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Paul Celans Meridian | Essay


Paul Celan hat in seiner Büchner-Rede, gehalten am 22. Dezember 1960 in Darmstadt, nicht nur seinen Dank für die Preisverleihung und seine Lesart von Georg Büchner ausgedrückt, sondern er hat auch ein poetologisches Programm vorgelegt. Er denkt laut darüber nach, was Kunst, was Dichtung, was ein Gedicht ist und kann.
Am Ende seiner Überlegungen steht der Begriff des Meridians. Wie er dort hinkommt (den Meridian seines eigenen Textes entwickelt), möchte ich hier kurz darstellen. Mit dem Meridian hat er mehr als nur einen Begriff geschaffen, sondern auch eine literarische Kategorie, mit Hilfe dessen wir Texte analysieren können, in dem wir die Paradigmen der Literatur, die er daran knüpft, aufsuchen und anwenden.
Auffällig dabei ist, dass die Begriffe Kunst, Dichtung und Gedicht durch den Begriff der Literatur ersetzbar sind. So enthüllt sich das literarische Programm von Paul Celan.

Aus dem Meridian von Paul Celan ergeben sich folgende Begriffe, die für literaturwissenschaftliche Analysen von großem Nutzen sein und bei allen Texten angewendet werden können. So kann Paul Celans Text nicht nur als poetologisches, sondern auch als literaturwissenschaftliches Programm gelesen werden. Die Begriffe sind:
die Welt | Geschichte,
die Wirklichkeit | Biographie,
der Ort | die Nähe
der Weg | die Distanzierung,
das Fremde und das Andere | Bezeichnete,
das Eigene und Verzweifelte | das Ich,
die Sprache | die Gestalt, das Bezeichnende,
die Zeit | die Gegenwart des Ich, Vergangenheit und Zukunft des Du.
Literatur schafft Distanz zur Welt und eröffnet einen Weg durch „die Gegewart des Menschlichen zeugenden Majestät des Absurden.“ [3] „Wer Kunst [Literatur] vor Augen und im Sinn hat, der ist […] selbstvergessen. Kunst [Literatur] schafft Ich-Ferne. Kunst [Literatur] fordert […] in einer bestimmten Richtung eine bestimmte Distanz, einen bestimmten Weg.“ [6]

