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Raimund Bahr fragt | Renate Welsh antwortet | 2006
Im Rahmen des Projektes Zeitzeug/inn/enhorizonte


Raimund Bahr
Was war/ist dein Lieblingsbuch? Welches Buch würdest du sagen, ist ein Buch, das extrem wichtig für dich war.

Renate Welsh
Ein Buch, ohne das ich wahrscheinlich sehr viele Dinge nie oder anders kapiert hätte, ist schon das Prinzip Hoffnung gewesen. An dem ich furchtbar gekiefelt habe. Das ist ein ganz Entscheidendes gewesen. Jetzt habe ich es schon lange nicht mehr gelesen. Das war ein Augenöffner. Und eine anderer Augenöffner war die Ästhetik des Widerstands. Es ist sehr schwer ein einzelnes herauszugreifen.

Gut, wenn du sagst das Prinzip Hoffnung. Ich nehme an, du hast alle drei Bände gelesen.
Ja.

Was war dieses Augenöffnen.
Das hat so viele verschiedene Aspekte gehabt. Das hat ein vages Unbehagen von Denkstrukturen, die ich gelernt hatte, hat es zusammengefaßt für mich. Das war der Anfang von politischem Denken bei mir. Ich habe mich so sehr als ordentliche Linke sehen wollen. Aber ich bin mit dem Marx nicht recht weitergekommen. Komischerweise hat mir das Prinzip Hoffnung mein Vater geschenkt. Es war einerseits sicher, weil man seine Verführbarkeit in der Sprache hat, weil seine Sprache einen Tiefgang hat und man die Möglichkeit hat, sich hineinfallen zu lassen und sich auch tragen zu lassen. Ich glaube, da waren viele Teile, wo ich gar nicht mit dem Denken nachgekommen bin, wo ich mich aber in der Sprache aufgehoben fühlte. Meine Heimatbedürfnisse haben alle mit Sprache zu tun. Es hat sicher auch damit zu tun, daß ich eine zeitlang ziemlich katholisch war, aber unglücklich katholisch. Da bin ich von der katholischen Mystik in die jüdische Mystik gegangen. Bei Gershom Sholem ein Satz, den ich nicht richtig zitieren kann, der in meinem Kopf geblieben ist: Alles was wir über Gott sagen können, ist schon per se blasphemisch, weil es unseren Denkstrukturen her kommt. Es ist also okay, wenn du nicht akzeptieren kannst, was du gelernt hast. Und diese ganze Schuld, die persönliche Schuld, der Umgang mit Frauen, das hat alles eine Rolle gespielt.
Jahre später, nach dem ich Bloch gelesen habe, war ich in Stuttgart, hab dort bei einem Redakteur des süddeutschen Rundfunks gewohnt, den ich sehr mag, der sehr krank war und da kam eine Frau zu Besuch, die war die letzte die Bloch vorgelesen hat. Eine Art Gesellschafterin gewesen war, aber keine Krankenschwester, sondern mit der er geredet hat und sich auseinandergesetzt hat. Und der Abend bei Bernd war sehr spartanisch, wie immer bei ihm, und wie die Frau sich von mir verabschiedet hat, hat sie mich umarmt. Ich bin mir so was von geadelt vorgekommen. Ich hab dann über mich selbst gegrinst, weil ich dann gesagt habe: 'Ah, I danced with a man who danced with a girl, who danced with the prince of wales.' Trotzdem: Es war etwas ganz Privates. Wie meine Beziehung zum Prinzip Hoffnung.
Vielleicht hat es aber auch was damit zu tun, das einem halt allerweil die Hoffnung abhanden kommt und das einer der so gscheit ist, trotz allem das Prinzip Hoffnung aufrecht erhält. Ich glaube letztlich war es eine rein emotionale Geschichte. Das hat wenig zu tun gehabt mit irgendwas sonst. Das war irgendwo eine Art Heimatsuche. Damit hat es ganz viel zu tun gehabt.

Wann hast du es gelesen?
Ich muß vierundzwanzig, fünfundzwanzig gewesen sein.

Was ist jetzt das Erstaunliche an der Tatsache, daß es dir dein Vater geschenkt hat?
Mein Vater war einer von jenen, die davon überzeugt waren, daß wer mit dreißig nicht links ist, hat kein Herz. Er hat immer gesagt: jetzt bist du dreißig vorbei und bist es immer noch nicht, dabei habe ich dir doch mein Hirn vererbt.

Das erzeugt überhaupt keinen Druck, oder? Und wenn die Hoffnung und die Heimatsuche zwei Kategorien sind, die bei dir sehr stark sind, die ja auch weit ins Politische hineinreichen, was würdest du dann als das Lieblingsbuch deiner eigenen Bücher bezeichnen.
Ich habe immer so das Gefühl, das muß ich erst schreiben.

