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Marie Langer
31. 8. 1910 Wien | Buenos Aires 22. 12. 1987



Colmenar | Für Spaniens Freiheit

Spanien bedeutete für Marie Langer und viele andere Österreicher/innen, die in diversen illegalen linken Organisationen tätig waren, die Chance, die Demokratie (im eigenen Land bereits verloren) in einem anderen Land, an einer anderen Front zu verteidigen. Viele tauschten ihr Leben im Untergrund - also einen geheimen Kampf - gegen einen sichtbaren Krieg ein, bei dem Hoffnung bestand, ihn auch gewinnen zu können.

Aus den Lebensbeschreibungen von Spanienkämpfer/nnen geht hervor, daß die Motivationen, für das demokratische Spanien einzutreten und die beschwerliche Reise auf sich zu nehmen, ebenso vielfältig wie unterschiedlich waren. Der gemeinsame Nenner dürfte aber ein zutiefst politisches Interesse an den Vorgängen in Spanien gewesen sein, weil alles, was in Spanien geschah, für jeden geschah und jeder für das, was dort geschah, verantwortlich war. (Vgl. Gavric 1984) Ein Schlüsselerlebnis für viele der österreichischen Interbrigadist/inn/en stellten die Ereignisse um den 12. Februar 1934 in Österreich dar. Nach der sogenannten Selbstausschaltung des Parlaments (4.3.1933) verschärften sich die sozialen und politischen Gegensätze im Land zwischen den Linken (Sozialdemokrat/inn/en, Kommunist/inn/en) und den Rechten (Christlich-sozialen). Dollfuß, nach der Selbstausschaltung autoritärer Kanzler-Regent Österreichs, versuchte nicht einen Ausgleich herzustellen, sondern trieb im Gegenteil die Linke und ihre paramilitärischen Organisationen (Schutzbund) in den Untergrund. Profitiert haben von dieser breiter werdenden und anscheinend unüberbrückbaren Kluft vor allem die Nationalsozialist/inn/en und deren Organisationen (NSDAP). Die Terroranschläge der illegalen NSDAP und der von Dollfuß verstärkte Druck auf die Sozialdemokrat/inn/en führten schließlich zu einem dreitägigen Bürgerkrieg in vielen Städten Österreichs, bekannt geworden unter dem Begriff Februarkämpfe, in denen Heimwehr- und Schutzbundverbände sich eine bewaffnete Auseinandersetzung lieferten. Die Sozialdemokrat/inn/en und Kommunist/inn/en wurden besiegt, viele von ihnen verhaftet, wieder andere flohen ins Ausland oder gingen in den Untergrund, einige wurden durch Standgerichte verurteilt und anschließend hingerichtet.

Die progressiven, demokratischen Kräfte waren also seit dem Februar 1934 in der Defensive und - was noch viel wichtiger war - von den politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen. Unter Schuschnigg, dem Nachfolger von Dollfuß, verschärfte sich die Situation weiter. Von diesem Ausschluß aus dem öffentlichen Leben waren vor allem auch die Frauen betroffen, denn die bürgerlichen Frauen verabsäumten es nach 1918 (Erreichung des Wahlrechts), eine Neuorientierung ihrer Politik durchzuführen. Die Zerschlagung der Demokratie traf sie dadurch umso härter, denn das austrofaschistische Regime nahm die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Frau wieder zurück. (Vgl. Schöffmann 1986:47)

