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Armin Anders Wien fragt | Raimund Bahr St. Wolfgang antwortet | 45-61


Fünfundvierzig
Immer öfter ist in den Medien von einer „finsteren Zeit“ zu lesen, in der wir leben, ja von einer Zeit, die „aus den Fugen“ geraten ist ( „Hamlet“ wird wieder einmal bemüht). Was empfindest und denkst Du, wenn du solche Zeilen liest und hat es irgendwelche Auswirkungen erstens auf deinen Blick auf die Zukunft (z.B. ganz konkret auf die Deiner Kinder) und zweitens auf Deine alltägliche publizistische und schriftstellerische Arbeit?

Das klingt etwas seltsam für mich, wenn von finsteren Zeiten die Rede ist, die es derzeit geben soll, denn das setzt ja voraus, dass es einmal lichte und helle Zeiten, sozusagen gute Zeiten gegeben haben soll. Früher. Meine Erinnerung ist, dass wir schon 1998 zu 60 Jahre Anschluss eine Veranstaltung gemacht haben, die behauptete, dass die Zeiten nicht besser, sondern nur andere geworden sind. Die Finsternis besteht heute nicht mehr darin, dass Menschen in Gaskammern vernichtet werden, sondern in einem weiter voranschreitenden Ungleichgewicht der ökonomischen Bedingungen. Es gibt mehr Kriege als je zuvor, auch wenn sie nicht in Europa stattfinden und letztlich gilt auch seit 1945 das Wort von Günther Anders, dass er mit vierzehn Jahren über den ersten Weltkrieg schrieb: „Der Friede ist immer geschieden.“ Es herrscht immer Krieg. Wir leben im ewigen Krieg. Noch dazu in einem unerklärten Krieg. Darüber habe ich in den achtziger Jahren eine Trilogie geschrieben, ein Stück in drei Teilen. Beeinflusst von den Ereignissen um die RAF und die Lektüre von Sartres Romantrilogie „Der Pfahl im Fleisch“. Manchmal scheint es uns so, als hätten wir das neunzehnte Jahrhundert längst hinter uns gelassen, den Feudalismus, die Kinderarbeit, die Massenvergewaltigungen von Frauen, den Hunger, die Ausbeutung, aber wenn ich mich in der Welt umsehe, dann haben wir nur die Mittel der Gewalt verändert, nicht die Gewalt selbst. Die Zeiten waren immer schon finster und sie sind auch nicht finsterer als früher, wenn ich mir den Gesamtzustand der Welt ansehe. Deshalb ist das nichts weiter als eine Schreckensrhetorik, die den Menschen einreden will, dass es auch einmal andere Zeiten gegeben habe und es nur eine Übergangssituation sei und es irgendwann wieder besser werden würde. Das ist eine Lüge der politischen Eliten, wobei ich ihnen gar nicht unterstellen möchte, dass sie diese Lüge bewusst berteiben. Ich denke, sie glauben tatsächlich an die Legende von der guten alten Zeit, die jede Epoche über ihre Vorgeschichte spinnt. Doch es gab noch nie gute alte Zeiten, auch nicht schlechte alte Zeiten. Es gab nur die Vergangenheit und es gibt nur die Gegenwart.
Wir leben in Zeiten. Und nun komme ich zu den persönlichen Implikationen, in denen meinen Kindern weniger zugestanden werden wird wie meiner Generation. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass erstmalig in der Geschichte Eltern für ihre Kinder nicht besser Lebensbedingungen erwarten können, als die eigenen, die sie vorgefunden haben. Dass die harte Arbeit, die Eltern leisten, sich nicht in einer besseren Versorgung ihrer Kinder, in einem höheren Wohlstand ausdrücken wird. Das ist bitter, denn damit geht ein wesentlicher Sinn, den wir der Lohnarbeit abringen können, verloren. Für mich bedeutet dies, dass ich bis ins hohe Alter arbeiten werde muss, um meine Kinder unterstützen zu können, auf dem Weg, den sie für sich suchen wollen. Für meine politische Haltung bedeutet dies, eine radikale Umverteilung der ökonomischen Mittel zu fordern und in dieser Forderung nicht nachzugeben, denn sie ist vernünftig, machbar und wäre nach der Abschaffung des Feudalismus, der erste wirklich essentielle soziale Fortschritt in der Menschheitsgeschichte.
Für meine schriftstellerische Arbeit bedeutet es gar nichts, denn sie ist ja letztlich ein Ausdruck meines Widerstandes gegen all die finsteren Zeiten, die ich in persönlicher und auch gesellschaftlicher Hinsicht durchlebt habe. Und sie ist letztlich auch das einzige Ausdrucksmittel, das mir in diesen, meinen Zeiten geblieben ist, denn was wir begreifen müssen ist, die Zeiten sind nur finster, weil wir nicht in der Lage sind, ihnen Helligkeit und Strahlkraft zu verleihen.


