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Die Wahrheit ist uns zumutbar


Wir erheben Anspruch
Über die Schwierigkeiten ein historisches Bewusstsein zu entwickeln

Ich bekenne: Ich bin ein Babyboomer. Ein Angehöriger der Generation Hainburg. Ein Verwandter der No-future-Generation. Einer, der sagt, er sei einer von den Vielen. Einer mit einem individuellen Lebenslauf, der keine vita, kein Leben, sondern vitae, viele Leben durchlaufen hat, die unterschiedlicher nicht sein könnten, wo eines vom anderen nichts zu wissen scheint. So einfach es ist, diese Tatsachen festzustellen, so schwierig ist es, Teil dieser Generation zu sein, sich als Teil dieser vielen Leben zu begreifen und noch viel schwieriger darüber zu schreiben. Immer wieder gehe ich verloren zwischen diesem Kollektiv, in das ich in meinem gesellschaftlichen Leben seit meiner Geburt eingebunden war und dem Individuum, das ich auch noch bin, das sich gegen den Begriff Generation wehrt, weil es eben etwas Besonderes sein will und nicht nur Teil einer anonymen Masse, eben einer von Vielen. Im Falle meiner Generation eben einer von besonders Vielen. Und dennoch ist es wichtig, denke ich, sich nicht nur als Individuum zu reflektieren, sondern als ein Teil eines Kollektivs, eines Jahrgangs oder eben einer Generation.

Ich bin einer aus der Generation, die das Phänomen der Masse auf einen vollkommen anderen Begriff als Elias Canetti in seinem Werk Masse und Macht gebracht hat. Meine Generation ist der lebende Beweis dafür, dass auch eine große Masse an Menschen durchaus machtlos bleiben kann. Wir wurden nicht von einer Berührungsfurcht erfasst, die wir nur in der Masse überwinden konnten, sondern sind uns als Kollektiv immer fremd geblieben, physisch, intellektuell und emotionell. wir haben kein Bewusstsein vom anderen, sondern existieren in kleinen Gruppen, die für sich leben, als kleine Kollektive, unerkannt im großen Kollektiv, dass wir Gesellschaft nennen. Ich kenne wenige aus meiner Generation persönlich und die, die ich kenne, von denen weiß ich kaum etwas über ihre soziale Lage, über ihre politische Einstellung, über ihre Wünsche und Hoffnungen, über ihre Abgründe. Wir sind allein, weil wir allein geblieben sind, auch wenn wir in Familienverbänden und Freundschaftsgruppen leben. Vielleicht funktionieren wir ja gerade deshalb so gut als Generation, weil wir uns von einander fernhalten. Und vielleicht hat das eben etwas damit zu tun, dass es zu viele von uns gibt. Wo sich Menschen ansammeln, versucht der Mensch sich Raum zu verschaffen. Wir österreichischen Boomer haben keinen Krieg geführt, uns wurde auch keiner aufgezwungen, wir haben die uns angebotenen Räume bewohnt, wie Tiere ihre Höhlen bewohnen, um Schutz vor Regen, Dunkelheit und Fressfeinden zu finden. Wir haben uns als Generation von der Herrschaft fern gehalten, weil wir gesehen haben, was Herrschaft aus Menschen macht, nämlich Krieger. Und weil wir so abseits von allem leben, sind wir als Generation auch unsichtbar geblieben.

Und dennoch: Ich bin einer, der Teil der Masse ist, die den Massenkonsum befördert hat. Einer, der in den Neunzigern verwundert inne gehalten hat, weil er die Achtziger des zwanzigsten Jahrhunderts überlebte. Verwundert, weil er glaubte, dass er das Jahr zweitausendundfünfzehn nie erleben würde, weil er entweder durch einen atomaren Krieg, durch den ökologischen Holocaust oder Aids dahingerafft werden würde. Ich gehöre einer Generation von Überlebenden an, die keinen Krieg, keinen Hunger und keine Not kannten und sich dennoch immer in ihrer Existenz bedroht gefühlt haben, entwurzelt waren und heimatlos.

Warum ich über mich schreibe? Weil es Zeit ist. Es ist an der Zeit über mich und meine Geschichte zu schreiben. Es gibt nur einen Weg, wie wir uns unsere Geschichte aneignen können, in dem wir uns als Generation zumindest in der Reflexionsarbeit zusammenfinden und unsere Geschichte aufschreiben, denn eine Geschichte haben wir und wir sollten darauf Anspruch erheben. Unsere Großeltern, Eltern und älteren Geschwister, die Achtundsechziger, mussten keinen Anspruch auf eine eigene Geschichte erheben, denn sie haben durch den Krieg, den sie verursacht haben, den Aufbau im Wirtschaftswunder und den Widerstand gegen das Vorkriegssystem Geschichte geschrieben, jede Generation auf ihre spezifische Art und Weise.

