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Hurra, wir leben noch!
Skizzen über die Welt



Der Mensch als geschichtliche Anekdote


§1

Von allem Anfang an war der Mensch erzählte Geschichte, nichts weiter als die Aneinanderreihung unendlich vieler, überall und jederzeit stattfindender Entscheidungsprozesse, die sich in den Anekdoten über die Welt, in die wir geworfen werden, wiederspiegeln. Damit will ich nicht sagen, dass Geschichte sich nicht in bestimmbaren Handlungsfolgen vollzieht, sondern sie ist ein in tausend kleine Einzelteile zersplittertes Ganzes. Das Ganze aber, eine Geschichte, die über das Erzählen hinausreicht, wurde erst aktuell, als die Schrift in unseren Alltag Einzug hielt. Mit der Verschriftlichung der erzählten Anekdoten, dem Sammeln von Ereignissen, ihrer Aufbewahrung und Akkumulation wurde so etwas wie ein Ganzes begreifbar. Heute, in einer Zeit, da die multimediale Bildkultur die Schriftkultur ablöst, haben wir wieder den Zustand einer erzählerischen Kultur erreicht, kehren wir in die anekdotische Gesellschaft zurück, wie sie Egon Friedell schon im zwanzigsten Jahrhundert formulierte: Wir können die Welt immer nur unvollständig sehen; sie mit Willen unvollständig zu sehen, macht den ‚künstlerischen‘ Aspekt. Kunst ist subjektive und parteiische Bevorzugung gewisser Wirklichkeitselemente vor anderen. […] Oft wird ein ganzer mensch durch eine einzige Handbewegung, ein ganzes Ereignis durch ein einziges Detail schärfer, prägsamer, wesentlicher charakterisiert als durch die ausführlichste Schilderung. Kurz: die Anekdote in jederlei Sinn erscheint mir als die einzig berechtigte Kunstform der Kulturgeschichte. [Egon Friedell. Kulturgeschichte der Neuzeit I. München 1976. S.18]

Wir erzählen uns täglich eine unendliche Geschichte. Mit der Informations- und Telekommunikationsgesellschaft wird Geschichte wieder zurückverwiesen auf ihr ursprüngliches Maß. Die eine, historische Welt zerfällt und lässt sich nicht mehr zusammenfügen, sie lässt sich nicht mehr in die eine, große, in sich geschlossene Geschichte und Erzählung gießen, die sich stringent und logisch an einem Handlungsfaden entwickelt. Die Geschichte der Welt franst an den Enden aus – zerfleddert. Bei der Erzählung über die Welt steht nicht die real, sichtbare Welt im Mittelpunkt, sondern die durch die Sprache überlieferte Welt, die Fiktion, die ausgeschmückte, die zur Unkenntlichkeit verzerrte Welt. Der Mensch entwirft sich auf eine Überlieferung, auf eine mythische, urzeitliche Vergangenheit hin. Es ist die Logik der Überlieferung, der Erzählung, des story-tellings, die den Menschen zum Menschen macht.

Und so wird uns die Story der abendländischen Kultur überliefert: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Gott war der Angelpunkt der Welt. In sein Universum setzte er den Menschen als sein Ebenbild: Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bild, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. [Buch Mose. Die Bibel. Wien 1973. S.5.] So viel zur abendländischen Ursprungserzählung. Doch Adam und Eva wollten keine Ebenbilder, Abbilder oder Zerrbilder sein, kein Fremdes, sondern etwas Eigenes, Authentisches. Sie traten aus dem Paradies heraus und schufen das Geschlecht der Menschen. Mit dem Begriff Mensch grenzten sie sich gegen Gott, gegen die Natur, gegen das Universum ab und machten sich zum Angelpunkt der abendländischen Welt. Generation auf Generation folgte, bis der Mensch war, was er sein wollte: ein Individuum, abgegrenzt von Gott, eindeutig und ebenso einsam.