Sechsundvierzig
Zur aktuellen und akuten Flüchtlingssituation, die Österreich mit „Obergrenzen“ sozusagen in den Griff bekommen will, haben 33 österreichische SchriftstellerInnen, – sie werden übrigens in den Medien überall als „prominent“ ge- und benannt – in einem offenen Brief Stellung bezogen, und im Wesentlichen vor den ausschließlich negativen Folgen einer solchen politischen Entscheidung gewarnt. Wenn man an Dich herangetreten wäre, einen solchen Brief zu unterstützen, hättest Du unterschrieben – wenn ja warum und denkst Du, dass man mit solchen Aktionen überhaupt heute noch etwas bewirkt / bewirken kann?

(Es sei dazu noch gesagt, dass alle, wirklich alle in den Online-Medien veröffentlichte Postings zu dieser Initiative negativ ausfielen und alle Formen der Künstler- und Intellektuellenschelte, ja auch Hetze, enthielten, die man zur Genüge kennt, die aber offensichtlich nie aussterben und von Generation zu Generation weitergetragen werden als seien sie das Natürlichste auf der Welt.)

Das lässt sich einfach beantworten. Es kann keine Obergrenzen geben. Einen Brief würde ich unterstützen. Da bedarf es keiner Diskussion. Exil und Emigration im ersten und zweiten Weltkrieg, des zwanzigste Jahrhundert in seinem Totalitarismus haben mich gelehrt, dass Flucht möglich sein muss, denn wenn wir die Möglichkeit der Flucht, welche Beweggründe auch immer dahinter stehen, unterbinden, zerstören wir die Existenz von Millionen von Menschen und dann ist das europäische Lebensmodell keinen Pfifferling mehr wert, dann endet das, was wir Aufklärung und Humanismus nennen nach der Shoah neuerlich in einer gesellschaftlichen Katastrophe, wenn wir nicht schon mitten drin sind.
Das ist alles Greuelpropaganda, die die Politiker im Zusammenhang mit den Flüchtlingsströmen von sich geben. Selbst die deutsche Industrie warnt bereits vor dem Dichtmachen der Grenzen. Sie fürchten um ihre Profite durch LKW-Staus an der Grenze. Ich habe keine Berührungspunkte mit Angela Merkel, aber eines muss ich schon sagen, sie hat gewittert, dass ihre Haltung in der Flüchtlingsfrage ihr politisches Erbe werden könnte und vielleicht kommt da ja doch die ostdeutsche Jugendführerin durch und es zeigt sich vielleicht noch einmal, dass jugendliche Sozialisation das Handeln von Menschen im Erwachsenenleben bestimmen kann. Ich kann an dieser Stelle zum Schluss nur mit einem Zitat antworten: „Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht. Die Internationale erkämpft das Menschenrecht.“


Siebundvierzig
Günther Anders hat in einem Interview einmal kritisch ausgeführt, dass es aufgrund der Spezialisierung von Spezialisierungen der Spezialisierung in allen Natur- wie auch in den Sozial- und in den sogenannten Geisteswissenschaften dazu gekommen ist, dass das, was man „Diskurs“ – also die unentwegte ebenso öffentlich wie kritische gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den sozio-politischen Verhältnissen und sonstigen wie auch immer gearteten Problemen der Zeit – nennt, in beträchtlicher Weise allgemein verarmt ist. Es sei einmal eine Selbstverständlichkeit gewesen, dass der Schriftsteller immer auch eine Art Philosoph oder sagen wir ein Theoretiker gewesen sei, dass er sowohl Essays wie auch Gedichte schrieb und sich womöglich auch an Dramen oder Romanen versuchte – und möglicherweise auch noch Musiker und Komponist war oder Maler oder was auch immer. Heutzutage aber wird es ganz und gar nicht gern gesehen, wenn ein Mann des einen Fachs sich über ein Thema oder einen Sachverhalt eines anderen Fachs äußert oder womöglich sogar Kritik einbringt – wie denkst Du darüber und wenn Günther Anders recht hat, was kann man tun?

