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Armin Anders Wien fragt | Raimund Bahr St. Wolfgang antwortet | 62-74


Zweiundsechzig
Eine der wichtigsten politischen Emanzipationsbewegungen des 20. Jahrhunderts, der Feminismus, hat Anfang der 80er Jahren auch unsere (konservativ bis antiquiert geführten) Universitäten mit all den bekannten Entwicklungen erreicht und sich zugleich allgemein im gesellschaftspolitischen Diskurs aktiv und erfolgreich gezeigt – wie hast Du diese Entwicklungen als Student bzw. als Mann erfahren und wie bist Du damit umgegangen?

Während meines Studiums der Geschichte in den achtziger Jahren war das noch etwas Exotisches, wenn ein Mann sich in feministische Veranstaltungen vorwagte. Meine Erfahrung war, dass das von manchen sehr positiv aufgenommen wurde, andere mich am liebsten rauswerfen wollten. Das eine oder andere Mal brach ja auch eine Diskussion darüber los, ob ich überhaupt teilnehmen dürfte, aus denen ich mich aber bis zur Entscheidung immer zurückgezogen habe, um ihnen Raum zu geben. Das wollte ich mir damals schon nicht antun. Für mich war immer klar, wenn eine Veranstaltung im Rahmen der Universität stattfindet, dann muss sie auch für beide Geschlechter offen sein. Was ich dort gelernt habe, ist, dass Frauen nicht davor gefeit sind, Menschen zu demütigen und dass Frauen, sollten sie an die Macht kommen, die Welt nicht friedlicher machen. Was übrigens die aktuelle gesellschaftliche Situation spiegelt, schließlich gibt es Frauen mittlerweile in vielen Schlüsselpositionen. Hat diese Tatsache die Welt sicherer und friedlicher gemacht? Ich glaube nicht. Um die Welt sicherer und friedlicher zu machen, braucht es nicht ein bestimmtes Geschlecht an der Macht, sondern ein bestimmtes Denken und dieses entwickelt sich zwar nicht unabhängig vom biologischen Geschlecht, aber maßgeblich doch vom sozialen und intellektuellen Kontext, in dem es zur Entfaltung kommt. Insofern war mein universitärer Studienschwerpunkt „Frauengeschichte“ durchaus wichtig und prägend. Problematisch ist es für mich geworden, als wir einmal Luce Irigaray lasen und dort der Satz fiel: „Das Volk der Männer“. Soweit ich das in Erinnerung habe, spricht sie da vom Mann als natürlichen Zerstörer der weiblichen Sexualität, dadurch, dass der Mann mit dem Penis in die Frau eindringt. Nun, da war für mich Schluss und ich habe darüber nachzudenken begonnen, was will ich denn für ein Mann sein und habe Klaus Theweleit und einschlägige Männerliteratur gelesen. Ich habe begonnen, den Genderbegriff ernsthaft auf die gesellschaftlichen Verhältnisse anzuwenden und das hat den Frauen glaube ich, gar nicht gefallen, denn damit kommt ein Mann zwangsläufig in Widerspruch zum Feminismus, zumindest wie er in Österreich in den Achtzigern an der Universität, auf der Geschichtswissenschaft, in den von mir besuchten Veranstaltungen gehandhabt wurde. Meine Erfahrungen außerhalb der Universität haben mich aber in dieser Erkenntnis bestätigt. Ein Mann der genderbewusst denkt, beginnt seine Identität neu zu definieren und damit setzt er sich oft auch in Widerspruch nicht nur zu anderen Männern, sondern auch zu Frauen. Das ist bis heute so geblieben. Letztlich läuft es darauf hinaus, dass der Feminismus dazu geführt hat, Männern mehr Kompromissbereitschaft abzuringen, wie sie Frauen immer schon an den Tag legen mussten, um mit dem anderen Geschlecht ein gedeihliches Zusammenleben zu finden. Wir befinden uns im freien Fall, was die Geschlechterrollen in der Gesellschaft betrifft, deshalb nimmt auch die serielle Monogamie zu, weil beide Seiten jederzeit das Verhältnis zum Partner oder zur Partnerin kappen können.


