home | chronos | index | impressum


Stefan Slupetzky und Lemmings letzter Fall


Stefan Slupetzky ist spätestens seit seinem Kriminalroman "Polivka hat einen Traum" aus dem Jahr 2013 im deutschsprachigen Raum als Autor bekannt. In dieser "Realsatire" übernimmt er den Kommisar Polivka aus seinem "Lemmings Zorn" von 2009 und widmet ihm eine neue Reihe. Sluptzky hatte bevor er in die Krimibranche einstieg, bereits berufliche Sozialisationen als Lehrer, Texter der Band "Trio Lepschi", Theaterautor, als Kinder- und Jugendbuchautor hinter sich gebracht. Slupetzky kann als Autor beinahe als Idealfall der Babyboomer-Generation gelten, denn er kümmert sich in seinem Produktionsverhalten nicht um Genregrenzen und wird dennoch mit Preisen ausgezeichnet. 2005 mit dem Friedrich Glauser Preis für "Der Fall Lemming" , 2010 mit dem Leo Perutz Preis für "Lemmings Zorn" und bereits 1996 als Erster mit dem "Federhasenpreis" für sein Buch "Nurmi, der Bär".

Nun kurz zum Inhalt des Buches. Leopold Wallisch, alias Lemming und seine Beziehungspartnerin Klara stehen kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes. Nach einem irrwitzigen Wettlauf nach der Suche um Hilfe bei der Geburt, finden sie Unterschlupf in einem Kloster, wo eine Passantin, Angela Lehner, als Geburtshelferin fungiert und im Laufe der Geschichte zu einer Freundin des Kindes Ben avanciert. Doch Angela Lehner wird ermordet. Die weitere Geschichte dreht sich um die Aufklärung eben dieses Mordes, die der ehemalige Polizist Lemming sofort in Angriff nimmt und natürlich auch klärt. Mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten.

Der Roman, den ich in der Rowohlt-Ausgabe von 2013 gelesen habe, beginnt vielversprechend. Noch bevor der eigentliche Text anhebt, ist der Leser mit drei Werbetexten konfrontiert, die dem Leser wohl Orientierung bieten sollen und ihn schon vor der Lektüre darauf hinweisen, wie brillant das Buch doch sei. An dieser Stelle will ich die Werbetexte auf ihre Stichhaltigkeit überprüft. Im ersten Werbetext zu "Lemmings Zorn" heißt es: "Mochten Sie den Kommisar Kottan? Und Falco? Dann mögen Sie auch dieses Buch. Weil der Lemming so sympathisch ist. Und der Krotznig so böse. Und die Geschichte so fabelhaft." Also ich kann den Zusammenhang zwischen Kottan und Lemming nicht nachvollziehen. Kottan war eine Satire auf die Verfassung der Gesellschaft in den siebziger Jahren, ein Feuerwerk der Intertextualität. Und Falco? Was hat der Text "Lemmings Zorn" mit Falco zu tun? Falco analysiert in seinen Liedern in brillanter Weise die Wiener Gesellschaft der achtziger Jahre. Klar versucht Stefan Slupetzky dies auch, wenn er einerseits die SPÖ in Form eines Maiaufmarsches aufs Korn nimmt oder die Polizei desavouiert, in dem er einen Polizeihubschrauber über einer entvölkerten Berggasse kreisen lässt oder die Kirche, wenn er die Geburt des Kindes von Lemming und seiner Frau Klara in ein Kloster verlegt. Doch spielt Slupetzky in einer vollkommen anderen Liga als Falco, denn die Geschichte spiegelt nicht die realen gesellschaftlichen Bedingungen der Wiener Gesellschaft wieder. Ich erinnere nur an den Hit "Der Kommisar" von Falco, in dem er die Drogenszene aufs Korn nimmt oder die allgegenwärtige Korruption der achtziger Jahre in "Hinter uns die Sinflut", wo es im Refrain heißt: "Die Bombe platzte ein Skandal / Das stört uns nicht, denn hinter uns die Sintflut / Das schadet bei der nächsten Wahl / Das ist uns recht und hinter uns die Sintflut / Wer kümmert sich noch um den Ruf / Uns soll es recht sein, hinter uns die Sintflut / Seit man die Zahlungsmittel schuf." Aussagen von solcher Prägnanz und Direktheit sucht man in Slupetzkys Roman vergeblich.

