literaturgeschichten | chronos | kommentar | publikationen | index | downloads | impressum


Erste Sätze sind Programm | Essay


Wenn es diesen ersten magischen Satz gibt, diesen ersten Satz, der eine Geschichte in Gang setzt, der das erste weiße Blatt Papier füllt, auch wenn es dieses weiße Blatt für viele Schriftsteller ja nur noch in digitaler Form gibt, als elektronisches Fenster, als simuliertes Papier, dann hat Wolf Haas ihn gefunden. Vielleicht ist das ja der Kern des Problems in mancher Literatur: das sie sich wie eine Computersimulation liest, weil sie digital produziert wird, ohne Stift, ohne Schreibmaschinengeklapper, sondern von weichen, beinahe lautlos anschlagenden Druckknöpfen, denen Buchstaben aufgedruckt wurden, damit wir das Gefühl haben, überhaupt noch zu schreiben; die Tastatur ahmt die analoge Schreibmaschine nach, wie wir Schriftsteller oft nur noch Nachahmer sind, Epigonen der deutschen Sprache, Trittbrettfahrer der Weltliteratur, die trotz des ausbleibenden Widerstands der Tasten, des Stiftes auf Papier, so tun, als würde es noch Mühe bereiten, Schrift zu setzen, sich zu entäußern, sich preiszugeben, wobei manchmal Zweifel angebracht sind, ob so etwas wie Entäußerung und Preisgabe überhaupt noch stattfindet.

Ein wenig habe ich schon zu Beginn den roten Faden verloren, habe mich geschwätzig in einer Nebensätzlichkeit versponnen und habe diesen ersten Satz, in dem sich, die auf ihn folgende Geschichte bündelt, vernachlässigt; diesen einen und ersten Satz, der alles sagt und doch alles offen lässt; wenn es diesen ersten Satz gibt, dann hat Wolf Haas den ultimativen, ersten Satz in seinem Kriminalroman „Der Brenner und der liebe Gott“ geschrieben: „Meine Mutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man dein Maul extra erschlagen.“ [5]

Ja und so ist dieser Roman auch: geschwätzig. Geschwätzig bis zur Unerträglichkeit. Vielleicht will der Autor das so, will uns die Geschwätzigkeit der Menschen vor Augen führen, die sich breit macht in Straßenbahnen, in Schulzimmern, in Wohnungen und nun eben auch in Romanen, weil die moderne Technik es möglich macht, die neue Kommunikation den Basenatratsch immer und überall zu vervielfältigen in der Lage ist, zu steigern in eine unaufhaltsame Flut von belanglosen Wörtern, die die Luft verpesten. Der Ich-Erzähler verliert sich beim Versuch den Leser, den er mit der Art seines Erzählens in einen Zuhörer verwandelt, in Nebengeschichten zu verwickeln, damit deren innerer Zusammenhang mit der Geschichte zur Unkenntlichkeit verstümmelt werden kann.

Wenn das Kennzeichen eines Romans sein sollte, soviele Nebengeschichten wie möglich in eine Haupthandlung einzubauen, bis von der eigentlichen Geschichte, die erzählt werden will, nichts mehr übrig ist, dann hat Wolf Haas den außergewöhnlichsten Roman der Weltliteratur vorgelegt. Obwohl ich Zweifel hege, ob es in diesem Roman überhaupt um die dem ersten Satz folgende Geschichte geht; nicht um den Brenner; nicht um die Entführung; nicht um die Südtirolerin; nicht um die Abtreibungsdebatte; oder irgendeine andere Geschichte, sondern um das Erzählen selbst, um die Ausformulierung eines besonderen Stils.

Ich konnte den Verdacht nicht abschütteln, dass da ein Autor in seinen Stil verliebt ist, der ohne Zweifel neu, interessant und originell ist, aber eben auch ermüdend, langweilig und geschwätzig, wo jeder Witz, wie in der deutschen Comedy, einfach und durchschaubar ist, in gewisser Weise ein pädagogischer Roman, der sich am ungebildetsten Leser orientiert. Nicht feine Klinge und so, wie Wolf Haas schreiben würde: „Weil der Schrebergartenpensionist, wo du gar keine Entführung und keinen Mord als Draufgabe brauchst, sondern wo schon der Rentner als solcher vollauf genügt, sprich übergewichtige, hinkende, rasenmähende, zaunstreichende, grillende, fernsehende, politisierende, ächzende, unkrautjätende, autowaschende, unterhemdentragende, meinungsäußernde, schwerhörige Bösartigkeit in Person.“ [100] Das erachte ich als die nachdrückliche Verhöhnung des mündigen Lesers, wie ihn Sartre beschreibt, als einen Leser, der den Text, während er ihn liest, im Kopf weiterschreibt, sich ihn dadurch aneignet, um darin die Literatur zu erkennen, die ihre Epoche verdaut hat.