Dreiundsechzig
Eine der Entwicklungen war, dass bei Bewerbungen an der Universität Frauen das eine oder andere Mal einen Vorzug bekamen, heute spricht man allgemein von notwendigen „Quotenregelungen“, weil die Wirklichkeit zu offensichtlich weit davon entfernt ist, dass Frauen eine gleiche, eine gleichwertige Stellung, Position und Status im gesellschaftlichen Leben haben, von gleichen Löhnen ganz zu schweigen – wie stehst Du dazu und welche Auswirkungen hatte und hat es auf deine persönlichen Beziehungen, insbesondere naturgemäß zu Frauen?

In dieser Frage bin ich, glaube ich, ganz Kind meiner Zeit. Ich bin hauptsächlich von Frauen groß gezogen worden. Mein Vater war abwesend. Da waren meine Mutter, meine Schwester, Kindergartentanten (heute muss ich korrekt sagen Kindergartenpädagoginnen), dann eine Volksschullehrerin in einer Klasse mit lauter Buben (wir waren der letzte Jahrgang ohne Koedukation) und erst in der Hauptschule trat das erste große männliche Vorbild in mein Leben, mein Lehrer, „Leo“ hieß er, unangepasst und wild. Seine Wirkung auf mich war beruflich sehr nachhaltig. Ihm (und auf ideologischer Ebene meinem Vater) verdanke ich, dass ich heute auch Lehrer bin, nicht nur in der Schule. Diese Vorbedingung hat meine Frauenbeziehungen geprägt. Bis heute. Ich bin fest davon überzeugt, dass Frauen in unserer Gesellschaft gleichberechtigt sein sollten, auch wenn es auf meine Kosten geht. Dies zu ertragen, gelingt mir aber nicht immer, da ich in einer ungleichen Gesellschaft groß geworden bin und in der Kindheit und Jugend durchaus davon profitiert habe, ein Mann zu sein. Dennoch: trotz der eigenen Unfähigkeit dieses Prinzip der Gleichberechtigung im Privaten jederzeit umsetzen zu können, bin ich der Meinung, dass wir daran arbeiten müssen. Gleichberechtigung heißt für mich aber die Anerkennung der Unterschiede der Geschlechter. Eine Gesellschaft, die versucht Gleichberechtigung (übrigens nicht nur von Frauen und Männern) ihrer Mitbürger herzustellen, ohne die Unterschiede der beteiligten Gruppen mitzudenken, wird diese nicht verwirklichen können. Was sich deutlich in der Flüchtlingsdebatte zeigt. Es gibt keine Gleichberechtigung aller Bürger und Bürgerinnen in unserer Gesellschaft, weil sie nicht auf Gleichberechtigung der Unterschiede abzielt. Was ich in meinem privaten Umfeld zu schaffen versuche, ist, mit meiner Frau ein gleichberechtigtes Einvernehmen der Unterschiede herzustellen und mein Tochter und meinen Sohn nicht gleich zu behandeln, sondern nach ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen zu fördern, ohne aus dem Blick zu verlieren, dass sie nach der Pubertät in einer Gesellschaft überleben müssen, die Frauen und Männer nicht gleichberechtigt behandelt. Ich bin auch ihr Vater, also ein Mann und lebe ihnen meinen Weg vor, mit der Option, diesen radikal in Frage zu stellen, auch wenn meine Reaktion darauf oft eben nicht immer langmütig und gerecht ist. Kurz gesagt: ich bin durch die Mühlen des Feminismus ebenso wie durch die des Patriarchats gegangen und das war nicht immer leicht und deshalb bin ich ein Mann des Übergangs, der gerne noch dieser Mann wäre, der sich nicht rechtfertigen muss, der tun und lassen kann, was er will, innerhalb der von der Männergesellschaft gesetzten Grenzen, die Privilegien der Männlichkeit weiter behalten möchte und gleichzeitig bin ich der postfeministische Mann, der die Frau als gleichberechtigt anerkennen will, im Haushalt genauso viel leistet wie die Frau, umgekehrt dasselbe von der Frau verlangt. Insofern bin ich ein Hybrid hervorgebracht durch die Umstände meiner Zeit, im Bewusstsein, dass ich in meinem Leben diese Frage nicht befriedigend lösen kann. Mit dieser hybriden Existenz muss ich mein Auslangen finden und meine Frau und meine Kinder mit mir, andernfalls es zum Bruch der familiären Beziehungen kommen würde.

Vierundsechzig
In der „edition“ hat man den äußerlichen Eindruck, dass Frauen in allen Bereichen eine gleichgewichtete Rolle spielen bzw. es kein Problem diesbezüglich gibt – ist das nur der äußere Schein oder steht auch eine Art politisches Programm und ein Wille dahinter?

