literaturgeschichten | chronos | kommentar | publikationen | index | downloads | impressum
blättern [zurück] [weiter]
Günther Anders (1902-1992)
Leben und Denken im Wort


§ 5 Ein perfektes Paar

Clara Joseephy begegnete William Stern im Jahr 1898 "auf einer Fahrradtour im Grunewald (...) einem armen Schlucker, dessen akademische Laufbahn noch in den Sternen" stand, "was der Familie Joseephy, die auf dem Berliner Kurfürstendamm residierte", überhaupt nicht paßte. (Deutsch 2002:137) Bereits im Frühjahr 1899 heiratete Clara ihren William in Berlin und zog zu ihm nach Breslau, wo er eine Dozentenstelle an der Universität innehatte. Die ersten Ehejahre der beiden waren mit Arbeit und familiärem Leben angefüllt. Wie sehr dieses Leben sie in Anspruch genommen haben muß, geht aus einem Brief hervor, den William Stern an seinen Freund Jonas Cohn schrieb: "Es ist so lange her, daß wir einander nicht geschrieben haben, daß ich nicht einmal mehr genau weiß, wer eigentlich an der Reihe ist. Freilich habe ich im Unterbewußtsein ein gewisses Gefühl der Schuld, die allerdings sehr gemindert wird durch den Umstand, daß mich meine Vaterwürde in den letzten 4 Monaten naturgemäß in höchstem Maße absorbiert hat. – Und wenn Du unsere süße kleine Hilde sehen könntest, würdest Du begreifen, daß ihr Vater für nichts anderes Zeit hatte, nicht einmal für Briefe an alte Freunde." (Lück 1994:32)

William Stern war absorbiert von der Vaterschaft. Dies sagt etwas aus über seine Eingebundenheit in das Familienleben. Er war nicht der Mann, der aus dem Hause ging und die Familienbelange seiner Frau überließ. Sie führten die Kinder gemeinsam. Eher ungewöhnlich für damalige Verhältnisse, im akademischen Milieu. Er betrachtete seine Kinder allerdings nicht nur als Forschungsgegenstand, sondern hat eine sehr intensive Beziehung zu ihnen gepflegt. William und Clara Stern einte der Wille zum familiären Glück, das sie sich gemeinsam erarbeiteten. Sie ergänzten sich in ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten. Als Paar waren sie in ihrer Beziehung zueinander unschlagbar, weil sie sich loyal zueinander verhielten und den anderen nicht als ihren Lebenspartner in Frage stellten. Der Sohn Günther schrieb dazu in seiner familiären Rückschau Besuch im Hades: "... von Frauen hat Vater ja überhaupt nichts verstanden, der Gedanke, Mutter mit anderen zu vergleichen, der wäre ihm ja nicht im Traum eingefallen, das Wort ‚Frauen’ hätte er ja niemals über die Lippen gebracht, der bloße Plural wäre ihm ja schon als Vielweiberei vorgekommen." (Anders 1979:94)

Neben diesem Willen zum familiären Glück arbeiteten sie die ersten zwanzig Jahre ihrer Ehe auch an einem gemeinsamen wissenschaftlichen Projekt. Diese Einheit von Leben und Arbeit hat das Paar zusammengehalten. Wie stark diese Verbundenheit gewesen sein dürfte, zeigte sich in ihrem Arbeitszimmer. Clara und William Stern hatten einen großen gemeinsamen Schreibtisch, "an dem sie sich gegenübersaßen und ihre Arbeiten koordinierten. Für uns drei Kinder war dieses Arbeitszimmer wie ein Heiligtum, in das man nur in ganz seltenen Fällen eindringen durfte, und auch dann nur nach Anklopfen." (Michaelis-Stern 1991:133) Dieser Arbeitstisch dürfte der Verkörperung des Familienglücks sehr nahe gekommen sein, denn hier verband sich Leben und Denken im Wort. Günther Anders beschrieb in der Totenpost den Tisch wie folgt:
"Ein Arbeitstisch? O nein, nicht irgendeiner.
Der Tisch für mich. Das einz’ge Stück Zuhaus,
das übrigblieb und ungefragt den weiten
Weg zu mir hergefunden."
(Anders 1952a / Der Schattenriß / Totenpost / LIT)