1936 schließlich zeichnete sich auch in anderen europäischen Ländern der Sieg des Faschismus ab. In Italien saß Mussolini fest im Sattel, in Deutschland war der Aufstieg der Nationalsozialist/inn/en nicht mehr zu verhindern, und in Österreich glichen die letzten beiden Jahre vor dem Anschluß mehr einem bewußtlosen Taumel als einer tatsächlichen Selbständigkeit. Dieses bewußtlose Österreich verließ Marie Langer nicht unbedingt mit schwerem Herzen, auch wenn sie Angst vor dem hatte, was auf sie wartete, denn die Chancen sind groß, in einem Krieg zu sterben. (Langer 1986:93) Wie viele andere stand ihre Familie bzw. ihre Mutter den Ereignissen in Spanien und Maries Engagement verständnislos gegenüber. Die Reaktion der Mutter fiel dann auch dementsprechend eigenwillig aus, denn sie ließ Marie Langer wissen, daß sie ihr kein Geld nach Spanien schicken würde. Marie Langer selbst hatte jedoch andere Sorgen, denn kurz vor ihrer Abreise kamen ihr Zweifel, die sie Fritz Jensen mitteilte. Dieser hielt ihr ein sehr politisches Argument entgegenhielt, das eher auf das Überindividuelle verwies und ihr so die Zweifel nahm: Du wirst das Leben von vielen Kameraden retten können, und diese Kameraden haben auch eine Mutter. Falls du doch sterben solltest, wird deine Mutter vielleicht verzweifelt sein - aber sind die Mütter der anderen, denen du geholfen hast, nicht genauso viel wert wie deine? Also die Trauer einer Mutter gegen die Freude vieler Mütter, die ihre Söhne behalten konnten. Die Bilanz bliebe immer positiv. (Langer 1986:94) Zur selben Zeit als sich Marie Langer entschied, nach Spanien zu gehen, stellte die englische Labour-Party ein Team von Ärzt/inn/en und Krankenschwestern zusammen. Max Langer, Chirurg und Assistent im Mautner-Markhof Kinderspital (DÖW 1986:226), fuhr nach London, um organisatorische Probleme zu klären. Marie Langer holte sich die Einwilligung der Partei und fuhr los.


Über den Reiseweg der Langers ist mir nichts bekannt, weswegen ich auf den von den meisten Freiwilligen auf der Reise nach Spanien gewählten zurückgreifen möchte: Für die Ausreise aus Österreich gab es mehrere Möglichkeiten: Jene, die einen gültigen Reisepaß besaßen, nahmen üblicherweise über Mittelsmänner Kontakt mit Storkans Organisationsbüro auf. Von dort erhielten sie eine Bahnkarte Wien-Basel-Paris, einen Geldbetrag von rund 100 Schilling, um bei Grenzkontrollen nicht wegen Mittellosigkeit wieder nach Österreich zurückgeschickt zu werden, und Meldeadressen für den Umsteigeort Basel und für den vorläufigen Zielort Paris. In Gruppen von mehreren Personen oder als Einzelreisende fuhren sie dann mit der Westbahn nach Basel und weiter nach Paris. Dort nahmen sie Kontakt zum österreichischen oder zum internationalen Spanienkomitee auf; manche wurden auf ihren gesundheitlichen Zustand überprüft, ehe sie per Bahn und Lastautos in die französischen Pyrenäen gelangten. Mit Führern überquerten sie in der Nacht zu Fuß illegal die spanische Grenze. (DÖW 1986:49)