Dem ist so. Das hat eben mit meinen Erfahrungen zu tun. Hier glaube ich verwirklicht sich mein Wille zur Gleichberechtigung am Deutlichsten, denn dafür mussten wir weder eine Programmatik entwickeln oder es irgendwie in besonderer Weise hervorstreichen, dass uns das wichtig ist. Das ergibt sich aus dem Selbstverständnis aller beteiligten Personen. Was geschieht, passiert auf Grund der eingebrachten Möglichkeiten und Bedürfnisse unabhängig vom Geschlecht der Person. Das einzige, was bestimmend war, ist, dass ich ein Mann bin und der Gründer der Edition und der AG Literatur und mir auf Grund der Gründungsrechte bestimmte Vorteile erwachsen, aber nicht weil ich ein Mann bin. Natürlich könnten böswillige Geister nun sagen, na ja, ich konnte die AG Literatur in dieser Form ja nur deswegen gründen, weil ich ein Mann bin. Daran glaube ich nicht. Die Gründung der AG Literatur hatte etwas mit meiner persönlichen Lage zu tun, mit meinen Möglichkeiten und meinen Bedürfnissen. Da war kein Geschlecht im Spiel, außer vielleicht, dass mir mein Testosteronspiegel mehr Kraft verliehen hat und mehr Durchsetzungswillen. Ein Mann zu sein, hat sicher geholfen, aber es macht die AG Literatur nicht zu einem männlichen Projekt. Und selbst wenn, ist mir das auch egal, denn es ist ein gutes Projekt gewesen, in der die Geschlechterunterschiede in der Frage der Partizipation keine Rolle gespielt haben, hoffe ich zumindest und das wird sich auch deutlich in der Dokumentation der Fakten zeigen.


Fünfundsechzig
Eine andere bedeutsame Ereignis und Entwicklung nahm Gestalt an in den „Kämpfen“ um die „Hainburger Au“, berühmt geworden ist dabei das „profil“-Cover mit einer blutenden Demonstrantin, bedrängt von Polizisten – wie erinnerst Du dich an diese Ereignisse und in welcher Weise haben Sie Dein Leben geprägt?

Nun ich war ja selbst in Hainburg. Hainburg hat für mich dieselben Folgen wie für Deutschland Stammheim. Natürlich sind diese beiden Ereignisse nicht wirklich vergleichbar und doch haben sie in einer Sache etwas gemeinsam: den stärksten Verlust an Glaubwürdigkeit, den die Sozialdemokratie nach 1945 hinnehmen musste. Nach Stammheim war nichts mehr wie vorher und dasselbe gilt für Hainburg. In Österreich wird Hainburg ja immer als Sieg gefeiert. Das stimmt auf der Aktionsebene sicher. Aber es war eben ein Pyrrhussieg, denn was in der ökologisch-demokratiepolitisch geprägten Debatte um Hainburg gerne übersehen wird, ist, dass die Sozialdemokratie in Hainburg in die Nachkreiskyära eingetreten ist. Was will ich damit sagen: Wir haben zwar in Hainburg den Bau des Kraftwerkes verhindert, das war ein großer demokratiepolitischer Erfolg, der vor allem auf den sozialen Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre aufbaute, aber gerade weil es ein Erfolg war und die Grünen ins Parlament spülte, die in einem langwierigen Prozess ihre linken Flügel verdaute und ausgeschieden hat, hat dazu geführt, dass wir alle nach Hause gegangen sind und dachten, die werden es schon für uns richten. Denkste! Da sind katholische Systemreformer am Werk gewesen. Damals wie heute. Da wird um Begegnungszonen gekämpft, als ginge es um den ökologischen Endkampf, da wird um Windparks gerungen, als würden die unsere Probleme lösen. Die wirklichen sozialen Probleme haben die Grünen auch in Wien nicht gelöst, trotz Koalition mit den Sozialdemokraten oder gerade wegen dieser. Wenn zwei Reformparteien aufeinandertreffen, führt das eben auch zu Reformen und nicht zur Formulierung geistreicher und zukunftsträchtiger Utopien. Für mich persönlich war Hainburg ein politisches Erweckungserlebnis. Zum ersten Mal habe ich erlebt, dass Politik gemacht werden kann, wenn es einen gemeinsamen Willen gibt. Ich stand am Stacheldraht und war auf Angriff gepolt. Ich war erfüllt von Zorn und Wut über die Selbstgerechtigkeit des österreichischen politischen Systems. Das heute ja noch viel selbstgerechter und banaler ist als damals, weil die Bevölkerung das politische System sich selbst überlassen hat und jetzt erstaunt ist, über die Schweinereien, die das politische Establishment über ihre Köpfe hinweg organsiert. Das, was Hainburg für mich gezeigt hat, ist, dass Politik im solidarischen Handeln durchaus positive Impulse zeigen kann. Doch dazu kann sich heute niemand mehr aufraffen. Und da nehme ich mich selbst gar nicht aus. Für mich ist Hainburg auch historisch ein Angelpunkt, um die letzten vierzig Jahre Innenpolitik bewerten und analysieren zu können. Ohne Hainburg greift jede politische Analyse der derzeitigen Verhältnisse zu kurz. Das ist mir in den letzten Jahren klar geworden, denn Hainburg ist für meine Generation, der politische Maßstab, an dem wir uns messen und messen lassen müssen.


