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Armin Anders Wien fragt | Raimund Bahr St. Wolfgang antwortet | 2016


Eins
Erinnerst Du Dich an deine erste Begegnung mit Literatur – und zwar in dem Sinn, dass es für dich persönlich eine Erfahrung war und nicht nur eine Schul- oder Lernlektüre?

Meine erste Begegnung mit Literatur war, glaube ich, mit vierzehn Jahren, als ich die drei Bände Winnetou von Karl May gelesen habe. Es muss Winter gewesen sein, da ich mich an den Heizkörper der Gasetagenheizung in unserem nordseitig gelegenen Kinderzimmer angelehnt hatte. Bis zur Installation unserer Gasetagenheizung habe ich als Kind immer gefroren. Meine zweite Leseerfahrung war Steppenwolf von Hermann Hesse und das war im Grunde auch mein literarisches Erweckungserlebnis. Wie vieles in meinem Leben ist auch das von einer Frau ausgelöst worden, von meiner damaligen Tanzpartnerin, Ihr Vater war Geiger bei den Symphonikern. Die hatten keinen Fernseher zu Hause, nicht weil sie ihn sich nicht leisten konnten, sondern weil sie sich freiwillig dafür entschieden hatten. Sie hat mir das Buch empfohlen. Nach dem Steppenwolf habe ich dann beinahe das ganze Werk von Hesse gelesen, auch Briefe und Gedichte. Hesse vermittelte mir als erster Schriftsteller das Gefühl, dass es durchaus möglich ist, sich selbst als Schriftsteller zu definieren und diese Form der Existenz auch anzustreben. Und als dritte Erfahrung möchte ich Jean Paul Sartre nennen, dessen Begriff von Genie hat mich immer fasziniert, der einmal sinngemäß gesagt hat, dass ein Genie ein Mensch ist, der für sich einen Lebensentwurf hat. In diesem Sinne begreife ich mich als Genie. Nicht als literarisches Genie, sondern als einen Menschen, der sich von seinem Leben einen Entwurf gemacht hat und einer der Eckpunkte war, mit siebzehn Jahren der Entschluss Schriftsteller werden zu wollen. Begonnen hat aber alles mit dem Steppenwolf, durch den ich meine literarische Jungmännlichkeit verloren habe.


Zwei
Erinnerst Du Dich daran, wann und wie Du begonnen hast, selbst zu schreiben – war es eine bewusste Entscheidung oder eine langsame Entwicklung (hast Du diese ersten Schreibversuche aufgehoben, wenn ja - warum) ?

Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen Schriftsteller, die mit Gewissheit sagen können, an welchem Tag sie zu schreiben begonnen haben und auch die Ursache dieses Anfangs benennen können. Es war der 22. Juli 1979. Diesem ersten bewussten Schreibakt ging die Tatsache voraus, dass ich ein unglaublich schlechter Schüler im Unterrichtsfach Deutsch war. Die gesamte gymnasiale Oberstufe kann ich mich an keine einzige positive Schularbeit erinnern. Das Genügend am Ende des Jahres und letztlich auch bei der Matura habe ich durch eine Entscheidungsprüfung auf dem Feld der Literatur geschafft. Literaturgeschichte kann einer wie ich lernen, Schreiben ist jedoch eine Kunst. Dafür braucht es andere Voraussetzungen, die ich als Schüler nicht mitbrachte. Meine Lehrerin gab meiner Mutter den Rat, ich solle doch Tagebuch schreiben, vielleicht würde sich dann mein Stil und auch meine Rechtschreibung bessern. Und so begann ich eben an besagtem Tag im Juli Tagebuch zu schreiben. Vorausschicken möchte ich, dass es mir für die Rechtschreibung nicht geholfen hat. Ich messe ihr heute noch keine große Bedeutung zu und gebe zwischenzeitlich meine Orthographie regelmäßig dem Untergang preis, aber es hat in mir die Leidenschaft am Schreiben entfacht. Seit diesem Tag habe ich beinahe jeden Tag geschrieben. Ich kann mich zumindest an keinen Tag erinnern, an dem ich es nicht getan hätte. In meinem Fall kann also nicht von einer langsam Entwicklung gesprochen werden, sondern wie in vielen Ereignissen meines Lebens begann es mit einer gewaltigen Explosion. Es folgten sofort erste Gedichte und dann ein Roman und Theaterstücke. Ich habe auch alle meine Texte und Entwürfe und Notizbücher aufgehoben. Da steckte anfangs kein großartiger Plan dahinter, sondern der Wunsch mich selbst nachvollziehen zu können und vor allem den Tagebüchern verdanke ich so manche biographische Einsicht. Was das archivieren meiner Schriftlichkeit betrifft, denke ich, dass es zwei radikale Möglichkeiten gibt, das eine Ende repräsentiert Sigmund Freud, der alles, was ihm nicht in den Kram passte, verbrannte und das andere Jean Paul Sartre, der angeblich alles aufgehoben hat. Ich habe mich irgendwann einmal für die sartresche Methode entschieden. Irgendwann kam dann die Idee, manche würden sagen der Größenwahn dazu, dass ich vielleicht eines Tages doch noch berühmt werden würde und dann wären diese Unterlagen für die Germanistik von Interesse, für die Nachwelt und meine Kinder hätten zumindest irgendetwas, das sie als Erbe von mir ökonomisch verwerten könnten. Heute denke ich, dass es viel profaner ist. Ich glaube, ich will einfach, dass ein Stück von mir überlebt, ein materielles Stück, weil ich dem religiösen Glauben so sehr misstraue, will ich dass ein Stück von mir physisch überlebt. Das macht den Prozess des Sterbens nicht leichter, es beruhigt mich auch nicht, aber es ist eine stetige Selbstvergewisserung über meine eigene Entwicklung, denn wenn ich mein erstes Gedicht mit meinen letzten vergleiche, dann weiß ich, dass ich im Gegensatz zu vor dreißig Jahren heute ein Schriftsteller bin. Ich habe also meinen Plan in die Tat umgesetzt und meine Selbstbehauptung als genialer Mensch in meiner Identität als Schriftsteller verwirklicht. Deshalb bin ich froh, jeden Fetzen meiner Schriftlichkeit aufgehoben habe.


Drei
Erinnerst Du Dich daran, was in den Jugendtagen Deine Vorstellung von einem "Schriftsteller" war – und welche ist die Deine von heute?

Schriftsteller sein, war für mich immer eine existentielle Frage. Ähnlich wie bei Franz Kafka. Vielleicht nicht in dieser Ausschließlichkeit, aber nahe dran. Schriftsteller sein war kein Beruf für mich, keine Berufung, sondern vom ersten bewusst geschriebenen Satz an eine Unausweichlichkeit. Daran hat sich im Grunde nichts geändert. Schriftsteller zu werden, ist ja heute noch keine gesellschaftlich relevante und anerkannte Option, Schriftsteller zu sein sehr wohl, solange es etwas einbringt und einer das Richtige schreibt, das ökonomisch verwertbar oder provokant, skandalös ist. Einer wie ich, der nur schreibt, was er denkt und sieht, unspektakulär, konservativ in der Form und banal im Inhalt, der hat kein Recht, sein Auskommen als Schriftsteller einkommensmäßig zu sichern. Ohne gesellschaftliche Anerkennung bist du kein Schriftsteller, sondern bleibst immer nur in deiner eigenen Identitätssicht einer. In der Außensicht bin ich schon alles Mögliche gewesen: Historiker, Vater, Ehemann, Germanist, Lehrer, Möbelpacker, Hausmeister, Kartenabreißer, Verleger, Hausmann, aber als Schriftsteller würden mich wohl ganz wenige Menschen bezeichnen. Meine Vorstellung von einem Schriftsteller ist heute noch die gleiche wie vor dreißig Jahren. Ein Schriftsteller stellt Schrift her. Das ist, was ich tue und manchmal habe ich den intensiven Wunsch, davon auch ökonomisch leben zu können.


Vier
Unterscheidest Du bei schreibenden KollegInnen in solche Begriffe wie "Autor", "Schriftsteller", "Dichter", Poet" – und wenn ja, welche Bedeutung haben diese Begriffe für Dich und Dein Schreiben?