Ein Stück Zuhause, das letztlich mit 1916 seinem Ende entgegenging. Die Kinder wurden erwachsen. Clara Stern zog sich in die Rolle der höheren Tochter aus gutem Hause zurück und hielt ihrem Mann weiterhin den Rücken für seine wissenschaftliche Karriere frei. Er überließ ihr eben dieses Haus, ohne sich jedoch vollkommen zurückzunehmen. Sie blieben sich in ihren Sphären verbunden, unterstützten sich und nahmen am Leben des jeweils anderen Anteil. Es gab also jenseits von Vater und Mutter auch eine Mann-Frau-Beziehung, ein Liebespaar, das jenseits der Wissenschaft existierte. Eine emanzipierte Beziehung im heutigen Sinne war es jedoch nicht. Das Rollenbild blieb bis zum Schluß aufrecht. Die Mutter versorgte die Familie nach innen, der Vater machte Karriere nach außen. Was ihre Tochter Eva über die Zeit in Holland schrieb, galt auch für andere Zeiten in der Ehe der Sterns: "Es gelang meiner Mutter, in Holland dafür zu sorgen, daß Vater in Ruhe und mit Konzentration arbeiten konnte, so daß es ihm möglich war, eines seiner Hauptwerke, die 'Allgemeine Psychologie', fertigzustellen." (Michaelis-Stern 1991:138)

Die Emigration nach Amerika war Ergebnis der hartnäckigen Forderung der Kinder, Europa zu verlassen. Vor allem Eva Michaelis-Stern drängte bereits seit 1935 auf eine Flucht vor den Nationalsozialisten. William Stern bekam nach gelungener Überfahrt einen Posten an der Duke University in North Carolina, wo sich die Familie einrichtete. Im hohen Alter begann er sich nochmals einer Herausforderung zu stellen: Er mußte seine Vorträge auf englisch halten; und er, der die freie Rede gewohnt war, mußte sich nun akribisch vorbereiten. Gordon Allport und Kurt Lewin, zwei Freunde aus Hamburger Zeiten, machten ihm die kurze Zeit, die ihm noch blieb, ein wenig erträglicher. Den Krieg erlebte William Stern nicht mehr, doch der Zusammenbruch der Aufklärung, der deutschen Bürgerlichkeit im Nationalsozialismus traf ihn schmerzlich, "denn sein gesamtes Denken und Forschen war immer darauf gerichtet, mit Hilfe der Philosophie und Psychologie für seine Mitmenschen Fortschritt und Verständnis zu erreichen; so ist es kein Wunder, daß ihm, der so fest an das Gute im Menschen geglaubt hat, der Umsturz in Deutschland seiner Frohnatur und seinem Glauben an die Güte der Menschen buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzog." (Michaelis-Stern 1991:140)

Die Mutter verdiente sich ihren Lebensunterhalt nach dem Tod von William Stern als Briefzensorin und starb sieben Jahre später, 1945, als amerikanische Staatsbürgerin in New York. Damit endete eine der bemerkenswertesten Paarbeziehungen der Psychologiegeschichte.
blättern [zurück] [weiter]
[Zitierte Literatur] | [Abkürzungsverzeichnis] | [Zeittafel]

autor: raimund bahr | eingestellt: 4.1.2019 | zuletzt aktualisiert: 4.1.2019
index: [a] | [b] | [c] | [d] | [e] | [f] | [g] | [h] | [i] | [j] | [k] | [l] | [m] | [n] | [o] | [p] | [q] | [r] | [s] | [t] | [u] | [v] | [w] | [x] | [y] | [z]


literaturgeschichten | chronos | kommentar | publikationen | index | downloads | impressum