Sechsundsechzig
Im kulturpolitischen Diskurs der 70iger Jahre war das Stichwort von der „Kunst und Kultur für alle“, vor allem in der sozialdemokratischen Bewegung, allgegenwärtig – wie denkst Du heute über solche Ideen und Ideale in Bezug auf allgemein möglicher kultureller Teilhabe der Bevölkerung, auch im politischen Sinne der Entwicklung von Kritik, Demokratie und Staat?

Diese Frage ist ganz einfach zu beantworten. Wer Kunst machen will, die Kultur kommt dann ganz von selbst, soll das machen können. Der Staat, also die Gemeinschaft, muss nur die Mittel dafür zur Verfügung stellen, nämlich ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das gilt übrigens auch für andere Berufsgruppen. Wer Bauer werden will, soll diesen Beruf ergreifen können und dafür soll er ein Einkommen erhalten, unabhängig vom wirtschaftlichen Ertrag seiner Anbaufläche. Ein Mensch, der gerne mit Holz arbeitet, soll Tischler sein, unabhängig vom Volumen seiner Auftraggeber. Diese ganze Kunstdebatte, wer Künstler sein darf und wer nicht, ist doch eine Scheindebatte. Wer es tun will, soll es tun, ob er sich als Künstler bezeichnet oder nicht. Und wenn alle ein bedingungsloses Grundeinkommen zur Verfügung haben, dann können sie sich auch in Künstlerkollektiven organisieren und ihre Werke der Öffentlichkeit präsentieren. Die Fiktion, dass dann keiner mehr arbeiten geht und jeder nur faul zu Hause herumliegt, ist ja Propaganda der Sozialdarwinisten, die um ihre Profite fürchten. Natürlich gibt es da eine Übergangsphase, die gab es auch vom Feudalismus zum Kapitalismus und zum Wohlfahrtsstaat, aber davon können wir uns doch nicht abhalten lassen, es zu tun. Der Mensch will arbeiten und jeder wird sich die Nische suchen, für die er sich berufen fühlt. Aber er kann eben in dieser Nische existieren, ohne sich permanent sein ökonomisches Überleben scheren zu müssen.


Siebenundsechzig
In den vergangenen zwanzig Jahren ist in den gesellschafts-politischen sowie auch kulturtheoretischen Debatten immer wieder davon zu lesen und zu hören, dass und wie die „68-Generation“ für alles und jedes, was seitdem schiefgegangen ist – z.B. auch der nicht erfolgte Generationenübergabe: viele blieben viel zu lange auf ihren „Posten“ und versäumten die gesellschaftliche Entwicklungen ist der Vorwurf - verantwortlich gemacht – was ist diesbezüglich Deine Position?