Günther Anders hat diese Thesen schon sehr früh formuliert, in den siebziger Jahren. Dieser Prozess stand damals erst am Anfang, aber wie bei ihm üblich, kam er mit dem, was er gesagt hat, immer zu früh. Ich denke, dass diese Beobachtung richtig ist, aber ich bin mir nicht sicher, ob seine Schlussfolgerung korrekt ist oder sich die Verhältnisse seit damals verändert haben. Ich weiß nicht, ob es mit der Spezialisierung der Menschen zu tun hat, auch im Denken, dass „Diskurs“ – was simmer das heißen mag, nicht mehr möglich sei. Vielleicht hat es mehr mit dem Verlust der politischen Glaubwürdigkeit der intellektuellen Eliten zu tun. Das, was Günther Anders mit Diskurs meint, hat ja auch damit zu tun, dass einer sich für die Welt, die ihn umgibt, interessiert und sich mit anderen über den Zustand – oder wie Anders es nennt – ihrer „Interpretation“ auseinandersetzt, um dann daran konkret zu arbeiten, die Welt zu verändern. Vielleicht ist deshalb der „Diskurs“ unter der gesellschaftlichen Rechten so ausgeprägt, während er bei den Linken immer weiter rasant abnimmt. Ich glaube ja eben nicht, dass Diskurs nicht mehr stattfindet, aber er ist eben im Augenblick nicht bei den progressiven Kräften zu finden und dass muss einen Linken wie Anders durchaus irritiert haben. Dagegen hilft nur weiterhin im Gespräch zu bleiben, mit denen, die an einem solchen Dialog interessiert sind. Es zu beklagen, hilft gar nichts. Es gibt eben nichts Gutes, außer man tut es.


Achtundvierzig
Nimmt „Theorie“ von Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft – ganz allgemein betrachtet – in Deinem Schreiben einen bestimmten Raum ein, spielt sie eine bestimmte Rolle; konkret gefragt, beeinflusst sie Dein Schreibwerk in irgendeiner Art und Weise (heute vielleicht mehr als früher) – oder ist das ein Bereich, der keine unmittelbare Rolle in der täglichen Arbeit spielt und ebenso keine bestimmte Funktion hat?

Ob Theorien für mein unmittelbares Schreiben eine große Rolle spielen, weiß ich nicht, aber sie beschäftigen mich, andernfalls wäre es mir gar nicht möglich gewesen, mich eingehend mit der Psychoanalyse oder Günther Anders zu beschäftigen. Für mein literarisches Schreiben hat das Lesen und Verarbeiten von Theorien kaum eine Bedeutung.


Neunundvierzig
Wie hältst Du es mit Deiner eigenen „Theorie“ – ist sie eher latent vorhanden oder manifestiert sie sich auch in bestimmter Art und Weise?

Mit meiner eigenen Theoriebildung ist das so eine Sache. Ich selbst bilde mir sehr viel auf meine Theorien ein, aber das meiste erscheint mir dann unglaublich banal, sobald ich es aufschreibe. Ich hatte mal den Plan eines großen theoretischen Werkes im Anschluss an Günther Anders mit dem Titel: „Hurra, wir leben noch!“ Und dann gibt es da noch mein Buch über die Welt, in dem ich mich mit den Begriffen von Realität, Wirklichkeit und Wahrheit auseinandersetze. Aber das ist alles Stückwerk geblieben. Auch meine Arbeit über die Geschichte der psychoanalytischen Institutionen ist nicht zur Gänze fertig geworden. Natürlich könnte ich jetzt argumentieren, Theorien über die Welt sind heute von einem alleine nicht mehr zu schreiben, wären nur mehr im Team möglich und eine eigentlich überholte Form mit der Welt fertig zu werden, aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Ein anderer ist, dass ich nicht in der Lage bin, meine Gedanken soweit zu ordnen, dass ich immer einem Gedanken bis zum Ende folgen kann. Ich bin, was das betrifft, leicht ablenkbar. Bei mir führt eines zum anderen und meist ganz wo anders hin, meist auf Abwege, auf Umwege und in Sackgassen. Ich bin im Grunde ein Redner, kein Schreiber. Es fällt mir schwer, dass was Günther Anders Diskurs nennt, schriftlich zu absolvieren, ich brauche dafür immer ein Gegenüber. Langsam, jetzt im Alter fällt es mir leichter auch mit einem Text in einen Diskurs einzutreten, da hat sicher das Germanistikstudium geholfen. Vielleicht sollte ich doch noch Philosophie studieren, irgendwann einmal, um dieses Sprechen mit Texten und Ideen einzuüben. Grundsätzlich kann ich theoretisieren, die Ergebnisse bleiben aber meist hinter meinen eigenen Erwartungen an mich selbst zurück.


