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Marie Langer
31. 8. 1910 Wien | Buenos Aires 22. 12. 1987



Doppelter Untergrund | Psychoanalyse und Kommunismus


Marie Langer hat sich in der praktischen Arbeit zeitlebens um eine Vermittlung zwischen Psychoanalyse und Kommunismus (marxistischer Prägung) bemüht. Sie nahm an der Entwicklung dieser zwei sozialpolitischen Ideen, die unser Denken und Handeln in nachhaltiger Weise veränderten, aktiv teil und versuchte sich in deren Widersprüchen zurechtzufinden, die sich seit der Jahrhundertwende durch Institutionalisierung und Machtentfaltung entwickelten. Um eine Verbindung zwischen Psychoanalyse und Marxismus innerhalb und außerhalb der Institutionen herstellen zu können, benutzte sie in ihrem Engagement oft auch die Mittel der Propaganda, die sie bei ihrer Agitproptätigkeit im Wien der dreißiger Jahre anwenden lernte.

Marie Langer spielte in der kommunistisch-sozialistischen Bewegung eher eine unbedeutende Rolle, ich würde sie in dieser Phase eher als Parteikommunistin bezeichnen, was in den dreißiger Jahren bedeutete, sich aktiv für die Ziele der Partei zu engagieren und zum Kader zu gehören. Der KPÖ gehörte sie aufgrund ihrer Emigration nur kurze Zeit an. In der sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Lateinamerika rasant entwickelnden psychoanalytischen Bewegung nahm sie aber eine sehr bedeutende Stellung ein, vorerst noch auf regionaler Ebene - in der APA - später aber auch in der IPV. Marie Langer gelang es mit Hilfe ihres über die Jahre erworbenen Sozialprestiges, eine Verbindung zwischen Sozialismus und Psychoanalyse herzustellen, die sich jedoch weniger auf einer theoretischen Ebene, sondern in einem aktiven Politik-machen vollzog. In ihrem politischen Engagement versuchte sie sich immer auf die Seite der ihrer Meinung nach richtigen sozialen Bewegungen zu stellen, ob dies nun der Sowjetkommunismus (sie blieb ihm ein Leben lang treu), der Peronismus oder der Sandinismus war.

Die Bedeutung ihres Werkes liegt wohl nicht so sehr in ihren psychoanalytischen Arbeiten (obwohl sie einige wichtige Beiträge zur wissenschaftlichen Diskussion lieferte), und auch als Parteikommunistin (Österreich) oder Sympathisantin (Argentinien) ist sie nicht allzu bedeutend, sondern es ist eher ihre ethische Haltung (Pavlovsky 29/10/1992), ihr politisches Bewußtsein und ihr Umgang mit der Machtfrage, die ihr Leben und Werk noch heute lebendig und wichtig erscheinen läßt - ihre Mittlerinnenrolle zwischen Psychoanalyse und Kommunismus. Damit stand sie durchaus in einer bereits länger bestehenden Tradition, die vor allem von dem Wiener Dissidenten Wilhelm Reich vor dem Zweiten Weltkrieg vertreten wurde.

Die Problematik, die sich aus einer ethisch-politischen Haltung im Zusammenhang mit den psychoanalytischen Institutionen ergibt, läßt sich sehr deutlich an Hand von Wilhelm Reichs Erfahrungen im Wien der zwanziger Jahre zeigen. Der Konflikt, der sich aus politischem Engagement bzw. einer radikal-revolutionären Sexualmoral ergibt, also aus den zwei wesentlichen Problemfeldern der psychoanalytischen Bewegung, läßt sich bei Marie Langer nur verdeckt nachvollziehen, während er bei Wilhelm Reich deutlich zum Ausdruck kommt. Wilhelm Reichs Leben in Wien ist ein gutes Beispiel dafür, in welchem Dilemma sich Psychoanalytiker/innen befinden, wenn sie sich einer Verbindung von marxistisch orientiertem Sozialismus (also einer politischen Bewegung wie dem Kommunismus) verpflichtet fühlen und gleichzeitig die psychoanalytische Heilmethode praktizieren wollen, die seit Ende der zwanziger Jahre immer mehr Berührungsängste mit politischen Bewegungen aufwies. (Vgl. Fallend 1988)

Ein Schicksal wie es Wilhelm Reich oder Otto Fenichel ereilte, blieb Marie Langer erspart, obwohl auch ihre Arbeit als Analytikerin und ihr Engagement in der psychoanalytischen Bewegung von den beiden oben skizzierten Problemfeldern geprägt war. Während sie in Sachen marxistische Politik und Institutionskritik die Konsequenz besaß, die psychoanalytische Bewegung zu hinterfragen und ihre Institutionen zu verlassen, wurde sie im Bezug zur Sexualität über den Umweg Melanie Klein an die Psychoanalyse gebunden. In diesem Sinne war Marie Langer keine Radikale, sondern pendelte Zeit ihres Lebens zwischen der bürgerlichen und marxistischen Kulturauffassung hin und her, je nachdem in welcher Phase ihres Lebens sie sich gerade befand. Sie war eine Art Übergangsfigur, eine bürgerlich lebende Kommunistin, die feministisch genug war, um die sozialistische Revolution erträumen zu können und politisch genug, um sich für revolutionäre Prozesse einzusetzen. Für linke Psychoanalytiker/innen konnte sie gerade deswegen zu einer Projektionsfigur werden, weil sie nicht dieselbe Radikalität und Konsequenz wie Wilhelm Reich an den Tag legte. Dies gilt vor allem für die Zeit nach 1945.