Diese von dir angezogene Begriffsunterscheidung ist mir für die eigene Position fremd. Für andere würde ich eine solche Unterscheidung durchaus treffen. Synonym sind für mich die Begriffe Autor=Schriftsteller und Dichter=Poet. Doch bei näherem Hinsehen gibt es natürlich Abstufungen. Autor ist für mich eine Berufsbezeichnung, den Begriff würde ich mir in den Pass eintragen lassen. Schriftsteller zu sein, ist eine Existenzbedingung, wie ich es schon skizziert habe. Dichter sind eine spezielle Form von Schriftstellern, die in der Lage sind, Sprache soweit zu verdichten, dass sich die Erscheinungen der Welt in ihr zeigen können. Und Poeten sind Dichter, die eine bestimmte Lebensform annehmen, für die mir immer schon die Begabung gefehlt hat. Dichten hat etwas mit der Sprache zu tun, Ein Poet ist einer, der eine bestimmte Lebensform zusätzlich zum Dichten pflegt.


Fünf A
War für Dich Dein Schreiben immer "politisch" im Sinne eines "Engagements" (Sartre) oder hat es auch darin Entwicklungen bzw. Veränderungen in Deinem Leben gegeben?

Ich glaube nicht, dass mein Schreiben selbst politisch ist, sondern dass ich eine politische Haltung zum Leben habe, die sich in meinen Texten ausdrückt. Natürlich ist das für manche Haarspalterei, aber für mich ist das eine wichtige Unterscheidung. Ein politischer Mensch, so denke ich, geht an das Schreiben heran, um pädagogisch zu wirken, um die Welt zu verändern. Das hatte ich am Anfang sicher auch als Impuls, aber dieser Impuls war nie der grundlegende, sondern ich habe in der Welt Dinge gesehen, die mich betroffen, die mich belastet, die mich in Wut versetzt und unglaublich zornig gemacht haben und diese Dinge wollte ich beschreiben, möglichst präzise. Das Politischste an mir ist vielleicht der Aufforderungscharakter der meinen meisten Texten innewohnt, in denen ich auffordere, die Welt nicht sich selbst zu überlassen. Aber auf Grund der vielen kleinen Verbrechen, die ich im Laufe meines eigenen Lebens begangen habe, denke ich, habe ich gar nicht mehr das Recht andere Menschen zu einem anderen Verhalten aufzufordern. Ich bin daher immer mehr dazu übergegangen, Erscheinungen die ich sehe, die sich mir offenbaren, in Schrift umzusetzen. Was andere daraus machen, ist letztlich ohnehin meinem Einfluss entzogen. Ich würde nach wie vor sagen, dass ich eine politische Haltung habe zur Welt und dass diese Haltung sich zwar modifiziert, aber seit meiner Jugend nicht wesentlich verändert hat, sie ist nur um ein großes Stück bewusster und selbstbewusster geworden. Und diese grundlegende Haltung bestimmt die inhaltliche Ausrichtung meiner Tätigkeit. Aber mein Schreiben, der Akt des Schreibens selbst ist nicht politisch motiviert, sondern zutiefst hedonistisch und selbstsüchtig.


Fünf B
Welche Position vertrittst Du heute in Bezug auf das eigene Schreiben bzw. auf die Literatur als gesellschaftlich-politisches bzw. künstlerisch-ästhetisches Phänomen?

