fenstern zuwenden. Die Nähe, die sie noch vor einer Stunde in der Pizzeria verbunden hatte, schien mit einem Mal flüchtig geworden.

"Ich werde packen", sagte Karla.
"Du reist ab, so plötzlich?" fragte Paul.
"Könntest du jetzt noch bleiben?"
"Es wäre schwierig."
"Ich nehme den Bus nach Punta Arenas."
"Du willst nicht fliegen?" fragte Paul.
"Hast du dir schon ein Mal die startenden und landenden Flugzeuge angesehen?" gab Karla zu bedenken. "Die Räder streifen beinahe das Meer beim Landen. Beim Starten ziehen sie knapp über den Hügeln hinter dem Flughafen hoch. Bei der Kürze dieser Landebahn hätte ich immer die ins Nichts startenden Maschinen vor Augen. Das würde ich nicht ertragen."
"In Punta Arenas gibt es nicht viel zu sehen, habe ich gehört."
"Eigentlich möchte ich nach Calafate. Das erreiche ich aber von dieser Seite nur über Chile und Punta Arenas", sagte Karla.
"Das ist ein gutes Ziel. Was hältst du davon, wenn wir gemeinsam reisen?" fragte Paul.
"Es wäre nicht ausgeschlossen", antwortete Karla.



Dieser Text ist das dritte Kapitel der Erzählung Einander Zwei. Erschienen in der Edition Art Science 2009. Für alle die das Buch auch in Papierform lesen wollen, können es [hier] bestellen.

eingestellt am: 28.10.2020 | zuletzt aktualisiert am: 28.10.2020
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