Im zweiten Werbetext, der aus dem Hessischen Rundfunk stammt, heißt es, dass hier "ein funkelndes, sprachlich meisterhaftes Stück reinster Weltekel-Prosa, verpackt mit der Zärtlichkeit dessen, der noch in der Lage ist, eine bessere, eine gerechtere Welt zu ersehen", vorliegt. Das ist ein Versprechen, das es zu überprüfen gilt, ob es auch tatsächlich vom Autor eingelöst wird. Bei Weltekel-Prosa denke ich vor allem an Jean Paul Sartres Roman "Der Ekel" und der bezieht sich durchaus auf einen existentiellen Ekel vor der Welt, der einen utopischen Impuls besitzt, der aber weit über das alltägliche Ersehen einer solchen Utopie hinausgeht. Ich weiß ja nicht, welche Sätze der Hessische Rundfunk im Blick hatte, als von Slupetzkys Zärtlichkeit gesprochen wurde, die eine gerechtere Welt ersehnt, vielleicht hatten die Rezensenten folgende Textstelle im Auge: "Das kleine Stück Leben ruft Liebe hervor. Pure und bedingungslose, kurz gesagt: vollkommene Liebe." (S.20) Diese beiden Sätze sind weder ironisiert, noch in irgendeiner Form literarisch verfremdet, sondern Ausdruck von Lemmings Gefühlswelt, jedoch werden diese Sätze nicht von Lemming gedacht oder gesagt, sondern vom auktorialen Erzähler formuliert als ein Ergebnis des Wunders der Geburt. Hier ist nicht Zärtlichkeit im Spiel und schon gar nicht funkelnde Weltekel-Prosa, sondern nur purer Kitsch. Ein zu erwartender Gefühlsausbruch im Augenblick der Geburt. Mag sein, dass das nun wieder zynisch klingt, von einem dem die Romantik und die Liebe für die Welt abhanden gekommen ist, aber sprachliche Meisterhaftigkeit sieht anders aus, vor allem im Augenblick, da ein Kind durch den Geburtskanal gepresst wird. Da sind Sätze wie die der vollkommenen Liebe vorausgehenden, aus literaturhistorischer Perspektive nicht angemessen: "Das kleine Stück Leben ist vollkommen hilflos, es weiß nichts und kann nichts: ein unnützes Sandkorn im Mahlwerk der Welt." (S.20)

Neben solchen Formulierungen hat der Autor auch ein fable für den schnellen Witz, den er unter dem Denkmantel der Satire zu verstecken sucht. Um ein einfaches Beispiel dafür zu geben: Klara und Lemming suchen in einem irrwitzige Dialog nach einem Namen für ihren gemeinsamen Sohn. Der Hund von Lemming gesellt sich dazu und Lemming fragt ihn: "Castro, was meinst du: Wie soll dein neues Herrchen heißen?" Kurz darauf setzt der auktoriale Erzähler nach und schreibt: "Wie zum Beweis für den außergewöhnlichen Tiefgang seiner Gedanken fängt Castro jetzt lautstark zu schnarchen an." (S.26) Nun da vermisse ich den Tiefgang, das ist der schnelle Witz der deutschen Comedy-Szene. Überhaupt erinnert mich das Buch an die deutsche Comedy, die ja kaum noch Züge von klassischem Kabarett besitzt. Es scheint mir manchmal, dass der schnelle Witz Slupetzky wichtiger ist, als seine Botschaft oder die seines Protagonisten, was manchmal schwer auseinanderzuhalten ist.