Berthold Rothschild Weil die Mimi als ästhetische Figur, als Frau aus der Geschichte über die Kontinente hinweg etwas Abgöttisches auf sich vereint; irgendwie ist sie eigentlich in der Psychoanalyse eine Art Rosa Luxemburg (...), für den Hausgebrauch der Psychoanalytiker hat es wenige dieser Figuren gegeben, daß noch jemand als Rosa Luxemburg der Psychoanalyse erscheinen kann, sowie vielleicht der Reich bei den Männern, oder andere bei den Männern in dieser Art erschienen sind, und das finde ich wichtig. Ich finde, daß die Mimi in ihrer Bedeutung als Imago für ganz viele linke Psychoanalytiker viel überragender ist als in ihrer Tragik. (Rambert/Rothschild/Valk 19/8/1992)

Ideologisch blieb sie bis an ihr Lebensende dem Kommunismus (marxistischer Prägung) und damit verbunden der sozialpolitischen Veränderung der Welt treu. Manchmal entstand bei mir der Eindruck, daß sie ihre Freundschaften auch für die Agitation benutzte, um der sozialistischen Bewegung ein Netz zu schaffen, in dem sie sich entwickeln könnte.

Berthold Rothschild Und ich würde sagen, da ist sie eine klassische, konservative Linke; und ich glaube, daß sie einen Teil von uns im Sinne von ‚politische Bauern‘ ernst genommen hat, also als politische Schachfiguren. (...) Das war Teil ihres politischen Credos: wir müssen alle, die zu uns stoßen, fördern - bis zu den uninteressierten Krankenschwestern/Pflegern in Nicaragua z.B. Allen, die zu uns stoßen, müssen wir Mut machen, sie fördernd einzubinden versuchen. Das war ihre ‚pädagogische‘ Haltung. (Rambert/Rothschild/Valk 19/8/1992)

Dies soll nicht bedeuten, daß ihre Freundschaften nicht ehrlich und von starker Solidarität getragen waren, sondern nur verdeutlichen, wie eng bei Marie Langer alltägliches Leben, analytische Arbeit und Politik miteinander zusammenhingen. Ihre Politik der Parteinahme, wie ich sie nennen möchte, brachte, neben unzähligen positiven Ergebnissen, auch ein grundsätzliches Dilemma mit sich, das Institutionen und Bewegungen für alle ihre Teilhaber/innen bereithalten, die sich gegen asymmetrische Hierarchie und Unterdrückung wenden: die Dialektik der Macht. Darunter ist folgendes zu verstehen: Marie Langer lehnte einerseits die imperialistisch-kapitalistische und später - im Falle der Psychoanalyse - die institutionelle Macht ab, doch gleichzeitig war sie gezwungen, Macht zu gewinnen und auch anzuwenden, um die herrschenden Verhältnisse zu verändern, die durch den Kapitalismus entstanden waren. Diese Macht muß nun aber positiv bewertet werden, im Falle Marie Langers jene der sozialistischen Bewegungen, um eine Identifikation damit zu erleichtern und das eigene Macht-haben nicht permanent in Frage stellen zu müssen. Wird die eigene Macht jedoch nicht mehr in einem Konfliktfeld von Macht und Ohnmacht erlebt und hinterfragt, kann ihre Ausübung durchaus zu dogmatischen Positionen führen, die verteidigt werden müssen, um die Idee zu schützen, um derentwillen die Macht ergriffen wurde. Dies würde ich den Verführungscharakter der Macht nennen, dem die Psychoanalyse wie auch die sozialistischen Bewegungen erlegen sind. Die daraus entstehende Argumentation, Macht müsse ausgeübt werden, um eine Idee zu verteidigen, kann schließlich auch wieder zur Verharmlosung oder Negierung von Unterdrückung (die im Namen dieser Idee etabliert wurde) und damit zu einem gewissen Realitätsverlust führen. Dieser begünstigt die Entstehung einer Nomenklatur der Hoffnung begünstigt, die ihre gewonnene Macht dazu verwendet, jene Strukturen zu erhalten, die von ihr selbst - in einer anderen Situation - längst in Frage gestellt worden wären. Denn wo Kritik zurückgewiesen wird, um der Etablierung und Festigung eines auch noch so geringen sozialen Fortschritts willen (der die Richtigkeit der Idee bestätigen könnte), liegt einer der Ursachen für die Niederlagen vieler sozial-politischer Bewegungen.