Wie ich schon angedeutet habe, ist Schreiben natürlich immer auch politisch, weil jeder Schriftsteller beim Schreiben auch eine politische Ideologie transportiert, ob nun bewusst oder unbewusst. Keiner schreibt unabhängig von gesellschaftlichen Bedingungen und diese reflektieren sich in seinem Werk. Dafür gibt es ja auch die Germanisten, die sich oft wie wilde Horden über einen Autor hermachen, um genau diesen Zusammenhang zu ergründen. Und das ist durchaus eine spannende Angelegenheit. Neben dieser gesellschaftlich-politischen Eingebundenheit eines Autors in die Welt, gibt es natürlich auch ästhetisch-künstlerische Haltungen, die ein Autor einnimmt, ebenfalls wieder bewusst oder unbewusst. Die Verknüpfung von politischen und ästhetischen Haltungen lassen Literatur im Grunde überhaupt erst entstehen und macht sie zu einem Spiegelbild der Realität, die wir damit erkennen und verändern können. Literatur schafft Interpretationsräume, Spielräume für die Entwicklung gesellschaftlicher Fortschritte, ob im konservativen oder revolutionären Sinne. Schreiben verändert nicht die Welt, auch Literatur nicht, nur der durch sie entstehende Freiraum, den wir für unser Denken und Handeln nutzen können, kann die Welt verändern. Weltveränderung findet in aktiver politischer Gestaltung statt, Literatur kann diese Prozesse nur begleiten. Jean Paul Sartre hat einmal geschrieben: Die Literatur einer Epoche ist die durch ihre Literatur verdaute Epoche, dem kann ich mich voll inhaltlich anschließen, denn darin liegt der politische Impuls von Literatur, ihre Kraft, ihre historische Relevanz. Literatur ist im Grunde ein Verdauungsprozess, vielleicht wird deshalb auch so viel Scheiße in der Literatur produziert. Aber wie hat schon Bertolt Brecht sinngemäß gesagt: Damit auf einem Misthaufen ein goldener Hahn krähen kann, muss eben viel Scheiße produziert werden. Als goldenen Hahn habe ich meine Literatur zwar nie gesehen, aber als Bodensatz der Literatur, als deren Gülle auch nicht. Das ästhetische Prinzip folgt dem politischen, denn als Schriftsteller will ich natürlich sprachlich die für mich beste Formulierung für einen Text finden, Sprache bis an ihre Grenzen und in ihre Untiefen ausloten, sehen, welche Möglichkeiten sie mir bietet, um Welterfahrungen in Schrift umzusetzen.


Sechs
War es je Deine erklärte Absicht, die Schriftstellerei zu Deinem Beruf zu machen, d.h. deinen Lebensunterhalt davon zu bestreiten?

Das war meine erklärte Absicht, ja. Auf einem sehr niedrigen und rudimentären Niveau ist mir das auch gelungen. Gewünscht hätte ich mir, ins Zentrum der europäischen Literatur vorzudringen, ein gefeierter Autor zu werden. Ich wollte der wichtigste deutschsprachige Autor des einundzwanzigsten Jahrhunderts werden. Geblieben ist davon bisher nichts weiter als diese Ansage. Es ist nur eine der vielen Niederlagen, mit denen ich meine Ansprüche an meine Genialität bezahlt habe. Vielleicht noch eines: Ich liebe Geld, weil es in einer kapitalistischen Gesellschaft alles ermöglicht, sogar das perfekte Verbrechen, aber als ökonomisches Prinzip ist es mir ziemlich egal. Heute schreibe ich nicht mehr wegen des Ruhms oder des Geldes, sondern aus viel niedrigeren Beweggründen.


Sieben
Wie siehst Du heute die allgemeine Möglichkeit der "Profession" des Schriftstellers in einer durchökonomisierten Gesellschaft – und seine gesellschaftliche Rolle, die er dabei zu spielen hat istgleich spielen muss und/oder kann?