Die Langers erreichten wahrscheinlich im Oktober bzw. November 1936 Barcelona. Marie Langer schildert die Stadt als fröhlich und ausgelassen, aber die politische Situation blieb ihr, so wie vielen Österreicher/innen bis zum Schluß undurchsichtig und verworren, denn von den inneren Konflikten und politischen Diskussionen bekamen die Beteiligten kaum etwas mit. Es scheint so, als habe sich auch in diesem Fall eine ganz einfache Erfahrung durchgesetzt, nämlich daß die Teilnahme an der Geschichte die Information ausschließt. (Guttmann 1988:83) Die Lage in Spanien war auch schwer zu durchschauen und nur für wirklich Eingeweihte verständlich, denn es gab zahllose Interessensgruppen, die teilweise miteinander gleichzeitig aber auch gegeneinander arbeiten konnten. Es herrschte große Verwirrung, denn von einer einheitlichen Haltung war die bunt zusammengewürfelte Volksfrontregierung weit entfernt. Anarchist/inn/en, Trotzkist/inn/en, Kommunist/inn/en, Sozialist/inn/en sowie regionale Gruppierungen kämpften um Teile der Macht. Diese Kämpfe führten im Mai 1937 sogar zu bewaffneten Auseinandersetzungen in Barcelona. Kein Wunder also, daß viele der freiwilligen Spanienkämpfer/innen die politische Lage nicht überblickten. Marie Langer hatte jedoch klare Befehle, die sie ausführte, und das Begreifen der tatsächlichen Kriegsrealität bzw. der politischen Zusammenhänge kam erst allmählich hinzu. Während ihres vierzehnmonatigen Aufenthaltes in Spanien führten sie ihre Einsätze durch das halbe Land. Während des gesamten Aufenthaltes befand sich Marie Langer in Begleitung von Max Langer, als dessen Assistentin sie immer wieder bezeichnet wurde. Von Barcelona, das sie im Oktober oder November 1936 erreichten, wurden sie an einen Frontabschnitt im Norden, in der Nähe von Aragón, geschickt. Dieses Gebiet lag auf dem Territorium der Anarchist/inn/en. Ihre politische Praxis und das daraus resultierende soziale Klima faszinierten Marie Langer: In den Dörfern haben wir gesehen, wie zufrieden die Leute mit der Situation waren. Geld gab es nicht, man kaufte alles mit einem Papierchen - im guten Glauben, daß niemand mehr verlangen würde, als er brauchen konnte; es gab auch keine Hierarchien, aber eine enorme Kameradschaft und Solidarität. (Langer 1986:98)

Da es jedoch zuwenig Arbeit für zuviel Personal gab und die Front sich rasch beruhigte, kehrten Marie und Max Langer nach Barcelona zurück, das mittlerweile viel von seiner Lebensfreude, die noch bei ihrer Ankunft zu spüren war, eingebüßt hatte. Zu dieser Zeit, im Jänner 1937, wird die 15. Internationale Brigade aufgestellt, an deren Sanitätsgruppe sich Marie und Max Langer beteiligen. Sie stand unter der Leitung von Walter Fischer, dem Bruder von Ernst Fischer, einem bedeutenden Sozialdemokraten. Die militärische Führung lag in den Händen des Oberst Janos Calicz. In der 15. Brigade dienten Freiwillige aus 26 Ländern und die Soldat/inn/en mußten sich in 27 verschiedenen Sprachen - einschließlich Griechisch und Albanisch - verständigen, einige unterhielten sich in Esperanto. Anfang Februar 1937 setzte sich die 15. Brigade in Richtung Madrid in Marsch, wo sie an der Jarama-Front und die Sanitätsgruppe in Colmenar de Oreja zum Einsatz kam. Die Schlacht am Río Jarama wird von vielen Kämpfer/innen als eine der schrecklichsten im gesamten Kriegsverlauf geschildert, so auch von Walter Fischer, der meint, es wären die erschütterndsten Erlebnisse seiner gesamten Spanienzeit gewesen. (DÖW 1986:226) Nicht zuletzt wegen der erbittert geführten Kämpfe und der hohen Verluste ging gerade diese Schlacht in die Geschichte ein.