Bevor der Mensch jedoch zum gottlosen Masseneremiten mutierte, war er als Teil der Gruppe, der Kultur, des Volkes, des Stammes, der Ethnie der Willkür (auch wenn sie sich im Rahmen bestimmter Gesetzmäßigkeiten vollzog) des Erzählers ausgeliefert. Und alle Geschichten handelten von Göttern. Sie waren das gesellschaftliche Zentrum. Ihre Omnipräsenz und Omnipotenz bestimmte den Alltag der Menschen und die Inhalte ihrer Erzählungen. Doch Adam und Eva konnten sich damit nicht zufrieden geben, denn sie waren Vertriebene, Ausgesetzte und als solche erzählten sie sich immer wieder gegenseitig die Geschichte ihres Herkommens, ihrer Vertreibung, ihres Ausgestoßenseins. Und in dieser Rede über die Götter (oder Gott) erkennen Adam und Eva die Essenz Gottes: ihrer Unsterblichkeit.

Die Unsterblichkeit aber ist ein Leben ohne Ende. Den Anfang machte Gott, ihr Ende wollten sie selbst bestimmen. Das Fremde im Geschlecht Mensch, die göttliche Essenz, die Naturhaftigkeit seines Wesens, wäre erst getilgt, wenn Unsterblichkeit einträte. Unsterblichkeit aber ist die Aufhebung von Zeit und Raum, die Auflösung des Gegensatzpaares von Zeugung und Tod, letztlich die Auslöschung jeglicher menschlicher Existenz, die in Zeit und Raum gebunden ist.


§2

Geschwächt wurde die Herrschaft der Götter durch die Rede. Rede heißt Logos. Der mytho logos ist die Rede, die Erzählung über die göttliche Verfasstheit der Gesellschaft. Und in dieser Rede erkennt der Mensch sich plötzlich selbst, als ausgesetzt, als abgegrenzt zur Welt der Götter. Das Ich als zentrale gesellschaftliche Kategorie entwickelt sich in der Rede über die Götter, also in ihrer Analyse. Die Systematisierung der Erzählungen über die Antike, über die Entstehung des Christentums in der Mönchskultur des Frühmittelalters macht so etwas wie eine Bewusstseinsbildung möglich. Plötzlich muss der Mensch um sein Verhältnis zu Gott ringen. Augustinus versucht ja nichts anderes, als ein guter Mensch zu werden, geläutert, um Gott finden zu können. Aus einem willkürlichen, selbstverständlichen Verhältnis zu den Göttern, das es in der Antike gab, wird ein gesetzliches, geordnetes. Doch auch diese Ordnung wird nach wie vor von Gott (in der Alltagskultur von Göttern) regiert. Damit mussten die Menschen Schluss machen, wollten sie sich aus der Geschichte, wie sie bisher von ihnen erzählt wurde emanzipieren. Und sie taten es mit Freude und Konsequenz. Der Begriff, der für diesen Prozess steht, ist: nomos.


§3

Während öko logos die Rede über das Haus (also über die Welt) bedeutet, beschäftigt sich öko nomos mit der Haushaltsführung (also seinen Bewohnern). Wenn ich öko als Welt definiere und nomos als Herrschaft, dann wäre Ökonomie die Vorstellung davon, wie die Welt zu führen sei, welches Herrschaftssystem sie leiten soll: Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus etc.

In der Antike wird das Haus willkürlich geführt. Die Menschen wissen nie, wann der Hausherr, in Gestalt von Zeus oder Hera oder wie die Götter und Göttinnen sonst noch heißen, zuschlägt.

Im Mittelalter hingegen ringt der Mensch um ein neues Ordnungsprinzip, um eine neue Herrschaftsform, um eine neue Haushaltsführung. Das Mittelalter ist eine Übergangsgesellschaft, in der Gott vom Menschen als Hausherr der Welt abgelöst wird. Im feudalen System des Mittelalters wird die Willkür Gottes durch die Willkür der Feudalherren ersetzt. Lange Zeit regierten|führten beide Herren das Haus. Die historische Auseinandersetzung zwischen Päpsten und Kaisern um die weltliche Macht im aufsteigenden Feudalstaat beweist dies eindrucksvoll. Wir wissen, wer den Sieg davon getragen hat. Der Kaiser als weltlicher Herrscher.

Der Mensch erfindet während er die Willkür der Götter untergräbt eine Ideologie vom Menschen, den Humanismus. Und im Namen des Humanismus ist alles erlaubt. Die Feudalherren dürfen mehr als den Göttern der Antike je erlaubt gewesen wäre. Die ökonomischen Verhältnisse, die der Mensch in beinahe tausend Jahren Mittelalter hervorbringt, sind die eines geordneten, systematischen und geldwirtschaftlich geführten Schlachthauses.