Der Position des Schriftstellers ist nicht schlechter oder besser als zu irgendeiner anderen Zeit. Mein Studium der Germanistik hat mich gelehrt, dass es immer politisch, ästhetisch und ökonomisch erfolgreichere und weniger erfolgreiche Schriftsteller gab. Einen wesentlichen Unterschied gibt es vielleicht doch zu früher: Der Intellektuelle ist Teil der Medienkultur geworden. Sein öffentlich relevantes Denken hat sich auf Stehsätze in Talkshows reduziert. Gerade im Bundespräsidentschaftswahlkampf zeigt sich dies deutlich. Ein van der Bellen wird heute gelobt, weil er ein Politiker ist, der für eine Antwort auf eine knifflige Frage schon mal länger brauchen kann. Das heißt im Umkehrschluss ja nichts weiter, als dass sich keiner mehr Zeit nimmt, um auf knifflige Fragen eine komplexe Antwort zu geben, denn wenn etwas Zeit braucht, dann das Denken. Deshalb ist die Rolle des Schriftstellers, in der derzeitigen Verfasstheit der Gesellschaft, genau auf dieser Langfristigkeit von Denk- und Schreibprozessen zu beharren. Ein Buch von Bedeutung schreibt sich nicht in drei Monaten. Manchmal in einer Nacht bei Franz Kafka. schon möglich, aber da sind Ausnahmen. Einen Krimi kann ich schon mal in drei Wochen hinschluderen, aber ein Buch wie der Mann ohne Eigenschaften ist ein Lebensprojekt. Es gibt eben keine schriftstellerische Profession. Das ist eben ein Trugschluss. Jeder der glaubt, dass er mit Tantiemenüberweisungen durch einen Verlag schon seine gesellschaftliche Rolle als Schriftsteller erfüllt, sitzt einem Irrtum auf. Und die Gesellschaft ist gerade dabei, sich kollektiv diesem Irrtum hinzugeben. Nicht das Buch macht einen Schriftsteller zum Schriftsteller, das macht ihn gerade einmal zu einem Autor, vielleicht noch zu einem Poeten, im besten Fall zu einem Dichter, zum Schriftsteller wird der Mensch durch seine politische und ästhetische Haltung zur Welt. Daran wird er auch von den Lesern gemessen. Das ist trotz oder gerade wegen der Ökonomisierung, ich bevorzuge den Begriff Kapitalisierung, aller Lebensbereiche seine eigentliche und wichtigste Aufgabe, seinem Denken Raum zu geben und es nicht dem Kapitalisierungs- und Medialisierungsprozess zu unterwerfen. Das wäre das Ende aller Utopien, die durch die Literatur mit hervor gebracht werden.


Acht
Erinnerst Du Dich daran, als Du die AG Literatur begründet hast?

Vorneweg möchte ich festhalten, dass ich die AG Literatur nicht alleine gegründet und auch nicht alleine entwickelt habe, auch wenn es heute so erscheint, weil ich als letzte treibende Kraft dieses Projektes nach zwanzig Jahren übrig geblieben bin. Es gab wichtige Wegbegleiter. Allen voran Armin Anders, ohne dessen Vorarbeiten in der IG Autorinnen Autoren, der ÖDV das Projekt AG Literatur in seiner heutigen Form nicht existieren würde. Seine Beharrungskräfte auf die Notwendigkeit neuer Formen der Literaturproduktion haben mich überhaupt erst mit diesen Fragestellungen konfrontiert. Er war die treibende Kraft in der programmatischen Ausrichtung der AG Literatur. Ich habe dann aus meiner Perspektive, diese Programmatik mit Projekten und Veranstaltungen gefüllt. Dabei ist es vor allem im Verhältnis zu Menschen, die sich im Umfeld der AG Literatur befanden und nicht zu diesem Duo Anders-Kremlicka gehörten, nicht immer reibungslos abgegangen. Schon im Übergang von der Gründung im April 1996 zum Neustart 1997 hat sich gezeigt, dass mit der Geschwindigkeit und dem Anspruch, die wir als Duo erhoben, niemand in der Lage war, Schritt zu halten. Oder mit der anderen Seite gesprochen, wir zu wenig Raum für andere Ideen und Interessen gelassen haben.


Neun
War es eher ein persönlicher Impuls oder ein kultureller oder politischer oder: Was auch immer war es, das Dich bewegt hat, so etwas anzufangen in einer Zeit, in der die Kulturbudgets allgemein sanken und neuen Initiativen immer weniger Chancen gegeben wurde?