Auch Marie Langer wurde von diesen Ereignissen nachhaltig geprägt. Zur Lage an der Front, vor allem zu jener des Sanitätspersonals und der Verwundeten, möchte ich sie im Original und in ungekürzter Form zu Wort kommen lassen. Der folgende Auszug aus ihrer Autobiographie ist für mich auch deshalb von Bedeutung, weil sie an dieser Stelle, wie vielleicht an keiner anderen, ihre Kontrolliertheit aufgibt und für mich eine Art Betroffenheit spürbar wurde, die sonst in ihrer Lebensbeschreibung fehlt. Sie gibt hier den Status der Analytikerin ein wenig auf und wird wieder zu jener Person, die Geschichte selbst erlebte: Es war November. Ich hatte mir Spanien anders vorgestellt: heiß mit ewig blauem Himmel. Jetzt war es kalt, und der Sprühregen machte die Dorfgassen zu Schlamm. Bevor die Arbeit angefangen hatte, drückte uns alles nieder, aber bei der Ankunft des ersten Verwundeten wurden wir wach und leistungsfähig. Auch haben wir uns daran gewöhnt, in den Tag hineinzuleben, ohne an Vergangenheit und Zukunft zu denken. (...) Ich lernte Wunden zu nähen, Brüche zu gipsen und Splitter herauszuholen. Die verfluchten Schrapnelle komplizierten alles - besonders die offenen Brüche, die unerbittlich mit bakteriellen Infizierungen und Knochenabszessen endeten; oft mußte man - da es weder Sulfonamide noch Antibiotika gab - amputieren.(...) Als immer mehr Schwerverletzte nach Colmenar gebracht wurden, war es meine Funktion, Max bei den Bauchoperationen zu assistieren. Die Folgen eines Bauchschusses - wenn der Soldat gerade vorher gegessen hatte - waren meistens katastrophal. Max untersuchte mit seinen erfahrenen Fingern den Darm Meter für Meter, um die Kugellöcher zu suchen, durch die sich die Kichererbsen und Fleischreste über den Operationstisch ausbreiteten. Da wir nicht genügend Heizmaterial für den Operationsraum hatte, schwollen die Eingeweide in der Kälte dermaßen an, daß die Wunde kaum noch zugenäht werden konnte. (...)
Der Tag begann wie jeder andere. Zwei, drei Verwundete kamen an, und wir behandelten sie. Aber dann kamen mehr und mehr, und plötzlich waren der Eingang, der Saal, die Klassenzimmer unseres Schulkrankenhauses, die Gänge voll mit Verletzten, die auf Krankenbahren auf dem Boden lagen; sie bluteten, stöhnten oder waren schon tot. ‚Ich bringe dir einen österreichischen Genossen‘, sagte auf deutsch der Krankenträger zu mir. Auf der Bahre erkannte ich Robert, den Jungen, den ich wegen Max verlassen hatte. Da war er: abgezehrt, bärtig, fast nicht mehr in der Lage, zu sprechen. Max bückte sich, um ihn zu untersuchen. ‚Zum Glück ist es nicht der Unterleib. Eine Kugel ist durch seinen Brustkorb gegangen; wenn sie den mittleren Teil der Brusthöhle nicht berührt hat, ist es nicht schlimm. Wir werden uns danach sofort um ihn kümmern, aber - es tut mir leid - du mußt jetzt mit mir operieren, der Patient ist schon anästhesiert, und es ist der Unterleib.‘ - ‚Aber jetzt können wir ihn doch nicht so liegen lassen?‘ - ‚Natürlich nicht, laß ihn in unser Bett bringen, da liegt er besser als auf der Bahre.‘ Wir operierten. Meine Hände funktionierten automatisch, aber ich dachte an anderes. (...) Aber meine Angst wuchs, und plötzlich habe ich mich beim Beten ertappt, das erste Mal seit langem und zum bislang letzten Mal: ‚Mein Gott, laß es nicht zu. Mach, daß Robert nicht stirbt.‘ (...) Als ich ins Schlafzimmer kam, war Robert in unserem Bett versunken, das Gesicht zur Wand gedreht. Ich rief seinen Namen, er antwortete nicht, ich legte meine Hand sanft an seine Wange, um sein Gesicht zu mir zu drehen. Noch heute spüre ich in meiner Hand diese leichte, aber unerbittliche Resistenz, die ein toter Körper jeder Berührung entgegensetzt.
(Langer 1986:98-101)

