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Günther Anders (1902-1992)
Leben und Denken im Wort


Prolog
"Was wäre heute noch fern? Was außer jener Zeit, die jenseits des Jahres Null liegt? (...) Bin ja selbst ein Überbleibsel, komme ja selbst aus der Vorzeit. Denn gleich ob man aus der augusteischen Zeit stammt oder aus dem Jahr 1902 – wer vor dem Jahre Null zur Welt gekommen ist, der gehört zur Vorzeit. Dies die einzige Ferne, die es heute noch gibt." Die Toten. Rede über die drei Weltkriege. Günther Anders. München 1982c [1958]:183

§1 Auf unbestimmte Zeit gewidmet
Beim biographischen Arbeiten ist man zumeist mit der Problematik der Deutung und Spekulation konfrontiert, vor allem bei einem Menschen wie Günther Anders (geborener Stern), der es wie nur wenige andere verstand, Aussagen über sich und sein Leben in seinen Werken zu verstreuen und damit vieles über sich selbst zu verbergen: "Die Erforderlichkeit und die Möglichkeit von Deutung" im Günther Andersschen Sinne sagt ein "Doppeltes aus: sowohl etwas über das zu Deutende, also über das Objekt; als auch über den Deuter, also über das Subjekt. Diese Zweiteilung erfordert eine Unterteilung: erforderlich ist Deutung sowohl für das Subjekt wie für das Objekt; und auch 'möglich' bedeutet sowohl, daß das Objekt deutbar, wie daß wir deutungsfähig sind." (Anders 1980:419-420) In diesem Sinne sagt meine Arbeit auch etwas über mich selbst aus. Und zwar darüber, warum ich sieben Jahre meines Lebens in die Recherche und Deutung von Günther Anders' biographischen Daten investiert habe, obwohl sein Leben scheinbar so antiquiert verlief, wie er selbst es den Menschen unterstellte, zu sein.

Es begann alles ganz harmlos. Ich suchte sein Grab und fand es in Wien auf dem Hernalser Friedhof. Sodann begab ich mich auf Spurensuche durch sein Leben. Und was ich fand, war nichts als Sterben. Der Tod als Metapher in Günther Anders' Werk ließ mich nicht mehr los, immer und überall ist in seinen Büchern von der Auslöschung des Individuums und der Menschheit zu lesen. Der Tod ist allgegenwärtig. Und dann tauchten zahlreiche Fragen auf: Wie stand es mit seinem Leben? Was hatte der Tod zu tun mit diesem Mann, der sich so verzweifelt um Hoffnung bemühte? Fragen, die mich selbst seit Jahren beschäftigten, und Günther Anders lieferte mir einige Antworten. Sein Werk half mir, mein eigenes Leben zu deuten, machte mir die Nutzlosigkeit meiner Existenz in einer von Maschinen und Waffen beherrschten Welt bewußt und gab mir gleichzeitig das Rüstzeug zum Weitermachen. Wenn ich so will, gab Günther Anders mir ein Denken in die Hand, mit dem ich mich und die mich umgebende Welt besser verstehen konnte. Die Deutung ist als Form der Kommunikation gelungen.

Letztlich verlangte Günther Anders' Leben nach Deutung, denn Deutung heißt ja nichts anderes, als "daß dieses Etwas nicht offen zutage liegt". (Anders 1980:420) Und genauso verhält es sich mit der Biographie von Günther Anders. Sein Leben liegt nicht offen zutage, es verbirgt sich vielmehr zwischen den Zeilen seiner Texte, in den geführten Interviews, in den Aufzeichnungen seiner Eltern und in den Erinnerungen der Menschen, die ihn kannten, über ihn gesprochen oder geschrieben haben. Das Aufsuchen eben dieser Zwischenräume, dort, wo Günther Anders vielleicht Atem holte, dort, wo er sich selbst begegnen konnte als Noch-nicht-gemachtes-Wesen war nur ein Teil dieser Arbeit; ein anderer, für mich vielleicht noch wichtigerer Teil bestand darin, durch meine Auseinandersetzung mit Günther Anders meine eigene Sicht der Welt zu verändern, um sie gleichzeitig besser zu begreifen. Doch eine solche Veränderung setzt Interpretationsarbeit voraus, ebenso wie Günther Anders' Leben einer Interpretation bedurfte, damit die Geschichte der deutsch-österreichischen Philosophie nicht weiter ohne eine Einsicht in Günther Anders' Leben und Werk geschrieben wird.