Fünfzig
Wie kommst Du zu Deiner alltäglichen „Lektüre“ – ist sie eher auf Zufall zurückzuführen oder verfolgst du manchmal oder überhaupt eine Art Leseprogramm, das dann auch mit bestimmten Intentionen und Zielen verbunden ist – macht das „Lesen“ Dir heute noch Freude oder ist es manchmal, als inzwischen gewissermaßen professioneller Leser, doch eher (vielleicht immer öfter) eine Last und (als Publizist) ein Fluch?

Als Jugendlicher habe ich viel gelesen, dann habe ich viel geschrieben und kaum etwas gelesen. Viele Jahre habe ich ja gar nichts gelesen. Erst mit dem Germanistikstudium habe ich wieder ernsthaft damit begonnen. Das war dann ein Auftragslesen, deutschsprachige Literatur aller Zeit. Das bildet ungemein und hilft einem, sich von Normen und Strukturen, die über die Jahrhunderte immer enger wurden, zu lösen, sich frei zu machen von Regelwerken. Beim Lesen geht es mir weniger darum, mir einen Überblick zu verschaffen. Ich habe von einigen Autoren beinahe alles gelesen und dafür andere nicht einmal gestreift. Mein Problem ist, dass ich lieber schreibe, als lese. Doch ich weiß, dass Schreiben ohne Lesen sich irgendwann in sich selbst erschöpft und keine Inhalte mehr generiert, keine formalen Entwicklungen mehr zulässt. Daher habe ich mich entschlossen, wieder zu lesen. Die Literatur meiner Generation, meiner Zeitgenossen, um herauszufinden, womit sie beschäftigt sind, ob ich mit meinem Denken alleine bin oder ob es sich in anderen Texten spiegelt. Was ich bisher herausgefunden habe, ist, dass das meiste Unterhaltungsliteratur ist, erzählverliebt daherkommt. Nun ich habe ja die Absicht diese Leseerfahrungen in Texten zu dokumentieren. Habe ich mich dann mal in einem Autor wiedergefunden, lese ich zumeist sein Gesamtwerk. Mit Peter Wawerzinek geht es mir so. Über den würde ich gerne mal eine Biographie schreiben. Derzeit ist mein Leseverhalten thematisch gesteuert, aber innerhalb des Themas ist die Auswahl der Texte zufällig: Spricht mich ein Titel an, was ist in der Buchhandlung gerade verfügbar. Ich suche jedenfalls nicht nach bestimmter Literatur. Ich lese auch Texte von Freunden. Es macht auch mal Freude, Texte von Menschen zu lesen, die ich kenne, denn dann ist der Diskurs auch lebendiger, den ich führen kann.


Einundfünfzig
Wie ist das mit einem Jahres- oder Saison-Programm der „edition art science“?

Es gibt kein Jahresprogramm, auch kein Saisonprogramm. Die vorgenommenen Titel, wir sind auf drei Jahre im Voraus verplant, werden einfach abgearbeitet.


Zweiundfünfzig
Suchst Du die AutorInnen persönlich aus und ersuchst sie dann um Beiträge für die „edition“ oder ist es inzwischen so, dass Du mit ausreichend schriftstellerischem Material versorgt wirst – und nur noch eine entsprechende Auswahl vornehmen musst?

Es gibt genug Projekte, die an mich herangetragen werden. Die Reihe Lyrik der Gegenwart wird ja im Grunde von Erika Kronabitter betreut, was die Auswahl betrifft und um Titel ergänzt, die ich einbringe, auf Grund von Anfragen aus meinem Umfeld. Es gibt auch langjährige Zusammenarbeiten mit Autoren und Autorinnen, die immer wieder Anfragen, ob es derzeit freie Kapazitäten für ein Projekt gebe.


Dreiundfünfzig
Wobei sich dabei natürlich sogleich die Frage stellt, wie gehst Du dann bei der Auswahl vor – folgst du bestimmten Kriterien und wenn ja, welchen?