Es war ein literaturbetrieblicher Impuls, soweit ich mich erinnern kann. Die AG Literatur entstand in der Auseinandersetzung mit der Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren, dem kulturpolitischen Projekt Kunst der Freiheit und dem persönlichen Wunsch, endlich einmal auch eigene Bücher und Texte in die Öffentlichkeit zu bringen, den Generationenstau, den wir als Begriff geprägt haben, zu überwinden. Daran sind wir im Grunde gescheitert. Wir haben das angefangen, weil wir mit unseren Reformvorschlägen in der IG Autorinnen Autoren nicht durchgekommen sind. Die Figur von Gerhard Ruiss ließ keine Öffnung der IG zur nächsten Generation, die wir ja gewesen wären, zu. Unsere zentrale Forderung war, die Förderung von Produktionsmechanismen innerhalb der IG. Für uns stand damals fest, ohne Produktionsmechanismen, die es der nächsten Generation ermöglicht hätte, sich am Markt zu etablieren, bleiben alle Errungenschaften, die die IG hervorgebracht hat, für sie bedeutungslos, denn nur wer Bücher produziert, kann an einer Kopierabgabe, einer Bibliothekstantieme partizipieren. Und Armin Anders und ich waren nicht auf dem Markt und sind es bis heute nicht. Das ist das eigentlich spannende an unserem Projekt AG Literatur. Wir sind Teil des Betriebes und dennoch einer der schärfsten Kritiker eben dieser literaturbetrieblichen Strukturen, in denen sich der österreichische Sozialpartnerfilz noch immer hält. Aus einer literaturbetrieblichen Gründungsmotivation ist aber rasch eine intellektuelle und organisatorische Herausforderung geworden. Wir haben bereits in unserem ersten Konzeptpapier vorgelegt, was wir tun wollen und haben alle Projekte in die Tat umgesetzt, zuerst in der Ersten Wiener Denkfabrik, in der ÖDV und dann konsequent bis heute in der AG Literatur. Das ist unser Vermächtnis, wenn ich gewillt bin, mal große Worte zu machen. Einen Plan zu haben und diesen auch umzusetzen, egal ob er in die gesellschaftliche Mitte führt oder nicht.


Zehn
Wie siehst Du die Entwicklung bzw. die Positionierung der AG Literatur seitdem:
a) In Bezug auf Deine eigene persönliche, soziale, politische und künstlerische Geschichte?
b) In Bezug auf die allgemeine kulturpolitische Entwicklung, insbesondere im Sinne der Förderung österreichischer Literatur?
b) In Bezug auf die heutige Verfassung und Verfasstheit einer literarischen Öffentlichkeit bzw. der aktuellen "Rolle" des "Schriftstellers (Intellektuellen)" in einer neoliberal-kapitalistischen Gesellschafts(un)ordnung?


Bezogen auf meine persönliche Geschichte ist die AG Literatur untrennbar mit meiner eigenen Entwicklung zum Schriftsteller verbunden. Sie hat mich zum Verleger gemacht, zum Autor einer Günther Anders Biographie. Sie hat mich gezwungen mir Kompetenzen anzueignen, die ich mir niemals beigebracht hätte, wenn ich nicht Teil der AG Literatur gewesen wäre. Sie hat mich zum Graphiker gemacht, zum Veranstaltungsmanager, zum Projektleiter. Alles, was ich kann, verdanke ich der AG Literatur und meiner gemeinsamen Arbeit mit Menschen, von denen ich lernen und profitieren konnte. Künstlerisch vor allem von Armin Anders, der mir ein Bewusstsein dafür gab, dass Literatur eben nicht nur einen politischen Aspekt hat, sondern auch einen künstlerisch-ästhetischen. Ohne ihn wäre ich nicht der Schriftsteller, der ich heute bin. Alexander Peer verdanke ich die kritische Begleitung des Projektes, Erika Kronabitter die organisatorische Unterstützung und ohne Sigrid Glück wären so manche Bücher in der Edition Art Science nicht entstanden, die sie als Lektorin mitgetragen hat. Sie alle und noch viele mehr, haben mich geprägt und zu meiner persönlichen Entwicklung beigetragen. Auf allgemeine kulturpolitische Entwicklungen hat die AG Literatur kaum einen Einfluss gehabt, denke ich. Natürlich wird die Reihe Lyrik der Gegenwart der Edition Art Science von außen wahrgenommen und von den Autoren und Autorinnen genutzt, aber eine nachhaltige Bedeutung würde ich der AG Literatur nicht zumessen. In der derzeitigen Verfasstheit der Gesellschaft würde ich sagen, ist das Projekt AG Literatur deshalb so wichtig, weil es eben zeigt, das mit geringem ökonomischen Aufwand ein enormer intellektueller Produktionsprozess in Gang kommen kann. Die AG Literatur hat bewiesen, auch wenn sie diesen Beweis zusehends schuldig bleibt, dass Denken eben nichts mit Ökonomie zu tun hat, sondern mit dem Willen sich mit der Welt auseinanderzusetzen, mit seinem Gegenüber, seinem Nachbarn. Die AG Literatur war und ist deswegen so wichtig, weil sich durch sie Gestaltungsmöglichkeiten entfalten konnten und können, weil sie Freiräume geschaffen hat, die von zahlreichen Menschen genutzt werden konnten. Die AG Literatur hat Räume zur Verfügung gestellt, die von Menschen mit Inhalten gefüllt wurden. Und wenn du so willst, dann habe ich diesen Raum organisiert. Das ist mein Anteil an der AG Literatur. Ich habe sie organisiert.


