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Die Wahrheit ist uns zumutbar


Von der Implosion unseres Jahrhunderts
Was wir von unseren Vorfahren lernen können

Wie oft habe ich schon angesetzt, um zu schreiben über das Gewesene, über die Vorfahren. Wie oft habe ich mich hinab begeben in die Familienarchäologie, habe gegraben, Skizzen entworfen, Romane geschrieben und doch ist alles nur Stückwerk geblieben, alles abgebrochen vor dem Ende. Vielleicht gelingt es diesmal, etwas beizutragen, zu dem, was ich geworden bin, was meine Generation ist, von einer gemeinsamen Erfahrung zu berichten, die erst sichtbar wird, wenn wir alle unsere Abstammungen beschreiben, uns äußern über das, was unsere guten und unsere schrecklichen Eigenschaften sind. Ich begreife mich nicht als Einzelfall, das ist mir noch nie gelungen, auch wenn ich unablässig über mich schreibe, ist das immer der Versuch einen Zusammenhang mit der Welt herzustellen, der doch so selten gelingt. Warum das so ist, mögen andere beurteilen. Ich kann nur konstatieren, dass es sich so verhält. Ich begreife mich als Teil eines Kollektives, das schwer fassbar ist, weil es sich aus vielen widersprüchlichen Individuen zusammensetzt, die alle von sich behaupten, sie seien etwas Besonderes, im gleichen Atemzug aber erklären, entbehrlich und nutzlos zu sein.

Es ist an der Zeit, nochmals in unsere Vorgeschichte hinabzusteigen und uns mit unseren Geschichten das fürchten zu lehren, um zu begreifen, warum wir geworden sind, was wir niemals sein wollten, um so Teil dessen zu werden, was wir mit verursacht haben und damit für das Jetzt, die Gegenwart Verantwortung übernehmen zu können. Wir müssen hinabsteigen, um unseren Platz in dieser Gesellschaft zu finden, damit wir erwachsen werden und unsere Angst vor dem Altern und Sterben überwinden können, denn die Angst treibt den Menschen ebenso an, wie die sexuelle Begierde, der Hunger, der Durst, die Not und der Wille zur Macht.

Es ist Zeit meine Kindheit aufzusuchen, nicht das Individuum, das ich damals gewesen bin, denn darin lässt sich nichts von Bedeutung finden, sondern das Kollektiv, das mich geprägt, mich sozialisiert, mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin, bevor die anderen kamen, die Mitschüler, die Philosophen, die Politiker, die Adoptivgroßeltern, Adoptiveltern und Adoptivgeschwister, die Freundinnen, Frauen und Kinder, Schwiegereltern, Onkeln und Tanten aus verschiedenen Generationen. Bevor all die in mein Leben traten, die danach kamen, gab es ein davor, das herüber wirkt bis in die heutigen Tage und dieses davor ist die Familie, dieser unentrinnbare Zellhaufen, dem jeder einst entstiegen ist.

Die Familie führt die Menschen nicht zusammen, bestenfalls bei Festen oder wenn es darum geht ein Haus zu bauen, in der Not, wenn wir hungern oder schlecht geträumt haben, wenn wir überfordert sind, wenn wir uns schuldig machen oder es ans Sterben geht. In Dingen, die uns persönlich betreffen, haben wir aber mehr mit denen gemein, die unsere Generation sind, die mit uns zum gleichen Zeitpunkt in die Welt geworfen wurden, die wir unter Millionen anderen erkennen, wenn wir ihnen in Arbeitsprozessen, auf Festen oder auf Reisen begegnen. Aber im Biographischen, im Exemplarischen sind wir unauflösbar mit der Familie und unserer Herkunft verbunden. Im Gesellschaftlichen aber, die das Gemeinsame mit den Mitgeborenen betrifft, führt unser Leben weg von der Familie, stimmen wir in Erlebnissen generationell überein, auch wenn wir in unseren Weltanschauungen und unserem Sozialverhalten oft weit auseinander liegen, aber wir verstehen den anderen zu lesen, weil wir eine gemeinsame Generationenlage haben wie Karl Mannheim schon 1928 festgestellt hat, als er sich mit dem Problem der Generationen auseinandersetzte. Menschen stehen in einem Generationszusammenhang, den sie in der Lage sind, als solchen zu erkennen und zu beschreiben, als Freundschaften und Feindschaften zu Menschen der eigenen Altersgruppe.