Das Kriterium ist im Grunde Vertrauen. Ich setze Vertrauen darauf, dass die Menschen, mit denen ich über Jahre zusammengearbeitet habe, keinen Unsinn anschleppen. Der Filter ist sozusagen mein Umfeld. Durch dieses Umfeld kommen nur bestimmte Texte zu mir durch. Wir bekommen auch kaum Manuskripte zugesandt, weil wir auf unserer Homepage die Wege, wie ein Manuskript zu uns gelangen kann, sehr deutlich formuliert haben. Letztlich sehe ich die Edition als eine Produktionsplattform für Autorinnen und Autoren, um Texte zu verlegen, die anderswo nicht einmal gedruckt werden würden. Wobei Qualität eben nur ein Kriterium ist. Ein zweites ist die Nähe zu unserer Projektarbeit, ein drittes die Effizienz der Autoren in der Arbeit, denn als Einmannbetrieb kann ich mich auf keine langwierigen Diskursprozesse einlassen. Das ist auch ein Grund, warum wir kaum erzählende Literatur machen, denn dafür wäre ein eingehendes Lektorat von Nöten. Wichtig ist, dass das Buch im Kern fertig für die Produktion ist, wenn es zu uns gelangt, also ein Außenlektorat hinter sich gebracht hat, ob dies durch befreundete Autoren oder einen langjährigen Korrekturprozess von statten gegangen ist, spielt dabei keine Rolle. Ab und zu machen wir Bücher auch aus Solidarität. Da werden jetzt ein paar aufschreien und sagen, was hat denn das mit Literatur zu tun und denen halte ich entgegen: alles, denn eine Literaturproduktion, die das Qualitätskriterium über jenes der Solidarität stellt, ist nichts wert.


Vierundfünfzig
Wie lange nimmt eine solche Buchproduktion konkret an Zeit in Anspruch, welchen Aufwand bringt es mit sich, wer ist daran beteiligt – vom Manuskript des Autor bis zum gedruckten Buch, wie ist der Ablauf, welche sind die chronologischen Schritte?

Die Produktion ist im Grunde automatisiert. Wir haben uns vor Jahren für Seriencovers entschieden, was die Effizienz enorm erhöht hat. Es gibt auch für den Innenteil ein relativ starres System von Formaten, außer das Buch verlangt eine Abweichung davon. Ich erhalte das Manuskript, mache ein Layout und dann wird solange daran gearbeitet, bis der Autor seine Zustimmung gibt, erst dann gehen wir in Druck. Der Autor bestimmt Titel, Farbe und Coverbild. Die Dauer des Produktionsprozesses hängt also sehr stark von der Effizienz des Autors, der Autorin ab. Der Druck selbst dauert normalerweise vierzehn Tage. Auch in der Produktion steht der Autor mit seinen Wünschen und Bedürfnissen im Mittelpunkt, die dann in ein Verhältnis zu den Möglichkeiten des Verlages und meine Arbeitszeit gebracht werden müssen. Nur so ist es möglich, dass wir im Schnitt jeden Monat ein Buch herausbringen.


Fünfundfünfzig
Wie schaut es mit dem rechtlichen Rahmen für die „edition“ sowie die AutorInnen aus – gibt es einen Vertrag, was beinhaltet er?

Wir machen keine Verträge, außer der Autor wünscht das. Die Rechte verbleiben bei den Autoren. das gewährleistet eine flexible Struktur. Wir haben nur die Rechte an dem publizierten Format, an der Reihenfolge, am Cover. Das macht unsere Edition zwar angreifbar und wahrscheinlich zu einer flüchtigen Angelegenheit im historischen Kontext, aber es ermöglicht den Autoren mit dem von ihnen geschaffenen Material, weitere Projekte anzugehen. Wenn der ORF für eine Lesung anfragt, dann verbleiben die Tantiemen bei den Autoren, so ist es ihnen möglich, dass sie sich ein wenig Geld dazu verdienen, denn vom Buchverkauf kann ja keiner leben, vor allem bei Lyrikbänden. Würden wir Romane machen, dann gäbe es natürlich Rechtsverträge, denn dann ist ja auch mehr Geld im Spiel und mehr Aufwand auf Seiten des Verlages nötig. Ich denke, mit unserer Konstruktion sind alle Seiten zufrieden und wer diese Konstruktion nicht möchte, der verlegt ohnehin nicht bei uns. Wir haben da eine sehr transparente Kommunikation mit den Autoren und Autorinnen im Vorfeld der Produktion.