Die Babyboomer haben auch Geschichte geschrieben, vielleicht nicht mit einem Stahlgewitter, nicht mit harter, schweißtreibender Arbeit oder mit einer sexuellen Revolution, die in der kleinbürgerlichen Familie verkommen ist, sondern still und ohne großes Aufsehen. Wir haben diese Geschichte nie auf unsere Fahne geheftet, manchmal bezweifle ich sogar, ob wir wissen, dass es diese Geschichte überhaupt gibt. Sie hat genau sechs Jahre gedauert und hat Österreich mindestens so nachhaltig geprägt wie die gesellschaftlichen Reformen der Ära Kreisky. Nur kam es diesmal nicht von oben, aus dem Kanzleramt selbst, sondern von unten, mit Unterstützung der Medien und anderer Institutionen haben wir 1981 Flagge gezeigt, haben wir 1982 und 1983 gegen die atomare Aufrüstung demonstriert und 1984 dem Gewerkschaftsbund und der Sozialdemokratie Arsch getreten und ihnen gezeigt, dass es nicht ohne uns geht, dass wir bereit sind, unsere Interessen im Zweifel zu vertreten und zu verteidigen. Ohne die Babyboomer gäbe es die Grünen in der heutigen Form nicht. Die Besetzung der Hainburg Au hat dieses Land gespalten und politisch verändert.

Doch zu dieser Geschichte des Sieges gehört auch die unseres größten Fehlers, den die Schmetterlinge in der Proletenpassion schon über die Französische Revolution gesungen haben. Warum sind wir nicht nach Versailles marschiert / damals am 18. März / den Feind entließen wir ungeniert / und trafen nicht sein Herz. Wir haben nicht auf das Herz des Staates gezielt, denn wir sind Boomer, Streuner, auch in politischen Belangen. Wir haben uns an unserem Sieg nicht berauscht, haben noch einmal gezeigt was österreichische Demokratie leisten kann, sind sozusagen am Totenbett der Sozialdemokratie gestanden und sind dann nach Hause gegangen. Wir haben den Feind nicht besiegt, wir haben nur seine hässliche Fratze gezeigt. Wir hatten kein Stammheim, aber wir hatten eine Bewegung. Und wer diese Bewegung verstanden hat, versteht, warum Österreich in dem Zustand ist, in dem es sich heute befindet.

Wir haben als Generation Geschichte geschrieben. Wir haben keine Revolution geführt. Wir haben getan, was getan werden musste, um die Welt und auch ein Stück weit uns selbst zu retten, denn in der Friedensbewegung machten wir drei Jahre lang die Erfahrung, dass unsere Existenz an einem seidenen Faden hing und in Hainburg konnten wir beweisen, dass nicht nur unsere Großeltern, Eltern und älteren Geschwister politisch handlungsfähig sind, sondern auch wir und unsere Freunde. Doch davon später mehr.

Diese Existenzbedrohung treibt uns heute noch um, wie ich denke und jede und jeder sucht einen Weg, damit umzugehen. Undogmatisch haben wir Wege durch den größten Umbruch der Gesellschaft seit der industriellen Revolution gesucht. Wir sind zwar gescheitert, aber keiner kann uns vorwerfen, dass wir es nicht versucht hätten. Vielleicht war auch deshalb nicht Jörg Haider und seine FPÖ unser einziges Feindbild, sondern vielleicht waren wir deshalb in der Lage noch andere Feinde auszumachen, die aus unseren eigenen Reihen kommen und uns heute regieren. Undogmatische Bürokraten in der SPÖ und bei den Grünen.

