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Günther Anders (1902-1992)
Leben und Denken im Wort


Der bürgerliche Brutkasten
"Im Jahre 46 landeten in meinem Zimmer in New York unangemeldet sieben Fässer, die angefüllt waren mit den Briefen, Dokumenten, Bildern, Tagebüchern, Andenken, Schlüsseln, Briefen der letzten vier Generationen meiner Vorfahren. Meine Eltern hatten diese Fässer kurz vor dem Kriege abgesandt, und zwar an eine Auslandsadresse, die sie selbst noch erreichten, während die Fässer in die Kriegswirren gerieten, unerwartete Odysseen durch alle Meere zu bestehen hatten und erst nach dem Kriege ihren Bestimmungsort erreichten. Dort freilich fanden sie die alten Leute nicht mehr vor – die waren unterdessen gestorben – aber gierig, irgendwo Ruhe zu finden, stöberten sie meine Adresse auf, und eines Tages waren sie da und verlangten die den Toten zustehenden Ehren."
Die Totenpost. Elegien 1948-1952. Günther Anders 1952a. Aus dem Nachlass [LIT]

§2 Die Totenpost
Beginnen will ich mit den Elegien aus dem Zyklus Die Totenpost (1949-1952). Günther Anders erhielt 1946 sieben Totenfässer ins Exil nachgesandt, vollgepackt mit Hinterlassenschaften seiner Herkunftsfamilien. Damals lebte er in New York und war noch nicht Günther Anders geworden, aber auch nicht mehr ganz Günther Stern. Er hielt sich im schriftstellerischen und identitätsstiftenden Nirgendwo auf. Doch plötzlich überfiel ihn seine Herkunftsfamilie, stiegen seine Ahnen aus dem Gewesenen auf, kullerten aus den Totenfässern, stürzten sich auf ihn. Günther Stern, dem Exilanten, fiel es zu, die Fässer zu öffnen und zu ordnen; ihm, der sich kaum über persönliche Dinge äußerte und schon gar nicht mit ihnen belasten wollte; ihm, der sich als Günther Stern anschickte, zu Günther Anders zu werden; ihm, der es vermied, über sich selbst zu sprechen, und es doch so beredt immer wieder tat. Günther Anders fiel nun die Aufgabe zu, in die prähistorischen Zeiten der Familie Stern-Joseephy zu blicken, abzusteigen ins Gewesene, das nicht das Eigene war, sondern jenes sonderbar Fremde und zugleich Bekannte, das einen Menschen zu dem macht, was er ist, hinabzusteigen in die Zeit, bevor er selbst zur Welt hinzugekommen war.

Beim Lesen der Elegien zeigte sich rasch das gebrochene Verhältnis, das Günther Anders zu seiner eigenen Geschichte hatte. Er schrieb über die sieben (das achte war verlorengegangen) Totenfässer, die ihn im Exil überfielen. Wir erfahren nicht viel über den Inhalt, eher mehr über sein Verhältnis zu den Vorfahren, denn die Toten waren tot und mußten gehen. Günther Anders schien in Eile zu sein, als er schrieb:
"Darum, Tote,
benutzt die Zeit! Sehr lange kann hier Keinem
Obdach bewilligt werden. Morgen kehrt
die Lebende zurück. Und ihre Rechte
sind stärker als die Euren."
(Anders 1952a / Nutzt die Zeit / Totenpost / LIT)

Der Krieg war zu Ende. Günther Anders hatte eben Elisabeth Freundlich geheiratet – seine zweite Frau. Die Mutter war gestorben. Die Familie begann sich zu zerstreuen. Der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima war gerade mal ein Jahr her, Er selbst auf dem Sprung zurück nach Europa. Da blieb keine Zeit für die Ahnen, für das Vergangene, die Gegenwart drängte sich auf und wollte bewältigt werden. Er fand, es wäre Zeitverschwendung, über sich selbst zu schreiben; vor allem damals, als es nach dem Krieg darum ging, all das aufgesparte Wissen, all sein Denken, das er für die Tage seiner Rückkehr aufbewahrt hatte, aufzuarbeiten, um es zurückzutragen, um es nach Europa, nach Deutschland zurückzubringen, um es vor dem Vergessen zu bewahren. Er war in Eile. "Weinet Eilig!" ruft er 1948 in die Welt. "Keine Klage darf auf später sich gedulden. Keine schieb auf bessre Tage ihre letzten Tränenschulden. Denn durch jede, die nicht fällt, bleibt ein Gläubiger geprellt." (Anders 1985a:331)