Sechsundfünfzig
Worin unterscheidet sich die „edition art science“ von anderen Verlagen bzw. von Buchproduktions-Plattformen, deren es inzwischen ja so viele unterschiedliche gibt?

Das Prinzip Vertrauen ist ein anderes und das der Solidarität.


Siebenundfünfzig
Wenn nun ein/e junge/r Autor/in – welche wirklich an einer Publikation bei Dir interessiert ist, weil sie/er, sagen wir, Gutes gehört hat – an Dich herantritt und Dich fragt, was denn die wesentlichen Vorteile Deiner „edition“ sind – was würdest Du antworten?

Die Geschwindigkeit, in der wir uns für ein Buchprojekt entscheiden und es dann umsetzen. Manchmal kommt ein Manuskript auf den Tisch und zwei Monate später ist das Buch fertig. Diese Geschwindigkeit hast du in keinem anderen Verlag. Und wir arbeiten solange an einem Buch, bis der Autor mit dem Buch einverstanden ist.


Achtundfünfzig
In Deiner schriftstellerischen Arbeit tritt als zentraler Themenkreis immer wieder das „Biografische“ in vielfacher Prägung (historisch, wissenschaftlich, persönlich, literarisch) zutage – was hat es damit auf sich, kann man vielleicht sogar soweit gehen und sagen, dass (vielleicht auch unbewusst) „Biografie“ so etwas wie ein Schlüsselbegriff Deiner literarischen Arbeit ist?

In jedem Fall. Das Biographische ist für mich ein „sine qua non“ (um auch mal zu zeigen, dass ich eine klassische Bildungskarriere hinter mir habe), also eine Bedingung für mein Schreiben. Menschen faszinieren mich. Was bringt sie zu einem bestimmten Handeln. Warum gehen sie manche Wege, die oft weit und ausschweifend sind, statt den kurzen und geraden Weg ans Ziel zu nehmen. Wie ich schon ausgeführt habe, ist mein Schreiben Kommunikation mit der Welt und wenn ich Welt sage, meine ich ja nicht ein Abstraktum, sondern die Menschen. Eine Welt ohne Mensch ist für mich nicht denkbar. Ich denke alles in bezug auf das Verhältnis zwischen Menschen. Und da ist einer, der so denkt wie ich, schnell beim Biographischen. Für mich ist es aber auch wichtig, dass dieses Biographische nicht immer auf den ersten Blick erkennbar ist, deshalb beginne ich auch in meiner Literatur über andere zu schreiben, aber eben immer auf einer biographischen Ebene, weil mich interessiert, warum die Gesellschaft ist, wie sie ist. Das hat etwas mit dem Verhalten von Menschen zu tun und das Verhalten kann nur auf der biographischen Ebene analysiert werden. Habe ich auf dieser Ebene genug Informationen gesammelt, kann ich daran gehen, sie zu systematisieren und damit allgemeinere Aussagen über Funktionsweisen gesellschaftlicher Systeme zu formulieren.


Neunundfünfzig
Nachdem Du vor geraumer Zeit an die sogenannte Peripherie, also konkret aufs „Land“ gezogen bist, eine Familie begründet hast, zweifacher Vater geworden bist, Dich sozusagen nunmehr lebenslang um Haus und Hof kümmern musst – hat das Deine Sicht auf das „Zentrum“, konkret gesprochen auf Wien verändert?