Doch inwieweit spiegelt sich denn im „Schrebergartenpensionisten“ unsere Epoche? Natürlich gibt es ihn, wahrscheinlich tausendfach. Und natürlich ist er männlich. Das Wort selbst hätte dabei schon gereicht. Die Charakterisierung des Pensionisten hätte es nicht mehr gebraucht, denn allein das Wort lässt die Urgestalt des Wieners in uns aufleuchten, wie eine Glühbirne in dunkelster Nacht, lässt den Idealtypen des Wiener Pensionisten auferstehen, der einer Spinne gleich in seinem Schrebergarten hockt, hochgerüstet mit technologischem Krimskrams, der ihn abschottet von der Welt und es ihm gleichzeitig möglich macht, jeden Winkel eben dieser Welt, von der er sich abgrenzt zu überwachen, mit der Pumpgun bei Kaffe und Kuchen, jedem erdenklichen Feind auflauernd.

Sicher bin ich mir auch nicht in der Frage, ob wir es hier nicht mit Placebo-Literatur zu tun haben, einer Literatur, die zwar wirksam ist, von der aber gleichzeitig nicht klar ist, warum sie wirkt, weil doch kein sprachlicher Wirkstoff in ihr enthalten ist, der die Seele heilen könnte. Wolf Haas hat einen unterhaltsamen Roman geschrieben und ich vermute, dass das genau sein Ziel war. Er hat der Krimiliteratur ein neues Stilmittel an die Hand gegeben, einen Ich-Erzähler, der in Hausmeistersprache und gebrochenem Deutsch einem zufällig vorbeikommenden Hausbewohner eine Mordsstory erzählt. Dabei ist noch nicht klar, ob der Hausmeister den Mieter für die Ermittlungen des Brenners einnehmen will, ihn begeistern will, ihm die Plausibilität der Geschichte nachweisen will oder er nur unglaublich gelangweilt, an einem Sommernachmittag, um drei auf seinem Hausmeisterfensterbrett lehnt, um die Schlechtigkeit und Dummheit der Welt vorzuführen, in der eben nur der Hausmeister ungeschoren davon kommt, weil er als einziger den Überblick bewahren kann, weil er als einziger Bescheid weiß über die Welt, die anderen. So kann er selbst im Dunkel bleiben, während er die anderen ins Licht zerrt und ausstellt. Das ist die Verkehrung dessen, was Brecht uns einmal in der Dreigroschenoper mitgegeben hat: „Denn die einen sind im Dunkeln | und die andern sind im Licht | und man siehet die im Lichte | die im Dunkeln sieht man nicht.“ Bei Brecht ging es noch um die Machtfrage, um die Herrschaftsfrage, um die moralische Frage von richtig und falsch, um das Prinzip der Gerechtigkeit, um das Politische, um den utopischen Kern des Menschen, um den utopischen Kern von Literatur.

Der utopische Kern von Wolf Haas Roman kreist um den richtigen Zeitpunkt: „Du musst wissen, für alles gibt es einen richtigen Zeitpunkt. Für die Pflanzen, wann du sie säst, wann du sie gießt, wann du sie erntest, für die Tiere, wann du sie fütterst, wann du sie melkst, wann du sie schlachtest, für die Kinder, wann du sie machst, wann du sie stillst, wann du sie hinausschmeißt, für die Fingernägel, wann du sie schneidest, wann du sie feilst, wann du sie lackierst, und Haare sowieso ganz wichtig. Aber die wenigsten wissen, wie wichtig der richtige Zeitpunkt für die detektivische Gegenfrage ist.“ [91] Bei Wolf Haas ist das Leben also nichts weiter als die Frage des richtigen Zeitpunktes. Insofern spiegelt sich in seinem Roman tatsächlich unsere Epoche, er hat sie auf den Punkt gebracht.

