literaturgeschichten | chronos | kommentar | publikationen | index | downloads | impressum


Marie Langer
31. 8. 1910 Wien | Buenos Aires 22. 12. 1987


Einleitung

Die Geschichte ist Resultante einer dialektischen Wechselwirkung. Die gesellschaftlichen Umstände beeinflussen das Individuum in seinem Handeln, indem sie ihm bestimmte Lösungen und Entscheidungen auferlegen; umgekehrt werden die inneren Konflikte der Individuen – ihre innere Geschichte – in dieser Wechselbeziehung wirksam.
(Langer 1987:85)

Seit siebzehn Jahren ist Marie Langer nun tot. Seither hat sich der Forschungsstand zu ihrer Person und ihrem Werk kaum weiterentwickelt. Meine Spurensuche, die ich Anfang der neunziger Jahre begann, die Ergebnisse lege ich nun vor, ist nach wie vor die einzige biographische Arbeit zu Leben und Werk der argentinisch-österreichischen Psychoanalytikerin Marie Langer (geborene Glas). Die Diskrepanz zwischen dem Bekanntheitsgrad Marie Langers in Lateinamerika und Teilen Nordamerikas bzw. Europas und dem geringen Interesse der Forschung an ihrer Person läßt sich aus ihrer Lebensgeschichte erklären. Obwohl ihr Leben genügend Berührungspunkte zu wissenschaftlichen Forschungsgebieten aufweist, blieb deren Interesse an einer biographischen Aufarbeitung ihres Lebens und Werkes praktisch gleich null. Mit drei dieser Aspekte möchte ich mich in meiner Einleitung beschäftigen.

Zum ersten Aspekt: Seit dem Bedenkjahr 1938/88 rückte endlich die antifaschistische Emigration von Österreichern, die auch nach Lateinamerika auswanderten, stärker ins Bewußtsein der sozialwissenschaftlichen Forschung. Da die Emigrationsforschung sich am Beginn sehr stark über Oral History Traditionen definierte und die ersten Studien zum argentinischen Exil eher auf publizistisch-literarischer Ebene ihren Schwerpunkt legten, tauchte die 1939 emigrierte Psychoanalytikerin Marie Langer nicht in diesen Untersuchungen auf. Für eine Rezeption ihres Werkes kam erschwerend hinzu, daß sich Marie Langer bereits kurz nach ihrer Ankunft in Buenos Aires (1942) aus den österreichischen Exilorganisationen zurückgezogen, in die psychoanalytische Bewegung Argentiniens integriert und so den Status einer Emigrantin rasch abgelegt hatte. Als sich die Emigrations- bzw. Exilforschung endlich auch Lateinamerika zuwandte, war Marie Langer längst in das nationale argentinische Erbe eingegangen. Da sie selbst versuchte, ihre Spuren als Emigrantin zu verwischen, um vor allem ihr Image als argentinische Psychoanalytikerin zu pflegen, wurde der Exilforschung der Blick auf ihr Leben erschwert.

Zum zweiten Aspekt: Die Erforschung der Geschichte der psychoanalytischen Bewegung, in Bezug auf ihre theoretischen, therapeutischen und institutionellen Grundlagen, wurde bisher stark von euro-nordamerikanischen Fragestellungen geprägt. Auch in dieser Hinsicht zählte Lateinamerika zur Peripherie. Wenn von der Geschichte der psychoanalytischen Bewegung die Rede ist, meinen Forscher/innen zumeist die Ausbreitung von Wien über Berlin nach London bzw. in die USA. Die Negierung der lateinamerikanischen psychoanalytischen Bewegungen hat eine lange Tradition innerhalb der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV). Lateinamerikanische Psychoanalytiker/innen und ihre Institutionen wurden erst seit den sechziger Jahren verstärkt wahrgenommen. Zuvor galt die USA als eine der größten Kolonien der Psychoanalyse. Diese Verzerrung der institutionellen Realität wurde erst durch neueste Forschungen aufgehoben, die zeigten, daß die Psychoanalyse in Argentinien und Brasilien einen für die Gesellschaften dieser Länder ebenso wichtigen Stellenwert einnimmt wie in den USA, und daß die Psychoanalyse zur Transformation von Teilen der lateinamerikanischen Mittelschichten wesentlich beigetragen hat. Marie Langers Leben muß also unter dem Blickwinkel einer argentinischen Psychoanalytikerin gesehen werden. Wie schon oben angemerkt, erscheint sie in der historischen Betrachtung nicht als emigrierte österreichische Psychoanalytikerin, sondern als Gründungsheroin der Asociación Psicoanalítica Argentina (APA) - der argentinischen psychoanalytischen Vereinigung. Durch die euro-nordamerikanische Ausrichtung der Forschung zur psychoanalytischen Bewegung wurde die Wahrnehmung der argentinischen Psychoanalytikerin Marie Langer lange Zeit verhindert. Ein wichtiger Grund warum sich bisher keine Psychoanalytiker/innen bereit gefunden haben, eine Biographie über Marie Langer zu schreiben, liegt meiner Meinung nach in den Auseinandersetzungen, die sich nach ihrem Austritt 1971 aus der APA und IPV ergaben sowie ihrer Sympathie für den Kommunismus sowjetischer Prägung und den Peronismus. Die Berührungsängste der Psychoanalyse mit Parteipolitik sind seit den dreißiger Jahren bekannt und wurden bis heute mit vielerlei therapeutischen Techniken und theoretischen Grundsätzen (z.B. Widerstand, Neutralität) untermauert. Die Nicht-Beachtung von Marie Langers Beitrag zur Geschichte der lateinamerikanischen und internationalen psychoanalytischen Bewegung folgt also durchaus dieser historischen Logik.

