home | chronos | index | impressum


Die Österreichische Dramatikerinnen Dramatiker Vereinigung
ÖDV 1993-1999


Geben Sie Ihnen Geld!
Armin Anders zur Misere der österreichischen Gegenwartsdramatiker/innen

Unlängst hatte man gesagt, er beneidet Österreich... ein Österreicher war's nicht.
Helmut Qualtinger

Von Bertolt Brecht wird eine Anekdote erzählt. Italienische Germanisten machten sich Gedanken, wie der DramatikerInnen-Nachwuchs im eigenen Land zu fördern sei. Sie entwickelten Konzepte von Dramatischen Werkstätten, dramaturgischen Beratungen und Universitätskursen. Bertolt Brecht, um Vorschläge gebeten, antwortete kurz: „Geben sie ihnen Geld!“ Was tut nun ein österreichischer Dramatiker, der sich bisher noch keinen Namen gemacht hat, der erste größere Schritte am Theater unternehmen will zugleich aber weiß, dass die brechtsche Vernunft in Österreich bisher wirkungs- und folgenlos geblieben ist. Wenn er sich nicht der Beklommenheit ergibt, die ihn stetig befällt, wenn er die letzten Seiten das jeweiligen Stück Theaters in eine der überfüllten Schubladen lagert, und er seinen Anfängen ein Ende setzt, bevor er eigentlich begonnen, so blickt er zurück im Zorn. Erinnert sich der Zeiten als er mit all dem noch nicht konfrontiert; als die Zeiten noch die guten alten, weil nun vergangene waren. Um nicht vollkommen in Wehmut und Melancholie zu versinken, nimmt er, Autor, Schriftsteller, Wortproduzent, der er ist, aus seiner kleinen wohnungsinternen Bibliothek ein Buch zur Hand: Zur Situation junger österreichischer Autoren. Eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen österreichischen Literaturszene von Gerhard Ruiss und Johannes Vyoral, veröffentlicht 1978.

Wegen mangelnder Wortmeldung in diesem Katalog unberücksichtigt, so ein Zitat aus dem Problemkatalog der Grazer Autorenversammlung mit dem der Beitrag zur Theater-Misere ansetzt. Nach Auffassung der Autoren kennzeichnet das in knappster Form die Situation der österreichischen Dramatiker. In einem Gespräch bestätigt Wilhelm Pevny, dass es für junge Autoren in Österreich faktisch keine geeigneten Möglichkeiten gibt. Daraus folgert er, dass deswegen bei uns auch immer weniger Stücke geschrieben (werden), denn es hat ja keinen Sinn, Stücke zu produzieren, die niemand spielt. Um ein guter Theaterautor zu werden bzw. zu sein, braucht es einen kontinuierlichen Kontakt mit dem Theater. Wie es beispielsweise bei Moliere, Shakespeare oder Nestroy auch gewesen ist. Und das geht zurzeit nicht in Österreich, resümiert Pevny trocken im Interview 1978. Dem ist 1992 nichts hinzuzufügen.

Gleich eingangs im Buch Künstler in Österreich. Die soziale Lage. veröffentlicht 1984, wird zur Lage der Theaterautoren festgestellt, dass dieses einmal für Autoren an relativ prominenter Stelle stehende Betätigungsfeld als Veröffentlichungs- und damit Arbeitsmöglichkeit auch im wirtschaftlichen Sinn allmählich zu einer Randerscheinung des literarischen Marktes geworden ist.

Ein von den Mitgliedern der GAV und der IG-Autoren gemeinsam erarbeitetes, sämtliche Probleme und Forderungen zusammenfassendes Papier wurde, nach eigener Aussage, auf folgender Grundlage erstellt: Autoren, die in Österreich Theaterstücke schreiben, sind mit einer Theaterlandschaft konfrontiert, die außerordentlich konservativ, mutlos und uninteressiert ist. Alle Bekenntnisse sich für die neue österreichische Theaterliteratur einsetzen zu wollen, sind Lippenbekenntnisse. (...) Konsequent verabsäumen es die Theater, Voraussetzungen für Autoren zu schaffen, Stücke schreiben zu lernen. Die Autoren gehören in die konkrete Theaterarbeit integriert. Das war 1984. Dem ist auch heute nichts hinzuzufügen.

