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Die Österreichische Dramatikerinnen Dramatiker Vereinigung
ÖDV 1993-1999


Gespräch über Dramaturgie
Klaus Haberl, Werkstätte Klagenfurt, Mai 1995

Dramaturgie = Spannung / das Publikum von Anfang bis Schluss gefangen nehmen, fesseln, nie aufgeben, Spannung aufbauen, steigern dichte Stückführung - Überflüssiges raushauen, nicht geschwätzig werden, wenn jemand oder etwas auf der Bühne nichts zu sagen hat (erzählt) weg, Konzentration auf den Handlungsstrang, ein Stück muss einen klaren, logischen Aufbau haben und dramatisch sein = es muss sich etwas abspielen und eine Geschichte über Menschen erzählen. Ein Stück ist eine erzählte Geschichte. Es geht um eine oder mehrere Personen, die ein Handlungsziel haben.
Grundmuster: Stück in 3 Akten
1. Akt: Exposition
2. Akt: Konfrontation
3. Akt: Auflösung


Erster Akt – Exposition
Der Stückanfang ist sehr wichtig: Dramaturgen, Zuschauer treffen sehr schnell die Entscheidung, ob sie das Stück mögen oder nicht. Sie müssen sofort gefesselt sein. Der Zuschauer muss ca. in den ersten 10 Seiten wissen, wer ist die Hauptfigur? Wovon handelt das Stück? Wie ist die dramatische Situation (Welche dramatischen Umstände begleiten die Geschichte?)
Beginn der Geschichte: So weit drinnen wie möglich = an den Punkt springen, wo es dramatisch ist.
Plot: Ein Vorfall, ein Ereignis, das in die Geschichte eingreift und sie in eine andere Richtung lenkt. Das erzeugt Überraschung, Unerwartetes und das ergibt Spannung, Neugierde. Der Plot treibt die Geschichte voran, auf die Lösung zu. Der Plot ist eine Funktion der Hauptfigur.

Zweiter Akt - Konfrontation
Dazu: die Basis jeder dramatischen Handlung ist der Konflikt. Im zweiten Akt sollte das Grundbedürfnis der Hauptfigur definiert werden = Was will sie erreichen? Was ist ihr Ziel? Der Konflikt ist die Erfindung von Hindernissen, die sie überwinden muß. Wenn man das Grundbedürfnis seiner Hauptfigur kennt, kann man sich Hindernisse ausdenken, die sie überwinden muss. Wie sie das macht, ist die Geschichte, der Konflikt, der Kampf, Überwindung von Hindernissen - das sind die ursprünglichen Bestandteile jedes Dramas. Auf Konflikte achten; Schwierigkeiten schaffen, das erhöht die Spannung.
Ohne Konflikt gibt es kein Drama.
Ohne Bedürfnisse keinen Charakter.
Ohne Charakter keine Aktion.


Dritter Akt - Auflösung
Wie endet die Geschichte? Was passiert mit der Hauptfigur? Die Geschichte muß sich immer nach vorn bewegen, auf die Lösung zu. Lineares Fortschreiten von aufeinander bezogenen Vorfällen, Ereignissen, die zur Auflösung führen. Sich nie im Kreis drehen, oder gar auf der Stelle treten.