Erst später, als die wesentlichen Inhalte seines Denkens aufgeschrieben waren, er sich im Denken und Schreiben mit den Vorgängen in der Welt synchronisiert hatte, konnte er durchatmen und eine Art Autobiographie schreiben, den Besuch im Hades. Doch Details aus seinem Leben erfahren wir auch aus dem Hades nicht. Es handelte sich dabei mehr um eine Abrechnung mit dem Vergangenen als um eine Bilanz seines Lebens. Immer ging es um Stimmungen, um stimmiges Erfassen von Beziehungen, von Standpunkten und Standorten; aber wie hätte er auch sich selbst näherkommen, intim werden können mit seiner eigenen, ganz persönlichen Vergangenheit, wo er doch das Gefühl hatte, nicht er hätte sie gelebt, sondern ein anderer, oder noch schlimmer: viele andere. "In anderen Worten: Da es unser Schicksal war, aus jeder Welt, in die wir geraten waren, in eine nächste gejagt zu werden, und da wir unter dem Zwang standen, uns mit immer neuen Inhalten zu satuieren, und zwar mit solchen, die auf die alten nicht verwiesen, liegen nun die (den verschiedenen Welten zugeordneten) Zeiten quer zu einander. Nach jeder Knickung wurde das der Knickung vorausliegende Stück Leben unsichtbar. […] Der Blick um die Zeit-Ecke ist noch weniger durchführbar als der um die Raum-Ecke; Zeitperiskope sind noch nicht erfunden." (Anders 1985b:68-69)

Die Totenfässer kamen aus einer anderen Welt, sie waren zu diesem Zeitpunkt Zeugen einer längst versunkenen Zeit. Sie stammten aus schöneren Tagen, als die verbrannten Körper in Auschwitz und Hiroshima noch nicht in sein Leben getreten waren. Sie marktierten Orte, wo die "Geschlechter vor dem Ausbruch der neuen Völkerwanderungen lebten. […] Für unsere Großeltern, die dort lebten, wo sie nun einmal (ihr eines Mal) lebten, glich die Welt einem Walde von Merkzeichen, deren jedes auf einen Tag oder eine Stunde ihres Lebens verwies. Sich zu erinnern hatten sie kaum nötig, alles erinnerte sie, die Initiative und die Anstrengung der memoria blieb ihnen weitgehend erspart, die Dinge ihrer Welt sagten ihnen das meiste ein." (Anders 1985b:66)

Günther Anders, der der Erinnerung an sein eigenes Leben bedurft hätte, hatte gerade dafür keine Zeit, zu rasch folgten die neuen Vernichtungsschläge aufeinander, zu rasch mußte er sich einleben in der Endzeit, die er seit 1945 selbst postulierte und beschrieb. So sehr sich Günther Anders im Laufe seines Lebens immer wieder um die Toten bemühte, sie vor dem Vergessen retten wollte, so rasch versuchte er mit den eigenen, familiären Toten und mit seiner eigenen Vergangenheit abzuschließen. Doch bei diesem tätigen Bewältigen blieb er inkonsequent. Er schloß nie richtig ab, immer wieder ließ er uns ein Stück weit in das hineinblicken, was wir heute seine Person nennen. Manchmal konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als versuchte Günther Anders bewußt die Spuren so zu legen, daß ein Biograph gar nicht anders kann, als jene Person zu finden, die er gerne dargestellt hätte:
"O, kehr zurück! So ahnungslos und dennoch
so abgesetzt in der entwöhnten Welt
kann niemand weiterleben. Nur mit Deiner
vertrauten Stimme, dem geliebten Schritt
im Nebenraum, und dann und wann der Frage
hinüber und herüber, und zuletzt
im gleichen Raum, und nun kein Fragen mehr,
nur noch die gleiche Antwort – so alleine
wird Heut und Morgen, werden Tag und Nacht
noch einmal wirklich werden. Komm und übe
Geduld mit mir. Denn etwas blieb ich dort."
(Anders 1952a / Oh, kehr zurück / Totenpost / LIT)

Seine autobiographischen Schriften waren geprägt von der Sehnsucht nach der verlorenen glücklichen Kindheit, dort immer wieder für einen Augenblick zu verweilen, um weiterleben zu können, und dem gleichzeitigen Wissen, daß alles, was seither passiert war, eine Fortsetzung dieses Glücks unmöglich machte. Noch einmal versuchte er die Kette zu knüpfen, die von seiner Kindheit in Breslau zu seinem Leben in New York führte:
"Kein Früher oder Später. Zeitgenossen
sind alle Toten. Schamlos hat der Sturm
die Schatten durchgeschüttelt. Wie verschlungne
Seepflanzen hängen Jahre, die sich nie
begegnet waren und entfernteste
Geschlechter ineinander. Hier und da
ein ahnungsloses Stück, herausgehaun
aus einer Kette.
Also sitzt er ordnend und knotet und entknotet: ob vielleicht
ein letztes Mal die Kette noch gelingt."
(Anders 1952a / Arbeit / Totenpost / LIT)

Doch die Kette ließ sich nicht mehr knüpfen. Und so entschied er sich, bei den Toten zu bleiben, um zu leben, jedoch nicht bei den eigenen, verwandten Toten, sondern bei den Toten der Kriege des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Texte sind eine einzige lange Geschichte darüber, was Menschen in der Lage sind und in die Lage versetzt, anderen Menschen anzutun.