Die Stilmittel, die Slupetzky einsetzt um den schnellen Witz zu generieren, sind mannigfaltig, zum Beispiel die Verwendung heute kaum noch gebräuchlicher Redewendungen. Da ist von einem "gebenedeiten Floh" (S.24) die Rede, oder der Kleine Ben, Lemmings Sohn liegt vom Saugen ermattet am "üppigen Busen" (S.25) von Klara. Ein paar Seiten weiter spricht der Autor von einem "wohlgeheizten Wartehäuschen" und diese Formulierungen ließen sich endlos zitieren. Klar hier geht es um literarische Brüche, um dem Text Aufmerksamkeit zu schenken. An anderen Stellen spielt Slupetzky mit Namen, die im Leser Bilder aktivieren. Der Hund heißt Castro, die Geburtshelferin Angela, der Engel und um zu zeigen, wie Slupetzky die Namen in der Geschichte einfügt, als Beispiel folgende Szene, in der Angela, die Geburtshelferin, von Lemming gefragt wird, ob sie nicht etwas zur Namensgebung des Kindes beitragen könne:

"Und da wollten wir Sie fragen, ob Ihnen dazu etwas einfällt."
"Sie meinen … Sie meinen, ich soll … mich da einmischen? Ist das ihr Ernst?"
"Ernst? Das ist mir ein bisserl, na ja, ernst." (S.27)

In diesem Zitat wird ein formales Stilmittel mit einem schnellen Witz kombiniert und funktioniert gerade in dieser Kombination eben nicht. Und Lemming selbst ist ja schon ein Wortspiel, denn Lemminge sind Wühlmäuse, von denen es mehrere Arten gibt, die ungerechtfertigter Weise als Tiere gelten, die Massenselbstmorde begehen würden. Was will mir Slupetzky damit sagen, dass Lemming einer von Vielen ist, der in der Menge mitschwimmt und nichts tut, ein Mitläufer? Das kann nicht stimmen, denn an mehreren Stellen des Buches, wird der widerspenstige Charakter seines Protagonisten augenfällig. Die gesamte Konstruktion des Buches besteht ja gerade darin, dass sich Lemming um die Aufklärung des Mordes an Angela Lehner, der Geburtshelferin seines Sohnes, beteiligt. Nun könnte ich den Umkehrschluss ziehen und sagen, der Name Lemming soll ja gerade eben ironisch gemünzt sein, nämlich dass er gar kein Lemming sei, kein Mitläufer. Na ja, das ist dann wirklich ein bisschen viel Aufwand, um den Leser zu irritieren.

Stark ist das Buch dort, wo es versucht die Welt, wie sie sich zeigt, zu bespiegeln. Doch leider belässt es Slupetzky zu oft nicht dabei, sondern versucht der durchaus tiefsinnigen Beobachtung, einem Vergleich mit Tiefgang, einen platten Witz nachzusetzen. Im Kapitel fünf beginnt er mit einem literarischen Bild, das mich für ihn einnimmt: "Das Aufreißen ist eine eigene Sportart in Wien, ein Massensport, dessen Facetten und Variationen von schier unendlicher Vielfalt sind. Den Amateuren bleibt das Aufreißen von Briefkuverts und Fenstern vorbehalten, darüber hinaus das von Ärschen und Goschen, von Haserl und Haberern, Räuscherln und anderen Unpässlichkeiten." (S.33)

Doch dann setzt er nach mit dem Aufreißen von Straßen und Kanaldeckeln, um dann doch wieder eines seiner überhöhten literarischen Bilder nachzusetzen, in denen ich die Satire durchaus erkennen kann, sie mich aber nicht mitreißt, mich nicht zum Nachdenken anregt, sondern zum raschen Weiterlesen, wenn es heißt: "Kaum ist der Autolärm versiegt, kaum neigt sich der Tag, des steten Donners der Motoren müde, seinem Ende zu, da flammen die Flutlichter auf, und die Athleten betreten das Spielfeld." (S.33) Der Vergleich mit der immer selten siegreichen österreichischen Nationalmannschaft ist zwar zum Zeitpunkt der Erstausgabe 2009 noch zulässig, jedoch 2015 wirkt dies nach dem fulminanten Einzug der besten österreichischen Mannschaft seit Cordoba witzlos und er gibt sich damit nicht zufrieden, sondern setzt noch nach: "Sie besiegen den Asphalt in jeder Nacht aufs Neue, da kann die Begegnung Mann gegen Straße noch so brutal sein." (S.33) Da schimmern natürlich Helmut Qualtinger und Carl Merz durch. Unverkennbar. Slupetzky ist belesen. Keine Frage. Doch zwischen Qualtinger und Slupetzky liegt nicht nur mehr als ein halbes Jahrhundert Geschichte, denn bei Qualtinger und Merz heißt es noch: "Kapfenberg gegen Simmering, das nenn ich Brutalität."

