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Die Generation der Vielen


Selten hat mich ein Buch vom ersten Satz an so gefesselt wie jenes von Bernhard von Becker zu den Babyboomern. Ein Buch das Wahrheiten und Wirklichkeiten generiert, ohne wissenschaftliche Apparate zu bemühen, sondern nur mit der Beweiskraft der selbst erlebten Geschichte argumentiert. Dabei ist es voller Zitate und Hinweise auf andere Lektüren. Es ist ein Essay im besten Sinne des Wortes. Alles beweisend, nichts belegend, außer durch die Glaubwürdigkeit dessen, der weiß, wovon er spricht. Es ist wie aus einem Guss geschrieben, als hätte Franz Kafka Pate gestanden und Becker die Hand geführt und ihm zugeraunt: Schneller, schneller, bevor auch nur ein Satz verloren geht.
Bernhard von Becker ist einer von uns, aus unserer Mitte. So wie ich einer von uns bin. Ein Babyboomer. Bernhard Becker ist 1963 geboren, in Deutschland und dennoch gilt vieles, von dem er spricht, auch für uns, für mich, der ich 1962 in Wien zur Welt kam. Schon der erste Absatz spricht über das, was die Babyboomer ausmacht: „Man sieht uns nicht, dabei sind wir überall. Man erkennt uns nicht auf den ersten Blick, weil wir keine besonderen Kennzeichen besitzen. Wir sind das unsichtbare Skelett und Nervensystem unserer Gesellschaft. Wir bewirken, dass sie sich leise nachhaltig verändert, aber es merkt keiner. Wir sind da. Darauf muss wie auf jede Selbstverständlichkeit hingewiesen werden. Und wir werden noch eine Weile bleiben. Wir sind die Babyboomer.“ (S.13)
Das ist einerseits eine Feststellung andererseits auch eine Kampfansage, an alle, die bisher über uns hinweggesehen haben. Und diese Kampfansage gibt komplexe soziologische Sachverhalte in einfachen Worten wieder, für jedermann und jedefrau verständlich. Bernhard von Becker hat mir eine Argumentation an die Hand gegeben, für das, woher ich komme und wo ich hingehöre. Und mir dämmert langsam, warum wir die einzige unerforschte und unbenannte Generation sind, die scheinbar nur durch ihre Masse zu einer Generation zusammengewachsen und verhaltensauffällig geworden ist.
Das Schöne an diesem Buch ist, dass es den Einspruch der anderen gleich mitdenkt und mitliefert, vor allem wenn es um die Vereinfachungen, die sich im Buch befinden, geht: „Doch muss man im Blick behalten, dass jede Vereinfachung zwar wissenschaftlich, sprachlich und methodisch angreifbar ist, letztlich aber sinnvoll sein kann, um ein Thema zu veranschaulichen und vielleicht Sympathie dafür zu erwecken.“ (S.27)
Natürlich hat das Buch auch seine Schattenseiten. Eine ist, dass es eine persönliche Erfahrung, als eine kollektive ausgibt, die dann auch noch in eine Beschreibung abdriftet, die einer Werbebroschüre entsprungen sein könnte: „Die Mutter saß meistens unter ihrer Trockenhaube und blättert in einer Illustrierten oder sie fuhrwerkte wie eine Operndiva vor ihrem Schminktischchen im Schlafzimmer herum.“ (S.36)
Ich denke, die Herkunft eines Menschen prägt seine Erfahrung und im Falle von Becker scheint mir die Erfahrung auf eine Sozialisierung im kleinbürgerlichen Milieu hinzudeuten. Nur darf dieses kleinbürgerliche Milieu nicht als kollektive Erfahrung der Babyboomer missverstanden werden, denn in meiner Familie, einem Arbeiterhaushalt gab es weder Schminktisch noch Trocknerhaube. Vielleicht ist der Leser mit dem Buch auch aus diesem Grund in ein paar Stunden durch, weil es gerade in der Argumentation mit dem Wir, sich so eingängig anschmiegt an die Erinnerungen, die wir alle teilen. Doch dieses Defizit kann der Leser durchaus mit den eigenen Erfahrungen konfrontieren und so zurechtrücken.
Der Lektüre tut das keinen Abbruch, im Gegenteil, am Ende kam ich mir wie verlassen vor und wieder auf meine eigene große Arbeit zu den Babyboomer zurückgeworfen, die schwerer und mit wissenschaftlichen Apparat belastet, keine einfachen Antworten auf komplexe Verhältnisse geben darf und will. Ich bin ein wenig neidisch auf die Leichtigkeit des Buches, das mir soviel über mich und meine Generation sagt, wie kein anderes bisher.