Das Ergebnis am Beginn der Neuzeit ist, dass jeder Mensch weiß, wo er geburtsrechtlich steht. Da gibt es nicht einmal mehr Halbgötter – nur noch von Gottes Gnaden bestellte Herrscher und deren Untertanen. Die menschliche, von Gott eingesetzte Herrschaft ist aber besonders schwierig für die Menschen zu handhaben, denn die Willkür der Götter nimmt zwar ab und die des Menschen im selben Maße zu, aber sie existieren eben parallel zu einander fort, während sich die ersten europäischen Demokratien entwickeln, die im Widerspruch zu der Ideologie des Gottesgnadentums stehen.


§4

Doch warum konnte ich selbst lange Zeit dieses Schlachthaus nicht sehen, warum blieb das Mittelalter für mich immer ein weißer Fleck auf der Landkarte der Geschichte? Jetzt könnte ich die Schuld meinen Lehrern und Lehrerinnen zuweisen, das wäre aber ein billiger Trick. Die Wahrheit liegt tiefer. Ich hatte es seit meiner frühesten Kindheit mit einem Geschichtsverständnis zu tun, das davon erzählte, dass Europa philosophisch und kulturpolitisch in der Antike wurzeln würde. Doch das konnte ich so nicht akzeptieren. Europa fußt nun mal in den Institutionen, die im frühen Mittelalter entstanden, die eben dieses Schlachthaus vorbereiteten. Auch wenn dieser Beigeschmack unserer Geschichte, ein bitterer ist, einer von Mord und Totschlag, müssen wir dennoch unser Erbe annehmen.

Es ist kein Zufall, dass ich die antike Philosophie wie selbstverständlich zu begreifen scheine, obwohl ich so gut wie gar nichts über sie weiß. Doch die Vermittlung über die amerikanische, französische und deutsche Revolutionsgeschichte hat gut bei mir gegriffen. Wie im Schlaf überfallen mich in meinen Tagträumen die Gesetze, die Utopien und Visionen der Aufklärung. Doch kein Bild steigt in mir hoch, wenn ich an das Mittelalter denke.

Sicherlich gibt es da die Worte Mystik und Scholastik, eine Form von Innerlichkeit. Aber warum ist dann das Mittelalter finster? Weil es im Zeichen der Emanzipation des Menschen aus seiner göttlichen Bestimmung steht. Diese Emanzipation geht einher mit der Vernichtung hunderttausender Menschen, der Aneignung des Raumes und der Anpassung des Menschen an die modernen, kapitalistischen und technologischen Produktionsverhältnisse.

Unsere Vorstellungen von Demokratie wurzeln in der Glorious Revolution Englands, in den Scheiterhaufen der spanischen Inquisition, im europäischen Schlachthaus. Und was stand am Ende? Die Frührenaissance, die Geburtsstunde der Nationalstaaten, die Europäer, die gegen Westen ziehen, um durch Cristobal Colon hindurch die Neue Welt zu entdecken, zu erobern und ihre Bewohner, die Nicht-Menschen, zu vernichten: Colón spricht nur deshalb von den Menschen, die er sieht, weil auch sie letztendlich zur Landschaft gehören. Seine Äußerungen über die Bewohner der Insel stehen immer inmitten der Anmerkungen zur Natur, irgendwo zwischen Vögeln und Bäumen. (...) Da sie physisch nackt sind, entbehren die Indianer in Colóns Augen auch jedweder kulturellen Eigenart: Sie zeichnen sich gewissermaßen durch das Fehlen von Bräuchen, Riten, Religion aus. (...) Selbst wenn es nicht um Sklaverei geht, impliziert Colóns Verhalten, daß er den Indianern nicht das Recht zugesteht, ihren eigenen Willen zu haben, daß er sie insgesamt als lebendige Objekte betrachtet. So will er in seinem Naturforscherdrang immer ein Exemplar von jeder Art nach Spanien mitnehmen. [Tzvetan Todorov. Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen. Frankfurt am Main 1985, S.34.]
Nahtlos geht das mittelalterliche Schlachten in das Schlachthaus der Neuzeit über und endet nach der Aufklärung im nationalsozialistischen, industriellen Vernichtungslager: Die Moderne, aufzufassen als kulturelle Bewegung zum Zwecke des Ausgangs aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, zum Zwecke des Siegs des Wissens gegen den Glauben, des Menschenrechts gegen den Absolutismus, der Wahrheit gegen die Dogmatik. Des Siegs also letztlich der Vernunft. Mit den Mitteln der Wissenschaft, die im wesentlichen der (mythologische) Kern der aufklärerischen Moderne ist, wird die Vernunft vom Aberglauben und dem Wahnsinn (dem absolutistischen Irrationalismus) befreit, besser gesagt gereinigt. Die Vernunft wird zur ultima ratio menschlichen Handelns, wird zum Inbegriff des Guten, Wahren und Schönen. Das Andere der Vernunft wird (wissenschaftlich) begutachtet, bewertet (ist gleich abgewertet ist gleich abgeurteilt), gesammelt und letztlich vernichtet. Das Prinzip des Guten, Wahren und Schönen, dem Himmel auf Erden – der Wohlfahrt – endet im Prinzip der Selektion auf der Rampe von Auschwitz, der Hölle auf Erden – der Austilgung. Die Dialektik der Vernunft zerreißt in der archaischen Gewalt der Mythologie des weißen, des reinen, des – gezüchtigten und gezüchteten – guten Menschen gegen das Ungeziefer und Unkraut der anderen, der unreinen, der bösen Welt. [Armin Anders. Ressource Mensch. In: SchnittStellen 1999. Heft 3. S.63.]

