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Gedanke | Vom analogen Leben und digitalen Überleben


Mit meiner ersten im Htmlcode geschriebenen Webseite www.textfabrikant.at betrat ich vor Jahren ein neues Land. Ein Land, das jenseits der realen Welt existierte. Eine Welt, die keine Materialität mehr im eigentlichen Sinne besaß.

Ich nannte mich damals Textfabrikant, weil ich Texte herstelle und weil das der Begriff ist, der mich im Kern am besten charakterisiert, denn ich bin ein Mann des achtzehnten Jahrhunderts und ich gehöre damit einem Jahrhundert an, in dem die Manufaktur im Zentrum des wirtschaftlichen Handelns stand, in dem ein Mensch alle Produktionsprozesse – von der Auswahl des Materials bis hin zum fertigen Produkt – selbstbestimmt gestaltete.

Das analoge Zeitalter war das Zeitalter des Individuums und es war mein Zeitalter.

Ich wurde in die analoge Welt geboren, bin von ihr geprägt in all meine Verhaltensweisen und dennoch muss ich heute in einer digitalisierten Welt leben, die meinem Wesen nicht entspricht, denn in der digitalen Welt, verlor der Mensch die Kontrolle über das von ihm hergestellte Produkt, da die industriellen, kapitalistischen, globalisierten, vernetzten und damit kollektiven Produktionsprozesse jedes individuelle Handeln unter sich begraben haben.

Meine Versuche Produkte und Produktionsprozesse im Hypertextuniversum sichtbar zu machen, waren eine Reaktion auf diesen Übergang von einer analogen Lebensweise zu einer digitalen. Gedacht war, Nachrichten aus der Fabrik, sozusagen von der Produktionsstätte, dem Schreibtisch an die Welt zu senden, Herr über die eigenen Produktionsprozesse zu bleiben. Dem Autor sollten die Leser und Leserinnen über die Schulter schauen können. Täglich. Immerzu.

Damals schon war mir klar, dass ein derartiger Publikationsweg nicht ohne Kritik bleiben kann. Vorwürfe, die ich voraussah: Fehlendes Korrektorat. Fehlendes Lektorat. Keine Literaturkritik. Kein Verlagsfilter, der auswählt was publizierenswert ist und was nicht. Diese Einwände sind natürlich richtig, doch ich halte ihnen heute entgegen, dass mir die Zeit fehlt und zunehmend auch die Geduld und die Ökonomie, um darauf zu warten, dass die Verlage und die Kritik auf mich reagieren und so meine Texte einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen.

Ich glaube heute nicht mehr an die Macht des digitalen Universums als utopische Kraft einer gesellschaftlichen Veränderung also als ein politisches Instrument. Es ist nichts weiter als ein weiteres Marketinginstrument eines immer globaler agierenden Kapitalismus. Für das Individuum bedeutet dies, dass es sich dieses Instrumentes bedienen kann, aber es sollte sich bewusst werden, dass es deshalb noch lange nicht an der Ökonomie partizipiert, die das digitale Universum hervorbringt, denn diese wird immer noch in der analogen Welt verteilt.

Für mich ist das digitale Universum eine Möglichkeit sichtbar zu werden, mein Schreiben zu dokumentieren, Menschen zu erreichen. Ich habe die Einsicht gewonnen, dass ich ohne das digitale Universum nicht mehr publizieren kann, auch keine Bücher in Papierform. Ich habe aber auch verstanden, dass das bürgerliche Individuum seiner Bedeutungslosigkeit, in die die digitale Welt es verstoßen hat, nur entkommen kann, durch ein politisches Handeln in der analogen Welt.

Was ich heute, als einer, der analog aufwuchs und nun am Ende seiner Schreibproduktion in der digitalen Welt ankam, sagen kann, ist, dass das Hypertextuniversum zwar meine Fabrikationsweise verändert hat, nicht aber mein Denken und mein Handeln, denn dieses ist von einer analogen Wirklichkeitserfahrung geprägt.

Das Hypertextuniversum hat mich lediglich in das zurückverwandelt, was ich schon in der analogen Welt gewesen bin, in einen Textfabrikanten.


eingestellt am: 8.8.2017 | zuletzt aktualisiert: 8.8.2017
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