Ohne meine Generation bin ich verloren, ohne meine Vorfahren wäre ich nichts, deshalb muss ich mich, bevor ich mich in meine Generation und ihre Befindlichkeiten hineinwage, mit jener Fremdheit beschäftigen, die in mich eingeströmt ist, als ich aus meiner Mutter geboren wurde. Mich in eine Zeit zurückversetzen, in der ich aus dem Fremden, der ich war, etwas Eigenes zu machen versuchte, das mich zu einem Teil meiner Altersgenossen werden ließ, die mich aus dem Schoße der Familie in die Welt hinausführten, in der ich im Grunde ein zweites Mal in ihrer Mitte verloren ging.

Was dieses Eigene ist, lässt sich zwar sagen, aber begreifen nur durch Beschreibung. Ein Teil meiner Fremdheit sind meine Eltern und meine Großeltern, an Urgroßeltern habe ich keine Erinnerung, die lebten mehr im achtzehnten als im neunzehnten Jahrhundert vermute ich und als Kind der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erscheint schon das neunzehnte wie eine graue Vorzeit, wie für meine Kinder wohl das zwanzigste Jahrhundert mit seinen Schlachthöfen kaum mehr fassbar ist, auch wenn diese immer noch in ihrer Zeit wirksam sind.

Beginnen will ich bei den Großeltern, bei dem einen Großvater, dem Vater des Vaters, von dem es hieß, er sei in Stalingrad gewesen. Was ich trotz der vielen Worte, die in meiner Familie gewechselt wurden, erst sehr spät erfahren habe. Der Krieg reichte auf vielfältige Weise in mein Leben hinein, als Volkssturm, als Kriegsdienst, als Spielplatz für Kriegskinder und Arbeitseinsätze in Munitionsfabriken, als Abwesenheit auf dem Land. Von Angst hörte ich nur einmal, von meinem anderen Großvater, der Muttervater, der Wilhelm hieß, wie ein Kaiser und der zum Volksturm abkommandiert war und sich in die Hose geschissen hat, als er dem Feind beinahe in die Augen sehen konnte, einem Russen. Doch dieser Kelch ist an ihm vorübergegangen und er musste keinen Schuss abgeben. Keinen einzigen. Mich ängstigt schon der Gedanke zu Tode, ein Gewehr Schultern zu müssen und einzurücken in die schweren Stiefel des Militärs, um dann in einem finsteren Wald zu hocken, wo nichts anderes zu hören wäre als das Schreien von Menschen und Schüsse, nächtelang.

Ob mein Vater-Großvater, der Franz hieß, wie jener Kafka, einen Schuss in Stalingrad in die Brust eines Russen gefeuert hat, in eine Stirn, in ein Bein, in einen Bauch, davon weiß ich nichts. Ich habe keine Erzählungen über Schützengräben und Hunger und Gefangenenkonvois und Straßenerschießungen und Todesmärsche gehört. Nicht von Franz, denn er starb, bevor ich alt genug werden konnte, um aus eigenem Antrieb und Interesse danach zu fragen. Franz ist nichts weiter als eine Erinnerung von Schwarz-weiß-Bildern und ein paar Aussagen meiner Eltern. Er konnte angeblich Opernarien singen, wie ein klassischer Tenor. Meine einzige eigene, selbsterlebte Erinnerung an ihn, stammte von meiner Vater-Großmutter, die von der Polizei gestützt an unsere Wohnungstür geführt worden war, damals, als meinen Großvater am Bahnhof der Schlag getroffen hatte. Hinter dem Kiosk platzte ihm eine Ader. Tot. Auf der Stelle. Manches in der Geschichte wiederholt sich. Auch meinen Vater hat der Schlag getroffen, nach einem beschwerlichen Aufstieg zu seiner Wohnung blieb ihm das Leben weg und er fiel die Stufen hinab, vor den Augen meiner Mutter und so kam zum zweiten Mal die Polizei ins Haus, da war ich aber schon längst verzogen.