Zum dritten Aspekt: Interessanterweise hat auch die neue europäische und vor allem deutschsprachige Frauenbewegung (seit den sechziger Jahren) erst sehr spät von Marie Langer Kenntnis genommen. Dies steht wieder in ursächlichem Zusammenhang damit, daß Marie Langer eine Lateinamerikanerin war und als solche ihre Werke in Spanisch verfaßte, was eine Rezeption im anglo-amerikanischen und deutschsprachigen Sprachraum erschwerte. Ihr Werk maternidad y sexo (1951) wurde erst Mitte der achtziger Jahre übersetzt und kam, da es sehr biologistisch orientiert war, für eine feministische Rezeption zu spät. Eine weit größere Resonanz fand ihre Autobiographie von Wien bis Managua (1981), jedoch auch diese veranlaßte europäische Frauen nicht, sich ihrem Leben und Werk biographisch zu nähern. In Lateinamerika selbst bot Marie Langer wesentlich mehr Identifikationsmuster für Frauen an, und es ist kein Zufall, daß sich mit Maria Moreno zum ersten Mal eine Exponentin der argentinischen Frauenbewegungen auf die Spuren Marie Langers begab. Interessanterweise wurde Marie Langer seit den siebziger Jahren in Europa vor allem von linken Psychoanalytiker/inne/n wahrgenommen, im Zusammenhang mit der anti-institutionellen Bewegung Ende der sechziger Jahre. Doch auch hier fand sich niemand, um eine erste Arbeit über sie zu schreiben. Diesmal so scheint es mir, verhinderte die enge intellektuelle und emotionale Bindung der in Frage kommenden Gruppen an die Person Marie Langers in der Schweiz, Deutschland und Österreich eine eingehende Beschäftigung mit ihrem Leben. Die Identifikation war im Zusammenhang mit dem Projekt Nicaragua vor allem politisch orientiert.

Es gibt also viele Erklärungen für das bisherige Fehlen einer Biographie über Marie Langer. Meine Beschäftigung mit ihr gründet sich eher auf einen Zufall, denn mir fiel, als ich mich mit dem Peronismus auseinandersetzte, ein Artikel Marie Langers über Eva Perón in die Hände, der mich veranlaßte, ihre Person eingehender zu studieren. Den Umstand, daß ich Historiker bin, sehe ich dabei als großen Vorteil, um den Weg für eine Biographie über Marie Langer zu ebnen. Als Historiker bin ich nicht von therapeutischen Institutionen verbildet worden, d.h. durch einen sozusagen außerhalb liegenden Standort kann ich eine kritische Distanz einerseits zu Marie Langer (ich habe sie nie persönlich kennengelernt) und andererseits zur psychoanalytischen Bewegung leichter aufrecht erhalten. Tempelschändungen an Sigmund Freuds Hinterlassenschaft, Sakrilege gegen die psychoanalytischen Theorien, Techniken und Institutionen fallen mir auf Grund einer relativen Gleichgültigkeit gegenüber dem Berufsstand, der Berufsperspektive und Berufsehre von Psychoanalytiker/inne/n sehr leicht, und ich schließe mich Marie Langers Meinung an, daß der nächste große Fortschrittsstoß in der Psychoanalyse von außen kommen wird. (Langer 10/10/1975)