Natürlich sind sie verantwortlich für den Generationenstau. Den Begriff haben wir schon in den neunziger Jahren dafür geprägt in unserer Veranstaltung 1999, in der es um die Sozialdemokratisierung der Gesellschaft ging. Wir hatten ja keinen wirklich Konflikt mit den 68zigern, sondern mit der Tatsache, dass sie uns nicht an die Futtertröge ließen. Das hat eben etwas mit den sich verknappenden Ressourcen auf der einen Seite zu tun und mit der Zahl der Personen, die durch die „Babyboomer“ auf den Markt drängten. Ich denke schon, dass es so etwas wie Generationen gibt und ein Text den ich von Karl Mannheim „Über das Problem der Generationen“ von 1928 gelesen habe, hat mich in dieser Auffassung bestärkt. Wir in den frühen sechziger Jahren Geborenen, haben eine ganz spezifische Generationenlage. Wir sind eine Übergangsgeneration und deshalb kommen da ja auch keine wirklich profilierten Autoren aus dieser Generation. Wir sind alle damit beschäftigt, diesen Übergang zu verdauen. Vielleicht schaffen wir ja in unserem Alter dann die großen analytischen Werke unserer Zeit. Obwohl ich meine Zweifel daran habe, weil wir uns in diesem Prozess des Übergangs aufgerieben haben. Dabei wären wir die einzige Generation, die diesen Übergang aus einer unmittelbaren Erfahrung heraus beschreiben könnte. Wir sind eine Generation der Vielen und wir kennen uns dennoch nicht. Das wäre meine These. Wir sind im Verhältnis zur Generation vor uns immer alleine geblieben, Einzelgänger ohne kollektives Bewusstsein. Die AG Literatur ist eine Reaktion auf diese Ereignisse, denn sie versucht auf organisatorischer Ebene, in dem sie Menschen zueinander, in Diskurs miteinander bringt, diese Vereinzelung zu überwinden. Das hat auch bis zu einem bestimmten Punkt funktioniert. Dort, wo es dann darum gegangen wäre, diesen Impuls in politisches Handeln umzusetzen, haben wir versagt, denn auch in dieser Frage, sind wir eine Generation des Übergangs. Wir kommen alles aus kollektiven Erfahrungsprozessen, aber gleichzeitig wurde uns gesagt, dass wir uns als Individuen positionieren müssen und diesen Widerspruch haben wir verinnerlicht. Wir wechseln ununterbrochen vom individuellen Standpunkt zum kollektiven. Als Autoren aber verharren wir im Individuellen. Da ist der Übergang bereits vollzogen. Die AG Literatur ist als Organisationsform nichts weiter als ein Spiegelbild dieses Übergangs und deshalb hat sie auch ein Ablaufdatum, weil der gesellschaftliche Prozess, der die AG Literatur hervorgebracht hat, mittlerweile abgeschlossen ist


Achtundsechzig
Der Begriff der „Generation“ ist heute medial ein inflationär ein gebrauchter und – einmal abgesehen davon, dass heutzutage niemand mehr alt werden will bzw. schon gar nicht, es zeigen will (Photoshop und Plastische Chirurgie sei Dank!) – tut man sich allgemein schwer, damit, diesem etwas abzugewinnen, trotzdem hat er nach wie vor eine Bedeutung bzw. konkret gefragt: hat der Begriff für Dich (noch) eine Bedeutung, und wenn ja welche, z.B. auch konkret in Deinem künstlerischen Selbstverständnis, fühlst Du Dich angehörig einer „Generation?

Ich denke, die Frage habe ich mit meiner Antwort auf Frage Siebenundsechzig erörtert. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.


Neunundsechzig
In der Schweiz soll noch heuer eine Volksabstimmung über die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen stattfinden – Du hast dazu immer eine pointierte Position vertreten, wie schaut diese aus und welche Auswirkungen erwartet Du auf jegliche kulturelle und künstlerische Produktion?