Nein. Meine Sicht auf Wien hat sich schon in Wien selbst verändert. Meine Erfahrungen mit dem Kulturbetrieb in den neunziger Jahren hat mir die Provinzialität dieser Stadt aufgezeigt. Die gibt sich immer als weltoffen und aufgeschlossen, als Ort der sozialen Einheit und der kulturellen Vielfalt. Das mag ja durchaus sein, aber für mich war sie sehr eng und kleingläubig. Ich habe mich in meinem Denken immer am Fin de siecle orientiert, an der Stadt, wie sie einmal gewesen ist, davon ist nichts übrig geblieben, als ein einziges großes Museum. Das Problem ist, dass die Menschen in Wien, vor allem die Kulturschaffenden das nicht begriffen haben, damals. Sie taten so, als wäre das ein echtes Leben, das sie führen, ein Leben im steten Aufbruch, doch sie erkannten nicht, dass es ein Leben im steten Niedergang war, der sie in der Stadt des „Weder-Noch“, wie sie Günther Anders nannte, direkt in die tiefste Provinz führte. Wie die Stadt heute ist, weiß ich nicht, was ich sehe und höre, ermutigt mich nicht gerade. Die Lebensqualität scheint ja zugenommen zu haben, aber aus künstlerischer Perspektive. Nein. Da macht ja weiterhin jeder nur sein „Ding“. Tausende kulturelle und wissenschaftliche Veranstaltungen und keine Utopie weit und breit. Da hilft mir das Zentrum auch nicht weiter.
Mein Zentrum war immer Wien, bis ich es verlassen habe. Es war der einzige Ort, der mir jemals Heimat war. Nun gibt es Heimat nur noch bei Menschen, bei meiner Frau, meinen Kindern. Meine ursprüngliche Heimat ist eine grausame Stadt und die Menschen in ihr zerstört und geistig verwahrlost. Vielleicht werde ich eines Tages in sie zurückkehren, um mit Wolfgang Ambros zu sprechen: um in ihr zu sterben, damit ich begraben liege, wo ich geboren wurde. Aber intellektuelles Zentrum war diese Stadt nie für mich. Doch ich bin gebunden an die deutsche Sprache und daher kam ein anderer Kulturraum für mich nicht in Frage. In der Schweiz sind die Lebensmittelgeschäfte falsch organisiert und den deutschen Dialekt ertrage ich einfach nicht. Und bevor ich im periphersten Zentrum der Welt lebe, wähle ich doch gleich die Peripherie. Da kann sich das Denken entfalten, ohne Schranken und ohne Belästigung durch das verwahrloste und kleingläubige Kulturproletariat.
El Awadalla hat damals, als ich aufs Land verzogen bin, in den Wurmfortsatz Oberösterreichs, entsetzt gesagt: Was, du ziehst aufs Land. In diese faschistoide Gegend? Das habe ich doch bemerkenswert gefunden, zu einer Zeit, da Jellinek sich geweigert hat, ihre Stücke in Österreich aufführen zu lassen, als wäre es in Deutschland weniger faschistoid. Damals brannten Asylwerberheime, die übrigens heute noch brennen und kein Autor würde sich deswegen erdreisten und sagen, ich lasse meine Stücke in Deutschland nicht aufführen und ich stelle den Vertrieb meiner Bücher in Deutschland ein. Was El Awadalla damals sagte, ließ ja die Vermutung zu, Wien sei nicht faschistoid. Was ich für eine ziemlich schräge Vermutung halten würde. Wien gilt für mich als Ort, wo der Faschismus zu Hause ist, bis zum Beweis des Gegenteils, denn es ist der Ort meiner ursprünglichen Sozialisation.


Neunundfünfzig
Es ist ja kein Geheimnis, dass der urbane Raum immer als ein Raum der Kultur, der Kunst und der Politik (die „Zentrale“) betrachtet wird – als der besondere Raum, in dem sich der aktuelle gesellschafts-politische wichtige und wesentliche Diskurs ereignet –, und der rurale Raum im Gegensatz dazu, sagen wir mal so, eher als ein Raum der Zuflucht und Ausflucht, allgemein sogar eher als ein Ort der Abwesenheit von Kultur und Kunst gesehen wird – wie stellt sich das für Dich in Deinem alltäglichen Leben, Wirken und Deinem Werk dar?