Im Juni 1937 wurden Marie und Max Langer nach Murcia versetzt, also ins damalige Hinterland, wo Max die orthopädische Abteilung übernahm und wo die Langers bis etwa Jänner 1938 blieben. Eine Episode, die vor allem für sie als Frau von Bedeutung war, ereignete sich im Oktober 1938, als sie am großen Frauenkongreß in Valencia teilnahm. Dieser Kongreß wurde von einer breiten Basis organisiert und von allen bestimmenden Parteien und Gewerkschaften mitgetragen. Frauenversammlungen aus allen Teilen Spaniens schickten Teilnehmerinnen, die aus den verschiedensten sozialen Schichten stammten. Auch Frauen aus dem Ausland und den Reihen der Internationalen Brigaden beteiligten sich, und sie forderten die volle Einbeziehung der Frauen in die Kriegsarbeit ebenso wie die Besetzung des Transports mit weiblichen Arbeitskräften. Landarbeiterinnen erklärten, daß die Bäuerinnen und Landarbeiterinnen fähig und bereit seien, die schwere Landarbeit ganz auf sich zu nehmen, damit die Männer an die Front gehen können. Man sprach außerdem über praktische Maßnahmen zur Liquidierung des Analphabetentums, zur Hebung des allgemeinen kulturellen Niveaus der spanischen Frauen, über die Organisierung der Fürsorge für die durch den Krieg arg bedrohten spanischen Kinder und die Fürsorge für die Flüchtlinge aus den besetzten Gebieten. Man erörterte praktische Maßnahmen zur Berufsausbildung und alle sonstigen Probleme des gesellschaftlichen Lebens, in das nun die spanische Frau als Gleichberechtigte und Gleichverpflichtete mit vollem Verantwortungsbewußtsein eingetreten ist. All jene Männer, die der antifaschistischen Frauenbewegung Schwierigkeiten bereiteten, wurden scharf kritisiert. Ansonsten verlief der Kongreß ruhig, ohne Parteidifferenzen. (Guttmann 1988:74-75)

Frauen waren also in den antifaschistischen Kampf voll einbezogen, wenn sie auch nicht immer an der Front kämpften, sondern den sogenannten natürlichen Begabungen der Frau entsprechend eingesetzt wurden, als Lehrerinnen, Fürsorgerinnen und Krankenschwestern. Ihr Einfluß auf die politischen Entscheidungen dürfte jedoch nicht unbedeutend gewesen sein, und ich kann mir vorstellen, daß sich Marie Langer in diesem Klima einer Art von revolutionärer Gleichberechtigung recht wohlgefühlt haben muß, und das umso mehr, wenn ich bedenke, daß sie aus einem Land weggegangen war, in dem die politischen Machtgruppen den Frauen und den Frauenbewegungen sehr feindselig gegenüberstanden.

Im Jänner 1938 verließen die Langers Spanien mit dem Auftrag, in Frankreich medizinische Geräte für den Aufbau einer Prothesenwerkstätte in Murcia zu besorgen. Durch diese frühe Abreise blieb ihnen ein Schicksal erspart, das viele andere Österreicher/innen ereilte und das z.B. bedeuten konnte: Internierung in französischen Lagern, wo meist sehr schlechte Zustände herrschten; Auslieferung an das angeschlossene Österreich und die damit in vielen Fällen verbundene Deportation in ein Konzentrationslager; oder neuerliche Illegalität bzw. Tätigkeit in der französischen Widerstandsbewegung.