1.
Man muss vor Schreibbeginn den Schluss kennen. Wo bewegt sich die Geschichte hin?
Schluss und Anfang bezieht sich aufeinander. Ein starkes, eindeutiges, präzises Ende.
Das Thema des Stückes klar und prägnant formulieren. Eine klare Auswahl treffen – keine Zufälle, Verlegenheiten, Verwaschenes, Schwammiges, Undurchsichtiges, Unverständliches. Versuche, die Idee zum Stück knapp zu umschreiben (Klarheit/Präzision): Mein Stück handelt von dieser/n Person(en), spielt an jenen Orten und hat dieses oder jenes Handlungsziel, dann erst zu schreiben beginnen. Den Stoff entfalten = sammeln von Informationen, sammeln von Ideen - Skizzen, Assoziationen, Bilder - und dann klare Auswahl treffen. Ideen, Sinn für Figuren/ Situationen/ Orte. Meine Geschichte besteht aus Handlung und Figuren. Vorschlag zum Sammeln von Informationen: Zettel/Karteikarten mit Ideen, Einfällen zu Szenen, Figuren, Orten anlegen. Notizen, Stichwörter machen; Zweck der Szenen. Die Ereignisse in einem Stück sorgfältig auswählen, um Höhepunkte zu schaffen und mit dramatischen Komponenten anschaulich zu machen. Eine Geschichte muss logisch sein und zwingend - alles nur Spekulative wird langweilig, durchschaubar, die Zuschauer steigen aus. Dramaturgische Notwendigkeiten sind wichtig. Sequenzen, die nicht funktionieren, können einen auf die richtige bringen. Die Geschichte Szene für Szene, Akt für Akt durchgehen Karteikarten/Zettel umstellen, austauschen. Man muss sich in der Geschichte sicher fühlen, d.h. man muss wissen, was man schreibt.
Sequenzen. Eine Sequenz ist eine Serie von Szenen, die durch eine einzige Idee zusammengehalten werden. Klare Sequenzen bilden. Auch jede Sequenz hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Eine Sequenz ist sowas wie ein Mikrokosmos des Stückes. Gegen den Strich dramatisieren. - Nicht von der offensichtlichen, Interpretation her, sondern von einer unüblichen - das erweckt größeres Interesse. Man muss so arbeiten, dass man einen emotionalen Effekt beim Publikum erzielt.
Die Geschichte braucht Wendepunkte, Überraschungen, Konflikte und Auflösung. Sie braucht glaubwürdige Menschen und Situationen (bei allem Erdachten und Phantasierten). Menschen, die - aus Situationen und Umgebungen - verständlich sind und nicht im luftleeren Raum einander abstrakte Dialoge aufsagen).
Kriterien eines guten Stückes: Erzählt es eine Geschichte? Erzählt es eine Geschichte von Menschen? Eine Geschichte von interessanten Menschen? Die etwas Interessantes erleben? (erdulden, erreichen, verlieren, erkämpfen, bewahren?) Erleben sie etwas, das mit dem Erleben der Zuschauer etwas zu tun hat? Ist das alles interessant und bühnenwirksam erzählt?

2.
Eine Figur muss dramaturgisch notwendig sein.
Figuren und Entscheidung. Welche Figuren brauche ich, um meine Geschichte zu erzählen? Die Figuren kennen. Den Antrieb der Figuren definieren. Das Grundbedürfnis gibt den Figuren ein Ziel, eine Bestimmung und eine Auflösung der Geschichte. Wie die Figur das Ziel erreicht (oder nicht) ist die Handlung der Geschichte. Aktion der Figur: Was eine Figur tut, zeigt, was sie ist, nicht was sie sagt.
Charakterisierung: die Charakterisierung der Figuren ist der Unterbau des Stückes. Bevor ich meine Figuren nicht genau kenne, sollte ich nicht schreiben. Klare Entscheidung, wer ist die Hauptfigur? Entscheidung, über wen die Geschichte erzählt wird.
Charakterportrait erstellen: von der Geburt bis zum Stückbeginn (was hat sie erlebt? wo kommt sie her?) Ein Prozess, der den Charakter formt. Vom Stückbeginn bis zum Stückende. Prozess, der den Charakter enthüllt.
Biographie: Männlich, weiblich? Wie alt? Wo wohnt sie? In welcher Stadt, Land? Einzelkind? Geschwister? Verhältnis zu den Eltern? Kindheit? (Glücklich, traurig). Was für ein Kind war die Figur? - Charakterzüge. Wenn man eine Figur von der Geburt an aufbaut, bekommt sie Gestalt und Format. Klare Konturen. Man muss Fragen stellen und Antworten geben. Die Beziehung der Figuren überprüfen, die ihr Leben beherrschen: Wer sind sie? Was machen sie? Sind sie glücklich, unglücklich? Was ist ihr Lebensstil? Wollen sie anders sein? Und die Figur in Beziehungen zu anderen Figuren setzen. Figuren agieren auf 3 Arten:
sie geraten in Konfliktsituationen,
sie interagieren mit anderen Personen,
sie interagieren mit sich selbst.
Aber sie agieren immer.

Aus den Figuren vieldimensionale Menschen machen - zerlegen in drei Bereiche:
Beruf (welche Position? Schwierigkeit? Erfolg?) Beziehungen (ledig, verheiratet, getrennt, unglücklich verliebt, allein) Privatleben (Was macht die Figur, wenn sie alleine ist?).
Das Bedürfnis der Hauptfigur definieren. Was will sie erreichen? Das Wesen der Figur ist die Aktion. Entwicklung einer Figur: Biographie erfinden, sie durch Taten sowie durch evtl. körperliche Merkmale kenntlich machen. Dialog ist eine Funktion der Figur - wenn ich sie durch und durch kenne, wird der Dialog wie von selbst in die Geschichte einfließen.
Leben in die Figuren bringen. Schlüsselwort = Prozess. Zuerst das Umfeld der Figuren überlegen und dann mit Inhalt füllen. Grundbedürfnis definieren und dann festlegen, welchen Standpunkt die Figur vertritt. Charakter ist ein Standpunkt, die Art u. Weise, wie die Figur die Welt anschaut. Welchen Standpunkt vertreten die Figuren? Die Charaktere sollten eigenwillige und individuelle Standpunkte haben. Charakter ist eine Haltung, eine Art zu handeln oder zu fühlen. Er zeigt die Einstellung einer Figur zur Welt.