Vor allem bei den Beschreibungen Wiens geraten bei Slupetzky Vergangenheit und Gegenwart gefährlich nahe aneinander. Die Beschreibungen mancher Szenen stimmen mit der realen städtebaulichen Entwicklung nicht überein. Sie lesen sich manchmal wie ein sentimentaler Reflex auf eine vergangene Zeit, solange dieses Denken aus Lemmings Kopf kommt, ist das formal ja durchaus reizvoll, weil es Teil der dargestellten Person ist. Problematisch wird das dort, wo der auktoriale Erzähler sich der Sache annimmt, Meinung macht, Stellung bezieht, zum Beispiel an der Stelle, wo die Josefstadt ins Spiel kommt: "Die Josefstadt ist ein verträumter, verwinkelter Stadtteil ein Viertel, das sich noch das Flair der guten, alten Zeit bewahrt hat: Hinter den zierlichen Fassaden, die die engen, gepflasterten Gassen säumen, hat sich vor knapp zweihundert Jahren das Bürgertum seine lauschigen Nester gebaut." (S.71)

Natürlich sind diese Beobachtungen nicht falsch. Doch der Autor transportiert im Gegensatz zu den Traditionen in der Darstellung des Wienerischen und des Wieners, die im Text zu erkennen sind, ein Klischee der Stadt, das sich zwar als Werbeträger für die deutsche Kundschaft gut verkauft, weil diese genau diesem Klischee entsprechend über Wien informiert werden wollen. Klaus Zeyringer spricht nicht umsonst immer wieder von der Marketingtauglichkeit österreichischer Literatur, die sich in den Dienst der Tourismuswerbung stellte und stellt. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Das Problem jedoch ist, das damit Bilder von der österreichischen oder besser "Wiener" Seele und dem "guten alten Wien" verfestigt werden und sich so über Generationen hinweg weiter tradieren. Es gab aber in Wien keine gute alte Zeit, das müsste ein gelernter Wien wie Slupetzky eigentlich wissen. Die gute alte Zeit hat nur dann eine Chance als Mythos wieder aufzuerstehen, wenn Autoren ihn herbeischreiben, sich auf vergangene Zeiten berufen, um dann Wien eine alte Zeit anzudichten, die weder heute Gültigkeit besitzt, noch damals besaß. Die Zeiten waren nie besonders gut in Wien, aber auch nie besonders schlecht. Sie waren einfach Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Bedingungen zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt. Geschichte wird bei Slupetzky aber zur bloßen Verfügungsmasse der Erzählstruktur. Slupetzky lässt eine nachvollziehbare und differenzierte Darstellung der Verhältnisse vermissen. Er verharrt in einem Wienbild, das als Oberfläche für seine Handlung dient, als Kulisse, nicht mehr. Das ist schade, weil er damit seinem unglaublichen Erzähltalent, ein Stück Tiefe nimmt. Er zeichnet ein Schwarz-weiß-Bild, das nicht allein mit Ironie zu rechtfertigen ist, denn Ironie kann auch leise Zwischentöne darstellen, Slupetzky aber bildet in seinem Roman eher eines mögliches Sein ab, statt das Sein selbst.

Die Konstruktion und die Dramaturgie des Buches ist fehlerfrei, ist gut gebaut, lässt keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Geschichte aufkommen, ein Buch, das sich gut lesen lässt, mit Freude, wenn die Leser die Oberfläche nicht verlassen, um tiefer zu graben. Doch gerade das ist die Aufgabe der germanistischen Kritik, sich von der Oberfläche in die Tiefe zu graben, um den Kern des Buches offenzulegen, das zu finden, was vom Spezifischen auf das Allgemeine verweist.