Kommt die Erinnerung erst mal in Fluss, lässt sie sich kaum noch aufhalten und ordnen, da fallen die oft gehörten Geschichten und Bilder ineinander und mir vor die literarischen Füße, wollen aufgehoben, aufgeschrieben und festgehalten werden. Franz, der dem Großvater aus der Adamsfamily so ähnlich sieht und der auf allen Fotos, die mir zu Gesicht gekommen sind, lächelt, trotz der Erfahrungen, die er gemacht haben muss und von denen ich nichts weiß. Wissen kann ich nur von diesem einen Bild, das mich nie los lässt und bis heute begleitet. Franz in seinen Hausschlapfen, im Hinterhof des Zinshauses, das er mit meiner Großmutter bewohnte, in dem es Klo und Wasser am Gang gab. Einen Ölofen in der Zimmerecke, ein knarrendes Bett, das sich nachts bewegte, wenn Lastwägen über die Hauptstraße des Außenbezirkes rumpelten, in dem mein Vater und die gestorbene Schwester des Vater gezeugt wurden, wie ich denke, denn das Holz schien, noch in der Zeit als ich meine Großmutter in den Ferien besuchte, so alt, wie das Jahrhundert selbst. Gewaschen hat Franz sich wie die Großmutter in einer Blechschüssel und gekocht wurde mit Propangas. Im Grunde lebten sie das Leben des neunzehnten Jahrhunderts, bis in die späten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts hinein. Da konnte auch die linke Reichshälfte meiner Familie nichts dagegen ausrichten.

Meine Großmutter, die Vater-Mutter, überlebte Franz um ein einige Jahre. Amalie war die Gnade eines schnellen Todes nicht gewährt worden. Siechtum und Verschwinden aus ihrer Zeit war das, was sie im Alter erwartete. Sie kannte ich besser, habe eigene Erinnerungen an sie. Früher habe ich einmal über sie geschrieben, einen Text, der in den Tiefen meiner digitalen Speicher vergammelt. Es ist nicht notwendig immer etwas neu zu schreiben. Sicher muss manches verworfen werden, doch anderes hat sich bewährt, über die Jahre konserviert ohne Patina anzusetzen. So auch die Amaliengeschichte, eine Geschichte über einen tropfenden Wasserhahn. Über gleichmäßig fallendes Wasser, das Erinnerung an das kaisergelbe Zinshaus weckt, in dem meine Großmutter gewohnt hat. Jeden Sommer war ich ein paar Tage bei ihr zu Besuch. Die Farbe an der Hofseite des Hauses war längst brüchig geworden und blätterte ab, fiel zu Boden und sammelte sich wie das Laub des Kastanienbaumes im toten Winkel des Hofes, dort wo der Wasserhahn unaufhörlich tropfte. Der stete Tropfen hatte an den Steinen, die entlang der Hauswand verlegt waren, dunkelgrünes Moos hervorgebracht. Kreisförmig umlagerte es den Wasserfall. Ich kann mich noch genau an diesen einen Sommer erinnern, als ich immer wieder in den Hof hinunter ging, um den fallenden Tropfen zuzusehen. Wie sie unaufhörlich in diesen Kranz aus grünem Moos tropften. Vielleicht war ich so fasziniert davon, weil dieses Grün sich überall im Haus meiner Großmutter wiederspiegelte. Selbst die Fernsehlampe schimmerte grün. Amalie war wie dieses Moos.

Wie meine Mutter-Großmutter gewesen war, kann ich nicht sagen, denn sie saß immer in ihrer Küche, selten trieb sie sich im Garten, der an das Zinshaus angrenzte, herum, wo sie ihre Früchte und Kräuter pflegte, aus denen sie köstliche Speisen für mich und meine Geschwister zauberte. Karoline nannten wir sie nie. Mit Wilhelm sah ich sie nur selten in einem Raum und noch heute frage ich mich, wie es zur Zeugung meiner Mutter und meines Onkels kommen konnte. Aber meine Mutter wurde gezeugt und so konnte ich wie zufällig zwischen der Unabhängigkeit Samoas und der Kubakrise geboren werden. Aus dem Sextett meiner Vorfahren hat einzig meine Mutter überlebt und sich damit auch selbst überlebt. Sie strahlt wie die Reflexion eines Sonnenlichts aus dem letzten Jahrhundert herüber, von dem viele sagen, es wäre auch mein Jahrhundert gewesen. Über die Zugehörigkeit zu diesem Jahrhundert, das sie auch das zwanzigste nennen, kann ich nichts sagen. Welchem Jahrhundert gehöre ich an: dem neunzehnten oder dem einundzwanzigsten?