3.
Figuren erfinden.
Fragen stellen.
Antworten geben.

Wir müssen etwas über den Charakter einer Figur erfahren. Menschen aus Fleisch und Blut. Wirkliche Situationen (nachvollziehbar, definiert, klar, logisch). Nur das benützen, was ich brauche und was funktioniert. Man braucht mindestens eine Figur, für die man sich interessiert, die man liebt. Man muss aber nicht nett sein zu ihr, man sollte sogar schonungslos sein, sie bis zum Äußersten treiben. Der Ausgangspunkt ist immer der innere Konflikt einer Figur - ihre Sehnsucht, Wünsche, Träume und die Möglichkeit (oder Unmöglichkeit) sie zu erfüllen. Nebenfiguren helfen dabei, oder verhindern es. Nebenfiguren, die nicht in die Handlung eingreifen, sind problematisch. Die Hauptfigur muss etwas wollen, einen Wunsch, ein Ziel haben. Die Intensität des Wunsches und der Grad der Behinderung machen das Drama aus. Die Geschichte der Hauptfigur sollte an dem Punkt, der dem, zu dem sie hinwill, am meisten entgegengesetzt ist - die Veränderung des Charakters bestimmt die Neugier der Zuschauer.
Schreiben: Das Schwierigste am Schreiben ist, zu wissen, worüber ich schreibe. Man muss seinen Stoff beherrschen. Drei Dinge sollte man vor dem Schreiben kennen:
Anfang / Plots /Schluss.
Wenn man weiß, was man innerhalb dieser Bereiche vorhat und die Vorarbeit bezüglich Handlung und Figuren gemacht hat, ist man startbereit. Das Wichtigste ist zu wissen, was man schreiben will. Man muss wissen, wo es langgeht, die Richtung kennen, die Entwicklungslinie, die zur Auflösung führt. Sonst verirrt man sich im Labyrinth von Einfällen. Dranbleiben. Tag für Tag. Zweifel, ob man eine Szene hinschreiben soll, oder nicht. Schreiben. Immer mit Blick nach vorn schreiben - alle größeren Korrekturen für den 2. Durchgang aufheben. Der erste Gedanke zu einer Szene oder Figur ist oft der richtige – aufschreiben. Wenn ihr hängt, zieht euch auf die Figuren zurück - wie würden sie in dieser Situation reagieren? Stellt euch Fragen, beschäftigt euch mit den Figuren. Rücksichtslos sein. Dinge, die nicht funktionieren, streichen. Geschichten findet man nicht auf der Straße, man muss sie erfinden = Arbeit.
Szenario erstellen: jeden einzelnen Erzählschritt festlegen die inneren und äußeren Bewegungen der Figuren,
ihre Motive
ihren Bewusstseinszustand
ihr Handeln.

Die Orte der Handlung, Tages- und Nachzeiten, das Erzähltempo, Erzählperspektive.

4.
Probleme der Autoren: Einfallskraft und Phantasie.
Ein gewisses Gefühl für die Zeit, die Zuschauer und die Wirkungsweise des Theaters sollte da sein. Dramaturgische Schwäche: Statt der Entwicklung von Situationen und Figuren werden Vorgänge verbal und undramatisch behandelt. Den Wenigsten gelingt es, die Figuren ausreichend zu individualisieren. Stücke, die uns ins Innere der eigenen Person des Autors - zum Zweck der Selbstverwirklichung - führen, sind langweilig. Unbedingt notwendig ist die Beschäftigung mit Dramatikern, die inhaltlichen Anspruch mit bestmöglicher erzählerischer Wirkung verbinden können - Stücke lesen!
Dialog: Seine Funktion ist: er steht in Beziehung zum Bedürfnis der Figur, zu ihren Hoffnungen, Träumen.
Er liefert Informationen und Fakten ans Publikum.
Er muss die Geschichte vorantreiben.
Er muss Aufschluss über Charaktere geben.