Aber über das du sagst, da hast du für dich etwas umgesetzt, das war ein Wendepunkt, das war ein Höhepunkt, über das du sagst, da habe ich was geschaffen.
Wendepunkt waren viele. Aber auf eine Art, daß es mir, während ich geschrieben habe, gar nicht bewußt war. Als ich die Johanna geschrieben habe, wo ich mich ganz ungeschützt hineingestürzt habe, weil es eine andere Welt war, eine andere Zeit, völlig andere sozio-ökonomische Situation, anderes Milieu, andere alles, da habe ich meine ganze Wut über meine Stiefmutter losgeschrieben, weil ich es nicht gewußt habe. Erst lang nachher bin ich drauf gekommen, warum bin ich so milde? Das paßt ja gar nicht zu mir. Ich habe sicher, als ich das Lufthaus geschrieben habe, vielmehr noch in der Zeit, als ich es recherchiert habe, als ich mich damit befaßt habe, da habe ich eigentlich den Ururgroßvater meines Vaters als Verbündeten gegenüber meinem Vater gebraucht. Es ist ja auch bezeichnend, daß ich zuerst über den schreiben wollte, aber mich dann entschieden habe, nein, ich schreibe lieber über deine Schwiegertochter.
Irgendwo hat jedes Buch so sein Stück herauskriechen aus einer fatalen Verquickung in ein Stückchen Freiheit. Die "Dieda" konnte ich erst schreiben, als ich meinen Frieden mit meiner Stiefmutter gemacht hatte, vorher hätte ich es nicht schreiben können. Das ist zu eindeutig autobiographisch. Wobei mir natürlich klar ist, daß jeder andere von den handelnden oder nicht handelnden Personen sagen würde, das stimmt ja so nicht, das war ja alles ganz anders. Und im Nachhinein würde ich sagen, daß ich bei manchen Dingen ein wenig vorsichtiger war, als ich wär, wenn ich es heute geschrieben hätte.

Inwiefern?
Behutsamer, weil den Haß habe ich mir ja nur gestattet gegen den Alten. Das war ja nicht so, daß ich da so wenig böse gewesen wäre, wie das rauskommt. Ich würde mir wünschen es ein bißchen anders noch gewichtet zu haben.

Das war zwar spannend, aber ich habe das jetzt nicht auf das Inhaltliche bezogen gemeint. Bei dir geht es ja sehr viel um Sprache, wie entwickelt sich Sprache, wie geht man mit Sprache um und deshalb würde ich gern wissen, wann hast du ein Buch geschrieben, das handwerklich Bestand hat für dich, wo etwas Besonderes passiert ist.
Weiß ich nicht, aber ich denke, als ich es weitgehend geschafft habe, bei der Johanna Sprachlosigkeit in Sprache zu übersetzen und nicht allzu sehr zu verfälschen. Das war für mich ein ganz entscheidendes Buch, aber nicht weil ich damit in Deutschland berühmt geworden bin, sondern weil das schon ein Durchbruch war. Wenn es nicht ist, daß ich was Neues dazu gelernt habe, dann bin ich nachher unheimlich unzufrieden damit. Auch wenn es eine Phantasiegeschichte ist, von der ich weiß, daß es nicht die Offenbarung ist, sondern ich hab halt was geschrieben.

Wenn ich richtig interpretiere, was ich bisher über dich gelesen habe, dann hast du erst sehr spät zu schreiben begonnen. Oder ist das falsch.
Ich habe spät zu publizieren begonnen. Ich habe ganz viel geschrieben, aber nichts hergezeigt.

Seit wann?
Als ich fünf war, habe ich meine Geschichten geschrieben für meinen Beschützer. Ab sieben habe ich furchtbar viele schrechliche Gedichte geschrieben, elend schlechte Gedichte, aus zweiter Hand. Ich habe, das kann man ja kaum sagen, aber ich habe mit zwölf eine Ode an Schiller geschrieben und ich habe mit dreizehn ein neues Stundenbuch geschrieben.

Aber wie kommt es dann, daß in der Sekundärliteratur, die ich gelesen habe, es immer so hingestellt wird, du hast zuerst die Familie gegründet, das ist mir immer irgendwie dunkel geblieben und dann beginnst du Bücher zu schreiben. Das habe ich irgendwie seltsam gefunden.
Ich hab halt irgendwie geschrieben und habe dann mit neunzehn Jahren meinen ersten Mann geheiratet. Mein damaliger Mann hat noch studiert. Das war ein totaler Fehler. Einer hat verdienen müssen. Ich habe im British Council gearbeitet, ich habe in der Mittagspause für die Philharmonia Hungarica die englische Korrespondenz gemacht und ich bin um vier in der früh aufgestanden, weil ich mit der Hand die Wäsche für die Kinder gewaschen habe. Da war von Schreiben weit und breit keine Rede gewesen. Da habe ich ab und zu irgendein trauriges Gedicht geschrieben oder hab ab und zu eine Geschichte für meine Kinder erfunden, die ich nie aufgeschrieben habe, das wäre mir ein Verrat gewesen. Die haben ihnen gehört. Dann habe ich angefangen zu übersetzen.