Geboren wurde ich im zwanzigsten, doch von dem weiß ich nichts zu erzählen. Mutter und Vater lebten noch in ihrer Kindheit und Jugend im neunzehnten Jahrhundert, von ihren Ansichten und Lebensweisen trennte sie wenig vom Leben der Großeltern. Sicher, der Haushalt war technologisiert, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt von mehr Maschinen bevölkert, doch zu Weihnachten gab es dennoch kleinbürgerliche Weihnachtsgesänge und in ihrer Wohnung hingen grausame kinderverachtende Tapeten. Das Leben war einfacher geworden, leichter, wie manche heute sagen. Ich mag das nicht recht glauben. Vater und Mutter haben geschuftet, um ihre vier Kinder rechtschaffen ins Leben zu bringen und am Ende blieb eine kleine Vorerbschaft übrig, ein paar Andenken, Bilder, Möbel, die so alt schienen wie meine Mutter selbst.

Wasser gab es in unserer Wohnung bereits, ein Klo, ein kleines Vorzimmer, zwei Wohnräume, ein Kabinett, eine Küche, in der nicht genug Platz für alle war und eine Nasszelle. Mehr war da nicht. Doch seltsamer Weise erschien mir die Amalienwohnung immer größer als mein eigenes Zuhause, auch die Karolinenwohnung wirkte weitläufiger und offener, als der sozialdemokratische Hühnerstall, in dem ich großgezogen worden bin. Das lag nicht nur an der Vielzahl von Personen, die sich darin herumtrieben, sondern auch an der Enge des neunzehnten Jahrhunderts, dessen Geist sich trotz der Modernisierungsschübe, die wie Tsunamis über meine Familie hinwegbrandeten, nicht aus den Betten und Schränken vertreiben ließ, in denen meine Eltern pornographische Hefte und Massagegeräte versteckt hielten, den alten Ariernachweis des Wilhelmgroßvaters vergraben hatten, der mehr den reinen Protestantismus nachwies, als das Ariertum. Aus mir wäre kein Nazi geworden, denn der Protestantismus wirkt in mir stärker, als der Arier, der ich auch werden hätte können, wenn die Nazis in meiner Familie gewonnen hätten.

Und dann ist da noch mein Vater. Eine schwierige Beziehung, die über den Tod hinaus wirksam ist. Eine Meinung habe ich mir über ihn gebildet, doch auf tatsächlichem Wissen über sein Leben baut diese Meinung nicht auf, sondern auf den Behandlungsmethoden, mit denen er in mein Leben eingegriffen hat. Diese könnten ein Buch füllen, doch dieses Buch würde sich durch nichts unterscheiden, von den Büchern, die andere über ihre Väter geschrieben haben. Klassische Tragödien, Lustspiele, Schauprozesse. Was mir wirklich in Erinnerung geblieben ist, war sein zu Grabe getragen werden. Bertolt Brecht kommt mir da in den Sinn, der Begriff der Entfremdung, denn nirgendwo war der Zerfall meiner Vergangenheit, des Lebens vor meiner Zeit sichtbarer als bei diesem Begräbnis. Beschworen wurde der politische Geist des Vaters mit der Internationalen, mit dem Signal, das die Völker hören sollten, seine alten Freunde haben von einem Mann erzählt, den ich so nicht kannte und alle haben geweint. Bis heute weiß ich nicht worüber, ob über den Menschen, der von ihnen gegangen ist oder über diese Epoche, die zu Ende gegangen war. Mit dem Tod meines Vaters hatte sich das, was ich immer auch als mein Leben betrachtet habe, in Luft aufgelöst. Plötzlich war die Vergangenheit, die sich als Leben der Vorfahren präsentierte, verloren. Übrig geblieben ist die eigene Zeit, die Gegenwart, die keinen Charakter zu haben schien, weder einen sentimentalen, der aus einer Sehnsucht nach der guten alten Zeit resultierte, noch einen utopischen, der aus dem Wunsch nach einer neuen Zeit entspringt. Die Zeit setzte einfach aus.