Deutung hat aber nichts mit Realisierung von Welt zu tun, es ist immer nur eine Standortbestimmung des Deuters, es ist, im Falle einer Biographie, ein Verständigungsversuch mit der Welt des Gedeuteten. Ich gebe Günther Anders eine Bedeutung, um mich selbst zu verorten, in einer Welt ohne Menschen – also auch ohne mich, wie Günther Anders es am Ende seines Lebens auf den Punkt brachte in der Verkehrung seiner ursprünglichen These, die lautete: Mensch ohne Welt. Und diese Umkehr beinhaltet die potentielle Möglichkeit der Menschheit, sich selbst zu vernichten, die Vernichtung des Individuums Günther Anders mit eingeschlossen. Insofern bezieht sich der Satz: Wir sind alle schon tot, nur wir wissen es noch nicht. auch auf Günther Anders und alle Menschen, die nach 1945 geboren wurden. Sie (und damit schließe ich mich selbst ein, was aus dem Sie ein Wir macht) waren durch den Abwurf und die Weiterentwicklung der Atombombe zum kollektiven Tod ausersehen, bereits im Moment der Zeugung waren wir tot, nur da wußten wir es wirklich noch nicht. Ein Entwurf in die Zukunft, wie er bei Jean Paul Sartre oder Ernst Bloch noch möglich war, existierte nicht länger, denn ein Zukunftsentwurf schließt die Auslöschung eines vorhergehenden Systems mit ein. Wenn jedoch die Auslöschung die gesamte Menschheit betrifft, wer sollte dann die Zukunft bauen? Vielleicht der Maschinenpark, ein biotechnologisches Wesen, ein Cyborg, ein Klon oder was auch immer es sein mag, jedoch nicht der Mensch, wie wir ihn bis 1945 kannten. Der Totpunkt liegt heute also in der Zeugung selbst, aber nicht in einer individuellen, existentiellen Erfahrung, sondern in einem kollektiven Schicksal.

Worum es letztlich in dieser Biographie geht: Es genügt nicht, "Verborgenes zu entbergen", Verstreutes zu suchen und zusammenzutragen, sondern Günther Anders' Leben und damit seine eigene "Verborgenheit selbst zu entbergen" (Anders 1980:420), den Zusammenhang zwischen seinen Lebenserfahrungen und seinen Theorien aufzuzeigen, um ihn wieder wirksam werden zu lassen, als das, was er seiner Meinung nach immer schon gewesen war: "Lehrer". (Schubert 1987:29)

Immer wieder habe ich mir die Frage gestellt: Wie könnte eine Biographie über Günther Anders beginnen? Geboren 1902 in ein akademisches, kleinbürgerliches jüdisches Milieu. Damit wäre zwar ein Anfang gesetzt, aber ich hätte es mir zu leicht gemacht. Ein Titel für eine Biographie über Günther Anders hätte lauten können: Ein Jahrhundertleben. Entlang seiner Biographie lassen sich wesentliche Lebenserfahrungen eines Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts nachzeichnen. Er arbeitete in den automatisierten Fabriken der USA, schrieb philosophische Essays und literarische Texte, demonstrierte gegen die Atomgefahr und ließ sich auf die Abwege und die Schattenseiten einer kritischen Existenz ein, die sich im Licht der Aufklärung immer wieder zu verflüchtigen drohte. Ihm verdanken wir Einblicke in unsere Produktionsrhythmen (jenseits einer marxistischen Ökonomiekritik), die längst vom Takt der Maschine bestimmt werden. Ich begriff, daß mein Fremdsein in dieser Welt, meine Verlorenheit nicht ein persönliches, individuelles Schicksal, sondern eine Reaktion auf die gesellschaftlichen Verhältnisse ist.