Der Weg ist der zurückgelegte Weg des Autors mit Hilfe seiner Literatur, ist sozusagen das Biographische, das Historische, das, was das über den Text Hinausreichende ausmacht, das auf die Welt außerhalb der literarischen Wirklichkeit, bezogen auf Büchners „Lenz“, auf den historischen Jakob Michael Reinhold Lenz, verweist.
„Dann wäre […] der von der Dichtung [Literatur] zurückzulegende Weg – nicht weniger, nicht mehr.“ [6]
Aber Literatur ist eben mehr als nur dieser historisch biographische Weg, sie ist auch eine Wende, die Paul Celan nicht als ein Abwenden von, sondern ein Zuwenden zur Welt definiert. Und durch diese Wende, die auch eine Wende hin zum Anderen ist, wird zugleich das Ich, also das Eigene freigesetzt:
„Dichtung [Literatur]: das kann eine Atemwende bedeuten. Wer weiß, vielleicht legt die Dichtung [Literatur] den Weg […] um einer solchen Atemwende willen zurück. […] Vielleicht wird hier, mit dem Ich – mit dem hier und solcherart freigesetzten befremdeten Ich, - vielleicht wird hier noch ein Anderes frei?“ [7]
Durch den Weg werden der Ort und die Zeit freigesetzt, letztlich das, was den Menschen ausmacht: Geographie und Geschichte. Wobei der Ort nicht rein geographisch gemeint ist, denn
„wer auf dem Kopf geht, der hat den Himmel als Abgrund unter sich.“ [7] „Finden wir jetzt vielleicht den Ort, wo das Fremde war, den Ort, wo die Person sich freizusetzen vermochte, als ein – befremdetes – Ich? Finden wir einen solchen Ort, einen solchen Schritt?“ [7]
Die Orte sind die Eckpunkte der eigentlichen Biographie. Die Orte sind die Daten, von denen aus wir uns herschreiben, rekonstruieren. Ist der Ort erst einmal gefunden, ist ein schönes Stück Weg der Analyse zurückgelegt. Nun gilt es nur mehr die Sprache des Textes zu finden, das, was die Orte miteinander verbindet, was die Zeit am Ort hält und den Ort an die Zeit bindet:
„Aber schreiben wir uns nicht alle von solchen Daten her? Und welchen Daten schreiben wir uns zu? Aber das Gedicht [die Literatur] spricht ja! Es [Sie] bleibt seinen [ihren] Daten eingedenk, aber – es [sie] spricht. Gewiß, es [sie] spricht immer nur in seiner [ihrer] eigenen, allereigensten Sache.“ [8]
Doch der Ort, den wir heute, im 21. Jahrhundert vorfinden, ist auch der Ort, an dem sich Paul Celan (und mit ihm auch Ruth Klüger und viele ihrer Zeitgenossen) wiederfand. Es ist der Ort von Auschwitz und Hiroshima. Es ist der zerfaserte und zerstückelte Ort des Menschen im Maschinenzeitalter, des Menschen im ewigen und unerklärten Krieg. Und es ist ein Nichtort geworden, weil sich ein Ort, an dem sich Täter und Opfer begegnen nicht mehr allein geographisch, sondern vor allem systematisch fassen lässt:
„Gewiß, das Gedicht [die Literatur] […] zeigt, das ist unverkennbar, eine starke Neigung zum Verstummen: Es [Sie] behauptet sich […] am Rande seiner [ihrer] selbst: es [sie] ruft und holt sich, um bestehen zu können, unausgesetzt aus seinem [ihrem] Schon-nicht-mehr in sein [ihr] Immer-noch zurück.“ [8]
Und dieser Rückholversuch ins Immer-noch ist auch die eigentliche Rettung nicht nur der Sprache, sondern auch des literarischen Ichs nach Auschwitz, nach Hiroshima, nach Vietnam, nach Tschernobyl, nach Fukushima. Durch das Sprechen, das dem Verstummen vorausgeht (das manchmal auch nur eine andere Form des Verstummens ist), kann der Weg weitergegangen werden:
„Dieses Immer-noch kann doch wohl nur ein Sprechen sein. […] Dieses Immer-noch des Gedichts [der Literatur] kann ja wohl nur in dem Gedicht [der Litertur] dessen zu finden sein, der nicht vergißt, daß er unter dem Neigungswinkel seines Daseins, dem Neigungswinkel seiner Kreatürlichkeit spricht. Dann wäre das Gedicht [die Literatur] […] gestaltgewordene Sprache des Einzelnen, – und seinem innersten Wesen nach Gegenwart und Präsenz. Das Gedicht [die Literatur] ist einsam. Es [Sie] ist unterwegs. Wer es [sie] schreibt, bleibt ihm [ihr] mitgegeben.“ [9]
Und in dem der Schreibende sich dem Geschriebenen mitgibt, in dem er die Sprache erringt, wird der Weg weiter gegangen, gelangt die Literatrur an den Ort, wofür sie eigentlich geschaffen wurde, den Ort, wo das Eine dem Anderen begegnet, wo der Eine dem Anderen eine Mitteilung hinterlässt, wo sich Menschen gegenübertreten und miteinander ins Gespräch kommen. Und damit sind wir bei der zentralen Aussage von Paul Celans Meridian angekommen. Wir haben den Weg zurückgelegt und den Ort gefunden:
„Das Gedicht [die Literatur] will zu einem Anderen, es [sie] braucht dieses Andere, es [sie] braucht ein Gegenüber. Es [sie] sucht es auf, es [sie] spricht sich ihm zu. Jedes Ding, jeder Mensch ist dem Gedicht [der Literatur], das auf das Andere zuhält, eine Gestalt dieses Anderen. […] Das Gedicht [die Literatur] wird […] zum Gedicht [zur Literatur] eines […] Wahrnehmenden, dem Erscheinenden Zugewandten, dieses Erscheinende Befragenden und Ansprechenden; es [sie] wird Gespräch – oft ist es verzweifeltes Gespräch. Noch im Hier und Jetzt des Gedichts [der Literatur] […] noch in dieser Unmittelbarkeit und Nähe läßt es [sie] das ihm, dem Anderen, Eigenste mitsprechen: dessen Zeit.“ [9-10]
Literatur (Kunst) kennt keine Vergangenheit, keine Zukunft, ist immer gegewärtig. Beim Schreiben ist es die Gegenwart des Autors, beim Lesen die Gegenwart des Lesers. Nur im Anderen, im Dialog, in der Kommunikation verändert sich die Zeit und lässt sich Vergangenheit und Zukunft und damit die Gegenwart des literarischen Ichs spiegeln. Nicht im sprechenden, verstummten Ich realisiert sich Literatur, sondern im ansprechenden Du und nur so lässt sich „die Dichtung […] die Unendlichsprechung von lauter Sterblichkeit in die Nähe der Utopie“ [11] führen. Und ist der Autor erst mal zur Utopie, also zum Nirgendort, zum Nirgendirgendwo vorgedrungen, hat er sich seine Sprache errungen, ist er den Weg gegangen, hat er mit der Wirklichkeit die Welt bewegt, dann ist er heimgekehrt:
„Geht man also, wenn man an Gedichte [Literatur] denkt, geht man mit Gedichten [Literatur] solche Wege? Sind diese Wege nur Um-wege, Umwege von dir zu dir? Aber es sind ja zugleich auch, unter wie vielen anderen Wegen, Wege, auf denen die Sprache stimmhaft wird, es sind Begegnungen, Wege einer Stimme zu einem wahrnehmenden Du, kreatürliche Wege, Daseinsentwürfe vielleicht, ein Sichvorausschicken zu sich selbst, auf der Suche nach sich selbst … Eine Art Heimkehr.“ [11]
Und diese Heimkehr in einer Welt, wo Heimat, Boden und Blut verloren sind, für die Menschen ebenso wie für die Literatur, lässt sich nur bewerkstelligen, in dem wir den einzigen Ort bereisen, der alles zusammenhält: den Himmel (astronomisch), die Welt (geographisch) und den Menschen (geistig) allesamt Nichtorte, Nirgendorte und damit Paul Celans Meridian:
„Ich finde etwas – wie die Sprache – Immatrielles, aber Irdisches, Terrestrisches, etwas Kreisförmiges, über die beiden Pole in sich selbst Zurückkehrendes und dabei – heitererweise – sogar die Tropen Durchkreuzendes – ich finde … einen Meridian.“ [12]

Celan, Paul
Der Meridian. Rede anläßlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises. Darmstadt, am 22. Oktober 1960. In: Ders. Der Meridian. Endfassung – Entwürfe – Materialien. Hrsg. von Bernhrad Böschenstein und Heino Schmull. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1999.


eingestellt am: 15.8.2019 | zuletzt aktualisiert: 15.8.2019
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