Elf
Wie bewertest Du Deine eigene, duale Rolle als Schriftsteller einerseits und als Publizist und Herausgeber andererseits – ist es eine befruchtende oder eher eine behinderte Gleichzeitigkeit?

Das ist ein problematisches Feld. Einerseits behindert mich diese Doppelrolle in meiner Entwicklung als Schriftsteller. Ich will das an einem Beispiel illustrieren. Als ich mein Germanistikstudium nachholte und mich dort vorstellte, bei den Studenten, als Schriftsteller und Verleger, erntete ich in den meisten Fällen ein Ah, wenn es um die verlegerische Seite ging. Als Schriftsteller bin ich nahezu unbekannt, trotz der zahlreichen Bücher, die ich schon publiziert habe. Ich glaube nicht, dass ich von meiner verlegerischen Arbeit als Schriftsteller profitiert habe. Umgekehrt gilt das wohl in höherem Ausmaß. Der Verleger profitierte in meinem Fall von meiner Existenz als Schriftsteller, vor allem die am Projekt der Edition Art Science beteiligten Autoren und Autorinnen. Irgendwann hat auch im persönlichen Bereich der Verleger den Schriftsteller überdeckt. Im Augenblick bin ich gerade dabei, mich aus dieser verlegerischen Position wieder ein wenig zu emanzipieren, in dem ich mich um meine eigenen Schriften kümmere, sie versuche bei anderen Verlagen unterzubringen. Ich gehöre wohl zu den bestpublizierten, aber am wenigsten gelesenen Autoren Österreichs. Das finde ich ein wenig bitter, wenn ich bedenke, wozu ich ursprünglich mit meinem Schreiben angetreten bin. Aber so ist es nun mal. Ich weiß, dass ich mit der Edition Art Science, die ja vor allem auf meinem Mist gewachsen ist, etwas Bleibendes hinterlassen werde. Die Edition bildete immer den eigentlichen Kern der AG Literatur, bis heute.


Zwölf
Wie bewertest Du die Möglichkeit als kleiner Verlag mit einer analogen Buchproduktion in einer allgewaltigen digitalen Online-Welt zu bestehen – wie siehst Du allgemein die Bedeutung des "Buchs" in einer multimedialen Umwelt?