Mehr Geschichte gibt es nicht. Alles andere sind Anekdoten. Als letztes gilt es vielleicht noch über die Todesarten meiner Vorfahren zu berichten: Die Frauen starben an Krebs, die Männer an Schlaganfällen. Zwei der meist verbreiteten Todesarten in unserer Gesellschaft. Vielleicht ist das Sterben das eigentliche Erbe der Vorfahren, nicht das Leben, denn ihr Leben hat mit meinem nichts mehr gemein. Aber ihre Todesart, die der Väter, käme mir doch gelegen. Jetzt, da ich eintauche in mein letztes Lebensviertel, kann ich durchaus sagen, dass ich in einer anderen Welt wohnhaft bin, als meine Vorfahren, als meine Eltern, aber auch in einer anderen, als meine Kinder, die als digital Natives aufwachsen, die vom Leben des neunzehnten Jahrhunderts kaum etwas wissen und vielleicht auch nicht mehr wissen müssen, als wir in der Schule über das achtzehnte Jahrhundert lernen mussten, das eben Teil unserer Geschichte war, mit unserem Leben aber kaum etwas gemeinsam zu haben schien.

Ich möchte mich in diesem Zusammenhang kurz mit einer These aufhalten, die ich für interessant halte. Es gibt Menschen, die sagen, das zwanzigste Jahrhundert habe nie als ein eigenständiges Jahrhundert existiert, sondern wäre nur die Bühne für die Implosion des neunzehnten gewesen. Wenn das stimmt, dann haben wir als Babyboomer die Welt nach der Implosion erlebt, sind als Kinder und Jugendliche im Wiederaufbau einer in sich zusammengebrochenen Welt groß geworden. Das kann nicht ohne Folgen geblieben sein, denn wir gehören weder der Zeit vor 1945 noch der Zeit nach 1989 an. Wir leben seit unserer Geburt in einer Zwischenzeit, in einem Übergangsstadium. Wie hat ein Freund einmal so treffend gesagt: Mit uns kommt keine neue Zeit, mit uns geht keine neue Zeit, mit oder ohne uns, die Zeit vergeht. Dieser Satz hat mich immer beschäftigt und wenn er eine Bedeutung haben soll, dann muss er mit meinem Leben Berührungspunkte haben. Er beschreibt letztlich die Implosionsjahre, die Übergangsjahre, in der alles sich bewegte und drehte, schneller als je zuvor, kaum ein Stein auf dem anderen blieb und unser Wollen bedeutungslos war, weil der Anteil an Leben, das meine Generation erringen hätte können, in dieser Implosion des neunzehnten Jahrhunderts zugrunde gegangen ist. Durch diesen Kollaps der bürgerlichen, aufgeklärten Gesellschaft, der sich schleichend und doch mit aller Macht in den letzten fünfzig Jahren vollzogen hat, entstand enorm viel Freiraum, den die Musikkapelle Leider keine Millionäre 1982 so treffend auf den Punkt brachte: Was zählt das liegt dazwischen | was dazwischen liegt | das zählt. | Was zählt | das liegt dazwischen | nur dazwischen | ist noch Raum.

Zu Fragen wäre, wie hat meine Generation den Raum dazwischen, für die nachfolgenden Generationen bewohnbar gemacht? Danach werden wir eines Tages gefragt werden. Daran werden wir eines Tages gemessen werden. Das war und ist die Lage meiner Generation, den freien Raum nach der Implosion füllen zu müssen, ohne gerechtfertigte Utopie, ohne gesichertes politisches Wissen, ohne gefestigte moralische Werte, die in der Shoah zugrunde gegangen sind.


eingestellt am: 9.7.2017 | zuletzt aktualisiert: 15.7.2017
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