Dieser von ihr aufgestellten Logik bin ich gefolgt und habe keine klassische psychoanalytische, sondern eine historische Biographie geschrieben, in der ich versuchte, die Widersprüche in ihrem Leben aufzuzeigen, vor allem im Zusammenhang mit der psychoanalytischen Bewegung. Denn an Hand ihrer Lebensgeschichte lassen sich nicht nur Themen wie Exil, lateinamerikanische Geschichte, soziale Hierarchien und deren Widerstandformen bearbeiten, sondern vor allem auch eine Geschichte der psychoanalytischen Institutionen schreiben, denn ohne die Geschichte Marie Langers und der plataforma-argentina, die sich 1971 gründete, wäre die Geschichte der psychoanalytischen Bewegung unvollständig. Marie Langer hat als eine der bedeutendsten Psychoanalytikerinnen Lateinamerikas einen zentralen Platz im Institutionalisierungs- und Deinstitutionalisierungsprozeß der psychoanalytischen Bewegungen eingenommen. In theoretischen Fragestellungen folgte sie freudschen Konzeptionen, wenn sie diese auch durch Modelle Melanie Kleins erweiterte, und bereits sehr früh griff sie gemeinsam mit León Grinberg und Emilio Rodrigué die Gruppentherapie auf. Sie war Mitbegründerin der APA, und dort als Lehranalytikerin tätig, wodurch sie großen Einfluß auf viele Psychoanalytiker/innen in Lateinamerika (vor allem in Mexico und Uruguay) ausübte. Ihre Tätigkeit in der APA brachte ihr den Status einer Gründungsheroin ein, machte sie in Argentinien innerhalb eines Teils der intellektuell gebildeten Mittelschicht sehr bekannt und auch 1992 konnten trotz ihres Austritts aus der IPV die Feierlichkeiten zum fünfzigjährigen Jubiläum der APA nicht ohne eine Würdigung ihres Beitrags stattfinden. Immer wenn von der Geschichte der psychoanalytischen Bewegung n Argentinien oder Lateinamerika die Rede ist, wird auch Marie Langers Namen genannt. Dies scheint mir aber nur die oberflächliche, offizielle und berufsständische Bedeutung Marie Langers zu sein. Wesentlich ist für mich ihr anti-institutionelles, linkes Engagement, mit dem sie Ende der sechziger Jahre gemeinsam mit anderen Psychoanalytiker/inn/en gezeigt hat, daß Psychoanalyse auch außerhalb der freudschen, orthodoxen Vereinigungen möglich ist. Ihre Bedeutung liegt also in ihrem Lebensweg, der ein Identifikationsmuster abgibt für jene Therapeut/inn/en, die sich gegen eine Institutionalisierung des Therapeut/inn/en-Patient/inn/en Verhältnisses aussprechen.

Bei meiner Beschäftigung mit den oben genannten Themenbereichen stieß ich sehr rasch auf eine äußerst mangelhafte Dokumentation, was das Leben und Werk Marie Langers betrifft. Abgesehen von ihrer Autobiographie Von Wien bis Managua (1986) standen mir nur sehr vereinzelte, verstreute biographische Hinweise zur Verfügung. Ich war also gezwungen, eine Art Spurensuche zu betreiben, d.h. ich suchte Verwandte, Freund/inn/e/n und Arbeitskolleg/inn/en in der Schweiz, in Deutschland, Österreich und Argentinien auf, führte Interviews mit ihnen und versuchte mich interpretierend der Selbst- und Fremddarstellung Marie Langers anzunähern. Ausgehend von ihrer Autobiographie entwickelte ich Fragestellungen, mit denen ich meine Interviewpartner/innen konfrontierte und so in ein Gespräch über das Leben und Werk Marie Langers eintreten konnte. Auf Grund der unterschiedlichen und übereinstimmenden Aussagen der interviewten Männer und Frauen kristallisierte sich jenes Bild von Marie Langer heraus, das ich schließlich mit den historischen Ereignissen ihrer Lebenszeit verglich, um ihre Person in dieser Biographie in einem möglichst umfangreichen, kontrastierten und vor allem authentischen Licht erscheinen zu lassen.

[Zitierte Literatur] | [Abkürzungsverzeichnis] |

autor: raimund bahr | eingestellt: 18.2.2019 | zuletzt aktualisiert: 18.2.2019
index: [a] | [b] | [c] | [d] | [e] | [f] | [g] | [h] | [i] | [j] | [k] | [l] | [m] | [n] | [o] | [p] | [q] | [r] | [s] | [t] | [u] | [v] | [w] | [x] | [y] | [z]


literaturgeschichten | chronos | kommentar | publikationen | index | downloads | impressum