Die europäischen Demokratien sind auf den mittelalterlichen Schlachthäusern gebaut.

Es ist kein Zufall und schon gar kein historischer Unfall der Geschichte, dass die Aufklärung, die europäischen Demokratien im Nationalsozialismus enden. Denn der Geist, der bei Adolf Hitler und Josef Stalin durchschimmert, ist der Geist der Renaissance, des Humanismus, wo alles, was nicht Wir, also den europäischen Erblanden angehört, also anders ist, unterlegen, unzivilisiert, barbarisch, der Vernichtung preisgegeben und in Rohstoffe verwandelt werden kann. Der Rückgriff auf die griechische Mythologie in der Aufklärung war doch nichts anderes als der Versuch genau diesem Ekel vor der eigenen Metzgerei zu entgehen. Wir versuchen schlichtweg beinahe tausend Jahre europäische Geschichte aus der philosophischen und geschichtsphilosophischen Diskussion auszublenden, um nur ja nicht unsere Demokratien in Frage stellen zu müssen, in denen wir es uns bequem eingerichtet haben, um sie nicht als Vernichtungsmaschinen entlarven zu müssen und um den Menschen als Menschen im Blickfeld behalten zu können, um uns nicht selbst als Bestien sehen zu müssen.

Der Widerspruch in der Geburtsstunde Europas lag im Spannungsverhältnis zwischen der Frührenaissance, also der Entdeckung eines europäischen Gedankens und der gleichzeitigen Verdrängung des historischen Erbes, dem Mittelalter, aus dem dieser Gedanke kam. Plötzlich sind nicht mehr die Bruderfehden im Mittelpunkt des Blickes der Humanisten, die blutigen Schlachten aus dem finsteren Mittelalter, sondern das hellenistische Griechenland, die Mythologie, also die Erzählung von der lichten Welt, die vor der Errichtung des Schlachthauses lag. Dass es sich dabei um eine Sklavenhaltergesellschaft handelte, aus der das Mittelalter den Menschen emanzipieren wollte, spielte den Ideologen der frühen Neuzeit keine Rolle.

Historisch wurde, zumindest während meiner Studienzeit an der Universität Wien, keine Kontinuität in den Nationalsozialismus, keine Kontinuität bis in die amerikanische, französische und bürgerliche Revolution hergestellt. Selbst in der russischen Revolution finden sich die Totalitarismen des europäischen Renaissancemenschen wieder.

Begreifen wir das Mittelalter endlich als das, was es war: europäischer Isolationismus, die Brutstätte für die Entstehung von Nationalismus, Rassismus, Humanismus und letztlich jener Ethnophobie, die Europa heute noch im Würgegriff hält. Die Angst des Menschen vor dem Menschen, letztlich vor dem Fremden in sich selbst, der ja jeder Mensch für sich selbst am Anfang seiner Lebensgeschichte ist, treibt uns dazu, Europa in ein einziges großes Schlachthaus zu verwandeln.