Zum Abschluss noch ein Zitat aus dem Buch, dem ich zustimmen kann und muss: „Eine eigene Geschichte, auf die nur wir Anspruch hätten, können wir nicht vorweisen. Das ist ein Teil unserer Identitätskrise […]. Wir können nicht anders, als ständig das Lager zu wechseln und je nach Manöverlage flexibel Positionen zu beziehen. Wir sind ja als erste Nachkriegsgeneration in einem weitgehend antiautoritären Umfeld groß geworden. Wir sind auch die erste Generation, auf die das Internet mit seinen Zentrifugalkräften schon deutlich abgefärbt hat. Wir organisieren uns dezentral und individuell. Unser Leben ist jenseits von Ideologien und Orthodoxien von einer weltanschaulichen Offenheit geprägt. Unsere Lebensläufe sind voller Brüche.“ (S.25)
Vielleicht macht es nicht allein die Vielzahl der Personen, die dieser Generation angehören, so schwierig über sie zu schreiben. Heimlich hege ich den Verdacht, dass es da noch einen anderen Grund geben könnte, warum nun einige aus unserer Mitte aus schierer Verzweiflung beginnen, ihre eigene Geschichte analytisch aufzuarbeiten und damit gegen das allgegenwärtige Vergessenwerden ihrer Geschichte anzuschreiben.
In uns spiegeln sich die vor uns ebenso wie die nach uns Geborenen und das ist keine angenehme Fratze, die uns da aus dem Spiegel entgegenlacht, denn wir sind der Hybrid der gesellschaftlichen Entwicklung seit 1945, ausgestattet mit einem röhrenden Benzinmotor aus einem VW-Käfer und einem Elektromotor aus einem Toyota Prius. Wir schlagen Radau, wann immer es notwendig ist und dennoch finden wir kein Gehör.
Wir sind auf uns gestellt, denn die Generation vor uns ist mit sich selbst beschäftigt, weil alles verloren ging, woran sie glaubten. Der Aufbruch von 1968 ist im Chaos der Globalisierung von 1989 untergegangen. Die Generationen nach uns kannten nichts anderes als die Konsumgesellschaft und ihre multimedialen Wirkmechanismen. Sie verstehen uns nicht, weil ihnen der Diskurs mit uns fehlt, weil wir nicht sichtbar sind. Die Babyboomer sind eine Sandwichgeneration eingeklemmt „zwischen Rock und Pop, zwischen Marxismus und Lacostehemd, zwischen Megafon und Walkman“ (S.24) und nicht nur in Deutschland, sondern in einer abgewandelten und zuckersüßen Variante auch in Österreich.
Das Buch von Bernhard von Becker ist nicht nur ein lesenswertes, sondern auch ein notwendiges. Es zeigt, dass wir eben doch eine Geschichte haben und es sich lohnt, auch ihm an dieser Stelle zu widersprechen, denn wir müssen uns dieser Geschichte annehmen, weil die Erfahrung der Babyboomer mehr mit den herrschenden Verhältnissen gemein hat, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Wir haben eine eigene Geschichte, wir müssen sie nur schreiben, denn wir sind in die Jahre gekommen und wir halten alles am Laufen, ob nun in Deutschland, in den USA, in Vietnam oder in China, selbst in Österreich können wir uns dieser einfachen Tatsache nicht verschließen. Es regieren zwar die 68er, ausführende Organe sind aber vor allem auch die Babyboomer. Dieser Tatsache sollten wir uns endlich stellen und nicht immer nur klagen über das, was wir nicht erreicht haben, sondern auch das in den Blick nehmen, was unserer Anteil an den bestehenden Verhältnissen ist.
Auch das ist etwas, das mich dieses Buch von Bernhard Becker zu denken gelehrt hat: Wir sind nicht die Opfer dieser Gesellschaft, wir sind ihr Motor. Auch wenn es unangenehm ist, das zuzugeben, weil uns die Gesellschaft, die wir mit unserer Masse hervorgebracht haben, uns nicht geheuer ist und auch durch unser zutun außer Kontrolle geraten ist.

[Bernhard von Becker: Babyboomer. Die Generation der Vielen. Berlin: Suhrkamp 2014. 149 Seiten.]

eingestellt am: 23.6.2020 | zuletzt aktualisiert am: 23.6.2020
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