Dieser einen großen – man möchte beinahe sagen gewaltigen – Frage näherte er sich im Denken und Schreiben, das letztlich auch sein Handeln prägte. Das Motto Leben und Denken im Wort kann der ganzen Familie Stern überschrieben werden. Nicht nur die Eltern waren von Kindheit an schreibend und denkend aktiv. Auch die Sternkinder schrieben sich in ihr Leben ein. Hilde Stern als Journalistin bei der Zeitschrift Aufbau und German America. Günther Stern machte das Schreiben zu seinem Beruf und zur Berufung. Eva Stern hat in zahlreichen Schriften ihre Erinnerungen dargelegt, in zahllosen Briefen zwischen den Familienmitgliedern und Freunden setzte sich ihr Schreiben fort. Hilde (Rudolf Schottländer, Hans Marchwitza) und Günther (Hannah Arendt, Elisabeth Freundlich) waren darüber hinaus mit bedeutenden Schriftstellern beziehungsweise Schriftstellerinnen verheiratet. Bei Günther traf jedoch die Einheit von Leben und Denken, die sich in Sprache umsetzte, genial zusammen. Für ihn war nur ein Denken wahrhaftig, das sich im Leben seine Entsprechung suchte. Und umgekehrt war Günther Anders‘ Leben von seinem Denken und Schreiben nicht zu trennen. Er konnte unnachgiebig sein gegenüber jenen, die gegen diesen Grundsatz verstießen. Und dieser Grundsatz stammte aus paläontologischen Zeiten der Biographie von Günther Anders. Bereits sein Urgroßvater, Sigismund Stern, war als Reformer der jüdischen Gemeinde in Berlin ein wichtiges Vorbild für seinen Vater William Stern gewesen. Das psychologische und philosophische Interesse des Vaters wiederum bereitete bei seinem Sohn Günther Anders schließlich ein umfassendes Interesse für Kulturkritik vor. Er stellte als Person den Höhepunkt eines familiären Vermittlungsprozesses dar. In Günther Anders realisierte sich die Einheit von Denken, Schreiben und Handeln. Von Seiten des Vaters William Stern ist noch ein weiterer Einfluß geltend zu machen: das dichterische, künstlerische Element. Und dann waren da noch die Frauen väterlicherseits. Sie wurden von William Stern als Zentren des Familienlebens beschrieben. Wie die Männer das außerfamiliäre Leben repräsentierten, organisierten es die Frauen vor allem nach innen. Und schließlich gab es auch in William Sterns Familie eine solche Frau: Clara Stern, geb. Joseephy. Im Gegensatz zu den prähistorischen Frauen der Familie Stern nahm sie auch am politischen und beruflichen Leben ihres Mannes starken Anteil und entwickelte so ihr eigenes Profil, das über ihren Mann hinaus wirksam war. So verstärkte sich durch die mannigfachen Anknüpfungspunkte in den Herkunftsfamilien der Eltern und die beinahe symbiotische Lebensweise von Clara und William Stern bei den Kindern der Eindruck, daß Leben, Denken und Handeln eine Einheit bilden. Günther Anders stellte in dieser Hinsicht eine gelungene Synthese aus künstlerischer und intellektueller Tätigkeit dar, die er schließlich in seiner schriftstellerischen Karriere als Kulturkritiker perfektionieren konnte. Er begann sich früh aus dem akademischen Milieu zu lösen, ohne das akademische Denken zu verwerfen. Im Ausdruck dieses Denkens jedoch entschied er sich für die Form des Essays, der zwischen Literatur und Wissenschaft steht. Auch dies ein Wesenszug der Eltern, der sich bei den Kindern wiederholte: das Wechseln vom erlernten Beruf zu einem anderen, der autodidaktisch entwickelt wird. Der Vater war neben dem professionellen Zugang zur Psychologie Autodidakt in der Philosophie. Aber als einmal sein Interesse an der Philosophie erwacht war, ging er seine eigenen Wege und versuchte "autodidaktisch durch viel Lektüre und Niederschrift" seiner "Gedanken weiterzukommen". (W. Stern 1927:4) Und der Sohn suchte sich einen Weg aus der akademischen Philosophie in die Kulturkritik und das politische Engagement. Hatte sich der Vater in seinen psychologischen Interessen nicht vernaturwissenschaftlicht, so hatte sich der Sohn auf Grund seines Erkenntnisinteresses an der Welt nie verphilosophiert. Und auch die Mutter Clara Stern emanzipierte sich aus dem vorgezeichneten Schicksal einer Tochter aus gutem Hause und eignete sich für das von ihr durchgeführte Tagebuchprojekt und die Bücher, die sie daraus gemeinsam mit ihrem Mann erarbeitete, autodidaktisch die Welt der Wissenschaft an.

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autor: raimund bahr | eingestellt: 23.8.2018 | zuletzt aktualisiert: 23.8.2018
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