Vielleicht noch einige Anmerkungen, warum es bisher keine umfassende Biographie zu Günther Anders gab. Zum einen, weil eine Beschäftigung mit Günther Anders automatisch eine eigene Standortbestimmung nach sich zieht, zum anderen, weil sein Werk im angloamerikanischen Raum kaum übersetzt vorliegt und Günther Anders heute, abseits der Mediendebatte, die sich ja hauptsächlich auf Texte dieses Sprachraums stützt, brachliegt. Hauptsächlich wird Günther Anders' Rezeption von seiner Haltung zur Atompolitik bestimmt, seine übrigen Werke werden wenig wahrgenommen. Und dann sind da noch die Philosophen, die sich nicht einig sind, wie er einzuordnen ist. Ist er nun einer, oder ist er keiner? Wen kümmert es. Günther Anders ist als Kulturtheoretiker neu zu entdecken. Und gerade das interessierte mich als jemand, der sich als Teil der No-future Generation Ende der achtziger Jahre betrachtet.

Meine Auseinandersetzung mit Günther Anders wurzelt genau dort, wo sich unsere Leben geographisch kreuzen: in Wien. Die Weltstadt Wien liegt an der Peripherie der bekannten Welt. Wien ist der Angelpunkt in der Biographie über Günther Anders, nicht nur weil er hier seit den fünfziger Jahren gelebt hat, sondern weil es hier wie in keiner anderen europäischen Hauptstadt auch heute noch so verträumt und weltverloren zugeht wie in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. In der Stadt, in der der Mensch noch unbeschadet dem Humanismus, der Aufklärung, den Idealen des demokratischen Nationalstaates nacheifern kann, denn die Wiener haben auch nach dem Holocaust, nach Hiroshima und Vietnam das neunzehnte Jahrhundert nicht verlassen. Sie igeln sich ein in ihren Puppenhäusern, in ihren Gemeindewohnungen und Cottage-Villen, in der Beisl- und Kaffeehauskultur, während ihnen im Hintergrund Mozart- und Straußklänge das Leben bei Sacher- und Malakofftorten versüßen.

In Wien wissen die Menschen wenig von der Welt draußen, in der die Technologie des einundzwanzigsten Jahrhunderts an der Abschaffung des Menschen als gesellschaftlichem Weltzentrum arbeitet. Günther Anders aber hat diese Diskrepanz bereits in den fünfziger Jahren erkannt, als er durch die Straßen Wiens flanierte und mit Heimkehrern aus dem Exil über die gute alte Zeit stritt. Er war einer der ersten Theoretiker und Essayisten, die das Weltzentrum Mensch philosophisch und politisch hinterfragten, und damit hat er sich in der Hauptstadt des Provinzialismus nicht gerade beliebt gemacht, vor allem als er 1986 noch hinzufügte, daß er Wien aus folgendem Grund gewählt habe: "Und von Wien aus habe ich herumgeschnuppert, um zu erfahren, was sich in West- und Ostdeutschland tat. Adenauer reizte mich ebensowenig wie Ulbricht. [...] So beschloß ich, im Weder-Noch: in Wien zu bleiben [...]." (Schubert 1987:41)

Vielleicht wurzelt meine Sympathie für Günther Anders genau in diesem Satz. Er hatte die Peripherie gewählt, um zu schnuppern. Ich war in diese Peripherie geworfen worden, in dieses Weder-Noch hineingeboren, das er eher zufällig besiedelte. Ich war gezwungen, die Provinzialität dieser Stadt zu ertragen. Erst spät habe ich mich (durch Günther Anders beeinflußt) aus dieser verinnerlichten Provinzialität, die immer auch eine Art Exil war, befreit und bin in die wirkliche Provinz (aufs Land) gezogen, dorthin, wo mich nichts anderes erwartete als die vollkommene Weltabgeschiedenheit. Günther Anders' Leben endete so wie mein eigenes bisheriges Leben – in der Provinz.

[Zitierte Literatur] | [Abkürzungsverzeichnis] | [Zeittafel]

autor: raimund bahr | eingestellt: 23.8.2018 | zuletzt aktualisiert: 23.8.2018
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