Obwohl Marie Langer sich dieser Gefahr bewußt war, beginnt hier das Scheitern ihrer Utopien, denn auch sie ist mehrmals in diese Falle getappt, hat sich allzu rasch und bedingungslos auf die Seite bestimmter sozialer Bewegungen gestellt und erlitt so einige Niederlagen, die ihr vielleicht erspart geblieben wären: im Spanischen Bürgerkrieg, im revolutionären Nicaragua und posthum auch im sowjetischen Modell. Wider besseres Wissen stellte sie sich auf die Seite der Nomenklatur der Hoffnung, obwohl sie als linke Psychoanalytikerin alle Voraussetzungen dafür mitgebracht hätte, diesen Prozeß der Machtetablierung und -aufgabe zu durchschauen und in Frage zu stellen.

Berthold Rothschild Das betrifft ganz viele Altkommunisten und Kommunisten. Ihr Verhältnis zur kommunistischen Macht hat in einem bestimmten Loyalitätskonflikt die Position der Macht als Trägerin der Hoffnung eingenommen. Aber jetzt kommt die Forderung, vielleicht eine Überforderung, denn von einer Psychoanalytikerin erwarte ich jetzt etwas Zusätzliches, nämlich die Durchsichtigmachung eben dieses Prozesses. (...) Wir könnten ja bescheidener sein. Wir könnten ja von Marie Langer nur verlangen, daß sie irgendwo sagt, Macht hat eine Verführung. Die Identifizierung mit der Macht ist eine Verführung. (...) Das wäre ein psychoanalytischer Gedanke. Es ist klar, du kannst dich nicht politisch engagieren, wenn du nicht an Macht glaubst, aber es gibt da einen unauflöslichen Widerspruch zwischen der psychoanalytischen Dimension, der individualistischen Dimension einerseits und der Dimension der politischen Macht andererseits, die unter sich etwas kollektiviert und sagt, wenn etwas für Viele gut ist, dann muß das Individuum verzichten. Dies hat die Mimi nicht politisch-analytisch sehen wollen und ist ein letztes Mal in Nicaragua dieser Verführung, den Widerspruch einseitig politisch aufzulösen, erlegen. Das finde ich in beide Richtungen, politisch und psychoanalytisch, schade. (Rambert/Rothschild/Valk 19/8/1992)

In Nicaragua ist Marie Langer dieser Verführung erlegen. In Argentinien jedoch näherte sie sich ihrer eigenen Position von der Durchbrechung der doppelten Macht an. Es war im Argentinien von 1971-74, daß sie ihre eigene Machtposition als Lehranalytikerin aufgab (sie trat aus der APA aus), sich also selbst in Frage stellte und eine kritische Haltung einnahm. Schließlich gelangte sie durch die Mitbegründung der Dissident/inn/engruppe plataforma wieder in eine Machtposition, die sie nach einer längeren Phase der kritischen Auseinandersetzung neuerlich aufgab, als sich plataforma auflöste. Marie Langer, als Trägerin der Macht und Hoffnung, lehnte diese Position ab und verweigerte ihre Institutionalisierung. Damit gelangen ihr zwei Beweise: Einerseits bewies sie, daß Psychoanalyse auch außerhalb der Institutionen möglich ist, und andererseits machte sie damit die Dialektik der Macht sichtbar, zeigte wie wichtig es wäre, zwischen mächtig sein und sich entmächtigen hin und her zu pendeln, kritikfähig zu bleiben, auch wenn die Versuchung voranzugehen, Dogmen und Leitideen zu entwickeln, groß ist.

Letztlich haben die Vorgänge um die plataforma-Gruppe (auf die ich später noch näher eingehen werde) gezeigt, daß der Verführung widerstanden werden kann. Und damit hat Marie Langer zumindest an einem Punkt ihres Lebens jene Hoffnung erfüllt, die Berthold Rothschild folgendermaßen formuliert: Das ist ja das Problem z.B. mit dem alle Linken belastenden Stalinismus. Die apologetische Rechtfertigung nach Rechts hin hat zu viele Opfer gekostet. Nicht nur jetzt an Menschen, sondern an Verbrauch, an Diskreditierung von dem, woran man glaubt. Das scheint mir unüberwindbar. Du kannst das Hochgefühl, im Dienste einer politischen Mission zu stehen, nur um den Preis eines Glaubens haben. (...) Ich aber habe die Hoffnung, daß man sowohl bis ins Letzte bewußt, kritisch analytisch sein könnte und trotzdem kämpfen kann. (...) Ich wünsch mir das. Das ist jetzt das, was mir so viele wie die Mimi schuldig geblieben sind. (...) Ihr Kampf, ihre Kritikfähigkeit zusammengenommen, ist das, was wir suchen, was wir brauchen. (Rambert/Rothschild/Valk 19/8/1992)

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autor: raimund bahr | eingestellt: 15.8.2019 | zuletzt aktualisiert: 15.8.2019
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