Ich habe das ja weiter oben schon angedeutet. Am bedingungslosen Grundeinkommen führt meines Erachtens kein Weg vorbei, wollen wir in der Gesellschaft, innerhalb des kapitalistischen Systems, einen qualitativen sozialen Fortschritt erzielen. Das Grundeinkommen muss ja bedingungslos sein, um es vor dem Zugriff jeder staatlicher Willkür zu schützen. Es muss ein Spiegelbild dessen sein, was sich auf dem Markt zeigt. Kapitalerträge und Arbeit haben sich ja mittlerweile entkoppelt. Mit Kapital ist mehr Geld zu verdienen als mit Arbeit, auch mit unternehmerischer Tätigkeit. Daher muss das sich bildende Kapital umverteilt werden und Lohn und Arbeit ebenfalls entkoppelt werden und das geht nur über das bedingungslose Grundeinkommen. Wer lebt soll essen. Nicht wer arbeitet soll essen. Wer lebt und isst, arbeitet von selbst, da braucht es keine Disziplinierung mehr. Klar würde das die Gesellschaft vollständig verändern. Wir würden auf dem Arbeitsmarkt einen Nachfragemarkt bei den Arbeitskräften bekommen. Wer jemand für sich arbeiten lassen will, muss mehr als das Grundeinkommen bezahlen, andernfalls arbeitet niemand für ihn. Das führt automatisch zu Umverteilungsprozessen. Außerdem könnten wir in einer Übergangsphase ein Antragsrecht für ein Grundeinkommen einführen, denn ein Hindernis ist ja, dass eine große Bevölkerungsmehrheit das Grundeinkommen ablehnt, weil sie nicht verstanden haben, was es bedeutet. Keine politische Kraft im Land, die genug Öffentlichkeit hat, erklärt es auch in ausreichendem Ausmaß. Wir könnten zum Beispiel jedem der Arbeitslos wird, das Recht einräumen ein Grundeinkommen zu beantragen und zwar in Höhe von 1.500,00 Euro mit Indexanpassung jedes Jahr. Für jedes Kind erhält eine Familie 500,00 Euro. Im Gegenzug fallen alle Transferleistungen wie Kinderbeihilfe, Pensionen und ähnliches weg. Damit kommt eine Familie auf ein Grundeinkommen von 4.000,00 Euro im Monat. Das würde einen unglaublichen wirtschaftlichen Impuls auslösen, denn die Leute würden, da sie das Geld ja pro Monat bekommen, auch ausgeben. Dann könnten sie umweltbewusst einkaufen, damit die Entwicklung energiesparende Produkte begünstigen, würden vielleicht auch nicht soviel durch die Gegend fahren und das Geld vor Ort in regionale Anbieter investieren. Das hat nur Vorteile. Für die, die das Vermögen derzeit besitzen, wird das natürlich bitter, denn sie müssen sich Dienstleistungen teuer zukaufen, da können sie keine Putzfrau mehr mit ein paar Hundertern abspeisen. Da müssen sie dann eben schon mal tief in die Tasche greifen und für die Arbeiten, die keiner machen will, ordentliche Gehälter zahlen. Der Staat spart extrem viele Dienstleistungsorganisationen: Arbeitsmarktservice, Versicherungsanstalten und so weiter. Der Staat muss nur noch für die Umverteilung der Gelder sorgen, die durch die weiterhin fließenden Steuereinnahmen möglich wird, denn das Grundeinkommen wird mit allem, was durch Arbeit verdient wird, weiterhin besteuert. Kommt jemand über die 1.500,00 Eurogrenze, wird das wie früher besteuert. Wir haben mittlerweile unglaublich viele Menschen in Grundsicherung, nur erhalten sie nicht das gleiche für ihre Existenz. Pensionisten sind grundgesichert. Arbeitslose sind grundgesichert. Erben sind übrigens die am besten grundgesicherten Menschen in unserer Gesellschaft. Die leisten gar nichts, um an ihr Geld heranzukommen. Und gleichzeitig haben wir unglaubliche viele Menschen, die Arbeiten, die weder Lohn noch Grundsicherung haben, nämlich Hausfrauen und Hausmänner. Für die würde es schlagartig zu einer Verbesserung ihrer Einkommenssituation führen und die gesellschaftliche Arbeit, die sie leisten, würde dann auch endlich bezahlt werden. Jede und jeder kann dann frei von ökonomischen Zwängen entscheiden, mit wem er wie zusammenleben möchte. Das Grundeinkommen würde den Kapitalismus nicht beseitigen, es würde keinen Sozialismus hervorbringen, aber es würde die Gesellschaft gerechter machen, mehr zur Gleichberechtigung aller Bürger und Bürgerinnen beitragen, als dies Feminismus, Sozialismus und alle anderen -ismen je geschafft haben. Weil das Grundeinkommen ein rein monetäres Umverteilungsprinzip ist und kein ideologisches Konzept beinhaltet, das auf unterschiedlichen sozialen Bedingungen basiert, sondern darauf, dass die Arbeit jedes Menschen gleich viel wert ist und zwar gemessen am erwirtschafteten Gesamtvermögen der Gesellschaft. Denkbar wäre ja, das Grundeinkommen jedes Jahr auf Grund des verdienten Gesamtvermögens zu verteilen.


Siebzig
Du hast einmal gesagt, der Ausspruch „Arbeit schändet“ (ein Wort der anarchistischen Gruppe „Revolutionsbräuhof Wien“) war Dir immer ein verständlicher und auch richtiger – ist das heute noch so?