Natürlich geht es am Land gemächlicher zu, aber macht das die Provinz faschistoider. Das glaube ich nicht. Gesetze werden ja schließlich in Parlamenten getroffen und die stehen immer in den Zentren. Wenn wir uns die wichtigen Schriftsteller der österreichischen Nachkriegsgeschichte ansehen, dann kommen die meisten aus der Provinz. Sie sind sozusagen Kulturflüchtlinge. Die in der Stadt aufatmen. Aber hat das die Zentren verändert? Sicher. Hat es die Zentren in utopische Orte verwandelt. Nein. Kreisky hat dieses Land maßgeblich verändert. Ein ins schwedische Exil geflüchteter, aus dem Zentrum kommender, österreichischer Jude. Nicht die Kulturflüchtlinge verändern eine Stadt, nur die Bürger einer Stadt können das Antlitz ihrer Fassaden ändern. Und mehr war es ja auch nicht. Das was wir in Wien erlebten, war Kulturkosmetik.
Für meine alltägliche Produktion spielt das kaum eine Rolle, außer dass eben nun die Provinz in meinem Schreiben mehr Raum einnimmt. Ich bin ja im Grunde auf dem Land aufgewachsen, an der Peripherie der periphersten Großstadt Europas. Da gab es in den sechziger Jahren noch Bauernhöfe und man ging zu Fuß zur Schule. Meine Nachmittage verbrachte ich zwischen Weingärten und in den Wäldern. Die Stadt entdeckte ich erst mit siebzehn Jahren für mich. Bis dahin war ich auf dem Lande zu Hause. In einem Gemeindebau, eine Stadt in der Stadt mit ländlichem Umfeld. Eine Idylle eben. Eine kindliche Idylle. Was Land bedeuten kann, habe ich aber erst als Erwachsener erlebt, als ich verzogen bin.
Am Land tritt der Faschismus offener, ungenierter zu Tage. Es gibt auch hier gesellschaftliche Widersprüche, unterschiedliche Interessenslagen, aber im Grunde sind sich die Menschen in ihren Feindbildern relativ einig. Es gibt auch keine Anonymität wie in Städten. Heute kann einer zwar unbehelligt leben, in einem Ort, solange er sich aus allem raushält, aber unbekannt bleibt er nicht.


Sechzig
Nebenbei gesagt: es ist ja kein Geheimnis, dass Du sowohl auf Bundesebene als kurzzeitiger Präsidentschaftskandidat als auch auf kommunaler Ebene (mit längerem Atem) als Gemeinderatsmitglied politisch sehr aktiv warst, also sozusagen charakteristisch „zentral“ agiert hast – warum ist das zu Ende gegangen?

Das Ende kam, weil es für meine Familie und wie ich heute weiß, auch für mich nicht mehr erträglich war. Tagespolitik muss auf den Umsturz ausgerichtet sein, sonst ist sie sinnlos. Sonst verharrt sie in der Bürokratie des täglichen Schreckens. Ich halte nichts von sozialdemokratischen Reformen, von Grüner Umweltkosmetik. Ich bin für bedingungslose Politik. Doch die kann am Land nicht gemacht werden, denn das Umfeld für eine bedingungslose Politik bedarf auch eines bedingungslosen Lebens und das Leben in einer Familie ist mit zahlreichen Bedingungen verbunden. Ich musste mich also entscheiden: Politik oder Familie. Ich habe mich für die Familie entschieden, weil sie die nachhaltigere Form des Lebens ist, mit allen Widersprüchen und Schwierigkeiten, die das für alle Beteiligten mit sich bringt.


Einundsechzig
Eine nach wie vor viel zu wenig beachtetes und betrachtetes Phänomen ist der Zustand der österreichischen Kunst- und Kulturkritik, insbesondere der Literaturkritik (wenn es so etwas denn in Österreichs Medienlandschaft überhaupt gibt, denn naturgemäß haben die österreichischen Medien kein Interesse daran, ihr eigenes Totalversagen auch nur irgendwie zu kommentieren oder gar zu kritisieren) – bist Du jemals in Kontakt mit einem „Kritiker“ gekommen, wie ist Deine Einstellung und Auffassung diesbezüglich?

Ich hatte noch nie mit einem Kritiker zu tun, abgesehen von Uniprofessoren, die ja akademische Kritiker sind und nicht unbedingt medienrelevant. Ich kenne das Verhältnis von Autoren zu ihren Kritikern nur aus der Literatur und weiß, dass es nicht immer das Beste war. Aber ich denke für die Beförderung öffentlichen Erfolgs wäre ein Kritiker, auch wenn er sich im Widerspruch zu mir befinden sollte, allemal besser als keinen zu haben, denn nur so ist ein Diskurs möglich. Wichtig ist dabei aber, das beide Seiten die gleiche Möglichkeit haben, sich im öffentlichen Feld zu positionieren und ihre Meinung zu verbreiten. Das ist jedoch selten der Fall. Die Kritik findet ja im Grunde statt, ohne dass ein Autor auf sie angemessen reagieren kann. Darum ist die Kritik heute noch in größerem Ausmaß als früher ein Instrument, das den Herrschenden in die Hände spielt. Sie ist längst nicht mehr am Diskurs interessiert, sondern an der Erhöhung des eigenen medialen Marktwertes.

eingestellt am: 6.8.2017 | zuletzt aktualisiert: 6.8.2017
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