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Gedanke | Titanic


Wäre der Film Titanic auch so erfolgreich gewesen, wenn statt dem Hauptdarsteller die Hauptdarstellerin im Wasser geschwommen wäre. Jenseits aller Kritik am Film selbst, möchte ich das bezweifeln. Er dürfte nicht auf den schwankenden Holzbrettern liegen, mit dem Tod ringen und sich von der selbstvergessenen Frau im Leben halten lassen, die im Wasser liegend, langsam erfrierend letzte Worte stammelt. Wir könnten es nicht ertragen, die Frau sterben zu sehen. Der Held ist noch immer der Mann, der sein Leben opfert, um der Frau sein Leben zu geben.

Eigenartigerweise kommt die Frau gar nicht auf die Idee, ihn zu sich auf die Holzplanken zu ziehen. Warum nicht? Hätte sie Angst ins Wasser zu stürzen, selbst zu erfrieren? Sagt sie nicht selbst, sie kann ohne ihn nicht leben? Dennoch nimmt sie sein Opfer an. Und er gibt sich bereitwillig hin, ohne zu zögern.

Die Frau überlebt. So wollen wir es haben. Wir sind bereit, dramaturgische, inhaltliche und filmische Grausamkeiten über uns ergehen zu lassen, weil sich am Ende das Schicksal in einer Art und Weise erfüllt, wie wir es immer schon erhofft hatten. Denn immer noch glauben wir: Wenn die Liebe nicht jedesmal alles verspricht, nicht jedesmal vorgibt für immer und ewig zu sein, dann wäre sie zum Scheitern verurteilt. Wir müssen die Liebe behaupten, wider besseres Wissen, um die Begegnung oder besser die Möglichkeit einer Begegnung überhaupt erst in Gang zu setzen.


eingestellt am: 24.5.2017 | zuletzt aktualisiert: 24.5.2017
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