Ja, das gilt heute wahrscheinlich noch mehr als damals. jede Arbeit schändet, denn Arbeit bedeutet heute die Ausbeutung anderer in Kauf zu nehmen oder für Unternehmen zu arbeiten, die diese Ausbeutung vorantreiben. Selbst in den Sozialberufen wird ja nichts anderes getan, als die jungen Menschen auf diesen Prozess vorzubereiten oder die Alten, die in diesem Prozess nicht mehr mithalten können, an ihr Ende zu begleiten. Arbeit ist ja hier als Lohnarbeit gemeint. Und Lohnarbeit ist abhängige Arbeit, in der der Lohnarbeiter einen maximalen Einsatz erbringt mit minimalen Freiräumen. Wenn das keine Schande ist, was dann?


Einundsiebzig
Pascal meinte, dass alles Unglück der Menschen daher käme, dass sie nicht alleine zuhause mit sich alleine bleiben können; weil die meisten Menschen das nicht aushalten (naturgemäß das allgegenwärtige Bewusstsein vom eigenen Tod), müssen sie sich immerzu „beschäftigen“, müssen sie nach draußen gehen und „Unheil“ unter den anderen Menschen anrichten.

Also da bin ich mir nicht so sicher. Ich glaube, dass das Unglück des Menschen darin besteht, dass er es eben nicht schafft, gedeihliche, herrschaftsfreie Beziehungen zu Menschen aufzubauen. Gleichberechtigung im Sinne der bestehenden Unterschiede zu begreifen. Das die Sterblichkeit Unheil in die Welt bringt, das denke ich auch, vor allem im persönlichen Bereich. Für mich gibt es ja zwei Pubertätsphasen im Leben eines Menschen. Die eine ist die Phase am Beginn des Lebens, wo Menschen ihre Geschlechtsreife, also ihre volle Potentialität entfalten und erleben, die andere ist die gegen Ende des Lebens, wenn die Menschen ihre Sexualität zu verlieren drohen und damit glauben, ihre eigenen Potentiale einzubüßen. Gegen die erste ist der Mensch machtlos, weil sie absolut biologisch gesteuert ist. Die zweite trifft einen Menschen auch mit voller Wucht, aber da kann er mit Erfahrung gegensteuern und bis ins hohe Alter noch ein angenehmes Leben entfalten. Es geht eben um Potentialitäten und der Tod beraubt uns dieser Lebenspotenz. Damit kann der Menschen sich beschäftigen, muss er aber nicht. Von der Sterblichkeit wird irgendwann aber jeder betroffen, entweder persönlich, weil er vor allen anderen, die er kennt, stirbt oder weil in seinem Umfeld Menschen sterben, die ihm etwas bedeuten und dann, spätestens dann wird die eigene Sterblichkeit relevant. Jeder reagiert darauf anders. Manche werden darüber auch verrückt oder krank. Manche zerstören andere, um selbst ein wenig Heil zu finden. Mit der Sterblichkeit ein Arrangement zu finden, ist meiner Erfahrung nach genauso schwierig, wie aus der Pubertät einigermaßen intakt herauszukommen.


Zweiundsiebzig
Freud geht sogar noch eine Schritt weiter, wenn er sagt, dass alle Kultur ihr Fundament in der (allgegenwärtigen) Verdrängung des (eigenen) Todes hat; das auch macht den Menschen – im Gegensatz zu den natürlichen und diese somit begrenzenden Trieben der Tiere – zu einem grausamen und mörderischen „Tier“; ein „Tier“, das erbarmungslos gegen sich selbst, vor allem aber mitleidlos gegen „die Anderen“, gegen „die Fremden“vorgehen kann (und das eben tut ohne triebbestimmte Schranken und auch gegen alle „moralische“ Grenzen – Freud spricht ja sogar, bis heute sehr umstritten, von einem „menschlichen Todestrieb“); vor allem aber ist der Mensch dazu allezeit fähig sowie kulturtechnisch und mental mehr als in der Lage, wenn dieses „Andere, Fremde“ ihm zu nahe kommt – wovon wir heute in diese Tage ja mal wieder gar nicht so fern sind; etwas, das auch nur ein wenig denkende und empfindsamen Menschen die Zornesröte in Gesicht treibt und einmal mehr daran erinnert, wie dünn die Decke der sogen. „Zivilisation“ ist und uns schwere Kämpfe bevorstehen.