Genug von der Politik. Es wird noch genug Raum geben, sich damit zu beschäftigen. Hier nun noch ein paar Anmerkungen zu mir und meiner Geschichte, zu dem Standort, von dem aus ich schreibe. Es ist keine repräsentative Geschichte. Es ist eben nur eine von vielen. Ausgelöst wurde sie von meiner Lektüre des Buches von Bernhard von Becker über die deutschen Babyboomer. Es hat mich begeistert, dieses Buch, vorerst, doch dann wurde mir immer klarer, dass er die Position, von der er aus er über seine Generation berichtet, nicht offen legt. Er schreibt, als würde er aus der Distanz berichten und schreibt doch nur von sich. Das mag legitim sein, doch hat dies in mir den Verdacht genährt, dass er einer ist, der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen abstammt, in denen es Väter mit Anzügen und Krawatten gibt und Mütter mit Trockenhauben, unter denen sie stundenlag herumlungern und in Zeitschriften blättern. In denen Jugendliche bestimmte Formen von Partys besuchen und ein Studium in die Wiege gelegt bekommen. Doch das ist eben nur ein Teil der Wahrheit über unsere Generation. In dieser individuellen Geschichte konnte ich mich auf Grund meiner Herkunft nicht wiederfinden. Ich bin ein Arbeiterkind. Mehr noch. Ich bin ein Kind aus einer sozialistisch orientierten Arbeiterfamilie mit einer protestantischen Arbeitsethik. Einer der Lieblingssätze meines zu meist abwesenden Vaters war: Wer nicht arbeitet, soll nicht essen. Vielleicht rührt daher auch meine tiefe Abneigung gegen jede Form entfremdeter Arbeit. Noch heute bin ich der Meinung, wer lebt, sollte zu essen erhalten, egal ob er arbeiten will, kann, muss oder darf. Was mich zu der Ansicht verleitet, dass wir Babyboomer nicht nur die Ökologiebewegung in Gang gebracht haben, sondern auch die Theorie von der Gemeinwohlökonomie und der bedingungslosen Grundsicherung.

Was uns eint als Babyboomer sind eben nicht die individuellen Erfahrungen, die wir gemacht haben, sondern die theoretischen Schlüsse und die Konsequenzen, die wir für unser persönliches Leben daraus gezogen haben. Wir haben es geschafft Individualismus und Kollektivismus nicht als Gegensätze zu verstehen, sondern als zwei Seiten einer Medaille. Was uns eint, sind die historischen Bedingungen unter denen wir aufgewachsen sind, die unserer Generation vollkommen neue Lebenswege eröffnet haben, die wir gehen durften, konnten und manchmal auch mussten.

Ich spreche im Zusammenhang mit biographischer Arbeit gerne vom Nullpunkt einer Lebensgeschichte. Dieser Nullpunkt ist eben nicht die Geburt. Es ist nicht der Tag entscheidend, an dem jemand zur Welt kommt, sondern der Tag, an dem ein Mensch sich entscheidet an der Gesellschaft teilzuhaben, sich für etwas, das er als richtig erkannt hat, einzusetzen, ob nun gegen oder mit dem Willen der anderen, ist dabei nicht das Entscheidende, sondern die Tat an sich. Dieser Nullpunkt war für mich die Besetzung der Hainburger Au und ich denke nicht nur für mich, sondern für viele in meiner Generation, was in einem anderen Buch zu beweisen wäre. In Hainburg hat sich mein ganzes Unbehagen, dass ich in dieser sozialdemokratisierten und sozialpartnerschaftlich geführten Gesellschaft immer verspürt habe, entfaltet und ich habe begriffen, dass der Feind nicht immer rechts von der Mitte steht, sondern durchaus auch links von der Mitte kommen kann. Ein Gedanke, der in meiner Familie nicht gern gesehen wurde und durchaus zu heftigen Diskussionen geführt hat. Hainburg hat verhindert, dass aus mir ein Sozialdemokrat werden konnte, hat mein Misstrauen in Parteipolitik weiter gestärkt und mein Verhältnis zur Führungselite der Arbeiterbewegung nachhaltig beschädigt.

Der schöne Satz: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es, könnte ein Leitsatz meiner Generation sein. Diskussionen wurden viele geführt, letztlich ging es aber immer um das Handeln, das Tun, das Richtige zu tun, nicht aus ideologischen Überzeugungen heraus, weil wir Marxisten, oder Faschisten oder Ökofreaks waren, sondern weil wir zur Überzeugung gelangt waren, dass das, was wir tun wollten, das Richtige war. Vielleicht ist es auch deshalb so schwierig für die anderen, mit uns einen Umgang zu pflegen, weil wir nicht danach fragen, welcher Partei jemand angehört, welche Herkunftspapiere er oder sie vorzuweisen hat, sondern welche Ideen jemand im Gepäck hat, wofür er einsteht. Mit den Feinden wollen wir keinen Umgang pflegen. Deshalb leben wir abseits von Ihnen. Denn Feinde gibt es genug um uns. Wir haben sie in den eigenen Reihen erlebt. Was wir verabsäumt haben, ist uns mit unseren Freunden in unserer Generation zu solidarisieren.