Slupetzkys Roman ist von einer Wolllust des Erzählens erfasst, die Freude, die dem Autor das Erzählen macht, ist im gesamten Text zu spüren und dafür muss ich ihm auch dankbar sein, dass er diese Lesefreude in mir weckt, doch was diesem Roman bei aller Freude am Lesen fehlt, ist, das nicht auf das allgemein Menschliche oder auch nur Wienerische verwiesen wird, das vor allem bei österreichischen Autoren wie Friedrich Glauser oder Leo Perutz der Fall ist. Auf eine gerechtere und bessere Welt, wie im Klappentext versprochen, verweist das Buch auch nicht. Das Sehnen nach einer anderen Welt kann ich zwar nachvollziehen, doch wie diese andere Welt gestaltet sein soll, drückt sich weder in den Verhaltensweisen der Protagonisten und Protagonistinnen aus, noch in einer Art Gesellschaftsentwurf, die dem Roman zugrunde liegen würde.

Wie gesagt der Text hat große Stärken. Das beginnt schon ganz am Anfang, wenn der auktoriale Erzähler vom Geboren werden spricht, von der Geburt, die "ein großes Vergessen" ist. Und er setzt nach: "Geboren werden heißt, den Sinn für die Einheit der Welt zu verlieren." (S.7) Da hatte er mich schon gepackt, da war ich auf seiner Seite, denn da ist die Weltfremdheit, von der er spricht, in der die Einheit mit der Welt eben erst hergestellt werden muss, wie der deutsch-österreichische Philosoph Günther Anders in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts auf brillante Weise nachgewiesen hat. Doch diese Verlorenheit des Menschen in der Welt zu zeigen, sein Nicht-in-die-Welt-eintreten-Können oder doch zu ihr zu finden, löst der Autor nicht ein. Denn die handelnden Personen leben in der Welt, sie sind in ihr eingebunden, sie haben ein Leben, sie suchen keines. Mag sein, dass sie auf Distanz zu diesem Leben sind, aber an zahllosen Stellen beweist der auktoriale Erzähler, dass die Menschen zur Welt dazu gehören, dass sie sich in ihr eingefunden haben, auch wenn diese oft chaotisch, skurril und voll unglaublicher Begebenheiten ist. Aber die Charaktäre dieser Welt sind keine gebrochenen Persönlichkeiten. Der Autor holt mich unter Vorspiegelung falscher philosophischer Wegweisungen in das Buch, um mich danach mit großartigen Bildern und manchmal schnellen, grotesken und skurrilen Witzen zurückzulassen.

Letztlich bleibt die Hauptfigur in Slupetzkys Roman "Lemmings Zorn" in seiner Alltäglichkeit verstrickt, zwischen vollen Windeln und der trauten Zweisamkeit mit seiner Frau, im Reinen mit sich selbst. Kein Bruch in der Person. Der Bruch findet nur über formale Stilmittel statt. Ist das genug? Für gute Unterhaltung sicher, dafür ist gesorgt, aber ob es sich um ein meisterhaftes Stück von Weltekel-Prosa handelt, will ich, wenn schon nicht in Frage, dann doch zumindest zur Debatte stellen. Es wäre besser gewesen und hätte dem Buch keinen Abbruch getan, wenn die Werbetexte der Geschichte nicht vorangestellt worden wären. Der Leser hätte sich dem Buch unvoreingenommen nähern und sich dem Kriminalroman hingeben können, einem Stück guter Unterhaltung. Doch so wurde ich aufgefordert, mich mit einem funkelnden, sprachlich meisterhaften Stück reinster Weltekel-Prosa zu beschäftigen. Ob der Verlag damit seinem Autor nicht einen Bärendienst erwiesen hat?

[Stefan Slupetzky: Lemmings Zorn. Lemmings vierter Fall. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt 20125. 302 Seiten.]

eingestellt am: 22.8.2018 | zuletzt aktualisiert: 22.8.2018
index: [a] | [b] | [c] | [d] | [e] | [f] | [g] | [h] | [i] | [j] | [k] | [l] | [m] | [n] | [o] | [p] | [q] | [r] | [s] | [t] | [u] | [v] | [w] | [x] | [y] | [z]


home | chronos | index | impressum