Wann war das?
Zweiundsechzig ist der Chris geboren. Da bin ich nicht arbeiten gegangen, weil das nicht gegangen ist, ich war ziemlich krank. Was ich da an Raubbau getrieben hab, geht auf keine Kuhhaut. Er ist im August geboren, das war also Anfang dreiundsechzig. Da habe ich gemerkt, ich halte das nicht aus, nicht zu arbeiten, andererseits habe ich auch das Gefühl gehabt, ich werde meinen Kindern nicht gerecht. Da war ich dann schon zum zweiten Mal verheiratet. Das hat dann auch nicht mit Christophers Karrierewünschen nicht geklappt. Dann habe ich das Gefühl gehabt, ich werde langsam aber sicher verrückt. Ich werde in Zeiten, in denen ich am wenigsten Geld hatte, am stärksten in Versuchung konsumnarrisch zu werden. Da hat mir nichts mehr gepaßt. Von den Vorhängen über die Möbel. Es war furchtbar. Und dann bin ich zum Zsolnay gegangen und habe gesagt, ich möchte bitte ein Probeübersetzung haben. Die Frau Felsenreich war dort damals als Lektorin, der Pollak war der Chef. Die Felsenreich hat gesagt: Also Englischübersetzer haben wir wie Sand am Meer, aber wenn sie wollen, können sie eine Probearbeit machen und innerhalb einer Woche habe ich die erste Übersetzung bekommen, weil die eben doch nicht so schlecht war. Das waren keine wichtigen Sachen, die ich übersetzt habe. Davor habe ich ins Englische übersetzt, das hat sich durch Bekannte ergeben. Da habe ich den Kabus und einen C.G.Jung Schüler ins Englische übersetzt, über Psychotherapie und Antike Inkubation. Ich habe dann ein paar Jahre lang, bis das erste Buch von mir 1969 rausgekommen ist, übersetzt. Nichts Weltbewegendes, aber regelmäßig und ich habe viel Handwerk gelernt dabei. Das lernst schon dabei.

Du hast dich also nicht aus dem Nichts erfunden. Ich höre das jetzt zum ersten Mal, daß das eine Kontinuität bei dir hat, seit einer sehr langer, früher Zeit hat.
Ich glaube, das war auch sehr wichtig. Ich glaube, das Handwerk kannst du nicht so einfach über Nacht lernen.

Eine Anfangsfrage für die nächste Zeit: Was treibt jetzt wirklich dein Schreiben voran. Wenn du sagst, du hast schon mit fünf Jahren angefangen, dann ist das ja eine sehr lange Zeit. Das sind fünfundsechzig Jahre.
Das hat was zu tun, mit einer weltlichen Erlösungshoffnung. Das merk ich vor allem dann, wenn andere Leute sagen, über mich müßten sie schreiben, wo ich mir dann denk, mein Gott, erwartest du denn das du dich mögen kannst, wenn ich über dich geschrieben hab. Es hat schon was damit zu tun, mit Rechtfertigung, daß man die ist, die man ist. Vor allem aber hat es mit der Frage der Sprachlosigkeit zu tun, die eine zentrale Frage ist in meinem Leben, nicht nur persönlich, sondern ich glaube, daß ist eine zentrale politische Frage, daß Menschen sprachlos gemacht werden, du hast nix zu reden, du hast nix zu sagen, lern erst einmal und dann, sei einmal erste einmal was und dann... Ich glaub, daß das so an der Basis an allem ist, was unmenschlich ist und ganz viel mit dieser faschistoiden Haltung zu tun hat, die dem Einzelnen die Würde abspricht und sagt: Du zählst nichts. Wo dann die einzige Möglichkeit, sich zu akzeptieren, die Gefolgschaft ist. Das hinter einer Eins, die braucht ja die Nullen, sonst wird ja nie eine Million draus. Die Umkehr von Quantität in Qualität kann dann auch nicht stattfinden. Ich bilde mir halt ein, daß ich innerhalb eines ziemlich kleinen Rahmens Anstöße geben kann, so daß ich die Würde der Sprachlosen vertreten kann. Das ist ein hoher Anspruch und ist vielleicht auch sehr eingebildet, weil man meint, man könnte das tun. Gleichzeitig hat es auch was damit zu tun, daß wie ich gelebt hab und leb, für mich eine Rechtfertigung bedarf. Ich denke, die haben es ganz toll geschafft, diese Vorstellung davon du bist nichts wert, du mußt immer fort beweisen, daß du eine Berechtigung hast, auf der Welt zu sein. Und dazu kommen natürlich die ganzen Eitelkeiten: Da kommt wenigstens gelegentlich jemand und klopft dir auf die Schultern, und sagt, das hast du gut gemacht. Das ist ja toll und ungeheuerlich befriedigend. Und wennst einen Satz hinkriegst und denkst, du bist ja gar nicht so schlecht, dann bist du ja high. Das ist ja eine ganz potente Droge. Möglicherweise könnte man auch sagen, es ist eine Art Religionsersatz.

Das merken wir uns für das nächste Mal vor.

[Zu einem weiteren Interview ist es aus unterschiedlichen Gründen, vor allem nach Beendigung des Projektes Zeitzeugenhorizonte leider nicht mehr gekommen.]

eingestellt am: 2.12.2018 | zuletzt aktualisiert: 2.12.2018
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