Er enthüllt Konflikte zwischen Figuren und Konflikte, die sich im Inneren einer Figur abspielen. Er vermittelt emotionale Zustände, Besonderheiten, Angewohnheiten der Figuren. Er entsteht aus dem Charakter der Figuren (seine Figuren kennenlernen!). Über die Figuren nachdenken, sie ausschöpfen, ausreizen. Um eine Spannung zu etablieren, wird im Dialog angekündigt, wo die Gefahren liegen.
Szenen: Sie sind das wichtigste Einzelelement eines Stückes. Es geschieht etwas - etwas Bestimmtes. Sie sind eine spezielle Handlungseinheit und der Ort, wo die Geschichte stattfindet. Die Art, wie die Szene präsentiert wird, wirkt sich aufs Gesamtstück aus. Zweck einer Szene ist es, die Handlung voranzutreiben. Eine Szene hat zwei Grundbedingungen: Zeit und Ort. Wo findet sie statt? Zu welcher Tages,- oder Nachtzeit findet sie statt? Jede Szene findet an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit statt. Zwei Bedingungen, die man klären muss. Wenn man Zeit und Ort verändert, wird eine andere Szene draus. Auch eine Szene hat Anfang, Mitte und Ende. Mindestens eine wichtige Information zur Handlung sollte jede Szene liefern. Den Kern und Zweck der Szene herausarbeiten. Die Figuren bewegen sich in einer Szene von einem Punkt A zu einem Punkt B. Festlegen, was in der Szene geschehen soll? Was der Zweck der Szene ist? Warum steht sie hier? Was passiert? Wie bringt sie die Geschichte voran?
Die Schauspieler machen sich mit einer Szene vertraut, indem sie überlegen: Warum sie hier sind, wo sie vorher waren und wo sie nach der Szene sein werden. Festlegen, welchen Zweck eine Figur in einer Szene verfolgt, warum sie in der Szene vorkommt? Der Autor ist für seine Figuren verantwortlich. Man muss wissen, was einer Figur in einer Szene zustößt, aber auch, was sie ZWISCHEN den Szenen erlebt. Den Kontext einer Szene ausdenken und dann Schritt für Schritt aufbauen.

5.
Theater ist ein Ort der Phantasie.
Der Kontext einer Szene ist ihr dramatischer Zweck. Die Bausteine und Elemente einer Szene herausfinden, bestimmen - welcher Aspekt der Figuren soll gezeigt werden? Wo spielt die Szene? An welchem Ort? Es ist nicht egal. Es ist weder eine Abbildung der Realität, noch etwas Privates. Der Mittelpunkt des Theaters ist der Mensch; mit seinen Wünschen, Sehnsüchten, Träumen Unterschied Film und Theater: Film ist eine in Bildern (visuell) erzählte Geschichte Theater ist eine mit Worten erzählte Geschichte. Ein Stück beschäftigt sich mit Sprache als dramatischer Aktion. Das Theater verlangt eine angehobene Sprachebene, keine realistische Alltagssprache.

6.
Theater der Zeit/zeitgemäßes Theater.
Ich glaube, dass Theater heute einen Bezug zu unserer Zeit und zu den heutigen Menschen haben soll. Das Interesse wird größer sein, wenn das Stück die heutigen Menschen betrifft. Theater als Auseinandersetzung mit unserer Zeit. Die neue Dramatik ist keine neue Dramatik. Sie hat zu wenig Profil, Charakter und Eigenheit. Sie ist über große Strecken althergebracht, harmlos, oft beliebig und auch zu brav. Die neue Dramatik als starken Impuls gibt es nicht. Es werden keine Extreme gesucht. Themenwahl, Themenbehandlung, Situationen, Figuren bleiben zu uninteressant.
Ich glaube, Theater heute muss eine Pranke sein, die hinhaut, mit voller Wucht. Die ist nicht da. Theater heute muss von Leuten geschrieben werden, die heute fürs Theater schreiben. Unsere Zeit hat (noch) kein Theater. Das Theater unserer Zeit, das - für mich - zeitgemäß ist, ist Jelinek und Schwab.
Dann ist nichts mehr, da klafft ein Loch.
Was ist mit Euch?
Unsere Zeit verlangt, glaube ich, ein extremes Theater.
Eine wuchtige Stellungnahme, einen Aufschrei.


Redigierte Version von: Armin Anders (Hrg.) | ÖDV-Handbuch für DramatikerInnen und TheatermacherInnen
Edition Art Science / Wiener Theater, Band 1, Erstausgabe Dezember 2000


autor: armin anders | eingestellt: 28.5.2019 | zuletzt aktualisiert: 28.5.2019
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