Freud habe ich immer etwas bizarr gefunden. Die meisten seiner Theorien finde ich mehr als seltsam. Ödipus, Elektra, Todestrieb. Das war mir immer etwas fremd. Vielleicht habe ich ihn auch nicht genau genug gelesen. Die zivilisatorische Decke ist dünn, in privater und gesellschaftlicher Hinsicht. Das weiß ich nur zu gut. Jeder Mensch begeht Verbrechen. Die einen größere, die anderen kleinere. Und viele davon haben nichts mit ökonomischen Notstandssituationen zu tun, sondern mit psychischen und physischen Notständen. Der Tod ist allgegenwärtig, nicht nur als Sterblichkeit, sondern auch in Form von Kriegen und Amokläufen. Er macht viele von uns irre. Die Kunst ist es eben, nicht irre zu werden. Die Momente des eigenen Irrsinns zu bekämpfen, auch wenn es nicht immer gelingt, das ist die eigentliche Herausforderung, den eigenen Irrsinn zu bekämpfen, sich ihm nicht hinzugeben und im Gespräch mit Menschen zu bleiben, auch über den Irrsinn. Meine Erfahrung ist nur, dass mit dem Irrsinn kaum jemand umgehen kann. Vielleicht weil sie ihn für eine ansteckende Krankheit halten.


Dreiundsiebzig
Wie also steht es gegenwärtig mit Deinen Verdrängungen, Trieben, ja Deiner Zornesröte sowie – wenn Du einen Schritt zurückmachst und Dich besinnst, mit dem immer noch wirksamen (aufklärerisch) modernen Gedanken, dass jegliche Kunst und Literatur – vielleicht ja doch – immer auch der Entwurf einer anderen, und ja, auch einer besseren Welt (auf Erden) ist?

Utopie ist das eigentlich zentrale in der Literatur. Vielleicht ist das Utopische, der Gesellschaftsentwurf, was Literatur von anderen Schreibformen unterscheidet. Also wenn ich irgendeine Definition für Literatur finden müsste, dann wäre es die, dass Literatur so etwas wie eine Utopie und sei es auch nur eine negative beinhalten müsste. Einen Gegenentwurf zur bestehenden Gesellschaft, wobei natürlich auch ein faschistoider Gegenentwurf dann Literatur wäre. Lieber wäre mir natürlich ein progressiver Entwurf, der auf die Gleichberechtigung der Menschen abzielt und nicht auf ihre Unterwerfung. In diesem Sinne sehe ich meine Literatur, die ja eher den status quo aufzeichnet als Spiegelbild dessen, was ich gerne hätte. Worüber ich schreibe, ist, was ich sehe. Das Gegenteil davon hätte ich manchmal gerne als gesellschaftlich verwirklichte Utopie. Also eine Weiterentwicklung dessen, wovon Günther Anders schreibt, wenn er sagt: All das Aufgeschriebene dient eigentlich dazu, dass es nicht Wirklichkeit werden soll. Überspitzt würde ich sagen: Das Aufgeschriene dient dazu, dass sein Gegenteil wirksam werden möge. Mit der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen habe ich mich glaube ich, ausreichend als Utopist geoutet. In meiner Literatur kommt das aber kaum vor. In der Literatur spiegeln sich die bestehenden Verhältnisse. In meiner politischen Haltung würden sich die passenden Lösungen dazu finden.


Vierundsiebzig
Wie groß ist die Deine (persönliche, innerste) Verzweiflung? Gibt es so etwas wie einen persönlichen „Raimund“-Glauben? Hast Du noch Hoffnung – für Dich, Deine Familie, Deine Kinder, künftige Generationen, die Menschheit?

Einen persönlichen Glauben? Ja. Ich glaube an die nächste Nacht, an den nächsten Tag, an ein gemeinsames Frühstück mit meiner Frau, einen gemütlichen Abend mit der Familie. Ich glaube daran, dass ich ein guter Schriftsteller bin, dass meine Sprache mein Leben bewältigt. Für die Zukunft habe ich keinen Glauben, ich bin nicht religiös. Für die Zukunft bleibt mir nur das Hoffen, dass ich meinen Kindern zeigen kann, welche verschiedenen Wege ihnen offen stehen und es auch an ihnen liegt, diese Wege zu gehen oder Wege für sich zu öffnen. Meine Wege sind ja im Grunde vorgezeichnet, aber die nächste Generation kann sich neue erschließen und davon wird abhängen, welchen Weg die Menschheit gehen wird.

eingestellt am: 22.10.2017 | zuletzt aktualisiert: 22.10.2017
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