Ihre Abreise konnte jedoch andere, sehr persönliche und tragische Erlebnisse nicht verhindern. Da aus Spanien kein Geld zum Ankauf einer Werkstatteinrichtung eintraf, fuhren Marie und Max Langer nach Nizza, um eine Art Ferien zu verbringen. Bereits bei der Abreise aus Spanien war Marie Langer im sechsten Monat schwanger und auf der Fahrt mit dem Zug nach Nizza setzten die ersten Wehen ein. Trotz dem Versuch das Kind lange genug zu behalten, gelang es ihr nicht und sie mußte in die Klinik fahren, wo ein kleines Mädchen auf die Welt kam: Ein kleines Mädchen wurde geboren, und ich wußte, daß es nicht würde leben können. Aber das Schreckliche und für mich irgendwie Irrationale und Unerwartete war, daß es lebend geboren wurde, um dann während drei langer Tage langsam zu sterben. Es gab keinen Brutkasten in der Klinik; als ich den Arzt bat, etwas für mein Kind zu tun, hat er mir eine Nottaufe angeboten. Max ging zu einer Gebärklinik, um mir Muttermilch für das Baby zu bringen. Er brachte sie weinend. In Nizza verbrachte ich die schlimmste Zeit meines Lebens. Das Geld kam nicht an, das Kind und so viele Genossen tot - und nicht nur Spanien, sondern ganz Europa zerbröckelte. (Langer 1986:103-104)

Europa zerfiel und Marie Langer nahm die Einladung ihrer Eltern an und reiste ins Sudetenland. Jedoch veranlaßte sie die unsichere Situation - in Österreich führte die Volksabstimmung zur Auflösung der Eigenständigkeit und zum Anschluß an Deutschland -, die Partei in Prag um eine Entlassung aus den Internationalen Brigaden zu ersuchen. Diesem Ersuchen wurde stattgegeben und Marie Langer auch erlaubt, Europa zu verlassen. Mexico öffnete gerade seine Grenzen, worauf Marie und Max Langer beschlossen, neu anzufangen. Da das mexicanische Konsulat nicht rasch genug reagierte, nahmen sie ein Visum der uruguayischen Regierung an und verließen Europa per Schiff. Keinen Moment zu früh, wie sich herausstellte, denn Hitler besetzte kurz darauf das Sudetenland - den künftigen Sudetengau.

Marie Langer entging so einem ungewissen Schicksal, vielleicht auch jenem, das ihren Freund Fritz Jensen ereilte, dem sie, kurz bevor sie Spanien verließ, in Alicante noch einmal begegnete. Mit ihm verband sie auch nach ihrer Liebesbeziehung eine tiefe Freundschaft. Sie sprachen über den Krieg in China, und daß Fritz Jensen dorthin gehen würde, um zu helfen. Auf die Frage ob sie auch mitgehen wolle, antwortete Marie Langer: Lassen wir diesen Krieg aus (...), es wird noch viele Kriege geben, bei denen wir mitmachen können. Ich will jetzt ein Kind, und dort wird es mir noch als kleiner Chinese mit Schlitzaugen auf die Welt kommen... . (Langer 1986:94)

Und sie hatte recht behalten, denn beinahe fünfzig Jahre nach dem Spanischen Bürgerkrieg engagierte sie sich neuerlich für die Revolution und zwar in Nicaragua, wo sie das Gefühl hatte, ein Land zu unterstützen, in dem die Revolution gelungen war. Spanien gab ihr zum ersten Mal die Möglichkeit, ihrer Sehnsucht nach der Revolution Ausdruck zu verleihen, in Nicaragua griff sie diese von vielen bereits verloren geglaubte Hoffnung wieder auf. Zweimal war sie also an der Seite der Linken in ein Abenteuer gezogen, einmal im Fronteinsatz (Spanien), einmal in der Etappe (Nicaragua). Sie war zweimal dabei, als die europäische Linke in eine neue Zeit aufgebrochen ist, denn was Spanien für die Freiwilligen der Interbrigaden war, war Nicaragua für die Freiwilligen der Erntebrigaden. Bis ins hohe Alter hielt Marie Langer an ihrem Glauben an die Machbarkeit sozialer Veränderungen durch revolutionäres Haneln fest, auch wenn sie deshalb zweimal aus ihren Heimatländern vertrieben wurde.

[Zitierte Literatur] | [Abkürzungsverzeichnis] |

eingestellt: 2.5.2020 | zuletzt aktualisiert: 2.5.2020
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