Im Rahmen der Autoren-Theater-Enquete (25.-29.10.1985) hat der Regisseur Vintila Ivanceanu in einer Diskussion Zur Materiellen Lage auf ein oftmalig geäußertes Mißverständnis aufmerksam gemacht. Er forderte auf, immer mit zu bedenken, dass die materielle Lage des Autors (...) auch(!) von den Arbeitsbedingungen im Realisierungsprozess abhängt. Wenn der Arbeitsprozess zur Weitergestaltung seines Urproduktes keine ausreichende Produktionsbedingungen hat, so wird das Endprodukt einfach schlecht, und zwar so, dass der sogenannte kommerzielle oder sonstige Erfolg nicht mehr im entferntesten auf den Autor zurückfallen kann, dass sowohl die Tantiemen als auch überhaupt seine weitere finanzielle Existenz gefährdet werden, und in der Folge natürlich auch die weiteren literarischen Vorhaben. Der Regisseur und Autor Claus Homschak bestätigte und bekräftigte in seinem Statement die Äußerung Ivanceanus: (Die österreichischen Autoren) können gar nicht die gleiche Qualität haben, weil sie nicht mit der gleichen Qualität inszeniert und ausgestattet werden wie andere Stücke. Der Autor und Kritiker Helmut Butterweck fragte sich zuletzt bloß eines: Warum sich das die Autoren gefallen lassen?

1990 schloss das Dramatische Zentrum Wien für immer seine Tore, kurz aus seinem Programm: Das DZW fördert die Entwicklung dramatischer Autoren. Dramaturgische Gespräche, Arbeitsgruppen, Stückentwicklung, Stückanalyse), Werkstattarbeit (d.h. Inszenierung von Stücken und Teilen derselben bis zur Premierenreife, um dem Autor größtmögliche Bühnenkenntnisse zu vermitteln (...). Das Zentrum versteht sich als einen Ort der Kommunikation zwischen Autoren, Theaterangehörigen und Theaterinteressierten.

Nicht das Ende soll beklagt werden. Das Dramatische Zentrum hat, zumindest in den letzten Jahren seines Bestehens, nur noch wenig Aktivität entwickelt. Dementsprechend gering war seine Attraktivität, für Produzierende wie für Publikum. Es war am Ende lange vor seinem letzten Atemzug. Trotzdem war es ein Haus voll von Möglichkeiten – alleine die Räumlichkeiten, die zu bewahren und zu entwickeln es gegolten hätte. Die Chance nach seinem Ende einen Anfang zu machen, ist ernstlich nicht einmal erwogen worden. Keiner war betroffen. Niemand ergriff das Wort. Nicht einmal Grabesreden. Keinen kümmerte es. Die triste Situation der österreichischen Gegenwartsdramatiker setzte sich fort in einer bedrückenden Stille. Die Mauer des Schweigens ist um einen Ziegel härter, die österreichischen Theaterautoren um eine Chance ärmer geworden.

Stellen sich manche (wenige) die Frage, warum das so ist, kommen Antworten, aber keine, die wirklich befriedigend ist. Manche bemühen die Psychoanalyse, andere einfach die österreichische Mentalität, ich bevorzuge Konkreteres.

Die Misere der österreichischen Gegenwartsdramatiker ist begründet in einer institutionellen Schwäche. Ruiss und Vyoral haben das bereits 1978 in ihrer Bestandsaufnahme artikuliert: In keiner der Autorenvereinigungen sind dramatische Schriftsteller wirklich gut vertreten, ihre Interessen sind dank der jahrelangen 'schleichenden' Krise 'Uninteressen' geworden. Wenn sich die Theaterleute nicht selber mal der Verantwortung bewusst werden, was sie tun müssen, stellvertretend für sie wird es niemand tun (G.Ruiss).

Dem ist nichts hinzuzufügen.


Redigierte Version von: Armin Anders (Hrg.) | ÖDV-Handbuch für DramatikerInnen und TheatermacherInnen
Edition Art Science / Wiener Theater, Band 1, Erstausgabe Dezember 2000


autor: armin anders | eingestellt: 2.12.2018 | zuletzt aktualisiert: 2.12.2018
index: [a] | [b] | [c] | [d] | [e] | [f] | [g] | [h] | [i] | [j] | [k] | [l] | [m] | [n] | [o] | [p] | [q] | [r] | [s] | [t] | [u] | [v] | [w] | [x] | [y] | [z]


home | chronos | index | impressum