Im Prozess der Hervorbringung des heutigen europäischen Friedensmodells, das im Reich der Pippiniden, in den Herrschaftshäusern der Ottonen und der Regentschaft von Karl dem Großen wurzelt, müssen wir herausfinden, wer zu uns gehört und wer nicht. Und das haben wir mit einer Gründlichkeit getan und tun es immer noch, die nur möglich war, weil wir Menschen und freie Tiere unter dem Himmel Gottes sind.


§5

Gott ist tot.

Geblieben ist uns von ihm nur die Sehnsucht nach Einheit, Harmonie und Verschmelzung, die Sehnsucht die letzten Geheimnisse unserer Herkunft zu lüften. Eine Methode, die wir dazu entwickelt haben, ist die Geschichtsschreibung. Wie Drogensüchtige sind wir Historiker auf der Suche nach dem letzten entscheidenden Hinweis, der uns etwas über unsere wahre Herkunft offenbart.

Auch ich war ein Süchtiger.

Schon in meiner Schulzeit war ich ein leidenschaftlicher Puzzlespieler. Unzählige Stunden habe ich damit zugebracht tausende von diesen kleinen Teilen zu dem Bild zusammenzusetzen, das auf der Schachtel abgebildet war. Der Deckel war die Welt, zu dem ich den Inhalt der Schachtel werden lassen sollte. Mein Studium der Geschichte war nichts weiter gewesen, als das auf der Packung versprochene Puzzlebild Geschichte wiederherzustellen. Jene Geschichte zu rekonstruieren, die mir seit Kindertagen über unsere Welt erzählt wurde. Und was waren das nicht für wunderbare Geschichten: Da gab es die heldenhaften Männer, die mit Göttern und deren Stellvertretern (Drachen, Zwergen, Kobolden) um Prinzessinnen kämpften. Da gab es Revolutionäre, die sich gegen Unterdrückung und Unrecht zur Wehr setzten, Klassen und Völker im Handstreich befreiten.

Aber als ich das Puzzle der Geschichte zusammensetzte, in diesen oft schlecht beheizten und zugigen Hörsälen an der Universität Wien, ließ sich dieses Bild nicht fertigstellen. Immer fehlte ein Stück und meist an einem entscheidenden Platz. Da gab es unzählige Diskussionen mit Studenten, Dozenten und Mitarbeitern in ebenso unzähligen Jobs, die ich zu erledigen hatte, um mein ökonomisches Auskommen einkommensmäßig zu sichern. Doch auch diese Gespräche halfen mir nicht weiter. Letztlich blieb das Puzzle unvollständig. Also machte ich mich selbst auf die Suche durch das Dickicht der Geschichte und ich fand zwei wichtige Fragestellungen, die es fortan für mich zu beantworten galt:
1) Was macht den gottlosen Menschen erfolgreich?
2) Was haben Commander Data und Augustinus gemeinsam?


§6

Die beinahe banale Antwort für Frage Eins lautet: Der Erfolg liegt in seiner Fähigkeit, die bereits im Frühmittelalter vorhandenen gesellschaftlichen Netzwerke (Städte, Straßen usw.) durch permanente politische Fusion und Spaltung zu einem globalen Netzwerk zu formen.

Die Antwort auf Frage Zwei, scheint auf den ersten Blick nicht viel komplexer: Data und Augustinus waren keine Menschen im Sinne der heutigen sozialen Definition von Menschen als Individuen. Augustinus war noch kein Mensch im modernen Sinne, weil er einer in Gott verfassten Gesellschaft angehörte, die unfähig war, sich zu spalten, um sich so in den Fusionsprozess der Netzwerkkultur hineinzubewegen. Data seinerseits ist kein Mensch mehr, weil seine positronische Matrix vom Menschen geschaffen, als positronische Maschine, als fusioniertes Wesen, unfähig ist, einen Spaltungsprozess einzuleiten.

Am Beginn der menschlichen Zivilisation steht also Gott und am Ende das neuronale Netz.


eingestellt am: 7.8.2017 | zuletzt aktualisiert: 7.8.2017
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