Nun bin ich doch in dieses seltsame Wir gefallen, das sich einstellt, sobald einer über die Zugehörigkeit zu einer Generation spricht. Das lässt sich ja nicht vermeiden. Doch zurück zu diesem Ich, von dem so schwer zu sprechen ist, weil es sich eben nicht als bedeutungsvoll empfindet, nicht von selbst, sondern das immer wieder von sich selbst behaupten muss, sich gegen sich selbst und die eigene Abwertung, die das Ich in der Kindheit und Jugend erfahren hat, zur Wehr setzen muss.

Es ist eben nicht einfach einer Generation anzugehören. Schon gar nicht wenn diese Generation eine Schwellengeneration ist, die hineingewachsen ist, in eine Welt, die sich in ihren zwanziger und dreißiger Jahren stark verändert hat, in einer ähnlichen Geschwindigkeit wie die Gesellschaft während der industriellen Revolution. Meine Generation musste Anpassungsprozesse auf unterschiedlichsten Ebenen verdauen und darin waren wir wirklich gut. Doch wir haben die Produkte unserer Verdauung nie ans Tageslicht gefördert. Wir haben eben nicht auf den Katheder im Auditorium Maximum der Universität Wien geschissen und haben unsere kruden Ideen nicht ausgekotzt, wie unsere größeren Geschwister, die Achtundsechziger. Sie liegen schwer in unseren intellektuellen Mägen und warten darauf unsere Därme zu verlassen.

Wehe euch, wenn unsere Generation sich aufmacht, zu sagen, was zu sagen ist, spätestens dann werden wir nicht nur von den Schwierigkeiten berichten, die es mit sich bringt, einer Generation anzugehören, sondern auch von den Chancen, die es in sich birgt, wenn eine Generation verstanden hat, wovon sie geprägt wurde und was sie zerstört hat, welche Potentiale und Kräfte in einer solchen Generation der Vielen schlummern, die nur geweckt werden müssen, um sich einen Platz in der Geschichte zu erobern, jenen Platz, der der Generation Hainburg zusteht.

Aber um diese Hoffnung zu erfüllen, dass wir als Generation eines Tages einen zentralen Platz in der Geschichte einnehmen werden, müssen wir ein Bewusstsein für diese Geschichte entwickeln. Schon Bertolt Brecht schrieb 1935 in seinem Gedicht Fragen eines lesenden Arbeiters über das Bewusstsein, wer denn die Geschichte macht und wie über sie berichtet wird, folgenden Vers: Wer baute das siebentorige Theben? / In den Büchern stehen die Namen von Königen. Wir Babyboomer sollten aufhören uns dauernd zuzuraunen: Ach wir haben keine Geschichte! Ach, wir sind eine verlorene Generation. Wir haben nichts geleistet.

Wir haben Geschichte geschrieben und es wird Zeit, dass diese Geschichte im Bewusstsein der Gesellschaft verankert wird. Wir haben Geschichte geschrieben, aber scheinen kein Bewusstsein für unsere Rolle in dieser Geschichte entwickelt zu haben. Wir halten uns in zweifacher Hinsicht aus der Politik heraus. Schließlich sind wir Sieger, denn wir haben gewonnen, vielleicht nicht in der Friedensbewegung, denn es herrschen mehr Kriege als je zuvor, aber in Hainburg haben wir einen bedeutenden Sieg errungen, ähnlich wie die deutschen Boomer in Wackersdorf und wir waren ihnen diesmal um zwei Jahre voraus. Wir haben damit nicht nur eine Au gerettet und die Grünen ins Parlament gebracht, sondern gleich mit dem Mythos aufgeräumt, dass wir Österreicher den Deutschen immer alles nachmachen würden, nur um zehn Jahre zu spät. Der deutsche Babyboomer Bernhard von Becker und Verfasser des Buches Babyboomer – Die Generation der Vielen schreibt 2014 über unsere Generation, dass wir keinen Anspruch auf eine Geschichte erheben können, weil wir keine hätten: Eine eigene Geschichte, auf die nur wir Anspruch hätten, können wir nicht vorweisen, Das ist Teil unserer Identitätskrise. Das ist einfach nicht wahr, auch wenn es vielleicht für Bernhard von Becker zutrifft, für mich trifft es nicht zu, denn ich bin auch ein Boomer und als solcher war ich Teil der Geschichte und davon will ich berichten, vom Bewusstsein eine Geschichte zu haben, auf die ich Anspruch erhebe.

eingestellt am: 16.6.2017 | zuletzt aktualisiert: 16.6.2017
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