Ich finde, dass die Online-Welt überschätzt wird. Sie ist nicht mehr wegzukriegen und ich habe auch keine Interesse mich ihr zu verweigern, aber für das Produzieren von Büchern in der analogen Welt gibt es eine ganz klare Notwendigkeit. Analoge Bücher sind unkontrollierbar, unzensierbar, wenn ich so will, sind sie politisch unerlässlich, weil sie eben, wie es in der Serie Max Headroom heißt, unlöschbare Datenspeicher sind. Sie können nicht permanent verändert und jederzeit aus dem Verkehr gezogen werden. Natürlich vergisst das Netz nichts, aber gerade deswegen leidet es ja unter einer enormen Amnesie, weil in der Fülle alles untergeht. Jeder, der einen Computer hat und rudimentäre Kenntnisse besitzt, kann heute einen Blog führen oder seine Texte ins Netz stellen. Macht das die Literaturvermittlung demokratischer? Vielleicht. Schneller in jedem Fall. Aber was damit auch ausgeschaltet wird, ist die Filterwirkung, die Buchproduktion ausübt. Ich bin nicht sentimental und will zurück in die gute alte Zeit. Die Zeiten waren nie gut. Heute nicht und damals nicht. Es geht darum, dass das analoge Buch Vorteile hat. Für mich ist es keine Option, ein Buch einfach ins Netz zu stellen. Ökonomisch bringt das sicher Vorteile und kann manche Menschen über Nacht reich machen. Künstlerisch aber muss sich der Text, will er in der digitalen Welt seine Existenz gegenüber allen anderen behaupten, der digitalen Logik und seiner Vernetzungsoptionen folgen. In gewisser Weise muss sich die Literatur medialisieren, will sie im digitalen Universum als künstlerischer Prozess wahrgenommen werden, andernfalls ist es eben ein analoges Buch, das sich auch im Netz befindet. Ich beharre weiterhin auf der analogen Produktion von Büchern, weil einerseits der Subventionsgeber darauf fixiert ist und andererseits eben aus oben genannten Gründen. Das analoge Buch ist nicht nur ein sentimentaler, haptischer Reflex, ein persönlicher Spleen, sondern es verbindet in der realen Begegnung von Autor und Verleger, von Autor und Leser, Menschen in besonderer Weise miteinander.


Dreizehn
Wenn Du Dir denn Gedanken über die "Zukunft" machst, haben diese etwas zu tun mit Literatur und Kunst oder mit Gesellschaft und Politik - oder vor allem mit der eigenen Gesundheit (Alter) sowie mit Familie und Kinder?

Zukunft? Es gibt keine Zukunft. Franz Kafka und die Erfahrungen der letzten Jahre haben mich gelehrt, dass Zukunft nicht existiert. Sie ist eine menschliche Hilfskonstruktion, um die Tatsache zu überwinden, dass jeder Tag der letzte sein kann. Altern, ja ich altere und es ist ein schwieriger Prozess. Auch ich beginne aus einer antizipierten Endperspektive zu sprechen und zu handeln. Dabei helfen Familie und Kinder ein wenig, denn sie zwingen einen, gegenwärtig zu bleiben. Aber in bezug auf die Literatur halte ich mich da eher an Ingeborg Bachmann, die gesagt hat, dass ein Schriftsteller vor allem von den ersten zwanzig Jahren zehrt, ich würde sagen von den ersten fünfundzwanzig Jahren. Zukunft bedeutet für mich heute, wie vor dreißig Jahren, einen Entwurf für das eigene Leben zu haben. Eine Sache habe ich mir vorgenommen: jedes Jahr ein Buch zu schreiben, wenn es gelingt vielleicht zwei. Die Politik ist für mich an ein Ende gekommen, Revolutionen werde ich keine mehr machen, aber ohne revolutionäres Handeln, sollte Politik auch nicht gemacht werden, das endet immer in faulen Kompromissen, wo es nachher den Menschen schlechter geht als vorher. Über die Welt, wie sie ist und über ihren Zustand werde ich weiter schreiben. Im Sinne dessen, wie ich es oben ausgeführt habe. Meine politische Haltung ist das, was meine Literatur mit Utopien bis zur Unerträglichkeit erfüllt. Die AG Literatur selbst ist an ihr Ende gekommen, hat sich konsequenterweise, wie ich mich selbst, überlebt. Was noch zu tun bleibt, ist die dokumentarische Aufarbeitung all der Arbeits- und Denkprozesse der letzten zwanzig Jahre. Dabei gilt das Motto, das schon an der Wiege der AG Literatur gestanden hat, das nun auch an ihrer Bahre stehen soll: Wenn wir es nicht tun, wird es kein anderer tun.

eingestellt am: 25.5.2017 | zuletzt aktualisiert: 25.5.2017
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