Doch ich bleibe bei meinem Befund, selbst auf die Gefahr hin, mich zu irren: Bei ihm ist die Welt nur noch zynisch. Gezeichnet. Kein Ausweg. Kein emanzipatorischer Impuls. Schwerer Fehler, um in seine Sprache zu schlüpfen, in seine Worte, sie sich überzustülpen, wie eine neue Haut, um zu sehen, wie sie mir passt, mir als mündigem Leser, erkennen wollen, was Ziel ist von Haas, ob gelingt Ziel zu erreichen, bei mir, beim Leser anzukommen mit Stil und Inhalt. Merke, gelingt nicht, bei mir nicht, bei mir, dem Leser, der sucht, nach Literatur, Epoche und so, nach Verdauungsvorgängen, für Erkenntnis mit Draufgabe von Glückgefühl, selbst in Traurigkeit noch Glück suchend. Das nicht gelingt, um Meister Yoda aus Star Wars zu imitieren. Das noch nicht so schlimm wäre, wenn Haas nicht Liebkind der Presse, sich Kritik nicht abarbeitete an ihm, von Germanistik geschätzt und analysiert. Alles nicht so schlimm, wenn nur für Publikum, für schnelle Leser. Kein Phönix. Nur Asche. Staub zu Staub. Wenig Erinnerung am Ende.

Ja, so leicht ist Haas zu kopieren, so leicht und schnell kommt der Witz daher, durchschaubar letztlich, magisch auf Grund des sprachlichen Blendwerks, das er ausstreut, gerade weil er nichts von uns Lesern erwartet und von sich als Schreiber nichts verlangt, als seinem Stil treu zu bleiben. Der Stil, ja der wurde vor allem gelobt, er ist auch das einzige, was in diesem Roman Brüche erzeugt. Hier nur zwei Beispiele im Original: „Aber leider, im Wohnhaus weder Entführer noch Helena. Sondern komplett verlassener Wohnraum.“ [96] „Seine Optik war nicht das Problem, weil der Brenner Eins-a-Optik. […] Sonst der Brenner nicht so ungeduldiger Mensch.“ [82]

Und dann gibt es bei Wolf Haas auch noch einen letzten Satz, der ebenso Programm für den Text ist, wie der erste: „Die Natalie war schon weit über vierzig, aber sie hat ihm nach dem Begräbnis eröffnet, dass er noch für ein fünftes Kind Alimente zahlen darf.“ [222] Das schöne daran: keine schwerwiegende Moral, kein Fingerzeig Gottes mehr, trotz schwerem gottgewollten Titel, sondern ein Satz, der mich zurückführt an den Anfang der Geschichte, wo einer liegt, auf dem Operationstisch einer Abtreibungsklinik, einer der „Peinhaupt“ heißt, um sich sterilisieren zu lassen, um Alimenten für weitere Kinder zu entgehen, da ihm schon die ersten vier von seinem „Nettogehalt nicht einmal siebenhundert Euro“ [17] übrigließen. Und schon am Anfang scheitert einer, der Peinhaupt, denn die Ärztin taucht nicht auf. Keine Sterilisation. Und alles nur wegen dem Brenner und dem lieben Gott und so. Ein Zirkel zum Schluss. Alles gut, weil aufgelöst in Wohlgefallen. Ganz erzählender Wolf im Haaspelz.

Vielleicht bin ich aber auch nicht in der Lage, den genialen Haastrick anzuerkennen, weil ich erfüllt bin von meinem Wunsch nach einem Stück Komplexität, Umschlingung wie es in der Übersetzung heißen könnte, einer Literatur, die mir die Kehle zuschnürt. Vielleicht bin ich auch nur enttäuscht, weil ich auch bei Wolf Haas nicht fündig geworden bin, als einer, der die verdaute Epoche sucht. Das kann ich Haas nicht anlasten und schon gar nicht seinem Verlag oder seinen Lesern, die den Erfolg vom Brenner mit ermöglich, durch den Kauf der Romane. Unterhaltung muss und darf sein, auch in Zeiten wie diesen oder vielleicht gerade in unseren Zeiten. Ob ich ihn in einen Kanon der österreichischen Literatur aufnehmen würde, wenn ich denn einen solchen Schreiben wollte, weiß ich nicht, wenn ich es täte, dann weil er Originalität besitzt, dieser Brenner, jedoch nicht von seiner Geschichte her, sondern letztlich nur wegen seines sprachlichen Formates.

Wolf Haas und seinen leidenschaftlichen Lesern wäre das mindestens so gleichgültig, wie mir die Geschichte Brenners gleichgültig geblieben ist.

Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott. dtv: München 2015, 5. Auflage. 222 Seiten.


eingestellt am: 15.8.2019 | zuletzt aktualisiert: 15.8.2019
index: [a] | [b] | [c] | [d] | [e] | [f] | [g] | [h] | [i] | [j] | [k] | [l] | [m] | [n] | [o] | [p] | [q] | [r] | [s] | [t] | [u] | [v] | [w] | [x] | [y] | [z]


literaturgeschichten | chronos | kommentar | publikationen | index | downloads | impressum